Die Original-Bastard-Operator-Geschichten von 1998 Autor: Simon Travaglia Übersetzer: Thomas Weidauer Eine häßliche Saga von glühendem Ehrgeiz und geschmuggeltem Likör - ein herzliches Willkommen zur B.O.F.H.-Weihnachtsgeschichte ... Ein neues Jahr. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Dabei scheint es, es sei erst gestern gewesen, als die vorweihnachtliche Feier der IT-Abteilung stattfand. Zugegeben, ich hatte ein paar Gläser dieser erwärmten Medizin, die in dieser Jahreszeit immer so populär ist, getrunken, so daß meine Erinnerung nicht mehr so klar ist, doch ich erinnere mich noch daran, einem unserer lautstarken Klienten dabei geholfen zu haben, in der Bowleschüssel nach Äpfeln zu tauchen - gelegentlich ließ ich ihn zum Luftschnappen hochkommen - kurz bevor der tragische Unfall mit dem Weihnachtsbaum passierte. Wer hätte auch erahnen können, daß die Weihnachtsbaumbeleuchtung mit Starkstrom gespeist wird, vom Installateur der Firma B-Electrix natürlich einmal abgesehen. Der Brandgeruch, das Schreien und die improvisierte Tanzvorführung, die dem Sturz des Weihnachtsbaumes in die große Bowleschüssel folgten, gerade als der Chef einen weiteren Eimer des alkoholfreien Erfrischungsgetränks nachfüllte, waren ein gutes Finale dieses Tages - und kosteten wesentlich weniger als ein eingekauftes Feuerwerk. Und dann fällt mir noch ein, daß die Dinge sich ursprünglich anders entwickeln sollten als bei der Weihnachtsfeier 1997. Von oben kam nämlich die Anweisung, daß jeder, der sich mit Alkohol erwischen läßt, mit der Genehmigung der Personalabteilung gnadenlos gefeuert wird. Manche Menschen haben eben keinen Humor, denke ich, als ich mich daran erinnere, wie ich ein paar halbleere Schnapsflaschen in die untersten Schubladen der Schreibtische einiger besonders lästiger Nutzer schmuggelte. Leider rief die Pflicht, so daß ich nicht zuschauen konnte, wie der Sicherheitsdienst zehn Minuten später einem anonymen Tip wegen heimlichen Trinkens am Arbeitsplatz folgte. Aber man kann ja nicht alles haben, oder? Der PJ und ich hatten gemäß den Anweisungen für eine ´sichere´ Weihnachtsfeier unsere Getränke sicher in der Netzwerkzentrale versteckt in Geräten, die für Außenstehende wie Feuerlöscher aussehen - Geräte, die ich mir für spezielle Gelegenheiten wie diese aufhebe. Es ist verblüffend, was man für Geld kaufen kann. Und wenn es nicht Geld ist, dann sind es ein paar Fotos, die einen mit Netzstrümpfen bekleideten und tanzenden Arbeitsschutzverantwortlichen auf dem Tisch eines angeblich privaten Clubs in London zeigen. Nach dem Zwischenfall mit dem Weihnachtsbaum muß ich mich leider auf die Erinnerungen des PJ verlassen, da ich wohl einen ganzen Feuerlöscher hatte und mein Gedächtnis ungefähr so klar war wie die Formulierungen eines typischen Lizenzvertrages für Software. Scheinbar hat sich das Geschehen wie folgt entwickelt: Gegen 16:15 Uhr half ich dem PJ die alkoholfreie Bowle auszutauschen, nachdem wir ein paar Feuerlöscher geholt hatten, um die zu ersetzen, die wir für das Ausschalten des Chefs gebraucht hatten. Etwa 17 Uhr kam die Feier voll in Schwung, die Menschen begannen die ´alkoholfreie´ Bowle so sehr zu schätzen, daß ich noch ein paar weitere Feuerlöscher holen mußte, um den PJ davor zu bewahren, Opfer einer spontanen Selbstentzündung von Orangensaft zu werden, während er weitere Bowle zubereitet. Gegen 18:17 Uhr (so die Zeitangabe auf dem Band der Sicherheitskamera) kletterte ich auf einen Tisch und begann das auf unseren Feiern so beliebte Spiel ´Der Chef ist so dumm´. "Wie dumm ist er?" rief die mit Getränken wohlversorgte Menge. "Er ist so dumm, daß er nicht einmal IT buchstabieren kann." "Er ist so dumm, daß er sich den Fuß beim Neustart seines Rechners brach." "Er dachte, vorbeugende Wartungsmaßnahmen bedeutet, daß der Ingenieur ausgesperrt werden muß." "Er muß für eine Urinprobe studieren. Aber er ist auch faul." "Wie faul ist er?" "Er hat gerade seine Autobiographie beendet - In 80 Tagen einmal um die Cafeteria." Gegen 20:30 Uhr ging es abwärts (oder aufwärts, das hängt von der Perspektive des Betrachters ab), die Mixgetränke waren alle, so daß die Bowle jetzt eine Kombination aus Gin und Reinigungsalkohol darstellte. Der PJ zeigte jedem der es wissen wollte, wie man einen Rechner mit Windows NT wirklich sicher macht, und benutzte dazu nichts weiter als einen Hammer und den neuen Laptop des Chefs. Das Ende kam etwa 22:45 Uhr - wie üblich - als der Chef aus dem Krankenhaus zurückkehrte. Wegen der Verbrennungen im Gesicht ohnehin schon wütend, wurde seine Stimmung nicht gebessert durch die Party-Musik, die aus den Funkgeräten der Sicherheitsleute erklang, die Radio IT und seine betrunkenen DJs sendeten. Wegen der Verbände erkannte der PJ ihn zunächst nicht und versuchte, ihn zur Teilnahme am Spuckwettbewerb zu überreden - wer am nächsten an die Kaffeetasse des Chefs herankommt, gewinnt (und Sonderpreise gibt es, wenn die Tasse getroffen wird). "Schluß!" schrie der Chef und warf die Bowle-Schüssel um, als er zu den Plattenspielern hechtete, um die Musik und die Lichter abzuschalten. Im Rückblick betrachtet bin ich sicher, daß der Chef es sich besser zweimal überlegt hätte, statt mit seinen nassen Hosen wütend auf die brennenden Kerzen der Weihnachtstorte loszugehen. Sogar mein lückenhaftes Gedächtnis kann sich daran erinnern, wie der Chef von Schmerzen gepeinigt mit brennenden Hosen herumhüpfte. Wenn sie nur nicht die am nächsten herumliegenden Feuerlöscher genommen hätten, dann wäre das Ende der Feier anders verlaufen. Doch andererseits sind zwei Feuerwerke besser als eins, und die Leute hatten Spaß dabei, sich am Feuerlöscher abzuwechseln - ein zusätzlicher Weihnachtsbonus sozusagen ... Der B.O.F.H. und der PJ zeigen, daß in der Welt der Netzwerke noch immer Platz für Liebe und Mitleid ist ... "Netzwerk- ... UND Systembetreuung", rufe ich. "Ich liebe es!" Der PJ teilt meine Begeisterung für das nun schier unendliche Potential krummer Geschäfte. "Was hat Orwell doch gleich gesagt?" antwortet er fröhlich. "Macht korrumpiert. Absolute Macht ..." "... macht noch mehr Spaß." beende ich. Als Folge des gelungenen Putsches am Ende des vergangenen Jahres haben der PJ und ich nun alles bekommen - das Netzwerk, die Rechner, alle Geräte, das Wissen über die Strategie des IT-Chefs zum jährlichen Passwortwechsel - einfach das gleiche Wort verwenden und nur die Zahl am Anfang um eins erhöhen. Das schlägt beinahe noch die Methode, die er ursprünglich angewendet hat - nämlich alljährlich ein ´s´ an das Ende des Wortes zu hängen. "Bitte einen neuen Wagen", rufe ich. Der PJ drückt einen Knopf und unten in einem vollgepackten Lagerraum erwacht eine Bandwechselmaschine zum Leben. Doch statt aus einer riesigen Rolle Magnetband, die sonst zu ihrer Nutzmasse gehört, besteht die derzeitige Ladung aus sieben Autos für die Autorennbahn, die wir in dem verschlossenen Raum aufgebaut haben. Mit der Überwachungskamera prüfe ich die Position des Rennwagens und drehe mich dann zum PJ. "Wie wäre es mit einem Wettkampf über zehn Runden? Der Verlierer muß den Bandwechsler wieder richtig bestücken und für den Rest des Tages die Anrufe entgegennehmen." "In Ordnung", sagt der PJ eingelullt von dem trügerischen Gefühl der Sicherheit, welches ihm meine vorherigen Bemühungen geben, die tragisch in einer dunklen Ecke endeten. Ganze 15 Minuten später ist der PJ unten im Keller und bestückt den Bandwechsler. Während er weg ist stelle ich den Geschwindigkeitsregler an der Fernsteuerung seines Autos wieder auf normal - bei einem Geschicklichkeitsspiel zu manipulieren, wie konnte ich nur so tief sinken? Jahrelange Praxis, das ist es. Anfänglich fiel es mir schwer, doch nun kann ich tiefer sinken als ein Pygmäe beim Limbotanz. Bei seiner Rückkehr wird dem PJ die ganze Last seiner Niederlage bewußt. Unser erweiterter Wirkungsbereich bedeutet auch eine gewachsene Verantwortung und, das ist schlimm, verstärkten Nutzerkontakt. Eines der neuen Telefone klingelt. Ich lächle versonnen, als der PJ abhebt. "Hallo, sehen sie, ich habe mein Passwort für die Personaldatenbank vergessen, doch ich muß an diesem Morgen die Datenbank bearbeiten." "In Ordnung", antwortet der PJ in einem unerwartet hilfsbereiten Tonfall. "Bringen sie nur ihre Nutzerkarte vorbei und wir ändern es dann hier für sie." Ich bin gerade dabei, meinen Kalender auf Termine zu prüfen, als ich bemerke, wie der PJ die Lifte in den Wochenend-Modus schaltet - was bedeutet, daß sie im Keller verharren. Ein paar Minuten später keucht ein stämmiger Mensch aus der Personalabteilung durch unsere Tür, nachdem er die zwei Treppen nach oben erklommen hat. "Ich bin hier, damit mein Passwort geändert wird." "Oh, das tut mir jetzt aber leid. Der PJ ist gerade hinunter in ihr Büro geeilt, um es zu ändern." sage ich, während der PJ sich unter seinem Schreibtisch verkriecht. "Er hat mir gesagt, ich solle heraufkommen." japst unser Besucher. "Nein, ich bin sicher, daß er sagte, er käme zu ihnen herunter." "Oh. Nun, können sie das Passwort denn nicht ändern?" bittet der Nutzer. "Ich könnte, doch es ist wahrscheinlich, daß der PJ meine Änderungen wieder überschreiben wird." "Oh", murmelt der Nutzer und watschelt davon. Ein paar Minuten später ist er wieder am Telefon. "Es geht um mein Passwort", sagt er. "Ah, ja." antwortet der PJ. "Sie waren nicht in ihrem Büro, als ich dort ankam. Wie wäre es, wenn sie hochkämen und ich ändere es dann von hier aus?" "Aber ich war gerade bei ihnen und habe mit ihrem Kollegen gesprochen." "Nun, dann müssen sie eben noch einmal vorbeikommen, oder?" Der Hörer fällt auf die Gabel und der PJ kümmert sich wieder um den Lift. Nach dem dritten Mal klingt das Keuchen so schlimm, daß ich den PJ aus seinem Versteck herauskommen und das Passwort ändern lasse, bevor der arme Mann einen Herzanfall bekommt. Ich weiß, ich weiß, ich bin ein Weichei ... Natürlich hätte das alles den armen Mann weniger angestrengt, wenn der PJ nicht die Füllung seines Asthma-Inhalators gegen Heliumgas ausgetauscht hätte, was ihn in Panik wegen seiner plötzlich veränderten Stimme versetzte und schließlich ohnmächtig werden ließ. Auf seinem Weg auf den Boden hat er auch noch mein CD-ROM-Laufwerk mitgerissen, was mich in eine hinterhältige Stimmung versetzt. Ich bin gezwungen, den nächsten Anruf anzunehmen, während der PJ den Bewußtlosen zur Sanitäterin bringt. Nun, zumindest plaziert er ihn im Frachtaufzug und stellt die richtige Etage ein. Man soll uns nicht nachsagen können, wir kümmerten uns nicht um unsere Nutzer. "Hallo, ich habe ein paar wichtige Verkaufsdaten auf einer Diskette, auf der steht, sie sei im DOS-Format." "DOS-Format?" "Ja." "Das ist leicht. Wechseln sie ins DOS." "Uh-Ah." Klickklick. "Und benutzen sie den FORMAT-Befehl." "Oh, natürlich." Und wieder ein erfolgreicher Schuß in das Fischfaß. Chaos herrscht im Büro, und ein Besucher aus der Vergangenheit ist beeindruckt von den modernen Ausdrucksformen abnormalen Benehmens ... Wir begeben uns nun in die Baker Street, wo Sherlock Holmes und sein ergebener Assistent, Doktor Watson, aufgrund eines bisher noch nicht entdeckten Gesetzes der Quantenphysik in unsere Zeit transportiert wurden ... "Es scheint, als hätten wir uns vorwärts in der Zeit bewegt", entscheidet der große Mann. "Das ist doch unmöglich, Holmes." rief ich ungläubig. "Wieso, Watson?" antwortete er und griff nach seiner Tabakdose. "Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich mich selbst davon überzeugen können, während ich dieses weiße Pulver genoß. Den Spiegel bitte, Watson. Doch warum sind wir hier, das macht mir Sorgen." "Ich ..." "Lassen sie uns untersuchen, ob es etwas gibt, an dem wir unsere Intelligenz messen können." Und so kamen Holmes und ich zu einem großen Gebäude, dessen Türen sich wie von magischer Hand bewegt selbst öffneten. Eine bewegte Treppe, die, so vermutete Holmes, von elektrischem Strom angetrieben wird, führte uns in ein Untergeschoß, wo eine rauchende Kiste auf dem Boden lag. "Ich weiß nicht, wie das passierte", erklärt ein Mann einem uniformierten Gentleman. "Ich hatte die Nutzerbetreuung angerufen, weil das Bild flackerte, und da hat man mich mit dem Netzwerk- und Systembetreuer verbunden. Ich war mit meiner Erklärung noch nicht fertig, als der Monitor auch schon in Flammen aufging." "Haben sie ein Klickgeräusch gehört, etwa so wie bei einer Schreibmaschine?" fragte Holmes den Mann. "Warum? Ja, stimmt." antwortete der. "Und konnten sie am Telefon ein Geräusch hören, das nach einem Lachen klang?" "Jetzt, da sie es erwähnen ..." "Und was ist damit?" fragte Holmes und zeigte auf ein kleines Gerät, das kleine Menschen zeigte, die in Panik durcheinanderliefen. "Das ist der Notfall-Raum - es gibt eine Panik, weil der Feueralarm losging und die Schalter für das Abschalten des Gasgemischs, das das Feuer durch Sauerstoffentzug ersticken soll, nicht funktionieren." Während wir zuschauten, fiel eine der Gestalten über ein Kabel. "Uh-oh. Noch jemand, der gestürzt ist." "Vermute ich richtig, daß dieser Raum nur selten benutzt wird?" fragte Holmes. "Stimmt. Deshalb liegt überall das Kabel herum." antwortete der Uniformierte. "Und haben sie zufällig verlangt, daß die Netzwerk- und Systemleute ihnen diesen Raum überlassen?" "In der Tat, das hat man verlangt." "Genau wie ich es erwartet habe." "Was?" fragte der unifomierte Gentleman. "Ich bin noch nicht ganz sicher." antwortete Holmes geheimnisvoll. "Wir müssen noch weitere Ermittlungen anstellen. Wenn sie so nett wären, mir zu zeigen, wo ich diese Netzwerk- und Systemleute finde, von denen sie sprachen ..." "Das kann ich ihnen nicht zeigen, weil sie eine Zugangskarte brauchen, um in den Lift hinein- wieder herauszugelangen. Ich werde sie stattdessen persönlich hinbringen." Und so kam es, daß wir einen mechanischen Fahrstuhl betraten, der uns in eine höhergelegene Etage das Gebäudes beförderte. "Klopfen sie einfach an diese Tür, damit sie eingelassen werden", raunte der Uniformierte leise, als hätte er vor etwas Angst. Weil ich keine Zeit verschwenden wollte, klopfte ich, während Holmes sich überschwenglich händeschüttelnd von dem Wachmann verabschiedete. Als er sich wieder der Tür zuwandte, hatte es noch keine Reaktion aus dem Raum gegeben, trotzdem ich durch das Glas Menschen sehen konnte, die sich durch das Zimmer bewegten. "Es sieht nicht so aus, als würde man uns aufmachen, Holmes." "Unsinn", sagte er und schob eine flache Karte durch einen Spalt. Mit einem Piepston öffnete sich die Tür. "Guter Gott!" rief ich aus. "Wo haben sie diese Karte her?" "Aus der Geldtasche des Wachmannes." "Aber braucht er sie nicht, um den Fahrstuhl wieder verlassen zu können?" Holmes dachte für einem Moment nach und lauschte aufmerksam. Ein gedämpftes Klopfen war entfernt zu hören ... "Es scheint so." Bei unserem Eintritt in den Raum fanden wir zwei Männer, einen jüngeren mit Hautausschlag im Gesicht und einen etwas älteren, von dem eine Aura der Macht ausging, die mich unwillkürlich an Holmes erinnerte. Eine wortlose Verständigung schien zwischen ihnen stattzufinden. "Ich glaube, ich kann dieses Rätsel nun lösen", sagte Holmes. "Aber erst ein paar Biere." rief der ältere der beiden Fremdlinge. Knapp zehn Minuten später saßen Holmes, ich, die beiden Männer und vier Frauen in einer nahegelegenen Taverne und genossen ein paar Biere. "Und wieder ein erfolgreich gelöster Fall", murmelte Holmes. "Sie haben doch auf meinen Tabakdose geachtet, Watson?" "Ihre spezielle Tabakdose, Holmes?" "Ja, die, die ich für Gäste reserviert habe." "Ziemlich ... Verdammt - das ist Puder mit Cayennepfeffer. Ich dachte, daß sie sie für Gäste reserviert hätten!" "Nun, natürlich ist das so, Watson. Das würde ich doch niemals selbst genießen, oder?" "Sie verdammter Hund, Holmes!" Durch tränende Augen sah ich, wie Holmes den Fremden die Hände schüttelte. Rätsel über Rätsel ... Die Midlife-Krise des IT-Chefs und wie aus einer Karriere als Fotomodel eine Qualifikation für eine leitende Position wurde ... Es ist wirklich mitleiderregend. Schmerzlich wird Abteilungsleitern in einem bestimmten Alter immer bewußt, daß sie nicht mehr länger zu den Jüngeren oder auch nur zum mittleren Alter gehören. Und dann versuchen sie, durch eine plötzliche Änderung ihres Lebensstils dies zu kompensieren. Und so kam es, daß der IT-Chef sich ein Designer-Handy, einen Laptop sowie ein neues Kabriolett zulegte - und eine auffallend junge Schwätzerin als Beraterin. Es ist leicht zu sehen, daß ihre Erfahrung in der Model-Branche soviel mit Informations-Systemen zu tun hat, daß selbst das Blättern in Hochglanzmagazinen ihre Qualifikation schon merklich verbessert ... "Ich sehe nicht, weshalb sie ein Problem darstellt", ruft der Chef. "Sie kann nicht einmal IT buchstabieren und macht jetzt Zusagen an jeden, der sie danach fragt." protestiere ich. "Sie muß aber etwas über IT wissen, sonst hätte sie diese Position nicht besetzen können." antwortet der Chef und bestätigt damit meinen Verdacht, daß er ein Mitglied von NaivetE International ist. "Na gut. Wie lange brauchte sie gleich noch, um ihren PC einzuschalten?" "Der Schalter ist wirklich schwer zu finden." antwortet er mit der Loyalität eines Terriers. Meine schlimmsten Ängste werden wahr, als sie entscheidet, daß wir eine ganze Ladung Netzwerk-Computer (NC) anschaffen werden, "weil wir uns dann nicht mehr um die Aufrüstung kümmern müssen". Diese schlecht durchdachte Entscheidung hat den Segen des Chefs bekommen, so daß sie nun bei mir landet, damit ich mein technisches Einverständnis erklären kann. Ich werfe das Formular schneller in den Zerkleinerer als der durchschnittliche Nutzer ´Wo ist meine Festplatte?´ buchstabieren kann. In Rekordzeit steht der Chef in unserem Büro. "Diese Netzwerk-Computer sind großartig", stößt er hervor und wedelt mit ein paar Hochglanzbroschüren. "Und wieso sind sie das?" frage ich. "Weil sie sich wie PCs ohne Festplatte verhalten." ruft er. "Sie sind hervorragend, weil alles, was sie zum Laufen brauchen, vom Server geladen wird." "Klingt nach einem dummen Terminal mit Grafik und Klangwiedergabe." "Uh ... nein, viel schneller und in Farbe." "Also ist das so, als würde man einen Schwarzweißfernseher gegen einen Farbfernseher tauschen." "Uh ... nicht ganz." "Wir verabschieden uns also von unabhängigen Computern und setzen nun solche ein, die davon abhängen, daß der Server funktioniert - wie in den alten Tagen mit den Terminals. Und wenn der Server gerade abgestürzt ist, dann kann auch niemand arbeiten. War das nicht eigentlich der Grund, weshalb wir unabhängige PCs angeschafft haben?" "Ähm ... Nein, nicht wirklich." "Oh. Dann unterscheiden sie sich also von einem, sagen wir, Arbeitsplatz-PC wodurch?" "Dadurch, daß wir die Technik nicht aufrüsten müssen. Es wird wie bei ihrem Farbfernseher sein", ruft er triumphierend. "Wenn sie erstmal einen haben, brauchen sie sich nie wieder Gedanken über seine Aufrüstung zu machen - wir müssen nur die Software auf dem Server aktualisieren." "Auch dann nicht, wenn die Programme mehr Arbeitsspeicher verlangen?" "Nein." "Auch nicht, wenn die Programme die neuesten Spielereien ausnutzen wollen - denken wir an Stereo-Bilder, Dolby Surround oder Widescreen?" "Sehen sie, wir werden so oder so ein paar dieser Dinger anschaffen. Unterschreiben sie einfach!" ruft der Chef. Also, was soll´s, denke ich mir, soll er seine Unterschrift bekommen. Ich kritzle einen Namen auf das Formular. Natürlich nicht meinen, aber wen wird das schon stören? Abgesehen vom Chef natürlich, sofern jemand die Unterschrift mit seiner vergleicht. "Und da sie mit der gleichen Technologie arbeiten sollten, mit der auch ihre Nutzer arbeiten, bestellen sie gleich ein paar für sich mit." BASTARD!! Ein paar Tage später sind die Netzwerk-Computer da und werden zum Test auf verschiedene Abteilungen verteilt. Der PJ und ich bringen unsere zum Laufen, indem wir ihre Innereien gegen die eines modernen Laptops austauschen - doch von außen sehen sie noch immer aus wie die Original-NCs. Das Blutbad kann beginnen! Fernwartung ist eine hervorragende Erfindung, ganz besonders dann, wenn man damit andere Rechner neu starten kann. Ich ersetze in der Netzwerkversion von Doom die Gesichter der Monster mit denen der NC-Nutzer und sorge dafür, daß bei ihrem Tod ihr Netzwerk-Computer neu gestartet wird. Wenn ich einen Nutzer töte, stirbt auch der Netzwerk-Computer. Natürlich, das ist nicht sehr sportlich, also rufe ich die Nutzer an und gebe ihnen eine Chance. Doch wie groß kann die Chance schon sein, wenn man eine Kopie des Spiels benutzen muß, die auf dem Server liegt und nur die Benutzung der Pistole erlaubt? Trotzdem ist es interessant zu sehen, wie ein Erbsenzähler zu kämpfen vermag, wenn er die nächsten zwei Stunden mit der Tabellenkalkulation arbeiten will und im Spiel gewinnen muß, damit er die Funktion zum Speichern nutzen kann. Zur unserer Überraschung lehnen die meisten Nutzer die Netzwerk-Computer ab, so daß sie nach nur 4 Tagen (und 327 getöteten Nutzern) außer Betrieb genommen werden. "Ich habe an eine PC-Variante dieses Spiels gedacht", kommentiert der PJ. "Das gleiche Spiel, nur daß es den Prozessor der Arbeitsplatz-PCs zum Stillstand bringt?" "Wollen sie damit sagen, daß sie auch schon daran gearbeitet haben?" "Ich habe daran gedacht, es installiert und warte nur noch auf neue Mitspieler mit einem Gewehr." Der Chef ist auf der Spur zweier mysteriöser Angestellter, C. Omputer und R. Amchip, doch der B.O.F.H. schaltet sich ein ... Wenn der PJ und ich an der Spitze stehen, ist es einfach, daß Netzwerk am Laufen zu halten, doch wenn sich der Chef einmischt, um das zu tun, was er als seine Aufgabe ansieht, wird es schwierig ... "Wer ist dieser Charles Omputer?" fragt er und schielt auffällig auf ein paar Zettel mit Arbeitszeitabrechnungen. "Nie von ihm gehört." "Natürlich haben sie, denn sie haben seine Abrechnung unterschrieben." "Charles Omputer? ... Oh, sie meinen Chazzer. Er ist ein Teilzeitarbeiter, der uns dabei geholfen hat, die Telefonkabel zu ersetzen, die durchbrannten, weil ein Idiot mit seinem Computer die Sicherungen auf seinem Schreibtisch blockierte." "Sie wissen genau, daß die Sicherung defekt war. Wie auch immer, ich weiß nicht, wieso mein Computer so weit zurückgeschoben wurde." Der PJ könnte nicht unschuldiger blicken, selbst wenn er es versuchte. "Und das hätte die Telefonleitungen nicht beeinflussen dürfen", fährt der Chef fort. "Nicht, wenn nicht jemand entschieden hätte, dadurch Kosten zu sparen, daß wir die zusätzlichen Stromleitungen für die Büros in den Kabelschächten für die Datenleitungen verlegen ..." Der Chef scharrt mit dem Fuß. "Trotzdem, Herr Omputer hat Überstunden abgerechnet, oder?" "Ja, aber das ist nicht unser Fehler. Schließlich haben sie uns beauftragt, Frank Irmware in der vergangenen Woche zu feuern, weil er den Server zum Absturz brachte." "Wir können uns solche Fehler nicht leisten", sagt der Chef hart. "Wir müssen wachsam sein. Können wir einen Ersatz einstellen für Omputer?" "Nun, wir haben einen Lebenslauf von Roger Amchip." "Wie ist er?" "Er ist seit Jahren im Computerbereich tätig." flötet der PJ. "Es hat den Anschein, als würden wir ziemlich viele Ausländer beschäftigen", kommentiert der Chef. "Und wie kommt es, daß ich sie niemals treffe?" "Nun, sie wissen ja, wie sie sind - jung, neugierig und voller Tatendrang." "Ja. Nun, dann rufen sie diesen Amchip an und vereinbaren ein Treffen mit ihm. Aber machen sie ihm klar, daß ich keine Überstunden bezahlen werde!" Arschloch. "Wie weit ist ´Omputer´ mit der ´Kabelreparatur´ vorangekommen?" frage ich den PJ. "Sollte morgen fertig sein ..." "Und es sieht noch immer aus, als seien wir schwer beschäftigt?" "Gemessen an der gedrückten Stimmung im Tee-Zimmer scheint es so zu sein ..." Ich habe es nicht nur einmal gesagt, sondern tausendmal - es sind die kleinen Dinge, die zählen. Man kann nicht einfach nur 50 Telefonkabel in der Vermittlung aus den Anschlußdosen herausziehen, eine Sicherung mit Klebstoff außer Gefecht setzen und dann alles auf einen Kabelbrand schieben, der angeblich den Telefonhub der Etage zerstörte - was mindestens zwei Wochen Überstunden bedeutet. Nein, man muß auch so tun, als arbeite man unter Hochdruck an der Problembeseitigung, während man in der Vermittlung die Telefonkabel wieder in die entsprechenden Dosen steckt - fünf pro Nacht, um genau zu sein. Und deshalb lassen der PJ und ich Kabelstücke und Isoliermaterial auf dem Boden in einem der Büros herumliegen - gleich neben der Pflanze, die nur dürftig ein irrtümlich in die Wand gehämmertes Loch verdeckt. Und es geht doch nichts darüber, ein wenig Wechselgeld von einem der Nutzer zu stehlen und Zigarettenstummel in ihren Kaffeetassen zu hinterlassen, um jedem Verdacht, es würde gar nicht an der Verkabelung gearbeitet oder es gäbe gar keinen Teilzeitarbeiter, der uns dabei hilft, vorzubeugen. Mit wenig Aufwand kann man so jeden Verdacht wirksam bekämpfen. Womit nur noch das Problem mit Roger Amchip zu lösen wäre ... Der Chef kommt rechtzeitig in sein Büro, um zwei Beine zu sehen, die unter seinem Schreibtisch hervorlugen. Da er ein absoluter Schwächling ist, läßt er mich nachschauen. Ich schalte die Sicherung an seinem Schreibtisch ab und rutsche ein wenig herum. "Kein Puls", rufe ich. Der Chef schreit in Panik auf und läßt sich sein letztes Abendessen mit Hochgeschwindigkeit noch einmal durch den Kopf gehen. "Ich werde die Ambulanz rufen." "Keine Chance. Er ist eiskalt - hier, fühlen sie an seinem Bein." Der Chef berührt widerwillig das Bein. "Guter Gott. Wer ist das?" fragt er mit gedämpfter Stimme. "Amchip. Er war gestern abend so wild darauf, endlich arbeiten zu können. Es muß ein Stromschlag gewesen sein. Hätten wir nur niemals die Stromkabel zusammen mit den Datenkabeln in einem Schacht verlegt." "Wir müssen die Polizei rufen." "Das stimmt. Und, wenn ich das so sagen darf, das ist sehr tapfer von ihnen." "Was?" "Daß sie sich der Verantwortung stellen wollen. Viele Leute hätten einfach Amchips Witwe einen Scheck überreicht, damit sie vorgibt, er sei spurlos verschwunden, statt wegen Totschlag vor Gericht zu landen." "Totschlag!" "Nun, es war doch nicht vorsätzlich, oder? Obwohl, es ist ja bekannt, was sie von Überstunden halten ... Arme Frau Amchip." "Meinen sie, sie würde Geld akzeptieren?" "Nun, wir leben in harten Zeiten. Ich denke, sie würde sich eine gute Ausrede einfallen lassen, weshalb ihr Mann verschwunden ist." Der Chef holt in Rekordzeit sein Scheckheft heraus ... "An wen soll der Scheck gehen?" "Charlotte Amchip. Nein, das wäre zu verdächtig ... Schreiben sie ihn für ihr gemeinnütziges Projekt aus - Charlotte Amchips Schizophrenie Hospiz." "Wie wird Schizophrenie buchstabiert?" "Oh, nehmen sie einfach die Anfangsbuchstaben." Eine Stunde später beruhigt der Chef seine Nerven mit einem Drink, der PJ und ich feiern unsere neueste Bonuszahlung und der Chef der Arbeitsschutzinspektion kriecht ein wenig auf dem Boden herum, nachdem er seine Modellpuppe wiedergefunden hat, mit der er immer die verschiedenen Beatmungstechniken demonstriert. Es ist doch schön, daß sich die Dinge immer zum besten entwickeln, oder? Als der B.O.F.H. einen Wochenendausflug zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls vorschlägt, muß das etwas mit dem teuflischen Gebräu vom Vortag zu tun haben ... "Natürlich habe ich das erledigt!" schreit der PJ wütend und wirft den Telefonhörer auf die Gabel. Ich spüre die Spannung, die in der Luft liegt, und frage ihn, was los ist. "Ein verdammter Nutzer - er war beim Chef und hat sich über die Geschwindigkeit seines Netzanschlusses beschwert. Natürlich hat der Chef ihm versprochen, daß ich das Problem löse ..." "Und sie haben die Arbeitszeit nicht als Überstunden abgerechnet?" "Ich bin krank wegen all der Überstunden." Der arme Kerl wird noch verrückt, wenn er mehr Zeit im Büro verbringt. Ich erinnere mich noch gut an meine tiefen Depressionen, nachdem ich einen weiteren Tag damit verbracht hatte, Anrufe entgegenzunehmen, in denen sich die Nutzer über nichtfunktionierende Passwörter beschwerten, die natürlich nicht funktionierten, weil sie die Shift-Taste gedrückt hatten. Meine Depressionen lösten sich allerdings auf, als ich die wundersame Wirkung von Elektrizität, etwas Klebstoff und Stanniolpapier entdeckte. Doch das ist eine andere Geschichte. "Was sie brauchen", antworte ich und bemerke einen Schatten hinter dem Glas unserer Tür. "Was sie brauchen, ist eine Pause. Eine Chance, um sich wieder als Mitglied eines Teams fühlen zu können. Wenn es etwas gibt, was die Harmonie am Arbeitsplatz bessert, dann ist es das Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören, die eine gemeinsame Aufgabe löst." Ich unterbreche den PJ, der nach dem Branchenbuch greift - zweifellos um nach einer psychiatrischen Klinik zu suchen -, und deute auf den unscharfen Schatten des Chefs hinter der Tür. "Aber das ist keine gute Idee." "Warum nicht?" spielt der PJ mit. "Verraten sie es nur nicht dem Chef, aber in einer Firma, in der ich einmal gearbeitet habe, hat ein Wochenende zur Ausbildung des Teamgeistes zu einer solchen Verbesserung des Arbeitsklimas und der Produktivität geführt, daß danach 30 Prozent der Belegschaft entlassen wurden." Als ich wieder zur Tür blicke, ist der Schatten verschwunden. Später am Nachmittag kommt der Chef großzügig lächelnd vorbei. "Ich weiß, daß das jetzt etwas kurzfristig kommt", sagt er und beobachtet uns aufmerksam. "Doch ich habe festgestellt, daß die Moral bei uns ziemlich am Boden ist. Also dachte ich, daß einige von uns an einem Wochenende zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls teilnehmen sollten. Ein Hotel in Brighton hat noch freie Zimmer, Konferenzräume und Möglichkeiten zur Erholung. Ich dachte an dieses Wochenende?" Die 30 Prozent müssen ihn wirklich gepackt haben, denn fast die halbe IT-Abteilung steht auf seiner Liste. Der PJ und ich zieren uns erst ein wenig, um dann das Angebot zu akzeptieren. Es wird Freitagnacht und der PJ und ich finden uns zusammen mit den anderen Schafen der Abteilung in einem Hotel wieder. Dank eines seltsamen Zufalls erlauben die elektronischen Schlüssel dem PJ und mir nicht mehr, die Türen der gebuchten Zimmer zu öffnen. Statt dessen öffnen sie die großen Suiten an den gegenüberliegenden Gangenden für uns. "Wer sind wir, daß wir mit dem Schicksal hadern?" frage ich den PJ und stecke den Magnetkarten-Programmierer wieder ein. "Wir sehen uns morgen." Der Morgen kommt, und es ist Zeit, daß wir für unsere Sünden büßen ... Der Chef der IT-Abteilung will eine Übung zur Vertrauensbildung durchführen, bei der das Opfer sich auf einen Tisch stellt und sich nach hinten in die Arme eines Kollegen fallen läßt. Doch seltsamerweise hat plötzlich niemand mehr Interesse an dieser Übung, als der PJ in einem besonders kritischen Moment Kevin Costner draußen vorbeigehen sieht. Unser Chef läßt sich auch von dem bedauerlichen Unfall, der den IT-Chef ans Bett fesselt, nicht davon abbringen, uns mit unzähligen Spielen zu bezaubern. "Ich halte das nicht mehr aus!" japst der PJ, als wir schließlich gegen 20 Uhr in die Bar verschwinden können. "Ich weiß. Das ist ein verdammter Alptraum." "Und er wird morgen eine weitere dieser ´Vertrauensübungen´ veranstalten, bei der einer Person die Augen verbunden werden, während jemand anderes sie um das Gebäude leiten muß." "Widerlich. Obwohl ..." "Nein, nein, er hat gesagt, daß er sich nicht daran beteiligen wird. Doch davon abgesehen, er weiß, wo die Treppen und Balkone sind." "Verdammt! Nun, besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen." "Was wollen sie tun?" "Ich kaufe dem Chef ein oder zwei Drinks." Ein paar Stunden später habe ich die Schlüsselkarte aus der Tasche des Chefs stibitzt und mache mich auf den Weg in sein Zimmer, während der PJ ihn an der Bar festhält ... Am nächsten Morgen sind alle an Deck, doch der Chef läßt sich nicht blicken. Ich geselle mich zu den Zuschauern. "In Ordnung, was haben sie getan?" fragt der PJ neugierig. "Raten sie." "Sie haben seine elektrische Wärmedecke unter Wasser gesetzt?" "Nein." "Sie haben seinen Toilettensitz zum Leben erweckt?" "Nein, aber es wird schon wärmer." "Wieviel wärmer?" "So warm wie, sagen wir, Jalapeno-Pfeffer umhüllt von Glyzerin und an einer strategisch wichtigen Stelle auf dem Regal mit den Pillen plaziert, so daß ein Betrunkener sie vor dem Schlafengehen zuerst greifen muß." "Sie Bastard! Wird er noch kommen?" "Keine Ahnung." Ich denke ein wenig über das Thema nach. "Wie groß sind wohl die Chancen, daß die Polizei jemanden entläßt, den sie nackt in der Empfangshalle eines Hotels dabei erwischte, wie er den Eisautomaten verprügelte?" "Ungefähr so groß, wie die Chance, daß die heutige Übung zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls nicht in der Bar stattfindet?" "Exakt." antworte ich und bin stolz, daß der PJ über eine so schnelle Auffassungsgabe verfügt. "Ich nehme ein Bier." Eine Inventur muß durchgeführt werden und unbequeme Fragen warten auf Antworten, doch der B.O.F.H. bleibt eiskalt, auch als es heiß wird .... Ich hasse die Zeit der Inventur. In jedem verdammten Jahr das gleiche Ritual: man muß herumlaufen und die Seriennummern, die auf jedes Gerät geklebt wurden, aufschreiben. Irgendein Trottel meint wohl, man könne damit den Diebstahl von Firmeneigentum verhindern. Und dann kommt noch die unvermeidliche Stichprobe, um sicherzugehen, daß wir nicht gelogen haben. Es wäre natürlich nur dann wirklich mühsam, wenn wir nicht eine Liste mit den Seriennummern und keine Kontrolle über das Programm hätten, das die Geräte aussucht, die kontrolliert werden sollen. Und wenn es tatsächlich jemanden gäbe, der eine Festplatte mit einer Kapazität von 5 Megabyte, das 600 Bits pro Zoll-Bandlaufwerk oder die Speichererweiterung für den ZX81 stehlen würde, dann wäre das wirklich ein Anlaß für Fragen. Natürlich sind die Geräte, die zu unserer Stichprobe gehören, alle da und in perfektem Zustand - schließlich brauchen wir sie ja auch nur ein paar Stunden pro Jahr. Und sollte sich die Stichprobe ändern, dann hätten wir noch viel Platz in einem der verlassenen Lagerhäuser in Peckham, die mit all dem Gerümpel gefüllt werden, das niemand klauen würde. Nicht, daß das wirklich nötig wäre. Die beängstigende Fluktuation bei den Erbsenzählern sorgt dafür, daß die Chance, zweimal den gleichen Prüfer zu haben, ungefähr so groß ist, wie die Chance, daß jemand die drei Autos entdeckt, die der Chef in der genannten Lagerhalle hinter Umzugskartons versteckt hat. Das ist eben das gute an einem hervorragenden Alarmsystem - es läßt keine Klingeln ertönen, um Einbrecher abzuschrecken - es schickt einfach die Bilder auf meinen Rechner. Und so kam es, daß der PJ und ich die Ankunft dreier brandneuer, hochmoderner Autos im Langzeitspeicherbereich des Lagerhauses mitbekamen. Der Chef, gerade zurückgekehrt von der Polizei, ist natürlich zu bedauern. Er hat versucht, sich beim Geschäftsführer einzuschmeicheln, indem er den jährlichen Austausch der Fahrzeuge der Chefetage zu einem besonders günstigen Geschäft machen wollte. Doch er hat einen Fehler gemacht. Es scheint, als wurde - von ihm unbemerkt - auf dem Bestellschein Mercedes durch Lada ersetzt. Und statt die Bestellung an einen reputierlichen Händler für Luxuswagen zu faxen, hat wohl ein Speicherfehler dafür gesorgt, daß die Bestellung an einen weniger angesehenen Händler für Billigautos geschickt wurde. Einen Händler, der, so wollte es das Schicksal, auch drei brandneue Ladas hinten in seinem Vorführraum stehen hatte - seit sechs Jahren. Der Chef hat die Lieferung trotzdem gut überstanden. Besser übrigens als das wiederholte Spielen von Johnny Cash´s "Ring of Fire" in der Kantine, nachdem er sich von der unorthodoxen Medizin erholt hatte, die er auf dem letzten Wochenendausflug zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls zu sich genommen hatte. Und so kommt es, daß ich eine Spur von Feindschaft spüre, als der Chef sich herabläßt, um einen Erbsenzähler bei der Prüfung unseres Bestandsberichtes zu begleiten. "Eine 600 Bit pro Zoll-Bandmaschine?" fragt der Prüfer. "Ja, die steht gleich hier", antworte ich und zeige auf das Ungetüm. "Die stand gestern aber noch nicht da!" ruft der Chef und riecht wohl den Braten. "Stimmt, wir mußten sie wegen der neuen Verkabelung umstellen." antworte ich in einem Tonfall, der überzeugend klingt - ich habe mich eben vorbereitet. "In Ordnung. Eine Seagate-Festplatte mit 5 Megabyte Speicherkapazität?" "Die läuft im E-Mail-Server." "Aber wir benutzen solche kleinen Festplatten doch gar nicht mehr!" ruft der Chef wieder. "Ich fürchte, da irren sie sich." antworte ich. "Denn die Server-Software läuft auf einem alten XT, der nur mit alten MFM-Festplatten umgehen kann." "Das ist ja lächerlich." ruft er, greift sich den Papierstapel des Prüfers und blättert wütend darin herum. "Wie steht es mit dem 29 Zoll-Fernseher?" "Der Monitor mit Textanzeige?" frage ich. "Der steht nicht hier, sondern im Beratungszimmer des Geschäftsführers." "Gut, und wo ist die Sega-Spielkonsole?" "Die steht in der Personalabteilung. Sie wollen sie der Kinderkrippe für die Angestellten überlassen." antworte ich ohne mit der Wimper zu zucken. "Richtig", sagt er entschlossen. "Und die neue Klimaanlage, die für diesen Raum bestimmt war - wo ist sie?" "Noch im Warenlager, denke ich." "Nein, das habe ich am Morgen überprüft. Sie sagten, sie sei schon zu ihnen geschickt worden." "Nun, dann steht sie möglicherweise vor dem Frachtaufzug." "Nein, aber ich habe eine Idee, wo wir sie finden können. Sie haben eine schöne Wohnung, nicht wahr?" fragt er und zeigt eine Außenaufnahme meiner Wohnung, auf der die neue Klimaanlage zu sehen ist. "Nun, ich war so von den Daten der Anlage beeindruckt, daß ich mir ebenfalls eine zugelegt habe." "Und wo haben sie die gekauft?" fragt er gehässig. "Das war in dem Lager in Peckham, oder?" mischt sich der PJ ein, um mich zu retten. "Wegen all der hitzeproduzierenden Technik, die wir erst neulich ausgemustert haben", erinnert er sich. "Ja, stimmt", fällt es dem Chef jetzt ein. "Natürlich, ich hätte es wissen müssen. Nun, damit wäre das Problem ja geklärt." Schneller als man ´verminderte Zurechnungsfähigkeit´ aufsagen kann sind der Chef und der Prüfer verschwunden. "Er wird das gegen uns verwenden, das wissen sie", murmelt der PJ. "Ja, ich weiß. Und das ist einfach nicht gerecht. Nun, wie buchstabiert man doch gleich ´Trabant´?" Die Service-Abteilung wittert Morgenluft, doch der B.O.F.H. hat einen schlauen Plan, um sie wieder zurechtzustutzen ... Ich sitze an meinem Tisch, als der PJ kurz aufblickt. Er ist gerade damit beschäftigt, Nutzern zu helfen, die sich über Geschwindigkeitsprobleme beim Zugriff auf den Backup-Server beschweren. "Das Kill-9-Kommando funktioniert nicht mehr." "Stimmt. Ich habe es neu geschrieben und mit ein paar Erweiterungen versehen, damit wir mehr machen können, als nur ´Hang up´ als Parameter einzugeben." "Wie lauten die Parameter denn?" "Sie sind vielfältig - alles, was ein guter Systemadministrator braucht." "Was?" "Nun, schauen sie - da wäre zunächst ´Kill-Godfather´, das sich einem laufenden Prozeß von hinten nähert und ihn in einer ruhigen Ecke abschießt. Und zusätzlich, wenn wir schon dabei sind, hinterläßt es das Bild eines Pferdekopfes als Bildschirmschoner." "Bezaubernd." "Dann haben wir ´Kill-CIA´, was den Prozeß beendet, es aber so aussehen läßt, als handele es sich um einen ganz natürlichen Vorgang." "Uh-huh." "Natürlich wird bei einer Untersuchung der Protokolldateien das Wort ´Grashügel´ auffallen, was die Leute aus der Forschungs-Abteilung auf die Beine bringen dürfte." "Ja ..." "Hm, ´Kill-Shotgun´, wenn sie sich nicht mehr an die korrekte Nummer des Prozesses erinnern können. Damit werden gleich alle Prozesse, die ähnliche Nummern haben, beendet. ´Kill-Driveby´ beendet den gewünschten Prozeß und gleich noch den mit der nächsthöheren bzw. nächstniedrigeren Nummer." "Ist das nicht ein wenig zu viel?" fragt der PJ milde lächelnd. "Nein, ´Kill-viel´ beendet alle laufenden Prozesse, schickt eine widerliche E-Mail an Bill Gates, in der steht, wie wir gegen die Lizenzverträge verstoßen, überschreibt dann den Kernel des Betriebssystems und läßt das System abstürzen. Oh, und es stellt einiges mit den Arbeitsplatzrechnern an." "Das System ist gerade abgestürzt." "Ja, ´-viel´ ist die Standardvorgabe, wenn der Nutzername ´Service´ ist. Ich habe ihnen die entsprechenden Rechte gegeben, so daß sie nun über all die Macht verfügen, die sie im Service so dringend wollten." Das Telefon klingelt und etwas sagt mir, daß es die Service-Leute mit einer Beschwerde sind. Manche Leute sind wohl nie zufrieden. "Sie wissen, was das bedeutet, oder?" fragt der PJ ängstlich. "Daß die Service-Abteilung arbeitet? Ja, ich weiß. Ich hatte gehofft, daß die Schachtel mit Stiften uns ein oder zwei Wochen Ruhe verschafft, die sie mit ein paar simplen Spielen zubringen, doch der Chef hat ihnen die Stifte nach den ersten paar Tagen wieder weggenommen." "Wir können es nicht zulassen, daß die Service-Leute sich um Probleme kümmern - es hat zwei Tage gedauert, bis die Datenbanken wieder liefen." "Stimmt - nun, dann habe ich einen Plan ..." Der nächste Tag kommt, und ich erwarte die Belohnung für meine Mühen. Und erwartungsgemäß meldet sich das Telefon ziemlich früh. "Die Diktiersysteme sind irgendwie kaputt", sagt der Service-Gnom. "Und was ist das genaue Problem?" frage ich. "Nun, das Sprachmodul für normales Englisch ist auf allen Arbeitsplatz-PCs verschwunden, so daß die PCs die Nutzer nicht mehr verstehen. Und das Programm zur Anpassung der Sprache ist ebenfalls verschwunden." "Aha." antworte ich nachdenklich und winke dem PJ. "Sie sagen also, daß bei allen PCs die Nutzereinstellungen zur Spracheingabe nicht mehr wiederherstellbar sind, was möglicherweise eine Folge des Server-Absturzes ist, den ihre Abteilung gestern verursachte?" "Ja." "Aber sagen sie nicht, daß auch die Installations-CDs verschwunden sind!" "Ja, woher wußten sie das?" "Ein Zufallstreffer", ruft der PJ. "Aber müßte es da nicht noch andere Sprachmodule neben dem für normales Englisch geben?" "Ja, das ist eine seltsame Sache." "Tatsächlich?" "Ja, da ist ein Sprachmodul, das ich vorher nie gesehen habe. Es heißt ´Betrunkener Schotte´." "Wirklich?" "Ja, aber ich weiß nicht, was das ist." "Nun, es gibt nur einen Weg, es herauszufinden. Nehmen sie eine Flasche Scotch und gehen sie zu Don McCloud in der dritten Etage, lassen sie ihn den Scotch trinken und setzen sie ihn dann auf das Sprachmodul an." "Das ist nicht ihr Ernst." "Stimmt. Sagen sie einfach den Erbsenzählern, daß sie ihre Berichte selbst eintippen sollen." "Aber die sollen morgen gedruckt werden." "Nun, was auch immer sie tun, vergessen sie nicht, daß Don nur Single-malt Scotch trinkt." Kaum hat er aufgelegt, rufe ich Don an und setze ihn ins Bild. Er nimmt es wie ein echter Profi, stürzt sich auf die Aufgabe und hat auch keine Probleme damit, von anderen verstanden zu werden. Doch seine Bemühungen, ohne Akzent zu sprechen, enden, als ich ihm etwas über Diskriminierung am Arbeitsplatz erzähle und wie das in den Zeitungen aussehen würde. Später lauschen wir in der Kneipe seinem Bericht ... "Nun, ein paar von ihnen haben den Akzent wirklich gut gemeistert", murmelt Don nachdem er zwei Tage hauptsächlich damit verbracht hat, Scotch zu trinken. "Aber ich habe gehört, daß sie es nun gar nicht mehr brauchen, da die Original-Sprachmodule am Montag neu installiert werden sollen." "Oh, machen sie sich deswegen keine Sorgen", antworte ich. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Service-Mensch die Worte ´Computer, Kill, Minus, viel´ für die technische Dokumentation diktiert." Ein betrunkener Erbsenzähler, der wie Sean Connery an einem schlechten Tag klingt, bringt die nächste Runde. Eine schmutzige Arbeit, aber jemand muß sie ja machen ... Aufgeben oder Kürzungen seines Budgets hinnehmen - was wird der B.O.F.H. tun? Nun, mit der Hilfe von Eis und Ausrüstung für Ausgrabungen ... Man kann sich unentdeckt immer nur eine bestimmte Zeit vor seinen Aufgaben drücken. Und so haben wir nun die Anweisung bekommen, uns mit dem mittleren Management zu versöhnen, da sonst unser Budget gekürzt wird. Ich kann es nicht erlauben, daß das Budget für verschiedenste Ausgaben zur Steigerung meines Wohlbefindens gekürzt wird - nicht nach den vorausgegangenen Kürzungen, die ich in den vergangenen Monaten wegen der erhöhten Aufmerksamkeit der Rechnungsprüfer vornehmen mußte. Der PJ und ich entscheiden uns für die ´Teile und Herrsche-Methode´, um uns mit den Nutzern auszusöhnen. Ich schreite aufgeweckt zum ersten Beschwerdeführer, einem Kostenmanager, der wohl über recht lockere Verbindungen zu den Erbsenzählern verfügt. "Ich habe Leistungsprobleme", schreit er verzweifelt, als ich hereinkomme. "Ja, ich habe die Gerüchte gehört", antworte ich und bringe das, was wie eine knospende Beziehung zwischen ihm und seiner jungen persönlichen Assistentin aussieht, zu einem vorschnellen Ende. "Aber machen sie sich keine Sorgen, das passiert schließlich auch den Besten unter uns. Und was ist nun mit ihrem PC?" "Ich habe über meinen Computer gesprochen!" ruft er. Er führt mich in sein Büro, wo ich feststelle, daß nicht einmal die Erbsenzähler ihn besonders mögen, denn sein PC ist so alt, daß der Vorderseiten-Aufkleber in der Handschrift Noahs beschrieben wurde. Ich empfinde ein wenig Mitleid für ihn. "Das sieht nach einem Magnum-Problem aus." sage ich. "Doch nicht das Gewehr?" fragt er ängstlich. "Nein, das Eis. Schieben sie es hinten in das Gehäuse, schalten sie den PC ein und verschwinden sie zum Mittagessen. Und entfernen sie alles Brennbare vom Tisch, denn man weiß ja nie ..." "Aber man wird mich beschuldigen." "Nicht, wenn sie die Verpackung im Mülleimer ihrer Assistentin liegenlassen." "Aber sie ist ..." "... ersetzbar." sage ich. Problem gelöst, also suche ich mein nächstes Opfer. Auf der Suche treffe ich den PJ, der in keiner guten Verfassung zu sein scheint. "Wie war der Manager der Entwurfs-Abteilung?" frage ich. "Ein Manager? Der konnte nichtmal ohne schriftliche Instruktionen die Toilette aufsuchen." "Verärgert?" "Ja, er hat von mir verlangt, daß ich eine dieser verdammten Workstations mit zwei 21 Zoll-Monitoren nach unten trage." "Ah ja", rufe ich und erinnere mich an die lauten Geräusche, die ich erst jüngst hörte. "Also ist es wohl besser, das Treppenhaus im Südflügel in der nächsten Zeit zu meiden, oder?" "Die beiden untersten Etagen und das Kellergeschoß. Ich habe sie nach unten fliegen lassen, ohne das Geländer zu berühren." "Guter Schuß, Kamerad!" rufe ich zustimmend und klopfe ihm auf die Schulter. "Wir werden noch einen guten Administrator aus ihnen machen. Richtig, ich muß jetzt gehen und schauen, womit ich dem IT-Chef helfen kann." "Sie suchen unseren Chef? Wieso?" will er wissen. "Möglicherweise braucht er einen guten Rat." "Wirklich?" grinst der PJ mit glänzenden Augen. Ein paar Minuten später stehe ich im Büro unseres Abteilungsleiters und ahne langsam, was er will. "Wir denken daran, unseren Wirkungskreis zu erweitern und nach Asien zu expandieren", meint er und bestätigt meine Vermutungen. "Dazu brauchen wir dringend dieses Videokonferenzsystem." Es war nur eine Frage der Zeit. Und es scheint, als sei der Zeitpunkt jetzt gekommen. Noch bevor der PJ und ich es richtig wissen, sollen wir die Bandbreite freigeben, die wir dazu nutzen, das Kabel-TV aus den Staaten zu empfangen. "Ja?" murmle ich. "Ich habe gute Dinge über etwas gehört, was sie IP-Tunnelung nennen. Ich weiß nicht, was die Vor- oder Nachteile sind, also, was können sie mir darüber erzählen?" "Nun, es ist eine Methode, den Internet-Datentransfer von einem Punkt zu einem anderen zu realisieren. Man nutzt es, um Virtuelle Private Netzwerke aufzubauen." Ich schalte in den Idioten-Modus. "Ist es schnell?" "Oh, natürlich." "Wie teuer kann es werden?" "Nun, das Kabel dürfte ziemlich billig sein, da wir alles nötige bereits haben. Ich denke, daß die Ausrüstung für das Graben am teuersten sein wird." "Ausrüstung?" "Ja, wir müssen einen Tunnel nach Asien graben." "Aber wir können keinen Tunnel nach Asien graben. Das würde Jahre dauern." "Nein, nein." lache ich. "Das war ein Scherz." "Oh, Gott sei Dank." "Nein, wir müssen nur einen Tunnel zur nächsten Vermittlungsstation der Telefongesellschaft graben, die etwa eine halbe Meile entfernt ist. Das dürfte uns vier oder fünf Tausender für die Miete kosten." "Vier- oder fünftausend?" "Nun, wir könnten sicher ein wenig sparen, wenn wir sie bar bezahlen. So etwa dreitausend, denke ich. Und wir müßten unseren eigenen Projekt-Manager stellen." "Wo bekommen wir den her?" "Nun, es gibt Gerüchte, daß es da eine Assistentin in der Finanz-Abteilung gibt, die sich nach einer neuen Aufgabe umsieht. Ich würde eng mit ihr zusammenarbeiten, um das Projekt zu beaufsichtigen." "Tun sie das." ruft der Chef wie ein richtiger Star Trek-Spezialist. Hol mich rauf, Scotty! Auf diesem Planeten gibt es kein intelligentes Leben. Die Nutzer sind nicht mehr in ihren Büros und - unglaublich, aber wahr - der B.O.F.H. und der PJ vermissen sie. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen ... Langeweile, Langeweile, Langeweile. Das Gebäude ist einsam und verlassen, da die Firma ihre neue ´W3-Initiative´ in die Tat umsetzt, die darin besteht, daß die verschiedenen Abteilungsleiter an diesem speziellen Tag die Mitarbeiter über die berühmten drei Wos unserer Existenz aufklären - woher kommen wir - wo stehen wir - wohin gehen wir. Ich bemerke, daß die Aufkleber mit Toilettensymbolen von den Postern der Cafeteria verschwunden sind. Vielleicht ist das der Grund für die Vermutung des PJs und mir, daß neben uns nur noch die Leute vom Wachdienst keine Einladung für diesen Tag bekommen haben. Es ist wirklich überraschend, wie man sich als Administrator langweilen kann, wenn das Netzwerk nicht durch Nutzer gestört wird. Auch der PJ ertrinkt in Melancholie, weil es keine Nutzer gibt, über deren Fehler er sich aufregen könnte. Jemand mit weniger starken Nerven würde aufgeben und an seiner Qualifikation zweifeln. Der PJ und ich haben jedoch andere Fische zu braten - über der Heizung unter dem Schreibtisch des Chefs. Es ist bemerkenswert, wie heiß sie werden kann, nachdem wir die Hitzesicherung entfernt haben. Im Handumdrehen haben wir ein geschmackvolles Mittagessen - und knusprig ist es ebenfalls, was der Entdeckung des PJs zu verdanken ist, daß man das Sicherheitsgehäuse entfernen und damit das Essen näher an den Heizspiralen plazieren kann. "Wissen sie, es ist schon lustig", meint der PJ und läßt sich die letzten Stücke seines Fisches schmecken. "Irgendwie vermisse ich die Nutzer." "Wir sollten Dr. Robb anrufen." Dr. Robb ist unser Psychologe. Früher kam er einmal pro Woche in die Firma, um sich das Gejammer der Angestellten anzuhören, doch die Installation einer Überwachungskamera in seinem Zimmer hat seiner Popularität wohl ziemlich geschadet. Ich vermute, daß der Vizechef der Verkaufs-Abteilung niemals damit fertig wurde, daß sein Video an einem Freitagabend nach den Drinks auf den Sicherheitsmonitoren abgespielt wurde. "Hallo?" "Hallo, Dr. Robb." "Ah ... Hallo Simon." "Wie geht es dem PC?" "Ich benutze keine Computer mehr", sagt er nervös. "Ich benutze nicht einmal elektrische Geräte." "Aber sie haben doch ein Telefon? Ist das nicht auch ein elektrisches Gerät?" "Das ist seltsam." kommentiert der PJ. "Er hat aufgelegt. Und wie war das mit den nichtgenutzten elektrischen Geräten?" "Ich weiß - klingt nach einer Neurose, wenn sie mich fragen. Es scheint, als brauche er eine weitere Dosis der Schocktherapie, über die man neuerdings soviel hört." "Was meinen sie damit?" "Oh, nichts. Wir müssen eben selbst mit dem Problem klarkommen. Ich denke, die traurige Wahrheit ist, daß wir unsere Nutzer brauchen." "Nein!" ruft der PJ hysterisch. Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit trübsinnigen Gedanken. Die Normalität kehrt zurück, als das erste Opfer der W3-Veranstaltung zurückkommt und Sicherheitskopien seiner Linux-Station anfertigen will, solange die Bandlaufwerke frei sind. "Hallo", sage ich und greife mir das Telefon. "Es geht um mein Backup - es funktioniert nicht." "Das liegt daran, daß sie all ihre Programme sichern wollen, statt nur die Daten, an denen sie arbeiten. Sie müssen ihre Anwendungsprogramme nicht sichern, weil wir sie ohnehin auf dem Server sichern." "Aber ich muß meine Anwendungen wirklich sichern", ruft der Nutzer und ignoriert meinen Rat. "Dann müssen sie das superschnelle nichtgekrümmte längsgerichtete Laufwerk benutzen." Dummy-Mode ein. "Äh ... In Ordnung. Wie kann ich es ansprechen?" "/dev/null" "Gut. Das ist ja wirklich schnell. Wie mache ich nun die Sicherung?" "Hm, das Kommando lautet ´cat /dev/null´, auf das sie die Ausgabe von ´ls -alR /´ umleiten." "Sehr gut. Danke." "Keine Ursache." "Wie war das?" keucht der PJ. "Ich dachte, wir hätten festgestellt, daß wir unsere Nutzer brauchen?" "Seien sie doch nicht töricht. Ich brauche niemals einen Nutzer, wenn ich Doom, Quake und das Internet habe. Und einen gegrillten Fisch zum Mittagessen. Oh, wo ich gerade dabei bin, haben sie das Sicherheitsgehäuse ..." Ein Schrei aus dem Büro des Chefs beantwortet meine Frage, bevor der PJ reagieren kann. "Ups", meint der PJ. Während der PJ mit der Tunnel-Arbeit beschäftigt ist, kümmert sich der B.O.F.H. um das E-Mail-System und leitet Beschwerden an Telefonsexnummern weiter .... Es ist ein langweiliger Morgen in der Netzwerkzentrale, so daß ich die Zeit damit totschlage, den PJ damit zu beschäftigen, die Kabel in den Kabelschächten zu prüfen. Natürlich ist das eine nicht besonders angenehme und ziemlich beengte Arbeit, doch das wird ihm einen weiteren Einblick in die Welt der Netzwerke geben. Und es wird ihm dabei helfen, sich daran zu erinnern, daß "Finger weg von meinem Laptop" genau das bedeutet. Die Anrufe kommen an diesem Morgen schnell und reichlich, und ohne den PJ muß ich mich um sie kümmern. Die Nutzer-Betreuung hat unsere Nummer an jeden herausgegeben, der wichtig sein könnte. Und seitdem der Chef die Nummer in der Vermittlungseinheit fest einprogrammiert hat, funktioniert auch der sonst übliche tägliche Wechsel der Nummer nicht mehr. Nach ein paar Anrufen erkenne ich den Trend, daß alle Anrufe auf eine Beschwerde hinauslaufen, so daß ich alle weiteren Anrufe auf die Nummer eines Telefonsexanbieters weiterleite - ich weiß ja nun, worum es geht. Dann schicke ich eine E-Mail an die Erbsenzähler, in der ich sie darauf aufmerksam mache, daß der Mißbrauch der Firmentelefone beängstigend ansteigt und sie sich vielleicht darum kümmern sollten. Doch anders als in der guten alten Postkutschenzeit wird meine Nachricht nicht zugestellt. Sie werden eigentlich nie mehr zugestellt, seitdem unsere Vorgänger in der Systembetreuung den E-Mail-Server mit einer neuen ´phantastischen´ Software aufgerüstet haben, die beinahe alles kann, außer einen roten Kußmund an das Ende privater E-Mails anzuhängen. Alles, außer meine Nachrichten zu befördern. Ich mache den Chef einmal mehr auf die vielen Mängel der Software aufmerksam, doch er weicht mir nur aus. "Nun, die E-Mail-Software hat uns ziemlich viel gekostet. Und davon abgesehen, unsere Terminverwaltungsprogramme sind in sie integriert!" Und so kommt es, daß der Chef ein paar Tage später seine Handbuch-Bibliothek auf der Suche nach der Bedienungsanleitung für sein E-Mail-Programm durchsucht, als der PJ mich bei meiner hingebungsvollen Arbeit mit einer Frage stört. "Was tun sie?" "Ich stelle sicher, daß mein geliebtes Sendmail zurückkommt." antworte ich. "Wie?" "Hm, ich helfe nur der ´Blitzzusteller´-Software, die E-Mails des Chefs zuzustellen. Die Anzeige der Mails in der Warteschlange ist wirklich gut - sie erlaubt mir, einige E-Mails persönlich ´zuzustellen´." "Wie?" "Nun, sie markieren einige Nachrichten und verschieben sie einfach in den Papierkorb." "Welche Nachrichten?" "Oh, immer nur einen Teil einer mehrteiligen E-Mail." Ich zeige es ihm auf dem Monitor. "Hier sehen sie sein Postfach. Die Betreffzeile enthält die Zuordnungsnummer der einzelnen Teile. Und nun lösche ich Teil 23 von 24 und lasse die anderen Teile durch. Das wird ihn verrückt machen. Und natürlich stelle ich auch alle E-Mails, die er abschickt, auf diese Weise zu, und so muß er all seine wichtigen Nachrichten mit der Hauspost verschicken und weiß nie, ob sie ankommen oder nicht." "Nun, was er nicht weiß, wird ihn auch nicht stören", murmelt der PJ. "Diese Aussage müßte erst noch bewiesen werden. So glaube ich zum Beispiel, daß der Chef bis jetzt noch nicht weiß, daß die oberste Sprosse der Leiter im Lagerraum sehr locker ist ..." Wir beiden lauschen angestrengt auf das Geräusch eines übergewichtigen Managers, der aus eineinhalb Metern Höhe in einen Haufen Kartons mit Knüllpapier stürzt. Während ich dabei bin, den Mailserver wieder mit der Software auszustatten, für die ich mich zuerst entschieden hatte (Ich glaube, es waren die 10 E-Mails an die Hausmeister, in denen ich mich über die unsichere Leiter beschwerte, die das Faß schließlich zum Überlaufen brachten.), kommt der PJ herein und sieht mich verwirrt an. "Ich verstehe nicht, wieso wir das installieren ..." sagt er. Seufz. Wenn man glaubt, er hat begriffen, stellt sich heraus, daß er noch immer in einer anderen Welt lebt und nach Antworten sucht. "Wenn sie in der Hierarchie der Firma aufsteigen, dann wächst auch ihr Verantwortungsgefühl, während sich ihre Verantwortung in Wahrheit verringert. Und ihre Ahnung von den Dingen, die um sie herum vorgehen, verringert sich ebenfalls." beschreibe ich. "Warum haben wir das Programm dann gekauft?" "Wir haben es gekauft, weil es jemandem eingefallen ist, der meinte, diese Software sei eine gute Idee und den Managern würde nicht auffallen, daß sie absoluter Schrott ist." "Ich glaube, das ist ein wenig zynisch ..." Ich unterbreche ihn, um einen Anruf über die Freisprechanlage zu tätigen. "Hallo?" fragt der Chef. "Hallo, ich frage mich gerade, weshalb sie die Anschaffung der neuen objektorientierten Programmiersprache genehmigt haben." "Nun, das war doch ihre Idee - sie sagten, wir hätten bald keine Objekte mehr." "Natürlich. Danke." Ich lege auf. "Begriffen?" frage ich. "Ich glaube nicht ..." Ich greife erneut zum Telefon. "Hallo?" meldet sich der Chef. "Es geht um diesen Grafikbeschleuniger, den ich aus ihrem Computer entfernt habe. Wieso eigentlich?" "Weil ... weil ... irgendetwas mit den Grafiken, die zu schnell waren?" "Natürlich, jetzt erinnere ich mich." antworte ich und lege auf. "Aber ..." erwidert der PJ. "Kein ABER - es ist ganz einfach: sie oder wir. Sie können einen Chef bei seiner Entscheidung beeinflussen, doch sie werden es niemals schaffen, daß er mit dem Denken anfängt." Seufz. Die Anwesenheit des Firmenarchitekten sorgt für eine erwartungsvolle Stimmung und läßt den B.O.F.H. zu Tricksereien greifen ... Ein gewisses Gefühl der Erregung, das ich schon lange nicht mehr gespürt habe, liegt in der Luft. Die Sorte von Spannung, die die jährlichen Weihnachtsparties ausstrahlen, auf denen die Bonuszahlungen verteilt werden. (Die letzten Jahre natürlich ausgenommen.) Die Ursache dieser Spannung ist schnell ausgemacht. Der Firmenarchitekt, der normalerweise nur dann gerufen wird, wenn wieder einmal eine Abteilungsumstrukturierung ansteht, ist im Haus. Allein dies ist schon Überraschung genug, denn ich kann mich nicht erinnern, im Vorfeld etwas von einer bevorstehenden Umstrukturierung vernommen zu haben. Und diesmal geht es wohl auch nicht darum, die Axt auszupacken und die Abteilungen neu zurechtzustutzen. (Seufz.) Nein, es muß etwas anderes sein. Und der IT-Chef muß davon wissen. Der PJ, darauf trainiert, in solchen Situationen ohne falsches Zögern zu handeln, ruft die Überwachungskameras des Hauses auf die Monitore und im Handumdrehen finden wir das Büro des IT-Chefs, wo wir seine Gürtelschnalle bewundern - ein protziges Metallgebilde, das vermutlich einem Raketenangriff standhalten könnte und in das eine üppige Wassernixe eingraviert ist - ein Geschenk loyaler Mitarbeiter. Und da behaupten manche noch, Qualität werde immer modern sein. Das Schicksal meint es gut mit uns, denn noch vor seinem Vortrag können wir an die Gürtelschnalle herankommen und sie mit Technik ausrüsten, die Bürgerrechtsgruppen wohl auf die Straßen treiben würde. Manche Leute haben eben keine Ahnung. "Glauben sie, daß der Gürtel funktionieren wird?" fragt der PJ, bevor ich das Wunderwerk aktiviere. "Natürlich", antworte ich. "Die Wanze ist so empfindlich, daß sie eine furzende Ameise in 10 Meilen Entfernung aufzeichnen würde. Da fällt mir ein, schalten sie sie etwa eine Stunde nach dem Mittagessen ab - wir wollen die Schaltkreise ja nicht überlasten." Doch in der Zwischenzeit hört das Miniaturmikrofon im Auge der Nixe alles mit ... "Gentlemen", wendet unser IT-Chef sich in beschwichtigendem Tonfall an die versammelte Geschäftsleitung. "Als Vorsitzender der Kommission zur Evaluierung unserer Expansionschancen kann ich ihnen folgendes berichten: Erstens ist die Miete für dieses Gebäude sehr teuer. Zweitens wird es mittelfristig zu klein für uns sein. Und drittens fehlt in diesem Gebäude die für das nächste Jahrhundert nötige Netzwerk-Infastruktur. Nach der Beratung mit verschiedenen Abteilungen ...." Er macht eine Pause und zeigt zweifellos auf einige Mitglieder der Geschäftsleitung, die für ihre seltsamen Ansichten bekannt sind. "Und daher empfehle ich den Umzug in ein größeres Gebäude am Flußufer, das nicht nur weniger Miete kostet, sondern auch kurzfristig bezogen werden kann." "VERDAMMT!" ruft der PJ und gibt damit ziemlich genau wieder, was ich dazu denke. "Das kann nicht sein Ernst sein!" "Es hat den Anschein", erwidere ich. "Und wenn ich an seine fehlenden technischen Kenntnisse denke, dann hat man ihn wohl über den Tisch gezogen." "Fehlendes Wissen?" regt sich der PJ auf. "Er kann nicht so verrückt sein. Immerhin war er in dieser TV-Sendung. Wie hieß sie doch gleich? ´Unsere Zukunft 2000´?" "Nein, die Sendung, an der er teilnahm, hieß ´Hilflos 2000´, eine völlig andere Art von Dokumentation, würde ich sagen." Innerhalb einer Stunde kommt unser Chef mit den Neuigkeiten zu uns. "Wir ziehen um", schreit er ängstlich und deutet in Richtung Fluß. "Ich habe es gerade herausgefunden!" "Dann fangen sie am besten mit dem Packen an", rufe ich. "Sie meinen ... sie ... sie wollen den Umzug nicht verhindern?" fragt er. "Warum?" erwidere ich ungläubig. "Ich kann es kaum erwarten! Das ist die Chance, ein völlig neues und zukunftssicheres Netzwerk aufzubauen." "Aber dann, dann sind wir nicht mehr in der Stadt", jammert er. "Das wird überbewertet - Smog, Gedränge. Lassen sie mich auf den Fluß blicken." "Mich auch", stimmt der PJ mir zu. "Aber all ihre Arbeit, die sie hier getan haben?" "Das ist Vergangenheit. Jetzt freue ich mich auf die Herausforderungen der Zukunft." "Aber ..." "In Ordnung, für fünfzig Pfund werde ich mich um die Angelegenheit kümmern. Wie ist es mit ihnen?" "Zwanzig Biere", ruft der PJ. "Das ist nicht ihr Ernst!" "Na gut, dann ist es eben nicht unser Ernst. Lassen sie uns packen." "Uh ... oh. Was wollen sie tun?" "Nun, das könnte ich ihnen sagen, doch dann müßte ich ihren Kopf in den Zerkleinerer stecken und ihre Überreste irgendwo verscharren." "Sie meinen, es ist so geheim?" "Nein, nicht wirklich. Ich bin nur neugierig, was geschehen würde." Meinen Hinweis verstehend trollt sich der Chef. Ich greife zum Telefon und rufe den Oberschwindler der Firma an, einen Anwalt, der sich wirklich hervorragend zu drücken weiß, denn sogar auf seiner Visitenkarte steht der Name eines anderen. Ich lade ihn zu einem Gespräch über den Pachtvertrag ein und weise ihn auf den Schwachpunkt hin, den wir entdeckt haben ... Wir brauchen etwa 10 Minuten. Und selbstverständlich finden wir am Abend den Chef in Geberlaune. "Ich weiß nicht, wie sie das gemacht haben", lacht er erleichtert. "Aber mein Geld ist gut angelegt. Wie haben sie den Chefanwalt nur dazu gebracht - ich dachte, er wäre einer der Landeigentümer?" "Ach, er ist durchaus eine nette Person, wenn man ganz normal mit ihm redet." antworte ich. "Oh", mischt sich der PJ ein. "Wo wir gerade darüber sprechen - soll ich den Aktenvernichter abschalten?" "Hmmm. Vielleicht noch nicht sofort. Warten wir besser noch ein paar Stunden." Es stimmt schon, was man sagt - man muß nur wissen, wie man mit diesen Leuten redet ... Der B.O.F.H. und der PJ sind traurig, denn sie werden nicht zu einem Wochenendausflug eingeladen - doch mit einem Holzhammer und etwas Gewalt werden sie es schon richten ... Der PJ und ich sind zutiefst verletzt, weil der Geschäftsführer sich nach dem abgeblasenen Umzug dazu entschlossen hat, den enttäuschten Proleten der anderen Abteilungen Gelegenheit zu geben, sich an einem ´Spiele´-Wochenende - ein ´Wer ist der Mörder´-Rollenspiel am Abend des Samstags eingeschlossen - an der IT-Abteilung zu rächen - ohne den PJ und mich. Die Gerüchteküche vermutet, daß unser ´bezähmter´ Anwalt über die Sache mit dem Pachtvertrag geplaudert hat, bevor er in der relativen Sicherheit unserer Konkurrenz unterkommen konnte ... Was aber am meisten schmerzt, ist, daß der IT-Chef eine unserer eigenen Ausreden gegen uns verwendet hat - nämlich, daß das Netzwerk rund um die Uhr laufen muß und wir daher auch für unsere Niederlassungen in der ganzen Welt erreichbar sein müssen - ganz besonders an einem Wochenende, an dem die gesamte IT-Abteilung abwesend ist. Was natürlich völliger Schwachsinn ist, denn die Hälfte unserer ausländischen Niederlassungen könnte sich nicht einmal an unsere Nummer erinnern, wäre sie nicht über die oberste Funktionstaste mittels Schnellwahl erreichbar. Es scheint beinahe so, als wolle man nicht, daß der PJ und ich Freundschaften mit anderen Leuten aus der Abteilung schließen und Spaß mit ihnen haben. Man scheint uns nicht zu trauen. Allerdings ließ das Interesse an dem Wochenende sichtlich nach, als das ´Wer ist der Mörder´-Spiel angekündigt wurde. Trotzdem unsere Nicht-Einladung ein unschöner Zug ist - nun haben wir wenigstens die Chance, ein paar Garantietests an den Festplatten (ein paar Schläge mit einem gummiummantelten Hammer, der kurz vor dem Ende der Garantiezeit keine Spuren hinterläßt) vorzunehmen. Es ist überraschend, wie viele Tests damit enden, daß wir kostenlosen Ersatz anfordern müssen. Ich prüfe, ob unsere Testausrüstung vollständig ist, als der Chef am Freitagnachmittag hereinstürmt. "Guten Abend", ruft er fröhlich und muß sich offensichtlich bemühen, etwas nicht auszuplaudern, das neu für uns ist. "Raten sie, was ich für sie eingefädelt habe!" "Was?" erwidere ich ohne Begeisterung. "Man hat zugestimmt, daß sie an den Spielen am Sonntag teilnehmen können - nachdem sie ein paar Programme auf den Computern der Personal-Abteilung installiert haben." sagt er und gibt mir eine Liste, die länger ist als die der bekannten Fehler in Windows 95. Der Sonnabend kommt und da der PJ und ich nicht zu denen gehören, die eine Herausforderung scheuen, sorgen wir dafür, daß die Software wunschgemäß installiert wird. Und weil wir danach noch etwas Zeit haben, verbringen wir sie sinnvoll. Als ich dann am Montag zur Arbeit komme, rechne ich schon damit, daß ich einem Gespräch mit dem Chef nicht entkommen kann. Erwartungsgemäß läßt er mich rufen bevor ich auch nur einen Schritt in unser Büro setzen kann und führt mich aufgeregt gestikulierend in sein Büro, wo sich aus meiner Sicht viel mehr Leute aus der Personal-Abteilung versammelt haben als sonst. Der PJ ist ebenfalls unter den Leuten, so daß das es sehr eng im Büro des Chefs ist. "Simon", beginnt der Chef. "Ich habe hier eine Liste mit Beschwerden, die Justin über ihr gestriges Verhalten angefertigt hat." "Gestern?" frage ich und Unschuld ist mein zweiter Vorname. "Bei den Spielen? In Balesworth Castle Ground?" schlägt Justin vor. "Ach so! Sie sagen, es gibt Beschwerden?" "Ja! Sie wissen, daß dies eine Spaßveranstaltung sein sollte, bei der sich die Mitglieder der verschiedenen Abteilungen im Sinne von Sportlichkeit treffen können?" "Ja, das weiß ich. Und ich habe mich doch wirklich bemüht, an allen Spielen teilzunehmen, auch wenn mir deren Regeln nicht ganz geläufig waren." "Es sieht so aus. Justin scheint zu glauben, daß sie ein wenig zuviel Begeisterung zeigten." "Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern. Können sie?" frage ich den PJ. "Nicht wirklich." "Und was war mit dem Kegeln?" "Kegeln?" "Ja, als sie ihre Kugel vom Dach heruntergeschmissen haben?" "Ach so, das! Nun, das mußte ich - ich bekam einen Anruf für die Nutzerbetreuung und der Empfang am Boden war wirklich schlecht, so daß ich mit dem Handy auf das Dach steigen mußte. Und im ´Geiste der Sportlichkeit´ wollte ich die anderen Teilnehmer nicht auf meinen Wurf warten lassen. Wie auch immer, ich glaube, in den Regeln wird nichts darüber gesagt, aus welcher Höhe die Kugel geworfen werden muß." "Natürlich nicht, aber das Vortäuschen des Anzündens einer Zündschnur an einer der Kanonen des Schlosses hat dem Wohlbefinden ihrer Mitspieler nicht gerade gedient ..." "Das war doch nur Spaß." "Wie die Kugel, die die Haube von Justins Coupé traf?" "Oh, ich brauchte einen Probewurf zur Verbesserung meiner Fähigkeiten", rufe ich und spiele weiter das Unschuldslamm. "Und das ist wohl auch ihre Entschuldigung für das ´Schlag den Sack´-Spiel?" will er wissen. "Ich gebe zu, daß ich da wohl ein wenig zu begeistert war", antworte ich. "In Kombination mit dem Einfallswinkel des Sonnenlichts könnte das für einige Verwirrung gesorgt haben." "Verwirrung ... ja", antwortet Justin bissig. "Nun, immerhin habe ich es geschafft, einen Sack zu treffen." "Sie haben es geschafft, einen Sack zu treffen. Aber zum Unglück für Justin ist der Sack, den sie getroffen haben, eher als Skrotum bekannt." "Wie ich schon sagte, ich bin es nicht gewohnt, Schuhe mit Stahlkappen zu tragen ..." "Ich könnte all diese Entschuldigungen gelten lassen, wenn es nicht so aussähe, als hätte niemand von ihnen die gewünschte Software installiert, worum ich sie gebeten hatte ..." "Das haben wir getan", ruft der PJ. "Keiner der Rechner startet!" schreit Justin und verliert völlig die Selbstbeherrschung. "Die haben nur herumgesessen." "Ich habe es ihnen doch gesagt", wende ich mich an den PJ. "Diese Festplatten sind defekt." "Womit wir bei diesem Ding wären", seufzt der Chef und hält ein Teil unserer Festplatten-Testausrüstung hoch. "Kann mir vielleicht jemand sagen, wie es in das Büro von Justin kommt?" "Er hat den Schaden an seinem Coupé selbst ausgebessert, um die Versicherungsprämie niedrig zu halten?" schlage ich hilfreich vor. Der PJ und ich lehnen uns bequem zurück, um auf das folgende Gejammer und Zähneknirschen vorbereitet zu sein ... Die Übernahme durch ein amerikanisches Unternehmen führt zu einem Besuch in den USA und einer Lektion zur sinnvollen Nutzung von Fahrstühlen ... Es ist ein kurzweiliger Montagmorgen, als der Geschäftsführer in unser Büro kommt, um uns um einen Gefallen zu bitten. Der Chef, der immer einen Riecher für solche Gelegenheiten hat, schleicht ebenfalls herein. "Ich wollte sie bitten, das Videokonferenzsystem zum Laufen zu bringen, damit ich eine kurze Ansprache halten kann." verlangt der Geschäftsführer. "Sie wollen sich doch nicht etwa zurückziehen?" platzt der Chef heraus, der sich schon auf der Karriereleiter aufsteigen sieht. "Nein, nein." "Ein früher Ostergruß an die Belegschaft?" "Nein. Es ist nur so, daß wir verkauft wurden. Die Firma, die Gebäude, die Mitarbeiter." "DIE VERDAMMTEN JAPANER!" ruft der Chef. "Nein, nein!" seufzt der Geschäftsführer. "Angesichts der derzeitigen Lage auf dem Geldmarkt gibt es eigentlich nur zwei Alternativen: Amsterdam und die USA. Und Amsterdam ist es nicht." "Gott sei Dank!" entfährt es dem Chef. "Ich kenne kein einziges belgisches Wort!" Das sind die Dinge, die man sich anhören muß, wenn man kein Gewehr hat ... Nun, der Tag kommt und der Geschäftsführer erklärt der Belegschaft auf dem ganzen Globus, daß uns ein amerikanischer Konzern aufgekauft hat, der im Ausland investieren wollte und in unseren perfekt verschönerten Bilanzen genau das sah, was er sehen wollte. Es gäbe auch keine Pläne für Umstrukturierungen, erklärt der Geschäftsführer, was ein kollektives Aufatmen verursacht. Für den Moment geht also alles so weiter wie bisher ... "Simon", murmelt der Geschäftsführer, der sich schon zum zweiten Mal in dieser Woche aus der relativen Sicherheit seines Büros heraustraute (ein neuer Rekord), ein paar Tage später. "Ich brauche sie und ihren Kollegen, um unsere Muttergesellschaft zu besuchen. Sie sollen sich anschauen, wie man in den USA arbeitet. Plaudern sie mit den Leuten und sehen sie sich ein wenig um, sie wissen schon. Die Chefs dort haben ihre Techniker beauftragt, sich um sie zu kümmern, damit wir die Netzwerke zusammenschalten können. Es macht ihnen doch keine Mühe?" Ein bezahlter Ausflug in die USA ... Hmmm. "Nun, das könnte durchaus hilfreich sein, aber es würde Jahre dauern, die Technik in die Staaten zu transportieren." "Oh. Wir lassen sie in der Business-Class fliegen, da können sie es als Gepäck mitnehmen." meint er. "Ich glaube nicht, daß damit die GESAMTE Ausrüstung zur Netzwerkanalyse abgedeckt wäre ..." "Gut, ich nehme an, daß wir sie auch in der ersten Klasse unterbringen können!" ruft er schließlich mimosenhaft ... Und so kommt es, daß der PJ und ich zwei Tage und viele, viele Drinks in der ersten Klasse später in der Ausnüchterungszelle auf dem Flughafen landen. Offenbar haben die Zöllbeamten etwas gegen betrunkene Besucher, besonders dann, wenn man den ´andere Bräuche´-Witz zu oft macht. Zu unserem Glück kümmert sich unser Mutterkonzern um die Sache und schafft es, uns aus der Haft herauszuholen. Nach einer erholsamen Nacht treffen wir unseren ´Reiseführer´ - dem Äquivalent zu unserem Chef. Er gibt uns einen kurzen Überblick über ihre Tätigkeiten, stellt uns den System- und Netzwerkbetreuern vor und zieht sich dann hastig zurück. Wir schauen uns die Technik an und müssen gestehen, daß wir sehr beeindruckt sind. "Wirklich sehr gut", wende ich mich an meinen amerikanischen Kollegen, als wir ihre Sammlung neuester Technik bewundern. "Nun, wir wollen eben mit der Zeit gehen. Ganz nebenbei, ziemlich viel von der alten Technik wurde zerstört, als wir in den zweiten Stock umziehen mußten." "Zerstört?" frage ich und wittere einen Profi. "Ja, wir wissen noch immer nicht genau, weshalb die Fahrstuhltüren geöffnet waren, obwohl der Aufzug gar nicht da war ..." "Ah." nicke ich wissen. "Und der vollgepackte Wagen mit der Technik plumpste in den Schacht?" "DREI vollgepackte Wagen - unglücklicherweise hatte ich die Ohrenschützer aufgesetzt, die wir im gekühlten Serverraum tragen müssen, so daß ich die Geräusche beim Aufprall nicht hören konnte." "Wie bedauerlich", seufze ich vielsagend. "Nicht so bedauerlich wie das Mißtrauen des Chefs gegen uns, der seine Zimmerpflanzen lieber selbst zum Aufzug brachte." "Wo er sie fallen ließ?" frage ich grinsend. "Nein, eigentlich hat er sie bei seinem gesamten Sturz nach unten festgehalten. Wissen sie, die Sanitäter haben die Pflanzen dann bei ihren Rettungsversuchen zertrampelt." Eine Woche später werden der PJ und ich aus der Ausnüchterungszelle auf dem Londoner Flughafen herausgeholt (eine ungenutzte Gelegenheit ist eine für immer verlorene Chance), um am nächsten Tag den Chef und den Geschäftsführer zu informieren. "Ihre Technik ist unserer um Jahre voraus! Wir brauchen unbedingt eine teure Aufrüstung! Hinzu kommt noch, daß unser Netzwerk Geschwindigkeitsprobleme hat, weil die Leitungen zur Satellitenschüssel für die Datenübertragung zu lang sind. Wir müssen mindestens zwei Stockwerke nach oben ziehen, damit wir die Entfernung und die Wartezeiten verringern können. Ich schlage vor, daß wir mit dem Umzug beginnen, nachdem wir die Bestellung der neuen Technik mit den Amerikanern organisiert haben, damit wir kompatibel bleiben ..." In der Zwischenzeit präsentiert auf der anderen Seite des großen Teiches mein Gegenstück seine Kompatibilitätsvorschläge ... "Ihre Technik ist unserer um Jahre voraus ..." Ein paar Tage später bekomme ich den Scheck aus den USA, um kompatible Technik zu besorgen ... Meine Gedanken, was ich mit dem Geld am besten anstellen könnte, werden nur durch den Krach gestört, den ein vollgepackter Rollwagen nach seinem Aufprall verursacht. Darum hat sich der PJ gekümmert ... Und es ist doch wirklich ein netter Zug unseres Chefs, sich selbst um den Umzug seiner geliebten und ausgezeichneten Kakteen zu kümmern ... Das Übersetzen der Ausreden von Ingenieuren in die Umgangssprache ist eine schwierige Aufgabe - aber nichts ist zu schwierig für die Bastard-Bibel ... Ich bin dabei, Hand an die Bastard-Bibel, oder - wie der PJ und ich das Werk nennen - an ´Alles, was unsere Nutzer über die Systeme und das Netzwerk wissen wollen, aber Angst haben, danach zu fragen, da sie keine Lust haben, ein Wochenende in einer chemischen Toilette eingesperrt zu werden´ zu legen. Der PJ marschiert nach draußen, nachdem er einen Hardwareschaden in einem der alten RAID-Rechner festgestellt hat, der ohnehin schon dem Ende seines Lebens verdächtig nahe ist. Er bemerkt meine mitleidigen Blicke, so daß er sich an mich wendet: "Sie mögen Wartungs-Ingenieure nicht besonders, oder?" "Nicht im geringsten. Diese Arbeit ist so mies bezahlt, daß die Guten sich frühzeitig selbständig machen, während all die anderen Versager - oder Neulinge - zu uns geschickt werden, um sich um unsere Technik zu kümmern." "Ganz so schlimm ist es nicht", meint der PJ kopfschüttelnd. "Immerhin machen sie ja ihre Arbeit." "Wir werden sehen." Ich will seine Hoffnungen nicht unsinnig steigern, da ich weiß, daß unsere Wartungsfirma zur Kosteneinsparung in geradezu religiösem Eifer darauf beharrt, daß die Fehler durch unsere Programme hervorgerufen werden und nicht durch ihre Technik. Und wenn das fehlschlägt, dann versuchen sie, die Technik bei uns mit unserer Ausrüstung zu reparieren, um zu verstecken, daß sie gar keine eigene Werkstatt haben, was kein Wunder ist, da es sich um eine Firma handelt, die im Hinterzimmer eines Autohändlers sitzt. Erwartungsgemäß erscheint der Wartungs-Ingenieur genau um 11:58 Uhr, um sich den Massen anzuschließen, die zum Mittagessen in die Kantine marschieren. Er will sich unter den Rest der Abteilung mischen, um sich ein kostenloses Essen zu erschnorren. Wie das Unternehmen - so seine Mitarbeiter. Nach dem Mittagessen lassen wir ihn in den Rechnerraum, um zu sehen, ob er weiß, was er tut. Er spielt ein wenig mit den Schaltern der RAID-Einheit herum, um zu sehen, ob das Lämpchen verlischt, das den Festplattenfehler anzeigt. Als das nichts bringt, erfreut er uns mit seiner sorgfältig durchdachten Analyse: Vielleicht könnte die Festplatte defekt sein? "Hmmm, das ist aber interessant", sagt er, während ich den Blick des PJ auf den entsprechenden Eintrag in der Sektion für ´Ingenieurssprache´ in der Bastard-Bibel lenke: "Ich habe keine Ahnung, wo der Fehler liegt." "Also hat die Festplatte einen Defekt?" frage ich. "Könnte sein, aber ich muß mein Diagnosewerkzeug aus dem Auto holen." Der PJ findet die Übersetzung selbst: "Ich muß xxx aus dem Auto holen" wird übersetzt mit "Ich muß mich in mein Büro davonschleichen und hoffen, daß die Anrufe an einen anderen Ingenieur weitergeleitet werden." "Oh, wir haben das Werkzeug hier!" rufe ich und versetze ihn in Angst und Schrecken. "Oh ... großartig." Jetzt ist er gefangen. Er muß das Gehäuse öffnen und im Inneren herumstochern, da wir sonst wissen, daß er keine Ahnung hat. Ich gebe ihm einen Hinweis, indem ich auf die falsche Festplatte deute. "Ich denke, sie müssen diese Platte austauschen." "Das ist denkbar", antwortet er und vermeidet es noch immer, sich festzulegen. "Aber ich muß das erst einmal überprüfen." Als ich ihn verlasse, bereitet er das Gehäuse mit einem Hammer auf den Austausch vor. Eine Minute später erscheint er in unserem Büro. "Haben sie einen größeren Hammer?" An diesem Punkt fühle ich mich, und sei es auch nur, um meinen Verstand unter Beweis zu stellen, gezwungen, ihn auf die kleinen Halterungen hinzuweisen, die das Herausfallen der Festplatte verhindern sollen. Er reißt das Laufwerk aus dem Gehäuse und bringt es in unser Büro, um es zu testen. "Ja, es ist, wie ich vermutet habe. Eine Lötstelle auf dem Logikschaltkreis ist trocken. Ich muß das einfach mit etwas Lötzinn reparieren." "Ich bin dabei, ihre Technik zu ruinieren." liest der PJ vor. "Wie bitte?" "Nichts", antwortet der PJ und schließt die Übersetzungstabelle, bevor der Ingenieur einen Blick auf sie werfen kann. "Ich rede mit mir selbst." Der Ingenieur schließt unseren Lötkolben an, der sich prompt durch das Mauspad, auf dem er liegt, hindurchfrißt. "In einem Augenblick ist die Platte wieder einsatzbereit." verkündet er fröhlich. "Das wird ein verdammt teurer Briefbeschwerer", übersetzt der PJ. "Wie bitte?" "Nichts - ich rede mit mir selbst." Bevor sich der Lötkolben vollständig durch das Mauspad bis zur Tischplatte hindurcharbeiten kann, entschließe ich mich zum Eingreifen. "Sollten sie das nicht im Computerraum machen, um mögliche thermische Expansions- oder Kontraktionsprobleme auszuschließen?" frage ich. DUMMY-MODUS EIN. "Hmmm ... Ja ... ich bin gerade dabei. Ich wollte nur sichergehen, daß der Lötkolben funktioniert." Er wandert hinüber in den Rechnerraum, um eine Minute später wieder bei uns zu sein. "Haben sie etwas Lötzinn? Ich habe mein eigenes wohl im Wagen vergessen." "Aber natürlich", antwortet der PJ und reicht ihm etwas aus unserem Vorrat. "Warten sie!" rufe ich. "Nehmen sie lieber das Lötzinn mit dem Flux-Kern, der als Beschleuniger für den Haftvorgang wirkt." DUMMY-MODUS UNWIDERRUFLICH EIN. Ich gebe ihm etwas von dem Zeug, das sich eher für Heizungsrohre als für Elektronik eignet, und bringe den Ingenieur zum Lächeln. "Sehr gut, ich wollte sie gerade nach dem Beschleuniger fragen." Fröhlich zieht er in den Rechnerraum. "Warum haben sie ihm diesen Schrott gegeben?" will der PJ wissen. "Das Zeug kann man kaum benutzen und es entwickelt unheimlich viel Ra ..." Seine Frage wird beantwortet, als der Feueralarm im Computerraum ausgelöst wird. Wir beobachten eine Weile, wie der Ingenieur an dem Schalter für die Löschgaszufuhr herummacht, den ein echter Bastard mit Klebstoff so behandelt hat, daß sich die Löschgaszufuhr nicht abschalten läßt. Natürlich befreien wir ihn, bevor er umkippt. Im letzten Moment ... Nun, ich bin eben ein Weichei ... Als der Chef und der PJ unter einem akuten ´Computer-Abkürzungsfimmel´ leiden, wird es Zeit für den B.O.F.H., sich einzumischen und einen Besuch in der Harley-Street zu empfehlen ... "... also denke ich, daß ihr Vorschlag, ein ATM-Netzwerk als Backup des FDDI-Backbones ASAP einzurichten, nicht ganz angemessen ist", erklärt mir der Chef. "Wie bitte?" frage ich und fühle mich, als sei ich in einer an meinen Arbeitsplatz angepaßten Version von ´Twilight Zone´ gelandet. "Ich habe ihre FYI über die TCP/IP-Verzögerungen in der vergangenen Nacht gelesen. Ich glaube, wir sollten das Problem PQD lösen!" "Das sehe ich", antworte ich, wobei mir langsam dämmert, was geschehen ist. Schneller als der Wind eile ich aus dem Büro des Chefs und wecke den PJ in unserem Büro. "Was ist los?" will er wissen. "Es ist furchtbar!" antworte ich zutiefst besorgt. "Ich glaube, der Chef leidet unter einem schrecklichen Abkürzungsfimmel ... Diese Krankheit tritt dann auf, wenn jemand seine Ahnungslosigkeit in technischen Angelegenheiten ..." "... durch die übermäßige Verwendung von Abkürzungen zu verstecken versucht ... Meistens sind Manager und Verkäufer davon betroffen, da sie meinen, sich damit den Schein von Kompetenz geben zu können." Unterbricht mich der PJ und trifft die richtigen Schlußfolgerungen. "Ich habe ihren Artikel darüber gestern während der Mittagszeit in einer Newsgroup gelesen." "Sie lesen die Newsgroups in ihrer Pause?" frage ich besorgt. "Nun, ja", antwortet der PJ schuldbewußt. "Aber das tat ich nur nebenbei, als ich darauf wartete, daß ein Bild vollständig geladen wird." "Pornographie?" frage ich zustimmend. "Hm ... nein, es ging um ein Foto vom Layout des Motherboards des neuen Pentium-Pro-Laptops ... es ist wirklich alles ziemlich klein darauf ...." "Verdammt! Sie sind noch schlimmer als der Chef! Sie sind vom Computer abhängig!" "Nein, das bin ich nicht!" ruft er. "Das sind sie wohl! Oder lesen sie etwa keine Computer-Magazine, wenn sie zu Hause sind?" "Nein ..." "Lügen sie mich nicht an!" "Nun, vielleicht ein paar, aber es ist keine Sucht. Ich kann jederzeit damit aufhören." "Natürlich, denn sie lesen sie nur oberflächlich, richtig?" "Es sind nur ein paar Magazine! Was ist daran so schlimm?" "Also hätten sie nichts dagegen, wenn ich ihr Bild und ihren Namen den Zeitschriftenhändlern mitteilen würde, damit sie ihnen diese Magazine nicht mehr verkaufen?" "Oh ... nein." schluckt er. "Sie besitzen einen privaten PC, oder?" "Was wäre wenn? Es ist nur ein alter 486er, den ich auf den Müll werfen sollte. Ich dachte, das wäre Verschwendung, also ..." "Also stellten sie ihn bei sich auf! Ich habe sie doch über die Gefahren der Arbeit mit Computern belehrt! In der einen Minute sind sie ein hochbezahlter Spezialist, in der anderen ein ahnungsloser Geek, der Werbeanzeigen nach günstigen Anoraks absucht. Sie müssen wissen, wann es Zeit zum Abschalten ist." "Wann ist das?" "Am besten zehn Minuten, nachdem sie am Arbeitsplatz erschienen sind, doch in ihrem Fall sind härtere Maßnahmen notwendig!" "So schlimm ist es doch auch nicht!" ruft er ängstlich. "Nicht so schlimm? Ich habe das schon hundertmal gesehen! An dem einen Tag arbeiten sie mit einem normalen menschlichen Wesen und am anderen sitzt ihnen R2D2 gegenüber, der darüber redet, wie man Linux auf den Computer im Auto portieren könnte!" "Das ist doch albern. Linux würde niemals in den Arbeitsspeicher passen. Man müßte ein paar SIMMs hineinstecken und jemanden finden, der den Kernel neu compiliert ..." "Sehen sie jetzt, was ich meine?" frage ich. "Was soll ich tun?" "Nun, in solchen Fällen empfehle ich den Kollegen immer, die betreffende Person zur Harley-Street zu begleiten." "Gibt es dort einen Spezialisten?" "Nein, aber der Verkehr dort ist mörderisch. Im besten Wortsinne. Wenn man den Geplagten anschubst ... Das ist der einzige Ausweg, fürchte ich ..." "Aber es muß doch einen anderen Weg geben!!" schnieft er. "Nun, es gäbe noch kalten Truthahn." "Sie meinen, ich soll keine Computer mehr anfassen?!?!?" "Nein, ich meine wirklich kalten Truthahn - er wird heute in der Cafeteria serviert und ich habe in der Nacht mit den Kühlschrankeinstellungen gespielt. Am Morgen wird man sie so hochkantig hinauswerfen, daß sie es niemals mehr riskieren werden, in die Nähe elektrischer Geräte zu kommen!" "Kann ich nicht einfach ... mich selbst auf Entzug setzen?" "Sie meinen, ein Buch lesen, das beinahe so gefährlich ist - zum Beispiel ein Reisejournal - als eine Art ´Computer-Methadon´?" "Ja!" "Nun, das könnte man versuchen. Aber sie müssen von diesen Magazinen und den Maschinen wegkommen." "In Ordnung. Aber haben sie nicht auch einen Computer in ihrer Wohnung?" "Sie meinen den, den ich brauche, um mich auf Arbeit einzuwählen?" "Ja." "Den brandaktuellen Pentium Pro II mit allen Schikanen?" "Ja!" ruft der PJ, der einen ´Zuckerbrot und Peitsche´-Ausweg zu sehen scheint. "Den habe ich gegen eine neue Stereoanlage getauscht." "Aber was ist, wenn sie in der Nacht angerufen werden?" "Auf dem Apparat, den ich abgeklemmt habe?" erwidere ich. "Ah." "Richtig, ich glaube, sie haben es begriffen! Nun, ich denke, sie brauchen ein paar Wochen Urlaub." "Wie freundlich", seufzt der PJ. "Aber wo soll ich denn hinfahren?" "In eine Gegend, in der man nichts von Computern versteht ... wo man RAM-Chips nicht von Kartoffelchips unterscheiden kann!" "Aber ich will Microsoft nicht besuchen!" wimmert er. Unsere Konversation wird vom Chef unterbrochen, der mit einem blutenden Finger hereinkommt. "Ich habe meinen Finger gerade an der BT-Vermittlungsanlage geschnitten. Glauben sie, daß ich eine Tetanusspritze brauche?" "Hmmm ..." erwidere ich. "Warum lassen sie sich vom PJ nicht zu einem Platz in der Nähe der Harley-Street begleiten. Sie können in wenigen Augenblicken dort sein ..." Genau das ist mein Problem - ich kümmere mich zu sehr um das Wohlbefinden der Leute ... Der PJ zeigt besorgniserregende Zeichen von Computer-Fanatismus - eine Brille mit dicken Gläsern und einen sprießenden Bart - kann er gerettet werden? Es ist eine ziemlich hektische Zeit. Der Chef ist im Erholungsurlaub - offenbar ist er in der vergangenen Woche auf die Harley-Street gestolpert, als der PJ ihn zu einem Spezialisten bringen wollte. Aber irgendwie hat er es noch geschafft, sich auf die einzige Verkehrsinsel zu retten, nachdem er von ein paar Autos ´angerempelt´ wurde ... Nun, Glück im Unglück ... Der PJ ist vorgeblich ebenfalls im Urlaub - aber in Wirklichkeit hatte er einen Rückfall. Anscheinend hat er sich in einem Internet-Café mit 10 Kisten voller Mars-Riegel, drei Kisten Coke und einem Exemplar von Steven´s ´Netzwerk-Programmierung unter Unix´ verbarrikadiert. Als sie es schließlich schafften, sich zu ihm durchzukämpfen, trug er dicke Brillengläser und einen sprießenden Bart. Der Seelenklempner hat ihm für ein paar Tage computerfreie Bettruhe verordnet, die vervollständigt wird durch verdächtig hohe Dosen eines Beruhigungsmittels, um ihm den Teufel auszutreiben. Und, als hätte ich es nicht geahnt, immer dann, wenn nicht genügend Arbeitskräfte da sind, schaffen es ein paar Anrufer zu mir durchzudringen - zwei am ersten und drei am zweiten Tag. Ich vermute, daß die Nutzerbetreuung dafür verantwortlich ist, denn der Chef ist ja nicht da, um Öl ins Feuer zu gießen ... Seufz. "Hallo?" "Hallo, System- und Netzwerkbetreuung." "Mein Computer gibt komische Schleifgeräusche von sich. Sie scheinen von dort zu kommen, wo das Netzkabel angeschlossen ist." Hm, was würde Lassie wohl tun? "In der Nähe des Lüfters?" "Ja, ich vermute, daß es von dort kommt, aber ich weiß es nicht genau." "Nun, dann nehmen sie einen Stift und schieben ihn in einen der Lüfterschlitze." >KRACH< "Sehen sie!" "Interessant! Jetzt ist es still. Wo ich sie gerade am Telefon habe - manchmal startet mein PC mit Speicherfehlern, und der Techniker meint, daß es ein Problem mit der Halterung der SIMMs geben könnte. Kann das stimmen?" "Ja", gluckse ich. "Natürlich. Das ist eine der bekanntesten Ursachen für Speicherfehler. Wir hatten schon ein paar davon in dieser Woche. Wegen ...." >BLÄTTERBLÄTTER< Ich liebe den Ausredenkalender ... DUMMY-MODUS EIN! "Oh. Was kann man da machen?" "Nun, sie können natürlich auf den Techniker warten, aber wenn sie es eilig haben, könnte ich ihnen eine andere Lösung empfehlen." "Ja. Wie geht das?" "Sie wissen doch, wie die Speicherchips aussehen?" "Die langen schmalen Streifen, die in das Motherboard gesteckt werden?" "Ja, genau. Ziehen sie sie heraus. Und machen sie sich keine Sorgen, wenn dabei die Plastikhalter kaputtgehen, die dienen ohnehin nur zu Transportzwecken." "Hmm ... Gemacht." "Und jetzt wickeln sie die Chips in Silberfolie ein, um mögliche Kapazitätsunterschiede auszugleichen ... Und dann stecken sie die Chips wieder in das Motherboard." "In Ordnung ..." "Dann schalten sie den Rechner wieder ein und lassen ihn über die Nacht laufen." "Wird gemacht ..." "Oh, und vergessen sie nicht den Stift." "In Ordnung. Danke." "Keine Ursache." Als ich am nächsten Tag zur Arbeit kommen, klingelt schon das Telefon. "Hallo?" Die Stimme am anderen Ende beginnt, über ein Feuer, die Gesundheit und die Sicherheit am Arbeitsplatz zu plappern, doch meine Aufmerksamkeit wird durch die Rückkehr des PJ abgelenkt. Die Behandlung war offenbar erfolgreich, wenn man seine Interessenlosigkeit gegenüber seiner Umgebung betrachtet. In der Zwischenzeit hat die Stimme am Telefon aufgehört zu reden, so daß ich mit einem: "Ich kümmere mich darum!" antworten kann und auflege. Um den PJ wieder für die Arbeit zu begeistern, lasse ich ihn fünf doppelte Espressos trinken, begleite ihn nach unten in den Pub und mache ihn mit ein paar Bierchen und Kebab scharf. Geschafft! Ich setze ihn auf den heißen Stuhl und gebe ihm den Telefonhörer. "Hallo?" antwortet er auf den ersten Anruf, der ihn erreicht. Dem Geschrei nach zu urteilen, ist mein Anrufer vom Morgen am anderen Ende, der offensichtlich verärgert über die vierstündige Teepause ist, die ich ihm verschafft habe. "Ja." antwortet der PJ. "Wir waren unterwegs, um uns um die Auswirkungen der ..." >BLÄTTERBLÄTTER< Klingt nach einer erfolgreichen Therapie! "Wir hatten deshalb einige Schwierigkeiten. Die Drucker haben nicht gedruckt, Dateien verschwanden von den Festplatten ... Oh, bei ihnen auch? Dann sind sie wohl auch betroffen ... Hmm, ich weiß nicht recht, ob ich sie auf den Techniker warten lassen soll oder, warten sie, vielleicht können sie sich auch selbst darum kümmern ... Schalten sie den Rechner erst einmal ab. Gut, und jetzt öffnen sie das Gehäuse. Um die entropischen Interferenzen zu beseitigen, müssen sie nun einfach ... Keine Ursache, ich helfe doch gern." "Lust auf ein Bier?" fragt der PJ hoffnungsvoll und greift sich seinen Mantel. "Wir haben nur noch 15 Minuten bis zum Feueralarm ..." In der Sprache der Systembetreuer würde man wohl sagen, daß wir ein Dialogfenster der Hoffnung sahen und draufgeklickt haben ... Der B.O.F.H. erklärt seine neue ´Manager-Gedächtnis-Theorie´ dem PJ, der ihr skeptisch folgt - bis der Chef hereinkommt ... "Also, wer sollte doch gleich überflüssig werden?" fragt der Chef und bricht damit die Stille nach meiner Präsentation. Es ist ruhig in dem Raum, während der Chef und der Rest des mittleren Managements auf die Antwort auf diese schwierige Frage warten. "Niemand wird überflüssig", schäume ich leicht verärgert. "Ich habe über unsere Technik gesprochen, über Router und Switches. Ich möchte einen Router durch zwei Switches ersetzen, so daß beim Ausfall eines Switches der andere in Aktion tritt, der dann dessen Kernaufgaben übernehmen kann." "Zwei Switches, die die gleiche Sache erledigen." sagt der Chef. "Ja, die gleichen Kernaufgaben." "Wie zwei Lichtschalter an den entgegengesetzten Enden eines Ganges?" "In etwa, ja." "Wenn also der eine eingeschaltet ist, muß der andere abgeschaltet sein, damit das Licht brennt?" Seufz. Als wir später in unserem Büro sind, erkläre ich dem PJ meine Theorie von der Leistungsfähigkeit eines Manager-Verstandes, da er keine Ahnung zu haben scheint, wieso die Präsentation so schnell an Niveau verlor. "Manager sind von ihrem Kurzzeitgedächtnis abhängig." beginne ich. "Die erste Regel besagt, daß es gerade ausreicht, um zwei technische Fachbegriffe zu speichern. Erwähnen sie einen technischen Ausdruck und sie werden ihn speichern. Nennen sie einen weiteren, landet er ebenfalls im mentalen Speicher, doch beim nächsten Begriff kommt es zum Speicherüberlauf und einem Neustart. Deshalb denken sie immer daran, was sie nach der Arbeit machen können, wie weh ihnen ihr Hintern tut oder ob die Bluse der Marketingassistentin wohl durchsichtig sein wird und so weiter." "Doch dann müßte ihr Gehirn doch ständig Neustarts durchführen." sagt der PJ. "Ich glaube nicht. Regel 1 Abschnitt B befaßt sich mit Speicherverlusten. Technische Begriffe verschwinden aus dem Gedächtnis mit der Geschwindigkeit von etwa einem Begriff pro Satz." "Oh." "Die zweite Regel besagt, daß der verfügbare Platz für einen technischen Ausdruck begrenzt ist - er ist jämmerlich klein. Deshalb werden die Fachausdrücke komprimiert, damit sie in den Speicher passen. Ich sage ´Diskettenzugriffs-Such-Latenz´ und sie hören ´Disketten-Latex´, ´Suche Latex´ oder ähnliches." "Also wollen sie damit sagen, daß sie von ihrer Präsentation nicht viel verstanden haben? So dumm können die Manager doch aber auch nicht sein." kommentiert der PJ. Oh, diese Unschuld ... "Womit wir bei der dritten Regel wären", erwidere ich. "Nach dem Neustart des Verstandes ist der Speicher nicht leer, was bedeutet, daß sich Fragmente völlig zufällig miteinander verbinden, was dann zu ´Suche eine durchsichtige Latexbluse´ führen kann." "Aha." erwidert der PJ, der mir noch nicht ganz glaubt. Ich glaube, er braucht einen Beweis meiner Theorie ... "Nun, wenden sie meine Regeln auf die folgenden Sätze an. Nehmen sie ein Blatt Papier als Manager-Verstand." "In Ordnung." akzeptiert der PJ die Herausforderung. "Ich glaube, wir brauchen redundante Switches ..." Sorgfältig schreibt der PJ ´redundante Switches´ auf sein Blatt. "Sie haben die zweite Regel vergessen", erinnere ich ihn. Der verbessert sich: ´Rede über Swatch´. "... die wir dynamisch routen können ..." Der PJ schreibt: ´Dynamo-Route´. "... was uns erlauben würde, multi-home ..." ´Mein Hintern tut weh´ schreibt der PJ und streicht alles andere durch. "Korrekt", kommentiere ich. "Und was bleibt nach dem Neustart davon übrig?" "Ich brauche eine Swatch für den Mann mit dem Root-Passwort." "Klingt vernünftig, wenn sie mich fragen." "Das ist doch Unfug!" plappert der PJ, um vom Chef unterbrochen zu werden, der seinen Kopf durch die Tür steckt und hereinkommt. "Tut ihr Hintern auch weh?" fragt er, als er die Notizen des PJs sieht. "Meiner hat während der ganzen Präsentation geschmerzt. Ach so, wer von ihnen brauchte die neue Uhr?" Triumphierend lächle ich den PJ an. "Das bin ich", sage ich und grabsche mir ein neues Schmuckstück für mein Handgelenk. "Wofür brauchten sie die Uhr doch gleich?" "Oh, ich benutze sie, um die Leistungsfähigkeit des L2-Caches auf den neuen symmetrischen Multiprozessor-Maschinen zu testen." *NEUSTART* Wenn der Chef eine Anzeigemöglichkeit hätte, würde ich jetzt gern einen Test seines Gedächtnisinhaltes vornehmen ... "Wie war das?" fragt er. "Ich sagte nur, daß ich einen Dual-Port-PC brauche, um die Lempel-Ziv-Komprimierung durchzuführen - anscheinend ein neuer Algorithmus." *NEUSTART* "Zyklische Redundanzprüfung! Elektrisch löschbare EPROMs! Voraussschauende Lesezugriffe!" sage ich schnell, bevor der Chef sich wieder sammeln kann. Jetzt hat er einen seltsam entrückten Ausdruck in seinen Augen. "Was ist passiert?" fragt der PJ und fuchtelt mit seinen Händen vor dem Gesicht des Chefs herum. "Oh, davon habe ich auch schon gehört", antworte ich. "Er ist im Neustart-Modus steckengeblieben. Ich glaube, wir müssen ihm helfen." "Und wie sollen wir das machen?" Der PJ sieht besorgt aus. "Oh, das ist einfach. Geben sie ihm einen Tritt ..." "Das kann ich nicht", jammert der PJ. "Das oder er wird den ganzen Tag lang so vor ihrem Tisch stehen ..." Widerwillig verpaßt der PJ dem Chef einen Tritt in den verlängerten Rücken. Der Chef geht zu Boden. "Was ist passiert?" ruft er, als er wieder auf die Füße kommt. "Sie sind gerade ohnmächtig geworden und auf die Ecke des Tisches gefallen. Und dabei haben sie den Schluß meiner Darlegungen über den Einsatz einer Level 5-RAID-Maschine verpaßt, die alle Daten speichern und sie dann als Data Warehouse über eine SQL-Datenbank mit den entsprechenden Frontends auf den PCs verfügbar machen kann." Stille ... "Ich glaube, er braucht einen weiteren Neustart." Und ich nehme ein paar Schritte Anlauf ... Die Rechnung für die LAGER sollte keine Probleme bereiten, doch ein verräterischer Erbsenzähler veranstaltet eine Rechnungsprüfung ... Man sollte es nicht glauben, aber ich habe nun schon zehnmal in diesem Monat Toner in einem unserer 44 Zoll-Drucker nachgefüllt! Und das GEHT MIR WIRKLICH AUF DIE NERVEN! Da es sich dabei immer um die rote Farbe handelt, kann dies nur eins bedeuten - jemand tapeziert sein Schlafzimmer mit Pornobildchen. Natürlich ist es nicht schwer, den Schuldigen zu finden, wenn ich mir in den Protokolldateien anschaue, wer wann Druckaufträge losgeschickt hat. Allerdings reicht allein die Tatsache, daß jemand einen geradezu besorgniserregenden Verbrauch roter Farbe verursacht, noch nicht aus, ihn zu erpressen. Bis auf diesen Heimlichtuer aus der Design-Abteilung, der seine Zwergenfetisch-Bilder NIEMALS am Tag ausdruckt. Und wer nur nachts den Drucker benutzt, kann einfach nicht mit meinem Verständnis rechnen. Und so sieht die Netzwerk-Lager-Kasse, LZ9030-NSAXBK-002 ("Laufende Zuwendungen, Kostenstelle 9030, Nicht-Standard-Ausgaben, Beschaffung, Konto 2") in der Sprache der Erbsenzähler, in dieser Woche besonders gesund aus. Es ist einfacher, erpreßtes Geld durch das System der Buchhaltung zu transferieren - das Opfer wehrt sich auch nicht so heftig, wenn es nicht um sein persönliches Geld, sondern das der Abteilung geht ... Ja, die Lager-Kasse sieht so gesund aus, daß es Zeit wird, für den nächsten Freitag ´Ausrüstung einzukaufen´, damit die Erbsenzähler nicht auf das Konto aufmerksam werden ... Eine Rechnung trudelt ein, und ich gehe mit ihr zum Chef, um sie von ihm unterschreiben zu lassen, da der PJ gerade nicht da ist. "Wofür ist diese Rechnung?" "Ach, das ist die Rechnung für eine neue ... Licensing Attribute Geopositional Accounting Receipt-Software - LAGER, um es kurz zu sagen." "Ein neues System. Gute Sache. Hier haben sie die Unterschrift. Oh, warten sie ... sind sie sicher, daß diese Zahl stimmt? Nur 270 Pfund?" Die Aussicht auf hundert weitere Biere für den versammelten Bastard-Club stimmt mich froh, und um jeden Verdacht abzuwenden, entschließe ich mich, die geistigen Anstrengungen des Chefs zu erleichtern. "ZWEIhundertsiebzig Pfund!?!" schreie ich auf. "Mein Irrtum - das sollte FÜNFhundertsiebzig Pfund heißen." Ich nehme mir vor, ein Taxi für die Heimfahrt zu bestellen, bevor ich in die Kneipe gehe, da ich vermutlich nicht in der Lage sein werde, mein Handy zu bedienen, nachdem ich meinen Anteil der ´Software´ getrunken habe. Ich schicke die Rechnung an die Erbsenzähler und rufe meine B.O.F.H.-Freunde an. Doch irgendein unerfahrener und junger Erbsenzähler will mehr zu der Rechnung wissen, da ´Blue Posts´ nicht zu unseren normalen Softwarelieferanten gehört. Das an sich ist nicht das Problem, da ich vor Jahren ohnehin die meisten Programme, die wir eingekauft haben, über eine Kneipe bestellte und liefern ließ. Das wirkliche Problem besteht darin, daß ein anderer verräterischer Erbsenzähler, der mir einige Gefallen für das Verschwindenlassen eines Videos, das ihn und eine junge Sekretärin zeigte, schuldet, angeordnet hat, daß das Lager-Konto überprüft wird. Beunruhigend daran ist, daß er einen externen Berater zu diesem Zweck angestellt hat, der uns überprüfen soll ... Ich rufe den PJ an und informiere ihn. Er taucht unter und trifft sich beim Mittagessen mit einem Freund, der daraufhin einen anonymen Drohanruf tätigt. Und wo er schon dabei ist, bestellt er für uns auch eine Pizza, mit der wir die Langeweile während das Tee-Nachmittags bekämpfen können. Die Sicherheitsleute - gelangweilt von der monatelangen Ruhe - reagieren mit Eifer auf den Drohanruf. Türen, die monatelang geöffnet waren, werden geschlossen, die Betriebsausweise werden kontrolliert und Durchsuchungen des Gebäudes organisiert. Alles scheint normal zu sein. Mit Interesse beobachte ich, wie der Chef der Erbsenzähler sich mit einem Anzugträger trifft. Sie nehmen leider nicht den Fahrstuhl, um in die Erbsenzähler-Etage zu gelangen, sondern die Treppe ... Jetzt muß ich nur noch abwarten. Der Transporter der Firma, bei der wir Sicherheitskopien lagern, taucht rechtzeitig auf, und ganz sicher bringt er die Bänder mit den Kopien der Datenbank der Erbsenzähler, die deren eigener Rechnerspezialist nach dem Ausfall von gleich drei Platten seiner RAID-Maschine (Was für ein seltenes Ereignis!) angefordert hat. Die Datenverluste müssen enorm sein - aber das würde natürlich kein Erbsenzähler zugeben. Die Bänder mit den Daten, die von einer mißtrauischen Person in der Erbsenzähler-Abteilung angefertigt wurden (was ein Glücksfall ist, da unsere eigenen Bänder unter ungeklärten Umständen bei unserem Partner für die Aufbewahrung der Sicherheitskopien verschwunden sind), werden von den Sicherheitsleuten durchgelassen und über die Treppe nach oben gebracht. Die Lieferung unserer Pizza verursacht eine kleine Aufregung unter den Sicherheitsleuten, doch die Metalldetektoren bleiben stumm, also schicken sie den Lieferanten ebenfalls zu den Erbsenzählern, wo wir sie in Empfang nehmen wollen. "Da stimmt etwas nicht." sagt der Anzugträger zum Chef der Erbsenzähler, als wir uns zu ihnen gesellen. "Die Bänder sind irgendwie in den Laufwerken verklemmt!" "Dann nehmen sie das andere Laufwerk!" ruft der Erbsenzähler und bemerkt uns. "Das habe ich getan - es klemmt!" Verärgert durch die scheinbar vorübergehende Verzögerung schenkt der oberste Erbsenzähler uns seine Aufmerksamkeit. "Was wollen sie denn hier?" "Wir nehmen nur eine Lieferung entgegen." antworte ich, als unsere Pizza gebracht wird. "VERDAMMT!!" schreit der PJ überzeugend. "Das ist ja heiß wie ein Feuer!!" "Oh nein!" seufze ich. "Sagen sie mir nicht, daß der Röntgen-Scanner für Pakete wieder im Einsatz ist! Beim letzten Einsatz dieses Dings haben wir eine ganze Kiste mit ... NEIN, SAGEN SIE NICHT, DASS IHRE BÄNDER DURCH DEN SCANNER GINGEN!" [Später in dieser Woche ...] "UURGGLE MURG HURGRLE", keuche ich. "Natürlich, das ist doch in der Nähe des Sloane Square, oder?" fragt der Taxifahrer und reicht mir einen Eimer nach hinten. "Unnnn!" antworte ich und verabschiede mich in ein durch Lager verursachtes Koma. Nichts liebt der B.O.F.H. mehr als eine Vertragsprogrammierer, der noch grün hinter den Ohren ist. Doch zeigt er auch Mitleid mit ihm, als der Chef ihn mit seinen seltsamen Einfällen quält ... Genau das ist das Problem, wenn sich IT-Manager treffen - weil sie sich gegenseitig übertrumpfen wollen, verkünden sie voller Begeisterung, daß sie schon Programme benutzen, die die anderen noch gar nicht kennen. Zum Beispiel behauptet unser IT-Chef, daß wir schon im ganzen Unternehmen Software einsetzen, die es jedem Mitarbeiter ermöglicht, am Arbeitsplatz Waren zu bestellen und liefern zu lassen. "Und hier ist ihr künftiger Arbeitsplatz", erklärt der Chef väterlich, als er unser Büro in Begleitung eines Auftragsprogrammierers betritt, den die Vermittlungsagentur nach einer kurzen Anforderung durch den Chef geschickt hat. Offensichtlich soll er das Programm schreiben, über dessen Existenz der Chef gelogen hat. Ich fühle etwas Mitleid mit dem Programmierer (Immerhin mußte er den halbstündigen Vortrag des Chefs über die Wunder der Kopiertechnik über sich ergehen lassen - eine Dosis, die im Normalfall fatal wirken kann.), so daß der PJ und ich uns nicht darüber beschweren, daß der Chef unbefugt in unser Territorium eindringt. "Geben sie ihm einen Rechner, mit dem er das Online-Bestellsystem entwickeln kann." "Ein Online-Bestellsystem?" frage ich. "Das könnte schwierig werden - dafür braucht er einen besonderen Rechner." "Gut, dann bestellen sie eben einen. Kommen sie ASAP mit der Bestellung zu mir!" Die nächsten zehn Minuten verbringen der PJ und ich damit, die Bestellung für einen PC zusammenzustellen, der mit allen erdenklichen Zusatzgeräten und Erweiterungen ausgestattet ist. Der Chef unterschreibt die Bestellung ohne mit der Wimper zu zucken, und ich schicke sie als Fax an unseren Zulieferer, der anruft, um die prompte Lieferung anzukündigen. Als der neue Rechner ankommt, installieren der PJ und ich noch ein paar zusätzliche Erweiterungen - mit anderen Worten, wir stehlen alles, was wir brauchen können, und überlassen den umkonfigurierten Rechner dem Programmierer ... Der hat in der Zwischenzeit seine Wandtafel bemalt. "Was bedeuten diese Kästchen?" fragt ihn der PJ. "Nun, sie repräsentieren die drei Lebenszyklus-Phasen von Software - Entwurf, Entwicklung und Pflege." antwortet er begeistert. Er ist so grün ... "Sie haben gerade ihre Ausbildung zum Programmierer abgeschlossen, oder?" frage ich freundlich. "Nun, ich habe etwas Erfahrung mit der Entwicklung von Web-Applikationen." "Aber keine Praxiserfahrung?" "Ich ..." Der PJ und ich seufzen unisono, wobei ich ein paar Pfeile auf die Tafel zeichne. "Der wahre Lebenszyklus eines Programms sieht eher so aus", sage ich. "Design, Implementierung, Rückmeldungen, Implementierung, Rückmeldungen, Implementierung und so weiter bis sie sterben - wenn sie überhaupt jemals bis zur Implementierung und aus der Design-Phase herauskommen." "Und wie reagieren sie darauf?" "Ganz einfach, es gibt nur eine Phase: die Implementation." "Aber es muß doch Rückmeldungen geben." "Die gibt es natürlich. Genau deshalb werden ja die meisten Büros mit Ablagen für Rückmeldungen ausgestattet, die die Reinigungskräfte in der Nacht für sie auffüllen." "Ich weiß nicht recht. Ich denke, ich werde es ordentlich programmieren." "Aber sagen sie nicht, wir hätten sie nicht gewarnt." Einen Tag später hat der arme Trottel noch immer keine Ahnung, was er eigentlich programmieren soll, so daß der PJ und ich ihm raten, die Design-Phase zu überspringen und eine passable Abfrageoberfläche für eine Datenbank mit E-Mail-Funktionalität aus den brauchbarsten Bestandteilen des Web-Systems der Personalabteilung zu programmieren. Er verbringt lange Stunden damit, phantasievolle Funktionen zur Bestandsverwaltung zu programmieren und so weiter ... Nachdem wir ihn sorgfältig auf die Präsentation seiner Arbeit vorbereitet haben, entlassen wir ihn in die Obhut des Chefs. Eine halbe Stunde später kommt er mit einem traurigen Gesichtsausdruck zurück. "Wie ist es gelaufen?" fragt der PJ. "Er hat es nicht einmal ausprobiert. Ich soll nur die Farben der Schaltflächen, die Schriftgröße etc. ändern." "Das überrascht mich nicht." kommentiere ich. "Also haben sie es geändert?" "Ja, aber dann wollte er noch weitere Farben ausprobieren." "Natürlich. Und andere Schriftarten?" "Ja." "Wie ist es mit dem Firmenlogo? Wollte er auch da Änderungen?" "Ja, er wollte, daß ich es in der Mitte plaziere und nicht linksbündig." "Machen sie sich keine Sorgen", antwortet der PJ. "Morgen wird er verlangen, daß sie das Logo wieder am linken Rand unterbringen. Dann auf der rechten Seite und später wieder in der Mitte ..." "Was soll ich tun?" schnieft er. "Er wollte das Programm nicht einmal in Aktion sehen." "Er hat nur gesagt, daß es in Ordnung ist und hat ihren Vertrag gekündigt?" frage ich wissend. "Ja, so ist es. Ich soll nur die ästhetischen Feinheiten vollenden, und dann läuft mein Vertrag aus." Die demoralisierende Wirkung die davon ausgeht, daß all sein Wissen und Können darauf reduziert wird, Farben und Schriftarten zu ändern, fordert ihren Tribut von dem armen Wicht. "Ja, er hat sich nicht darum gekümmert, was das Programm macht. Hauptsache, es sieht gut aus. Nun, haben sie ihm gesagt, was wir ihnen empfohlen hatten?" "Ja, ich sagte ihm, daß es sich um eine Testversion handelt, die noch nicht verteilt werden kann." "Gut. Das bedeutet, daß er die URL dem IT-Chef bestimmt schon gegeben hat." "Und der wird sie allen anderen Abteilungsleitern gegeben haben." fügt der PJ hinzu. "Aber das Programm ist doch noch nicht fertig." schluchzt er, eindeutig zutiefst erschüttert von dem Gedanken, daß er eine fehlerhafte Software programmiert haben könnte. "Ich will wirklich, daß es gut funktioniert." Ich sehe, daß dies eine Aufgabe für den wahren Profi ist ... Zwei Tage (und 5.000 Rollen Toilettenpapier, die dem Chef und dem IT-Chef geliefert wurden) später sitzt unser begeisterter Programmierer wieder an seinem Projekt. Ich bin mehr als erfreut darüber, daß seine Ablage für Rückmeldungen vollgepackt ist mit Zetteln, auf denen der Chef in Handschrift seine Design-Ideen verewigt hat. Nun, er wird es schon noch schaffen ... Nichts lieben der B.O.F.H. und der PJ mehr als die Herausforderung - abgesehen von Gewalt, doch ein hinterhältiger und listiger Plan fordert letztere geradezu heraus ... "Hallo, hier ist Sonya, die persönliche Assistentin von David. Ich soll für ihn ein paar Dinge klären, bevor er zurückkommt." "David?" "Ihr Chef." "Ist das sein Name? Er hat keine Assistentin." "Jetzt hat er eine. Er hat gelesen, wie gut ihre Hilfe beim Klären von Dingen ist ..." Ich schalte ab, während sie mir lang und breit die Vorteile persönlicher Assistentinnen erklärt. Immerhin muß ich mit leichter Verwunderung feststellen, daß der Chef seine Management-Magazine während seines Erholungsurlaubs vom Streß am Arbeitsplatz gelesen hat. Es ist schon überraschend, wie manche Leute auf 100 Volt reagieren, die gewissen Körperteilen in ihrem Bürosessel verabreicht werden ... Leider bedeutet die Anwesenheit einer persönlichen Assistentin für uns eine zusätzliche Schwierigkeit, die es zu überwinden gilt, wenn der PJ und ich unseren Plan in die Tat umsetzen wollen, dem Chef etwa dreißig Zentimeter seines Büros zu stehlen, um unser Büro entsprechend zu vergrößern - eigentlich eine leichte Aufgabe, da wir ein paar Bauleute kennen, die uns noch einen Gefallen schulden. Dieses Arschloch von einem Chef! "Wie kann ich ihnen helfen, äh ..." "Sonya", stößt sie hervor, offenbar ein wenig verärgert darüber, daß ihr Name meinem Kurzzeitgedächtnis schon wieder entfallen ist. (Ich nutze bei solchen Sachen nur meinen mentalen Zwischenspeicher, da sie ohnehin bald Geschichte sein wird ...) "Natürlich. Nun, wie kann ich ihnen helfen, äh ..." "SONYA!" stößt sie erneut hervor. "David will, daß ich die Einkäufe überprüfe, für die er die Bestellungen unterzeichnet hat. Er will wissen, ob alles korrekt geliefert wurde." "Das ist schon geschehen, als die Technik geliefert wurde", antworte ich, denn ich habe den Plan des Chefs schon durchschaut. Da er zur Zeit nicht in der Lage ist, herauszufinden, ob der PJ oder ich Technik gestohlen haben, die geliefert wurde, hat er neues Blut darauf angesetzt - jemanden, der noch nicht weiß, wie solche Versuche meistens enden. Ich glaube, sie hat gute Chancen, beim nächsten Besuch des Chefs einigen ihrer Vorgänger zu begegnen. "Er will nur ganz sichergehen, wenn sie also einfach eine Liste mit den Bestellungen ausdrucken könnten ..." "Nun, das würde ich gerne tun, aber unglücklicherweise hat die Festplatte mit der Datenbank schwere Defekte, so daß wir die Daten verloren haben." "Wann soll das passiert sein?" fragt sie. "Vor zehn Minuten habe ich die Datenbank noch benutzt und sie funktionierte - allerdings hatte ich keinen Zugriff auf die Daten der Bestellungen." "In der Tat traten die Fehler tatsächlich gerade jetzt auf", sage ich und reiche dem PJ den Gummihammer, den wir für Festplattenfehler in Notfallsituationen aufbewahren. "Und wie wäre es mit einem Ausdruck aus einer Sicherheitskopie?" fragt sie. "Alle alten Ausdrucke werden aus Sicherheitsgründen nach der Benutzung vernichtet, und im Laufwerk der Bandmaschine, mit der wir die Sicherungsbänder einspielen können, klemmt ein anderes Band." sage ich und reiche dem PJ die Suizid-Kassette (gefüllt mit Klebstoff). "Also gibt es keine Aufzeichnungen?" "Der Chef - David - hat Ausdrucke und die Lieferanten haben ausgedruckte Lieferbestätigungen. Ich bin sicher, sie können sie zusammensammeln - keine leichte Aufgabe, aber sie werden das schon schaffen." Ein Schniefen dringt an mein Ohr, als sie auflegt. "Furchtbares ist geschehen!" ruft der PJ mit gespieltem Entsetzen, als er den Raum betritt. "Natürlich ist es geschehen", antworte ich, da ich gerade ein wenig die Zukunft plane. Aber der Reihe nach. Ich rufe das Netzwerk der privaten Institution an, die sich um das Wohlbefinden des Chefs kümmert und schaffe es beim dritten Versuch, ihr Administrator-Passwort zu erraten (´Freud´). Ich nehme ein paar Veränderungen im Datensatz des Chefs vor, ändere die Einträge in ´Vorfälle in der Vergangenheit´ von ´keine´ in ´extrem gewaltbereit´ und, das ist das wahre Meisterstück, den Eintrag unter ´Rechnung an´ vom Namen seiner Privatversicherung in den Nationalen Gesundheitsdienst (NHS) - was sicherstellt, daß er an ein Metallbett im billigen Erdgeschoß gefesselt wird. Natürlich wird er nach drei Behandlungen mit Stromstößen ´geheilt´ entlassen werden, aber was soll´s. So entgeht er der teuren Privatbehandlung, denn ich finde heraus, daß ein Volt nicht ein Pfund kostet - der Nationale Gesundheitsdienst geht in diesem Fall wohl bis 10.000 Volt ... Und wo ich gerade dabei bin, ändere ich auch den ´Besuche erlaubt´-Eintrag - er wird die Ruhe brauchen. "Wo liegt das Problem?" will der PJ neugierig wissen. "Ich dachte, wir haben in diesem Vierteljahr keine Ausrüstung gestohlen?" "Haben wir auch nicht, aber eine sorgfältige Durchsicht der Bücher könnte an den Tag bringen, daß wir für einige Geräte zweifach bezahlt haben - einmal durch unsere Abteilung und einmal durch die Abteilung, für die die Technik bestimmt war. Das war, als sie die Kostenstellen neu verteilt haben und niemand genau wußte, wer für welche Technik bezahlt hat ..." "Also haben sie das Geld genommen?" "Nein, nein - das hätte nur die Aufmerksamkeit auf uns gelenkt. Nein, ich habe die doppelte Anzahl der Geräte bekommen und die überzähligen dazu genutzt, die Ausrüstung in der Datenverarbeitung zu aktualisieren." "Die Datenverarbeitung, in der nur Frauen arbeiten? Die ihnen die Geburtstagsgrüße und den Kuchen geschickt haben?" "Könnte sein ..." "Mit der Einladung zu einem Geburtstagsumtrunk?" "Ja, das könnte sein. Ich glaube, da war etwas ..." "Der Tag, an dem sie verspätet mit einem Taxi zur Arbeit kamen, in dem auch einige der erwähnten Frauen saßen?" "Ja, ja. So war es! Und was ist schlimm daran?" "Oh, nichts." murmelt der PJ und marschiert nach draußen. Und wer erscheint wohl am nächsten Tag wieder bei uns? Der Chef! Gemessen an seinen glasigen Augen hat er die dem NHS-Budget entsprechende Dosis Elektrizität abbekommen, was bedeutet, daß er gar nicht so verrückt ist, wie alle anderen immer behaupten. Er ist, wie das Schicksal so spielt, in Signierlaune - wenn man seine Hand und seinen Arm hält und ihm den Stift wegnimmt, bevor er darauf herumkauen kann. Also schreiben wir seiner persönlichen Assistentin eine hübsche Beurteilung und geben ihr noch zwei Wochen. Für die Datenverarbeitung bestellen wir gleich noch eine ganze Ladung gasgefederter Bürosessel, denn schließlich hat der PJ bald Geburtstag ... Soweit so gut, ich schließe den Stuhl des Chefs wieder an die Spannungsversorgung an ... Das Ziel des Spieles ist es, den Chef zu treffen, doch der pariert, indem er die neue Frau an der Seite des IT-Chefs den Einkauf erledigen läßt ... Das ist wirklich erbärmlich! Nachdem ich die Invasion der persönlichen Assistenten erfolgreich abgewehrt habe, bin ich eigentlich geneigt, die Friedenspfeife zu rauchen. Bis, und das ist wirklich traurig, der IT-Chef, ausgerüstet mit Designer-Handy, Laptop und einem brandneuen Firmen-Kabriolett, die ehemalige Assistentin des Chefs zur neuen ´Managerin´ ernennt, die sich um die Kommunikation in der Chefetage kümmern soll. Ich bin wirklich sicher, daß diese Beförderung nichts mit den langen Ausflügen der genannten Frau zusammen mit dem IT-Chef im erwähnten Firmenwagen zur Mittagszeit zu tun hat. Denn es ist ja ganz offensichtlich, daß ihre zweitägige Erfahrung in ihrer vorherigen Position ausgereicht hat, sie für die IT-Abteilung zu qualifizieren. "Sie ist ausgezeichnet!" ruft der Chef und verteidigt seine ehemalige Assistentin. "Ausgezeichnet!" erwidere ich. "Wenn sie mehrmals die Anzahl ihrer Backen zählen würde, käme sie jedesmal auf ein anderes Ergebnis ..." "Sie muß aber etwas über die IT wissen, wenn sie diese Stellung bekommen hat!" erwidert der Chef und ignoriert meinen Kommentar. "Natürlich ... Und wie lange brauchte sich doch gleich, um ihren Arbeitsplatz-PC einzuschalten?" "Der Schalter ist ja auch schwierig zu finden!" antwortet er mit der Loyalität eines Terriers. "Ja - der Schalter ist wirklich irreführend deutlich an der Vorderseite des Rechners angebracht ..." Der Chef sieht ein, daß seine Argumente schneller als die Titanic versinken und sucht das Weite. Da das Problem nicht gelöst wurde, erwarte ich die schlimmsten Dinge für die Zukunft ... Meine Befürchtungen werden bestätigt, als sie eine Ladung Netzwerk-Computer zu Sonderpreisen bestellt. Diese jämmerlich recherchierte Entscheidung hat die offizielle Genehmigung bekommen, und ich soll nun mein technisches Einverständnis erklären. Schneller als der normale Nutzer ´Wo sind meine Daten?´ sagen kann, stopfe ich die Papiere in den Aktenvernichter. Der Chef erscheint beinahe etwas schneller in unserem Büro. "Diese Netzwerk-Computer sind großartig!" sagt er. "Sonya hat uns das gerade vorgeführt." "Wirklich? Ich kann nicht sagen, daß ich dem zustimme, aber was soll´s, was gut für Amsterdam ist, ist wohl auch gut für London!" rufe ich. "Nein. Ich meine, sie hat uns umgedreht, wirklich überzeugt." "Also sind sie alle käuflich? Ich würde nicht so bald kündigen, wenn ich sie wäre!" "Ich rede über Netzwerk-Computer!" schnappt er. "Natürlich. Und ihre Käuflichkeit?" "Es gibt keine Käuflichkeit!!" "Natürlich nicht! Die Wände haben Augen und Ohren", murmelt der PJ zwinkernd. Der Chef gibt auf und faßt sein Gerede zusammen ... "Wie auch immer, diese Netzwerk-Computer sind wie PCs - nur ohne Disketten und Festplatten." verkündet er. "Sie booten nicht?" fragt der PJ. "Nein!" antwortet der Chef. "Sie laden alles von einem Server." "Wie die dummen Terminals, die wir vor zehn Jahren hatten. Immerhin haben sie ja jetzt Grafik- und Tonfähigkeiten." "Uh ... nein, schneller und in Farbe!!" "Sie meinen, wie die X-Terminals, die wir vor drei Jahren ausgemustert haben?" frage ich. "Uh ... nicht genau." "Also ist ein Arbeitsplatzrechner, der von einem Server abhängig ist, besser, als ein Rechner, der auch ohne Server funktioniert?" "Hm ... weil wir die Technik nicht aufrüsten müssen!" "Niemals?" "Nein, das ist wie bei einem Farbfernseher!" stößt der Chef triumphierend hervor. "Wenn sie erst einmal einen haben, müssen sie sich keinen neuen mehr kaufen, weil alles, was sie brauchen, von den Sendern kommt." "Auch nicht, wenn die Programme diese neuen Möglichkeiten wie Nicam Stereo, Dolby Surround oder Widescreen nutzen?" "Uh ... nein ..." "Und wenn es neue, schnellere Prozessoren, bessere Mäuse, Scanner und Programme gibt, die sie nutzen?" "Wissen sie, wir kaufen ein paar dieser Netzwerk-Computer, also unterschreiben sie!" schreit der Chef schließlich, als ihm gegen meine Logik keine Argumente mehr einfallen, und zaubert aus dem Nichts eine Kopie der Bestellung hervor, die ich dem Zerkleinerer anvertraut hatte. Nun, warum auch nicht. Ich schreibe eine Unterschrift auf das Papier. Natürlich nicht meine, aber wen interessiert das schon? Den Chef vielleicht, sollte jemand auf die Idee kommen, den Vorgang zu prüfen, doch, wie gesagt, wen interessiert das schon ... "Und weil sie die gleiche Technik nutzen sollen, wie ihre Nutzer, werde ich ihnen auch ein paar Netzwerk-Computer schicken." fährt der Chef fort. BASTARD! Als die Lieferung kommt, werden Testrechner über die verschiedenen Abteilungen verstreut, der PJ und ich bekommen die für uns bestimmten, so daß die Schlacht beginnen kann! Die Möglichkeiten zur Fernwartung der Netzwerk-Computer sind großartig, besonders dann, wenn man die Rechner ferngesteuert zum Neustart veranlassen kann. Ich versehe die Monster in Netzwerk-Doom mit den Gesichtern der Nutzer und sorge dafür, daß ihr Rechner neugestartet wird, wenn sie getroffen werden ... Ich rufe die betreffenden Nutzer noch an und informiere sie über die Chancen, die sie, da sie das Spiel ja vom Server laden müssen, haben, wenn sie nur die Pistole nutzen können, wobei sie mit der Munition besonders sparsam umgehen sollten, denn Nachschub gibt es für sie nicht. Natürlich, manche Erbsenzähler werden richtig gute Pistolenschützen, wenn es von ihrer Schießkunst abhängt, ob sie die Tabelle, an der sie zwei Stunden saßen, auch speichern können (ein weiterer kleiner Eingriff in das Programm auf dem Server). Am Freitag trudeln die Testergebnisse ein. Zu meiner Überraschung sind die Netzwerk-Computer nicht sehr beliebt, so daß sie wieder durch normale PCs ersetzt werden. Oh, 327 Tote gab es übrigens ... Der Chef bekommt eine Verwarnung, weil er die Bestellung unterschrieben hat, die kleine Helferin des IT-Chefs dagegen eine Gehaltserhöhung (ihr Lohn scheint wohl an spezielle Vorführungen gebunden zu sein) und der PJ und ich freuen uns wieder über normale Zustände. "Ich denke an eine PC-Version dieses Spiels", kommentiert der PJ später. "Sie meinen das gleiche Spiel, nur sollte es den Pentium-Fehler ausnutzen, um die PCs zum Stehen zu bringen?" "Sie haben auch schon daran gedacht?" "Nicht nur das, ich habe es auch schon installiert und warte nun auf Gegner ..." Seufz. Schon wieder so ein anstrengendes Gemetzel ... p.s.: gewisse ähnlichkeiten zu einer vorhergehenden episode sind unübersehbar, aber anscheinend doch gewollt. jedenfalls habe ich meine dateien einer sorgfältigen prüfung unterzogen, um irrtümer auf meiner seite auszuschließen .... Die ´Millenniums-Bombe´ hat nichts mit der zu tun, die den Chef nach nur einem Bier dazu bringt, die Tarnung des B.O.F.H. auffliegen zu lassen ... Ich sitze in einer Besprechung, in der ein amerikanischer ´Experte´ für das Jahr 2000-Problem seinen Vortrag hält. Ich bin weit davon entfernt, jemandem vorzuwerfen, daß er seine Chance erkannt hat und nun scheinheilig mit beiden Händen das Geld scheffelt, aber er hätte seinen Vortrag immerhin etwas unterhaltsamer gestalten können. Doch der ist ungefähr so langweilig, wie das Beobachten des Trocknens von Nagellack. Was ich zufällig gerade mache - nämlich auf den Fingern einer attraktiven jungen Systembetreuerin neben mir. Bis zur üblichen Zeit für den Morgentee - als ihr Verstand erwacht und sie davonläuft. Das ist das Problem unserer Zeit - niemand hat mehr Pflichtgefühl. Abgesehen vom Chef natürlich, der mich dabei erwischt, wie ich mich ebenfalls davonstehlen und den Pub aufsuchen will, in dem wir uns treffen wollen. "Beeilen sie sich!" ruft er. "Oder sie verpassen die Ausführungen über ..." (*blätterblätter*) "... die Notwendigkeit, in Cobol geschriebene Programme zur Datenbankabfrage neu zu entwickeln." Soweit es mich betrifft, gibt es für dieses Problem zwei Lösungsansätze für jeden jemals in Cobol programmierten Müll: a) Das "rm-rf"-Kommando, es sei denn das Betriebssystem dieser Zeit (vor RSI [Repetitive Strain Injury - thomas w.] und damit vor der Angst, noch vor dem Abschluß der Befehlseingabe zu sterben) versteht diesen Befehl noch nicht, dann muß er entsprechend durch "DELETE/ERASE/NO CONFIRM [...] *.*; *" ersetzt werden. Oder, mein ganz persönlicher Favorit: b) Eine Axt. Wie auch immer, da er gesehen hat, wie ich das Zimmer verließ, kann ich mich nicht im Pub sehen lassen, bevor der Chef eingeschlummert ist. Eine Viertelstunde später bin ich dann im Pub und plaudere über den erst jüngst getrockneten Nagellack auf den Fingernägeln einer Verantwortlichen für die Systemsicherheit. "Was machen sie eigentlich als Sicherheits-Ingenieurin?" frage ich und verwickle sie sofort in ein Gespräch unter Fachleuten. "Nun, ich kümmere mich um alle Aspekte der Sicherheit von Soft- und Hardware. Das schließt den Schutz der Privatsphäre ein wie auch die Gestaltung von Software und deren Test unter besonderer Beachtung der Aufgabe, daß keinem Nutzer irgendwelche Schäden durch ihren Einsatz entstehen - physisch, geistig wie auch finanziell. Es ist eine sehr interessante Aufgabe, bei der man immer auf dem neuesten Stand sein muß." Mein Gehirn schaltet sich ab, als ich versuche, meinen Kummer zu verbergen, den sie damit verursacht - und nicht nur, weil sie meint, die Nutzer seien wichtig. Mir ist gerade das schlimmste passiert, was überhaupt passieren kann. SIE IST DER ANTI-BASTARD! Sofort versuche ich, mich etwas von ihr zu entfernen, damit es nicht einmal zu zufälligen Berührungen kommt. Ich erinnere mich schließlich noch gut an meine Physikstunden, in denen es darum ging, was geschieht, wenn Materie und Antimaterie zusammentreffen ... "Und was machen sie?" fragt sie. "Nun, ich bin System- und Netzwerk-Administrator." "Und was führt sie zu dieser Jahr-2000-Veranstaltung?" fragt sie und erwartet eine vor Selbstlosigkeit und Sorge um die Nutzer triefende Antwort. "Nun, ich bin hier, um mich zu versichern, daß unsere Nutzer nicht mit potentiellen Problemen, die vor, während und nach dem Jahreswechsel auftreten könnten, zu kämpfen haben ..." antworte ich. Zugleich hasse ich mich dafür, daß ich solch ein Schleimer sein kann, während ich mir im Geiste dazu gratuliere, daß ich damit die erste Hürde auf dem Weg zu weiteren Vergnügungen genommen habe. Ich kann mir einfach nicht helfen ... "Wirklich?" fragt sie voller Freude, eine verwandte Seele in der Masse der Computer- und Netzwerkprofis gefunden zu haben, die sie zweifellos in der Vergangenheit kennengelernt hat. "Aber natürlich", erkläre ich. "Sie haben ja KEINE AHNUNG, wie lange mein Assistent und ich brauchen, um unseren Nutzern zu geben, was sie benötigen." Sie denkt an Händchenhalten mit den Nutzern, ich denke an einen Tritt in den Unaussprechlichen, aber das ist ja unaussprechlich, also lasse ich sie denken, was sie will. Zum Teufel mit den Physikern, sie müssen sich geirrt haben ... Wir plaudern noch eine Weile, doch dann weht der Nordwind einen unangenehmen Geruch herein, und der Chef tritt ein. Das kann nur eins bedeuten ... "Es gibt gar kein kostenloses Mittagessen!" ruft der Chef entmutigt. "Stimmt, ich dachte auch, hier bekäme ich eins", antworte ich und besänftige ihn, indem ich ihm ein Bier auf meine Kosten anbiete, um damit einerseits an sein ´Zusammengehörigkeitsgefühl´ zu appellieren, und andererseits, um seine bekannte ´Ein Bier - Ein Betrunkener´-Schwäche auszunutzen. Ich verstärke den Effekt noch mit einem doppelten Wodka, was bedeutet, daß er spätestens in 15 Minuten unter dem Tisch liegen sollte. Ich kehre von der Bar zurück, und der Chef läuft vor Gutmütigkeit geradezu über, weil ich ihm ein Bier spendierte. Nachdem er ein halbes Bier geschluckt hat, bemerke ich meinen fatalen Fehler. "Holen sie Wiesserdochgleich her!" ruft er an niemanden spezielles gewandt und sucht in seinem Mantel nach seinem Handy. Er findet es und ruft den PJ an, dem er einen überzeugenden Beweis seines Zustandes liefert. ARSCHLOCH. Nachdem ich meine letzten Chancen auf einen ruhigen Abend mit meinem Gast verspielt habe, schreitet der Chef auf dem Pfad der Vernichtung voran. "Dieser Kerl da ist großartig", ruft er voller Zuneigung zu mir. "Erinnern sie sich daran, wie dieser Nutzer es brandeilig hatte, freien Festplattenplatz zu bekommen? Sie haben ihm eine in der Mikrowelle aufgeheizte Festplatte in den Schoß fallen lassen!" Ich versuche, den Chef mit dem Geräusch umfallender Biergläser abzulenken, doch er kramt weiter in seinen Erinnerungen. "Oder als sie diesem Rechnungsprüfer erklärt haben, sein Bürostuhl wäre statisch aufgeladen, weshalb er ihn erden solle? UND SIE BRACHTEN IHN DAZU, SEINEN STUHL AN DIE STECKDOSE ANZUSCHLIESSEN! HA! HA! HA!" Und so kommt es, daß der PJ nur noch mich und den Chef antrifft, als er endlich kommt. Da der Chef nur noch halb bei Bewußtsein ist, brauche ich ganze 10 Sekunden, um den PJ einzuweihen. Ich kaufe dem Chef ein Abschiedsgetränk und schiebe ihn, zusammen mit dem Glas, in ein Taxi, das ihn heimbringen soll. "Ich muß sagen, daß sie das ziemlich gut wegstecken", sagt der PJ. "Vergeben und vergessen", rufe ich großmütig. "Aber davon einmal abgesehen, er dürfte etwa in diesem Moment erkennen, daß sein Getränk kein Bier ist." "Schnaps?" "Machen sie sich nicht lächerlich!" rufe ich. "Wir reden von einem warmen Milchshake mit Fischgeschmack - genau das richtige Getränk für einen empfindlichen Magen ..." Eine neue Kollegin namens Sharon, eine verbesserte Sicherheitsausrüstung und ein GPS-Sender sorgen dafür, daß der B.O.F.H. den Sonnenuntergang bei Tequila genießen kann ... "Ja, wir kennen uns schon", erklärt die neue Kollegin, als sie zusammen mit dem Chef unser Büro betritt. "Wir haben uns auf der Veranstaltung zum Jahr 2000-Problem in der vergangenen Woche kennengelernt. Können sie sich nicht daran erinnern? Sie habe ich doch beim Mittagessen kennengelernt." "Mein Erinnerungsvermögen an bestimmte Ereignisse ist ... ein wenig schlecht." murmelt der Chef. "Ja", unterbreche ich ihn. "Bedauerlicherweise wurde er anscheinend von einem wütenden Taxifahrer angegriffen, nachdem sich zwei Biere, ein Teller Chips und ein Fisch-Milchshake auf dem Beifahrersitz wiederfanden, nachdem sie sich im Magen des Chefs aufgehalten hatten." "Sei es wie es sei", ruft der Chef und will die Herrschaft über das Gespräch wieder an sich reißen. "Sharon hat angerufen und uns angeboten, unsere Systeme auf potentielle Risiken zu untersuchen - sie wissen schon, die Haftung der Firma, Software und Hardware-Fehler, die zu Verletzungen oder anderen Unfällen führen können, die Sicherheit insgesamt und so weiter." Wie nett von ihr. "Wie auch immer", fährt der Chef fort. "Ich bin sicher, sie werden Sharon bei allem unterstützen, was sie tut. Für uns wird es Zeit, den IT-Chef zu besuchen." Der Chef und unsere neue Sicherheitsberaterin verlassen das Büro in Richtung des Büro des IT-Chefs, während der PJ herbeiflitzt. "Was hat das zu bedeuten?" fragt er und erinnert sich daran, welche Rolle der Chef dabei gespielt hat, mich und Sharon auseinanderzubringen. Dank seines Verhaltens wird es mich einige Anstrengungen kosten, Sharon wieder etwas näher zu kommen. "Ich bin mir nicht sicher", antworte ich. "Aber ich denke, es bedeutet Ärger." Am nächsten Tag wird die Wahrheit meiner Vermutung bewiesen, denn Sharons Analyse der Liste der Arbeitsunfälle markiert geradezu blutig, daß die System- und Netzwerk-Betreuung ein sehr gefährliches Terrain ist. "Diese Vorfälle hätten sich mit entsprechenden Detektoren vermeiden lassen", ruft sie und findet die größte Fehlerursache heraus, die schon mehr als einen Ingenieur erst in den Kabelschacht fallen und dann bei der Sanitäterin aufwachen ließ. (Während der PJ und ich seine Ausrüstung durchwühlten.) "Ah, nein, wir benutzten einen anderen Detektor für Löcher im Boden", sage ich und deute auf ein Strommeßgerät auf dem Tisch. "Fäkalien und Urin - wenn jemand die Kontrolle über seine Körperfunktionen verliert, wird der Strom unterbrochen." "Das ist doch lächerlich", ruft Sharon. "Aber davon abgesehen - sie können das doch niemals testen." "Ich teste es jeden Monat." ruft der PJ entrüstet. "Das tut er wirklich." stimme ich ihm zu. "Er ißt eine Schüssel Bohnen und dann testet er das Meßgerät, wenn seine Verdauung dazu bereit ist." Da sie dieses Thema nicht weiter vertiefen will, verschwindet Sharon, um herauszufinden, weshalb der Warenaufzug in der 6. Etage wartete, während der PJ in der 5. Etage einen Wagen voller Nutzer-Technik durch die geöffneten Türen des Aufzugs rollen ließ. Ich könnte ihr sagen, daß das unsere Standardprozedur ist, um den Chef davon abzubringen, unsere Dienste als Umzugshelfer anzubieten, statt etwas über PLU-Controller zu murmeln, die von Nägeln in der Wand beeinflußt werden. Am Ende des Tages ist Sharon zu den von mir gewünschten Schlußfolgerungen gekommen - unsere Ausrüstung braucht eine Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen. Diese Erkenntnis, die noch kombiniert wird mit ein paar Hochglanzmagazinen über ´Systemsicherheit´, die der Chef in seinem Briefkasten gefunden hat (die die Vorteile einer ganz bestimmten amerikanischen Firma hervorheben), ist für den Chef mehr als ein Wink mit dem Zaunspfahl. "Ich glaube nicht, daß wir das alles benötigen", erklärt Sharon, nachdem sie den Plan des Chefs gehört hat. "All das, was wir brauchen, finden wir auch hier." "Wir sollten alle Optionen betrachten", ruft der Chef, der nicht geneigt ist, auf eine Vergnügungsreise in die USA zu verzichten. Plangemäß versucht er, unsere Zustimmung zu seinen Vorstellungen zu gewinnen, indem er uns alle zu dieser Reise einlädt, um ´alle technischen Bereiche abzudecken´. Und der Chef weiß es schließlich am besten. Das Flugzeug hebt ab, und der PJ und ich machen uns ASAP über die Drinks her, während Sharon in die Business-Class geht, um dem Chef weitere Gefallen zu tun. "Ich verstehe das nicht", sagt der PJ. "Wieso?" erwidere ich. "Wenn sie etwas haben wollen, dann ist es immer gut, wenn sie dafür sorgen, daß jemand anderes es ´aus technischen Gründen´ fordert, denn dann sieht es legitimer aus, als wenn sie es selbst gefordert hätten. Handys, Laptop, wünschen sie sich etwas!" "Was werden wir tun, wenn wir angekommen sind?" "Ich habe vor, Tequila in einer Strandbar zu trinken." "Ich glaube nicht, daß es in Ohio Strände gibt." "Ohio?" rufe ich. "Wir fliegen nicht nach Ohio. Nicht nach der Entführung." "Sie wollen das Flugzeug entführen?" flüstert der PJ. "Das können sie doch nicht tun!" "Natürlich." "Aber ..." "Oh, keine Angst, Waffen werden wir nicht brauchen. Nur den ersten Titel dieser CD", sage ich leise und deute auf meinen tragbaren CD-Spieler. "Das ist ein CD-Spieler!" "Scheinbar, ja, aber es ist auch ein ... ein kleiner GPS-Sender." "Sie wollen das Navigationssystem des Flugzeugs manipulieren?" "Ich ziehe die Bezeichnung ´kleine Berichtigung des Kurses´ vor. Dieses kleine Gerät wird in Kürze damit beginnen, Signale auszusenden, um so langsam aber sicher den Kurs zu verändern, denn sonst würde der Pilot etwas merken." "Damit kommen sie nicht durch!" flüstert der PJ ängstlich. "Natürlich. Habe ich sie jemals belogen?" "Oh, in der vergangenen Woche sagten sie, daß sie den Strom abgeschaltet hätten, als ich die Sicherungen austauschen wollte. Und in der Woche davor sagten sie mir, daß alle Abdeckplatten auf dem Kabelschacht von innen Griffe hätten, so daß es völlig in Ordnung sei, sie von innen zu schließen." ' "Ich habe sie doch wieder herausgeholt, oder?" "Nachdem sie all das Bier getrunken hatten, das ich im Schrank des Chefs fand." Und so kommt es, daß ich in Südamerika an einer Bar sitze und Tequilas trinke, während der Chef versucht, uns einen Rückflug in die Zivilisation zu organisieren. Und Dank meiner selbstlosen Bemühungen, bei der Rettung des Flugzeugs zu helfen, nachdem der Treibstoff knapp wurde, ist Sharon nun meine neue beste Freundin. Um der Langeweile der Routine zu entgehen, meldet sich der B.O.F.H. freiwillig für die Nutzer-Betreuung. Doch ist er noch clever genug, es mit den Problemchen der Nutzer aufnehmen zu können? Es ist ein ruhiger Nachmittag, als der Chef betont unauffällig hereinschlendert und zu meinem Tisch schleicht. "Ich wollte ihnen nur sagen, daß ich die kleine Verwechslung im Dienstplan der Nutzer-Betreuung berichtigt habe." murmelt er leise. "Welche Verwechslung im Dienstplan?" will ich wissen. "Oh, irgendein Witzbold hat ihren Namen auf den Dienstplan der Nutzer-Betreuung gesetzt, wenn diese ihr Wochenende zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls abhält." "Stimmt. Das war ich. Ich glaube, ich fange in der Mittagszeit an und arbeite dann bis fünf Uhr, wenn ich mich nicht irre. Ich freue mich schon darauf." "Ah!" ruft der Chef und reißt blitzschnell sein Handy aus der Tasche, um per Schnellwahl die Versicherung der Firma anzurufen. Der PJ wirkt verunsichert - es gibt in der Nutzer-Betreuung keine Technik mehr, die uns begehrenswert erscheint, da wir alles brauchbare mitgenommen haben, als der Sicherheitsdienst die ausgefallenen Überwachungskameras reparieren ließ. Die Wahrheit ist - ich langweile mich. Langeweile, Langeweile, Langeweile. Und deshalb beherzigte ich den Ratschlag, daß ein kleiner Ortswechsel die gleiche Wirkung hat wie ein Urlaub, als ich mich für einen vierstündigen Aufenthalt in der Schaltzentrale der Idioten einschrieb. Und nebenbei will ich herausfinden, ob ich es noch schaffe, den Nutzern, die mich wegen irgendwelcher Probleme mit ihren Programmen anrufen, die richtigen Antworten zu geben. Der nächste Tag bricht an und pünktlich nach dem Mittagessen steuere ich direkt die Nutzer-Betreuung an, um mein Bestes zu geben. Natürlich für unsere Nutzer. Und um ehrlich zu sein, es ist nicht einmal halb so schlimm wie ich annahm - es ist sogar himmlisch ruhig. Und so schließe ich sogar die Telefone wieder an, worauf die Warteschlange mir drei Anrufe meldet. Ich wähle zufällig einen aus und melde mich. "Hallo, wissen sie, mein Rechner raucht ein wenig und es riecht verbrannt. Als ich ihn heute einschaltete, gab er schon so komische Geräusche von sich. Sollte ich ihn nun besser ausschalten?" "Nein. Machen sie sich keine Sorgen - wir hatten heute ein paar Ausfälle in der Systembetreuung, wo wohl ein paar Sicherungen eines Servers durchgeschmort sind, der Rauch und der Brandgeruch dürften durch den Kabelschacht zu ihnen gekommen sein." "Gibt es etwas, das ich tun sollte?" "Nein, eigentlich nicht. Ich würde an ihrer Stelle die Bürotür schließen und zum Nachmittagstee gehen, bis der Rauch sich verzogen hat - etwa eine Stunde, schätze ich." "Halt, warten sie! Wieso ist nichts mit den anderen Rechnern passiert?" "Weil sie gerade mit dem Backup-Server ihrer Abteilung verbunden sind, der heute die Probleme mit den Sicherungen hatte." "Oh, natürlich!" stimmt mir der Anrufer beinahe begeistert zu, bedankt und verabschiedet sich in eine frühe Pause. Da ich jetzt nur noch über begrenzte Zeit verfüge (bis der Feueralarm die Sprinkler auslöst), entschließe ich mich, die letzten beiden Anrufe so schnell wie möglich zu bearbeiten. "Hallo", zwitschert eine Sekretärin aus der PR-Abteilung. "Immer dann, wenn ich eine E-Mail abschicke, meldet das Programm etwas über Probleme mit diesem DNS-Zeug." "Stand da etwas wie ´DNS Zuordnungsfehler´?" "Ja ... ich glaube, das stand da." murmelt sie. "Oh, meine Liebe", seufze ich. "Das tut mir aber leid." "Was, was ist?" "Sie meinen, sie wissen das nicht?" "Nein, was?" "Nun, DNS steht für Datenbank der Namen und Saläre." "Das verstehe ich nicht." "Nun, wenn sie nicht der Datenbank zugeordnet werden können, wenn sie eine E-Mail verschicken wollen, dann kann das nur bedeuten ... nun, sie sind wohl gefeuert. Oder man wird sie demnächst noch entlassen." "Aber ich bin doch erst seit ein paar Monaten hier!" "Ja, aber ich wette, sie haben ihren Chef verärgert, als sie es ablehnten, ihn zum Mittagessen zu begleiten, oder?" frage ich und deute dabei nur die Aufreißerklamotten und das Cabrio ihres Chefs richtig. Und seine aufdringliche Art, sich um die vermeintlichen Probleme der weiblichen Belegschaft zu kümmern. Nicht daß ich eifersüchtig wäre, aber ... "Aber das konnte ich doch nicht machen, weil ich mich um die Rechnungen von der Bank kümmern mußte!" schnieft sie zutiefst verunsichert. "Nun", antworte ich freundlich. "Soweit ich sie kenne, war es angenehm, mit ihnen zu arbeiten ... Ich werde sie vielleicht ein wenig vermissen, es sei denn ...." "Es sei denn was?" "Nun, sie könnten sich in der Personalabteilung darüber beschweren, daß er ihnen damit gedroht hat, sie zu feuern, wenn sie nicht ... nun, sie wissen schon." "Was? Was?" "Naja, seine Ausrüstung bewundert haben, sozusagen ..." "Was!" "Nun, es liegt bei ihnen. Wenn sie warten, bis sie gefeuert werden, dann wird jeder denken, sie suchten nach Ausreden. Wenn sie sich aber jetzt schon beschweren und nichts über die DNS-Sache verlauten lassen, werden alle denken, ihre Vorwürfe würden stimmen." "Glauben sie, daß das funktionieren kann?" "Ich denke schon. Es wäre ja nicht gerade eine Premiere, wissen sie. Sie hätten dabei nur mehr Glück als ihre Vorgängerinnen ..." "Ich glaube, sie haben recht. Gut, ich werde es so machen. Vielen Dank für ihren Rat." "Keine Ursache, dafür sind wir ja da." erwidere ich und wende mich dem dritten Anrufer zu, während ich dem PJ mit Gesten zu verstehen gebe, er solle schon einmal die ´Kündigung´ des Chefs der PR-Abteilung vorbereiten. "Hallo, mein Linux scheint die CD im Laufwerk nicht mounten zu wollen. Es verlangt, daß ich die CD ´read only´ mounte. Welchen Parameter muß ich dazu angeben?" "Linux basiert auf einem Hardware-Schreibshutz. Sie müssen die CD selbst mit einem Schreibschutz versehen." "Was? Davon habe ich noch nie gehört!" "Nun, die meisten Betriebssysteme machen das tatsächlich mit spezieller Software, doch Linux arbeitet mit einer offenen hardwarebasierten Cache-Technologie", antworte ich und überzeuge ihn mit ein paar Schlüsselworten von der Richtigkeit meiner Ausführungen. Mit anderen Worten: *DUMMY MODUS EIN* "Und was soll ich tun?" "Machen sie einfach ein drei Millimeter großes - aber nicht größer! - Loch in die CD. Genau in der Mitte zwischen dem Rand und dem Loch in der Mitte. Dort wird nämlich der Schreibschutz erwartet. Aber denken sie daran, daß das Loch nicht größer sein darf und genau in der Mitte liegen muß, da sie sonst auch den Leseschutz aktivieren könnten." "Oh ... In Ordnung ..." Er legt auf, ohne danach zu fragen, wieso jemand lesegeschützte CDs benutzen sollte, und entgeht damit meiner Erklärung der WORN-Technologie (Write once, never read - wie bei den normalen Disketten). Als der Feueralarm dann losgeht, blicke ich auf meine Tagesleistung zurück: früherer Feierabend wegen eines Feuers, ein eitler Gockel weniger und ein übertölpelter UNIX-Fanatiker. Ja, ich glaube, ich kann es noch! Wird der B.O.F.H. den RoboChef auch beim diesjährigen Gladiatorenkampf mit den Jungs aus der Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung einsetzen? Oder wird ein mutierter Flurpolierroboter das Derby gewinnen? Es ist wieder soweit! Die Netzwerk- und Systembetreuung gegen die Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung. Nein, kein simpler Wettkampf darum, wer das meiste Abführmittel in den Wasserspender des anderen Teams schmuggeln kann - auch wenn das ein Riesenspaß ist, wenn man jemanden in der Fabrik kennt, in der das Mineralwasser abgefüllt wird. Nein, es geht um ein Spiel für echte Könner - einen Roboterkrieg! Der PJ und ich liefern uns jährlich die Schlacht mit den Leuten aus der Abteilung für Forschung und Entwicklung. Die Regeln sind einfach: beide Teams treten mit einem oder mehreren Robotern, die selbständig den Weg durch ein recht einfaches Labyrinth finden müssen, das aus Räumen und Gängen im Kellergeschoß besteht, an. Der PJ ist wirklich begeistert, da dies sein erster Roboterkrieg ist.. "Das ist also eine jährliche Veranstaltung?" will er wissen, während er mit mir an unserem mechanischen Teilnehmer schraubt. "Seit dem vergangenen Jahr." "Ich kann mich gar nicht daran erinnern." "Natürlich nicht, sie waren ja auch nicht da." "Was?" "Auf einer Vergnügungsreise." "Oh, und wie haben wir abgeschnitten?" "Nun, wie ich das beurteile, haben wir fair und überzeugend gewonnen - keiner der sieben Roboter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung war schließlich noch im Spiel, trotzdem gab es wohl einige Proteste wegen meines Roboters." "Warum?" "Aaaahhh, weil es eigentlich der Chef war, dem ich eine Autoantenne auf den Rücken gebunden hatte, der sich auf der Suche nach seinem neuen Laptop in der Dunkelheit des Kellergeschosses verirrt hatte." "Und er hat gewonnen?" "Ja, dabei gab es gar keinen Laptop; und als seine Begeisterung abnahm, habe ich das Licht aus- und den Feueralarm eingeschaltet, was seine Geschwindigkeit dramatisch erhöhte." "Und worüber haben sie sich beschwert?" "Nun, da gab es eigentlich zwei Beschwerden - erstens, weil der Chef blindlings herumtappte und dabei ihre Roboter zerstörte (was uns freilich dabei half, den Wettbewerb zu gewinnen) und zweitens, weil der Chef gar kein Roboter war." "Und was ist passiert?" "Ich habe ihnen bewiesen, daß er, unter Berücksichtigung aller notwendigen Fakten, ein Roboter war - er verfügt über einen endlichen Vorrat an einfach auszuführenden Befehlen und man muß ihn mit Informationen füttern, ohne die er nicht selbständig handeln kann ..." "Stimmt. Und weshalb lassen wir ihn in diesem Jahr nicht wieder antreten?" "Hm. Nun, die Regeln sind in diesem Jahr etwas strenger. Der Roboter muß auf dem Prozessor basieren, den die Abteilung Forschung und Entwicklung für diese automatischen Polierroboter entwickelt hat." "Die Roboter, die in der Nacht auf zufälligen Routen durch das Gebäude huschen?" "Genau die." "Und wofür ist all dieser Müll?" fragt er und deutet auf den Haufen Elektronik, der für die Eröffnung eines eigenen Geschäfts ausreichen würde. "Nun, zum diesjährigen Kampf gehört ein Demolierwettbewerb, der überlebende Roboter wird zum Gewinner erklärt. Und ich denke mir, je größer der Roboter ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß er am Ende noch mobil ist." "Also benutzen wir dieses große Regal auf Rädern?" "Ja. Erstens wird es vor dem Wettkampf nicht besonders auffallen und zweitens fordern die Regeln, daß die Stromversorgung durch Batterien erfolgen soll. Und ich brauche eine Menge Energie, um die rotierenden Sägeblätter zu betreiben. Und drittens ist es ein über ein Meter langes Fahrgestell, das den Wettkampf einfach gewinnen muß, reichen doch die größten Roboter der anderen nur etwa bis zu seiner halben Höhe." "Wo haben sie all die Batterien her, die sie dafür brauchen?" "Oh, die habe ich in der vergangenen Nacht von der Unterbrechungsfreien Stromversorgung geborgt." "Hat das niemand bemerkt?" "Nein, ich habe die USV abgeschaltet - da kann es auch keine Fehlermeldungen geben. Wie auch immer, jetzt muß ich nur noch diesen Prozessor mit dem modifizierten Programm zur Navigation durch ein Labyrinth und die Batterien einsetzen. Und noch ein wenig Ballast ..." "Zauberhaft!" Drei Nächte später treffen wir im Keller die Jungs aus der Forschung und Entwicklung, die ihre Roboter vorbereiten, während wir auf unserem sitzen. Einiges Geld scheint in einem Roboter mit dem Namen "Reggie" zu stecken, da er besonders schnell um die Ecken flitzen kann. "Ich schätze, damit haben sie einen Punkt Vorsprung", murmelt der PJ, nachdem er eine Vorführung der Fähigkeiten des Roboters gesehen hat. "Er ist schneller in den Ecken als unser ´Kleiner´ jemals sein kann." "Au contraire!" antworte ich. "Sie vergessen zwei wichtige Punkte, die ich ihnen noch nicht mitgeteilt habe; mit den 20 USV-Batterien und den vier von jeweils einem Präzisionsmotor getriebenen Rädern ..." "Fünf ..." beginnt der Starter zu zählen. "... verfügt unser Teilnehmer über eine phänomenale Beschleunigung ..." "Vier ..." "Aber er kann trotzdem nicht so schnell wenden!" "Drei ..." "Das ist der zweite Punkt: mit all seinem Gewicht ..." "Zwei ..." "Ja?" "Eins ..." "... wäre es glatte Zeitverschwendung, als Favorit um die Ecken zu fahren ..." "Los!" Zehn Minuten später sind der PJ und ich auch schon in der Kneipe. Zugegeben, die Idee, den Roboter einfach durch die Wände rollen zu lassen, gehört wohl nicht zu den naheliegendsten, doch sie hat ihren Erfolg deutlich unter Beweis gestellt. "Wer hätte auch ahnen können, daß der Roboter Amok laufen würde und mit den rotierenden Sägeblättern die Hauptleitung der Energieversorgung durchtrennen würde?" frage ich den PJ. "Zumindest nicht ernsthaft", bestätigt der PJ und wedelt zufrieden mit der Siegprämie, die die Leute der Forschungs- und Entwicklungs-Abteilung in ihrer Panik vergessen haben ... "Er hätte doch auch das andere Team durch das Gebäude jagen können ..." "Nein, nein!" rufe ich. "Das heben wir uns als Überraschung für das nächste Jahr auf ..." Während der PJ Feuer und Flamme für Carole ist, legt jemand Feuer in der Außenstelle in Wales. Doch diese Vorfälle sind bedeutungslos gegenüber dem großen Meisterplan ... Es ist früher Morgen, als der Chef in ausgesprochen mieser Stimmung in das Büro platzt. "In Ordnung, wer von ihnen beiden hat dem Berater in unserer walisischen Außenstelle gesagt, sie könnten seine Datenbank-Dateien nicht aus dem Backup auf dem Magnetband wiederherstellen, da das Band zu kalt ist?" "Wie war das?" frage ich unschuldig. Und da mein Gewissen wirklich rein ist, kann das nur der PJ gewesen sein. "Wer hat den Walisern gesagt, sie sollten das Band erst in einem Toaster erwärmen, bevor sie die Datenbank mit den offenen Rechnungen wiederherstellen können?" "Ich habe keine Ahnung, wovon sie reden!" rufe ich und spiele die Rolle des Unschuldslamms weiter, wobei ich es natürlich vermeide, den PJ in irgendeiner Weise zu belasten. "Kommen sie mir nicht damit! Sie hätten beinahe die ganze Außenstelle in Brand gesteckt mit ihrem Vorschlag, einen Stapel Druckerpapier auf den Toaster mit dem Band zu legen!" "Das hätte ich niemals getan!" rufe ich. Insgeheim bewundere ich freilich den Einfallsreichtum meines Kollegen. Zehn Minuten später hat sich der Chef verkrümelt, und der PJ und ich sind wieder allein. "Gute Arbeit", wende ich mich an den PJ als ich sicher bin, daß uns niemand belauscht. "Wovon reden sie? Ich wollte gerade IHNEN gratulieren!" erwidert er. "Wollen sie damit sagen, daß sie es wirklich nicht waren?" "Nein!" beteuert er. "Aber wer zum Teufel war es dann?" frage ich mich laut. "Können wir das wirklich nicht herausfinden?" "Ach, machen sie sich darüber keine Gedanken, holen sie einfach die gestrigen Bänder aus dem Gesprächsrekorder, während ich mich um die Protokolle der Telefongespräche kümmere." "Welche Gesprächsprotokolle? Ich dachte, wir überwachen nur die Verhandlungen mit Lieferanten?" "Das ist das, was jeder glaubt, daß wir nämlich keine Gespräche überwachen - es ist ja auch unmöglich." "Und was glauben wir?" "Jeder Anruf, dessen Dauer, die angerufene Nummer und die Position auf den Bändern. Und was die Bänder angeht, die großzügige Anwendung der Lautstärkeregelung sorgt dafür, daß es so aussieht, als würden wir nur die Händler aufnehmen." "Und wie sieht es wirklich aus?" "Wir überwachen alle Anschlüsse bis auf einen ..." "Bis auf einen?" "Ja, den in unserem Büro, der als ´Faxmodem´ beschriftet ist und den wir für unsere privaten Auslandsgespräche nutzen." Eine knappe Viertelstunde später haben wir den Anruf aus Wales gefunden, und beim Abhören der Gesprächsaufzeichnung finden wir auch schnell heraus, daß der Bösewicht die zuletzt eingestellte Mitarbeiterin der Nutzerbetreuung ist - eine Mitarbeiterin, die beim Einstellungsgespräch alle Merkmale einer unterwürfigen Schleimerin gezeigt hatte, deren einziger Lebenszweck darin besteht, den Nutzern zu helfen. Ich rufe in der Nutzerbetreuung an, lasse mich mit ihr verbinden, stelle mich vor und spiele ihr den Mitschnitt vor. Eine plötzliche Stille am anderen Ende bestätigt meine Vermutungen, während der PJ die Datenbank der Personal-Abteilung durchsucht, um ihrem Namen ein Gesicht zu geben. "Ah, wenn sie gestatten, kümmere ich mich um die Sache", schlägt er plötzlich vor und dreht seinen Monitor so, daß ich ihn nicht sehen kann. Das hätte vielleicht funktioniert, wenn ich nicht PC Anywhere installiert hätte und ein Fenster auf meinem Desktop mir immer zeigen würde, was er sieht. Ein kurzer Blick darauf genügt, um den Grund für den erwachenden Altruismus des PJs zu erkennen. "Ich glaube, ich kann mich ebenso um den Monitor von Carole kümmern wie sie." Antworte ich. "Ihr Monitor ist nicht defekt!" ruft der PJ, der ernsthaft um die von ihm offenbar langfristig angestrebte Liebesbeziehung zu Carole fürchtet, wenn sie mich trifft. Ganz besonders, wenn ich auf ihre Fragen nach seinem Verbleib vielleicht sagen würde: "Einsatzbesprechung mit dem neuen Schönling aus der Nutzerbetreuung" ... "Nein, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Ich werde mich jetzt darum kümmern." "Sie Bastard!" murmelt er niedergeschlagen. "Durch und durch, in ihrem Home-Verzeichnis und in ihrer E-Mail!" rufe ich und beginne meinen Siegeszug zur Nutzerbetreuung. Ein kurzes Gespräch mit der besagten Frau läßt mich eine Blutsverwandte erkennen - ein technikverliebtes Lebewesen, das diese Arbeit nur angenommen hat, um die Rechnungen bezahlen zu können ... "Also arbeiten sie nicht gern mit den Nutzern?" "Besonders nicht mit denen aus Wales. Sie bekommen keine technische Unterstützung und ihre Ausrüstung hat noch immer die Aufkleber aus der Zeit der Arche Noah." "Ja, das ist unser System zur Wiederverwendung der Technik. Unsere veraltete Technik liefern wir nach Schottland, und sie schicken ihre ausgemusterte Technik nach Wales." "Das ist eine verdammte Schufterei, besonders dann, wenn sie einen Berater an der Leitung haben, der die beiden Enden eines Netzkabels nicht voneinander unterscheiden kann." "Aber es gäbe da eine Möglichkeit." antworte ich und schildere ihr meinen Plan ... Zwei Tage später liest der PJ die E-Mails des Chefs, als ... "VERDAMMT!" ruft er. "Diese Frau wird nach Wales versetzt! Sie müssen herausgefunden haben, daß sie für die Anrufe verantwortlich war. Das ist grausam." "Nein", erwidere ich. "Sie wollte die Versetzung. Wenn sie es erst einmal schafft, ihren neuen Arbeitsplatz etwas umzugestalten und die neue Technik eingerichtet hat, kann sie ihre Arbeit von London aus über das Netzwerk erledigen ..." Unser Gespräch wird vom Chef unterbrochen. "Ich dachte nur, ich sollte vorbeikommen und mich entschuldigen. Es hat den Anschein, daß ich etwas vorschnell war, als ich sie beschuldigte, die Filiale in Wales zu sabotieren." "Ach, wirklich?" antworte ich. "Ja, anscheinend ist der technische Berater dort ein Pyromane - die Leute vom Wachdienst fanden ihn in der vergangenen Nacht, wie er Feuerzeugbenzin in den Anwendungsserver sprühte. Er wollte sich tatsächlich damit entschuldigen, daß jemand aus der Nutzerbetreuung ihm etwas von einer zu niedrigen Betriebstemperatur für die CPU erzählt hat." "Schrecklich." "Ich weiß. Wie auch immer, ich wollte sie nur informieren", seufzt er und watschelt davon ... "Vorwärts WVBN!" rufe ich. "WVBN?" "Weltweites Virtuelles Bastard Netzwerk. Mein großer Plan!" "Uh-ohh ..." Der B.O.F.H. und der PJ nehmen an einer ´langweiligen´ Versammlung teil, bei der alle in Schweiß ausbrechen, und der Chef muß für die Ideen überhitzter Aktionäre büßen ... Der PJ und ich wurden gezwungen, an einer Aktionärsversammlung teilzunehmen, damit wie einspringen können, falls dem Chef schwierige technische Fragen gestellt werden, die er nicht beantworten kann (Beispielsweise: "Wo ist die Leertaste?"). Es gibt Wein und Knabbergebäck, damit die Aktionäre in guter Stimmung sind, damit sie die Dinge so sehen werden wie das gegenwärtige Management. "Hmm, ein 89er Cabernet Sauvignon, wenn ich mich nicht irre", höre ich einen Anzugträger der alten Schule zu meiner Linken sagen. "Ich glaube, es ist eher der 90er Jahrgang." gluckst sein Gesprächspartner wissend. "Wirklich?" platzt der PJ heraus. "Ich dachte, es war ein 88er Ford Grenada - die Ghia-Version mit Ledersitzen und der Holzverkleidung!" Man muß ihm verzeihen - er wird immer etwas unausstehlich, wenn er mehr als eine Stunde lang an einem solchen Treffen teilnehmen muß. Ich selbst werde auch schon etwas nervös ... Ich ziehe ihn von den Leuten weg und kümmerte mich gleichzeitig um die Klimaanlage (dank eines kleinen Senders, der in meinem persönlichen De-Organizer untergebracht ist). Innerhalb von zehn Minuten erhitzt sich das Gebäude und die menschliche Zurückhaltung der Aktionäre löst sich in Schweiß auf, während alle Versuche, die Klimaanlage wieder unter Kontrolle zu bringen, scheitern. (Aber das ist eben der Preis, den man zahlen muß, wenn man noch immer das Passwort für die Fernsteuerung nutzt, mit dem die Anlage ausgeliefert wurde.) Nach ein paar geflüsterten Gesprächen mit den Leuten vom Catering stimmt der Geschäftsführer allem zu, was die Aktionäre davon abhalten wird, wirklich unangenehm zu werden. Und wie es der Zufall will, finden wir 12 Kästen Bier, die im Kühlschrank auf die Siegesfeier des Yacht-Clubs der Firma warten ... Zwölf Kästen eiskaltes Bier später entwickelt sich die Aktionärsversammlung zu einem lustigen Beisammensein. Großzügig gestimmt haben die Aktionäre von der Geschäftsführung verlangt, die Löhne für alle Angestellten zu erhöhen - mit sofortiger Wirkung. Und da man das Eisen schmieden muß, solange es heiß ist, habe ich sie auch noch dazu gebracht, daß mir 100 "dringend benötigte neue PCs" mit "allem Zubehör" genehmigt werden. Der Chef, bekannt dafür, daß er nach einem Bier normalerweise zusammenklappt, verteilt Fotokopien seines Hinterns - zum Glück hat er noch seine Unterhosen an. Der Wachdienst wird vom ´Weitsprung-Wettberb´ alarmiert. (Ein Bürostuhl mit Rollen wird mit aller Kraft über eine geneigte Rampe - ein langer Tisch, dem an einem Ende die Tischbeine abgebrochen wurden - nach oben gestoßen.) Ein ´herrenloser Bürostuhl´ widerstand nach seinem fulminanten Start den Versuchen zweier Fenster, ihn zu stoppen - einem Fenster im Beratungszimmer und einem Fenster in einem unten abgestellten Taxi. Am nächsten Tag brodelt die Gerüchteküche - alle wissen, wem sie die Lohnerhöhung zu verdanken haben. Der PJ und ich fühlen uns wie Robin Hood und nehmen voller Bescheidenheit die Danksagungen entgegen. Lao Tsu wäre stolz auf uns. Doch unser Ruhm hält freilich nicht lange an, da es eine Notfall-Versammlung der Aktionäre gibt, die die Fehler der vergangenen Nacht wieder berichtigt. Das ist schlimm. Die Annullierungen kommen schnell herein, und wir kommen gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie unser Plan zur Anschaffung neuer Technik in den Fluten versinkt. "Ah", werfe ich ein, als dieser Punkt angesprochen wird. "Das ist jetzt vielleicht kein guter Zeitpunkt, doch ich habe die genehmigten Rechner schon in der Nacht bestellt." "Dann machen sie die Bestellung eben wieder rückgängig!" rät eine Stimme. "Dann müssen wir eine Vertragsstrafe von 10 Prozent zahlen ..." Zehn Prozent sind weniger als hundert Prozent Verlust, also werden wir beauftragt, die Bestellung rückgängig zu machen. "Aber sie haben doch noch gar nichts bestellt!" platzt der PJ heraus, der genau weiß, daß das einzige, was ich in der vergangenen Nacht noch geregelt habe, ein Disput mit der Drehtür war, die mich auf dem Weg zum Taxi aufhielt. "Nein, nein, aber wenn ich 10 Rechner bestelle, die auf der Rechnung als ´Vertragsstrafe für Vertragsrücktritt´ deklariert sind und nach Wales geliefert werden ..." "Oh!" ruft der PJ. "Das Weltweite Virtuelle Bastard Netzwerk rückt näher!" "Was für ein Weltweites Virtuelles Bastard Netzwerk?" fragt der Chef und erscheint im Büro. "Weltweites Virtuelles Bastard Netzwerk?" frage ich unschuldig. "Ja ... über das sie gerade sprachen." "Oh, sie meinen das Weltweite Virtuelle Bargeldkarten Netzwerk?" frage ich und klammere mich an den erstbesten Strohhalm. "Für ... elektronischen Handel?" "Nein, ich denke, daß ich es richtig verstanden habe. Sie haben diese neuen Rechner für ein globales Netzwerk nach ihren eigenen Vorstellungen bestellt. Ich glaube, die Aktionäre werden sich sehr dafür interessieren." Ich bin schockiert. Der Chef, der normalerweise kaum zwei und zwei zusammenzählen kann ohne auf eine Zahl unter 22 zu kommen, hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Er weiß zuviel. Während ich an meinem De-Organizer herumfummle, fordert der Chef den PJ auf, sich vom Netz abzumelden und uns in das Beratungszimmer der Geschäftsleitung zu begleiten. Um klaustrophobischen Anfällen vorzubeugen, empfehle ich die Treppen für den Weg nach oben. Zehn Minuten und drei Etagen später keucht der Chef und verlangt vor dem Beratungszimmer eine Pause. Er hat wohl sein Asthmaspray verloren, das die Treppen nach unten fiel, als der PJ ihn unglücklich anstieß. Wir öffnen die Tür und betreten den Raum. "Sie schickt der Himmel!" keucht jemand, als die Hitzewelle uns trifft. "Die Tür konnte nicht von innen geöffnet werden und die Klimaanlage ist schon wieder ausgefallen. Schließen sie die Tür ja nicht, wenn ihnen ihr Leben lieb ist!" Zwölf Ersatzkästen Bier später sind wir noch immer eingesperrt und begutachten das Loch im Fenster, das der Chef bei seinem Versuch, den ´Weitsprung´-Wettbewerb zu gewinnen, hinterließ. Gut, man könnte einwenden, daß es ihm bestimmt nicht gepaßt hat, an den Stuhl gefesselt zu werden, aber ich kann beschwören, daß er erfreut genug war, um über die ganze Zeit ein leises "Wheeeee" von sich zu geben ... Und natürlich kam er in den Genuß eines ganz besonderen Ritts auf einem Taxi ... Als das Gebäude in den blitzenden Farben aus dem Teletubby-Land erstrahlt, gibt es nur einen Weg, den alten Zustand wiederherzustellen ... Ich komme rechtzeitig zum Morgentee zur Arbeit, als mein Blick auf den Boden fällt, den ich mir mit dem PJ teile. Noch bevor ich das Foyer durchquert habe, habe ich mein Handy aus der Tasche geholt und rufe den PJ an. "Hallo, nigerianische Botschaft", meldet er sich mit der in dieser Woche aktuellen Ansprache. "Sie erraten niemals, was sie im Flur anstellen!" rufe ich. "Sie malen die Wände mit Leuchtfarbe orange an?" fragt er. "Oh, natürlich, sie haben ja die Überwachungskameras. Wo habe ich nur meine Gedanken?" "Ja, und nicht nur das!" "Was?" "Nun, wollen sie die gute oder die schlechte Nachricht zuerst hören?" fragt der PJ verspielt. "Die gute Nachricht ..." antworte ich und nehme zur Abwechslung einmal den Lift. "Die gute Nachricht ist, daß es nur eine schlechte Nachricht gibt." "In Ordnung, die schlechte Nachricht bitte." "Die Maler haben in der vergangenen Nacht in der vierten Etage angefangen." "Wie schlimm ist es?" frage ich, als sich die Lifttüren öffnen und meine Frage beantworten. Ich starre auf ein Büro, das wie das Innere einer Bräunungslampe aussieht. Der Chef kommt herbeigeschlendert und lächelt wohlwollend - oder ist es ein boshaftes Grinsen? "Furchtbar, nicht wahr?" fragt er mit belegte Stimme. Ah! Was ich als wohlwollendes Lächeln interpretiert hatte, war in Wirklichkeit ein stilles und kummervolles stilles Jammern. Es ist zur Zeit leicht, den Chef, der sich gerade von seinen Verletzungen erholt hat, falsch einzuschätzen. "Wer hat das getan?" frage ich. "Die Eigentümer des Gebäudes", antwortet der Chef. "Sie haben damit auf eine Anfrage des mittleren Managements reagiert. Doch das ist noch nicht alles. Die Lieferanten haben gerade angerufen und mitgeteilt, daß unsere violetten Teppiche angekommen sind." Ich kämpfe gegen den Brechreiz und schaffe es, ein "Warum?" hervorzubringen. "Wegen dieser Studie", ruft der PJ und hält einen zerknitterten Fetzen hoch, den ich als Manager-Magazin identifiziere. "Hier wird behauptet, daß bestimmte Farben dafür sorgen, daß die Mitarbeiter produktiver und energiegeladener an die Arbeit gehen." "Ja, waren das nicht hellblaue und rosafarbene Bemalungen?" "Nein", erwidert der PJ und erinnert sich an bestimmte Abschnitte des Artikels. "Hellblau und rosa fördern eine ruhige Arbeitsweise - was, ganz nebenbei, die neuen Farben ihres Büros sind." "Sie machen einen verdammten Scherz!" "Nein. Oh, ich habe wohl gelogen, als ich sagte, es gäbe nur eine schlechte Nachricht." Ich renne in mein Büro um nachzusehen. "Ja, ja, ich sehe, was sie meinen", sage ich und lehne mich in meinem Stuhl zurück. "Es ist etwas ruhiger als das metallische Grau, das wir vorher hatten. Irgendwie beruhigt es wirklich." "Es ist nicht gut, sich hier aufzuhalten", kommentiert der PJ. "Es ist gefährlich - erinnern sie sich an die Ionengeneratoren ...?" Wie könnte ich die Ionengeneratoren vergessen? Das Management hatte geplant, durch die Erzeugung negativ geladener Ionen und deren Verteilung über die Klimaanlage dafür zu sorgen, daß der PJ und ich netter zu unseren Klienten sind. "Der Computer-Raum!" rufe ich. Der PJ, der Chef und ich flüchten in die klinische Sauberkeit des Computer-Raumes mit seinen rohen grauen Wänden. "Viel besser!" Durch das Fenster der Brandschutztür sehe ich die Mitarbeiter der IT-Abteilung ihrer routinemäßigen Arbeit nachgehen, ohne daß sie sich gegen die Wirkung der neuen Wandfarben wehren könnten. "Arme Schweine!" ruft der PJ. "Sie sind verloren! Wir müssen uns zunächst um unser Wohlbefinden kümmern!" erklärt der Chef und gibt damit exakt meine Gedanken wider. (Was mich übrigens etwas verwundert. Aber jetzt fällt mir ein, daß sein Büro ja schon immer diese bläulich-pinkfarbenen Wände hatte ...) "Hm, mal nachdenken ..." murmle ich, um herauszufinden, ob der Chef uns nicht hereinlegen will. "Was könnte man da tun?" So geht das noch ein paar Minuten, dann wirkt das Grau der Wände auf den Chef und er hat eine Idee. "Ein Feuer!" ruft er, worauf ich mir vornehme, seinen Nachfolgern pro Woche eine Stunde Therapie im Computer-Raum zu verordnen. "Nein! Das funktioniert nicht - die Feuerlöscher würden es sofort löschen." "Das ist es!" antworte ich. "Und all das Wasser an den semi-therapeutischen Wänden ..." "Das würde sie nie abwaschen!" wendet der PJ ein. "Das muß es ja auch nicht! Es genügen ein paar Flecke ..." "... die einen neuen Anstrich nötig machen würden!" vollendet der PJ. Während der PJ und der Chef ihr ´Dick und Doof´-Spiel vollenden, entferne ich die Vertäfelung von der Wand. "Was tun sie da?" fragt der Chef verwirrt. "Ein kleines Feuer ist zwar gefährlich, aber es hilft uns nicht unbedingt weiter ..." beginne ich und überlasse dem PJ die Vollendung des Satzes. "... ebenso wie ein großes Feuer. Wir brauchen ein kleines Feuerchen am richtigen Ort." "Und wo ist der?" "Hier ..." rufe ich und reiße weitere Platten von der Wand, um die dahinterliegende Rohrleitung freizulegen. "Die Klimaanlage ..." "Damit kann der Rauch im gesamten Gebäude verteilt werden!" ruft der PJ begeistert. "Freunde, Kameraden", rufe ich. "Leiht mir eure Jacken und Schuhe!" "Werden wir sie zurückbekommen?" fragt der Chef dümmlich. Ich schaue mich ein wenig in der Leitung um, dann stopfe ich die Jacken, Schuhe, ein paar Inventarlisten, einige Sicherungsbänder ein paar Liter Reinigungsflüssigkeit in Plastikflaschen und - alte Gewohnheiten wird man so schnell nicht los - die Brieftasche des Chefs in die Öffnung. "Löschgas!" rufe ich. Der PJ springt los und schaltet den Feueralarm ein. "Was tun sie da?!" schreit der Chef entnervt. Nichts passiert. "Ein kleiner ´Fehler´ in der Verkabelung." erklärt der PJ. "Wenn der Feueralarm eingeschaltet wird, wird zugleich das Gas zum Feuerlöschen blockiert, während man das Löschgas abschalten muß, um es ausströmen zu lassen." "Ihr ´Fehler´?" fragt der Chef. "Sie sind zu freundlich", grinse ich und werfe das brennende Streichholz in das Loch und bringe die Verkleidung wieder an. Schneller als man fragen kann "Ist das der Feueralarm?" leuchten alle Lämpchen an der Kontroll-Konsole der Feuermelder auf, während das Echo der Alarmsirenen an unsere Ohren dringt. "Auf die neuen Farben!" rufe ich, hebe eine Abdeckplatte am Boden auf und hole aus dem Hohlraum darunter drei Flaschen Bier, die genau die richtige Temperatur haben, hervor ... "Prost!" rufen der Chef und der PJ gemeinsam. Und da behaupten manche tatsächlich, Orange würde das Zusammengehörigkeitsgefühl steigern ... Weiß der B.O.F.H. etwas über das Verschwinden des Telekommunikations- Managers, dessen Rasenmäher und die Frau, der dieser den Rasen hinterlassen hat? Ein ruhiger Morgen. Zyniker könnten freilich behaupten, das läge daran, daß ich alle Anrufe aus der Nutzerbetreuung an den Manager in der Marketing-Abteilung weiterleite, der uns in der vergangenen Woche mit der Behauptung, wie würden seinen PC nicht schnell genug aufrüsten, nervte. Offenbar konnte er nicht begreifen, daß Doom wichtiger als die Aufrüstung seines Arbeitsspeichers ist. Aber möglicherweise haben es die 71 Anrufer, die sich über ein langsames Netzwerk beschwerten, mittlerweile geschafft, etwas Weisheit in sein Gehirn zu pflanzen. Auch wenn wir die Nutzer wieder an das Netz angeschlossen haben, so sind sie doch noch immer rastlos und irgendwie verwirrt wegen eines ´Zungenproblems´ mit dem neuen Kaffee-Automaten. Im Rahmen der ziemlich unerwartet über uns gekommen Neuausstattung, zu der auch der irgendwie mißglückte neue Anstrich gehörte, haben die Mächte entschieden, die alten und verbrauchten Getränkeautomaten durch gepflegte neue zu ersetzen. Diese Entscheidung war eine angenehme Überraschung für uns unten in der Netzwerk- und Systembetreuung. Als die alten Getränkeautomaten installiert wurden, hatten der PJ und ich natürlich sofort versucht, den Knopf für ´Tee´ so umzuprogrammieren, daß er eine vegetarische Suppe liefert und der Knopf für die Suppe den gekochten Inhalt von Staubsaugerbeuteln. Unglücklicherweise war das Endprodukt unserer Bemühungen noch beliebter als das Original, so daß wir uns entschlossen, die Programmierung wieder rückgängig zu machen. Jetzt, da wir diese neuen Automaten haben, können die Nutzer nur eines sagen - nämlich, daß sie ganz bestimmt niemals das bekommen, was sie wollten, was das ganze Konzept der Neuprogrammierung doch sehr lohnend erscheinen läßt. Und die Igelfleischbrühe hat einige wohlwollende Kritiken bekommen. Ganz zu schweigen vom fröhlichen Augenzwinkern derjenigen, die wirklich glauben, daß die Aufkleber nur vertauscht wurden und sie in Wirklichkeit Rindfleischbrühe bekommen. Das Telefon klingelt und ich nehme den Hörer ab. Teilweise tue ich das, weil wir uns langweilen und andererseits, weil der PJ in der Personal-Datenbank gestöbert hat und die Anruferin hübsch genug aussieht, um ihr unsere Aufmerksamkeit zu schenken - nach dem 18. Klingeln. "Ich brauche ein E-Mail-Programm auf meinem Laptop", höre ich die Anruferin aus dem Lautsprecher reden. Etwas zu selbstsicher, wenn es nach mir geht. Der PJ prüft das Inventar und bestätigt, daß die Anruferin zu den Nutzern gehört, auf deren Tischen noch die Rechner stehen, die bei der Gründung der Firma aktuell waren. Die einzige Aufrüstung bestand darin, daß auf ihrem 386er mit 8 MB Arbeitsspeicher jetzt Windows NT läuft. "Von welchem Laptop reden sie?" "Von dem, das ich benutze, um meine Dissertation zu schreiben." "Dissertation?" "Ja, ich besuche nach der Arbeit die Abendschule." "Also handelt es sich dabei nicht um einen Computer, der der Firma gehört?" "Nun, er gehört einem Freund, aber die Dissertation ist wichtig für meine Arbeit, und die Firma bezahlt die Kurse, die ich belege." "Ich bedaure, aber wenn der Laptop nicht zum Inventar gehört, können wir ihn nicht ans Netzwerk anschließen." "Das ist kein Problem, das habe ich schon gemacht. Ich brauche nur noch ein E-Mail-Programm." "Oh, wie nett von ihnen, daß sie uns die Arbeit abgenommen haben." Dem PJ wird endlich klar, weshalb ich aufgeregt auf einen bisher unidentifizierten Punkt auf dem Netzwerkplan auf meinem Bildschirm zeige. Der Punkt repräsentiert einen Laptop, den ich mittels SNMP als ein ´Nicht vor Dezember verkaufen´-Exemplar der brandneuen Laptop-Serie identifiziere, von denen zur Zeit im ganzen Land nur ein Dutzend zum Testbetrieb ausgeliefert wurden. Offenbar muß die Anruferin mit wirklich bedeutsamen Arbeiten befaßt sein, wenn sie ein Exemplar des Laptops hat. Ich beginne damit, den Laptop über das Netzwerk auszukundschaften. "Hallo", ruft der PJ mit belustigter Begeisterung in das Telefon. "Ich habe schon davon gehört - es soll nur 11 Exemplare davon geben." "Nun, ja, eigentlich sind es 12." Ein gedämpfter Knall, der durch die Lautsprecher zu uns dringt, bestätigt, daß es sich tatsächlich um das Modell handelt, von dem berichtet wird, daß es mit einem explosiven Desktop Management Interface ausgestattet ist, das auch als Detonierende Maschinen Interrupt-Problem (DMI) bezeichnet wird. "Nein, definitiv 11", gluckst der PJ, als er den Hörer zufrieden über eine ordentlich erledigte Aufgabe wieder auflegt. Zu diesem Zeitpunkt kommt der Chef zufällig vorbei (Offenbar haben wir ihn zuletzt zu freundlich behandelt, denn er hat den mißtrauischen Blick, seine Nervosität und die Angewohnheit, unter seinen Wagen zu schauen, bevor er einsteigt, verloren - trotzdem trägt er immerhin noch Handschuhe, wenn er Türgriffe angreift.). Er sucht den Telekommunikations-Manager, der anscheinend spurlos verschwunden ist. "Es ist sehr traurig, daß er verschwunden ist." erkläre ich dem Chef. "Doch andererseits wird es ja immer weniger interessant, ob nun Daten oder Sprache übertragen wird - also ist sein Verlust vielleicht doch verschmerzbar." "Darum geht es nicht!" schäumt der Chef in seinem unübertrefflichen ´Das-ist-wirklich-wichtig´-Tonfall. "Er wurde schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen, und seine Frau hat sich darüber beschwert, daß das Gras zu lang ist!" Ich schlage die Gelben Seiten bei ´Psychiatrische Kliniken´ auf und reiche sie dem Chef. Er schaut mich prüfend und fragend zugleich an. "Es ist schon bemerkenswert", denke ich laut. "Es gibt einige seltsame Leute, die meinen, eine Nebenstellenanlage sei so kompliziert einzurichten, daß man die Aufgabe einem Experten aus dem eigenen Unternehmen nicht zumuten könne. Leute, die glauben, ein Telefon am Arbeitsplatz sei eine Selbstverständlichkeit und kein Privileg. Menschen, die glauben, Netzwerk-Spezialisten seien Abschaum, weil sie geplante Ausfallzeiten haben. Menschen, die nicht wissen, daß man 30.000 Volt durch eine Leitung zur Sprachübertragung schicken kann, ohne auch nur eine Leitung des verwendeten Glasfaser-LANs zu beschädigen." Jetzt weiß der Chef, daß es sinnlos wäre, seine Zeit für Aussagen wie: "Ich wußte doch, daß sie etwas vorhatten, als ich sie in der letzten Woche traf!" oder "Geht es ihm gut?" zu verschwenden. Stattdessen konzentriert er sich für ein paar Augenblicke auf das Gewicht in seinen Händen, schlägt das Buch dann schließlich zu, stellt es zurück in das Regal und lächelt dann freundlich. "Also wird er wohl seinen Rasenmäher nicht so bald zurückverlangen, oder?" Der B.O.F.H. hilft den Mitarbeitern, ihre Identitätskrise zu überwinden, während der PJ einen Keil zwischen die Systembetreuung und den Chef treibt ... Ich komme früh zur Arbeit, um das System zu warten. Nun, wenn ich von ´früh´ spreche, dann meine ich 9:15 Uhr - denn dann sind alle mit den Datenbank- und Applikationsservern verbunden. Mein Überwachungsprogramm piept, als es 200 aktive Verbindungen feststellt, so daß ich mein Vorhaben zur Wiedereinführung von Überstunden starten kann ... Ich programmiere eine Endlosschleife, und das System bricht innerhalb weniger Augenblicke zusammen. Erwartungsgemäß stürmt der Chef einem Tornado gleich aus seinem Büro und will zu uns hereinkommen, doch dieser Versuch endet in einem dumpfen Aufschlag, den all seine Energie wird durch einen Keil, den ich unter unsere Tür geklemmt habe, geschluckt. Der Keil ist meine Antwort auf die neuen Brandschutzvorschriften, die vorsehen, daß bestimmte Türen, die nur mit einer Magnetkarte geöffnet werden können, während der Bürostunden offengehalten werden müssen, die elektronische Verriegelung also aufgehoben wird. Unglücklicherweise bedeutet das auch, daß jeder halbgebildete Mensch aus der PR-Abteilung die geöffnete Tür als Einladung mißverstehen könnte, uns lang und breit zu erzählen, daß jemand seinen PC "gehackt" hat. Und wo ich gerade vom Teufel sprach - promt taucht auch ein Kauz aus der Werbung auf. "Ich habe doch gesagt, daß wir einen größeren Keil benutzen sollten." murrt der PJ. "Hallo", ruft der Werbemensch. "Ich glaube, mein Benutzername wurde gehackt!" "Nein, es ist alles in Ordnung", antworte ich ohne aufzuschauen. "Doch! Das geht nun schon seit ein paar Wochen so in unserer Abteilung!" "Etwa seitdem sie die Kamera für Porträtfotos einsetzen, die sie direkt auf selbstklebendem Fotopapier ausdrucken?" "Ja, das könnte sein, aber was hat das eine mit dem anderen zu tun?!" "Sie wollen doch nicht sagen, daß sie nicht auch ein Foto ihrer Frau, ihres Haustiers, ihres Autos oder ihrer kleinen Freundin ausgedruckt und auf den unbenutzten Platz auf ihrer Tastatur geklebt haben, wo das ´Großbuchstaben´-Licht sonst immer aufleuchtete, wenn sie die Feststell-Taste gedrückt hatten, oder?" "Uh ..." murmelt er und hat sichtlich Probleme die Situation zu begreifen. "Hier ist mein Rat für sie - schneiden sie die Augen aus den Bildern aus und drücken sie immer dann die Feststell-Taste, wenn ihre Frau oder ihr Haustier irgendwie besessen aussieht ..." Unser Besucher verschwindet mit beschämtem Schweigen, als der PJ herbeikommt. "Selbstklebendes Fotopapier?" "Ja", antworte ich. "Für die diesjährige Erneuerung der Mitarbeiterausweise." "Ich dachte, darum kümmert sich der Wachdienst?" "Das haben sie im letzten Jahr auch noch getan, doch der neue PR-Chef ist der neue blauäugige Liebling des Geschäftsführers, und sie wissen, was Blauaugen bekommen ..." "Eine braune Nase vom Arschkriechen?" "Korrekt. Also hat der PR-Chef sich eine Menge Aufgaben unter den Nagel gerissen, die irgendwie in der Grauzone zwischen den verschiedenen Abteilungen angesiedelt sind." "Wieso?" "Mehr Aufgaben, mehr Mitarbeiter. Mehr Verantwortung ..." "Mehr Kohle!" "Schon wieder richtig. Ein dürftig getarnter Plan, um mehr Geld zu bekommen." "Es fällt mir schwer, das zu glauben!" kommentiert der Chef, als er das Büro betritt, da sein Gleichgewichtssinn offenbar wiederhergestellt ist. "Das spart nur Kosten, die dadurch entstehen, daß sich verschiedene Abteilungen unabhängig voneinander um Fotos kümmern." "Was?" fragt der PJ. "Weil die PR-Abteilung ein elektronisches Archiv mit allen Fotos der Mitarbeiter unterhält, die sie auch an die Presse herausgeben." "Ja." antworte ich. "Wenn zum Beispiel ein Erbsenzähler zum Profit-und-Verlust-Regulierer des Jahres gewählt wird ..." "Ich ..." beginnt der Chef. "... wie auch immer, deshalb bin ich nicht hier. Wieso ist der Applikationsserver nicht am Netz?" "Applikationsserver ..." murmle ich und schaue auf den Kalender mit den Wartungsterminen. "Ja, das ist die geplante Routinewartung." Ich zeige ihm den entsprechenden Eintrag. "Solche Wartungsarbeiten sollten sie doch außerhalb der normalen Bürozeit durchführen!" "Nun, das hätte ich gern getan, doch sie sagten doch, wir sollten Überstunden vermeiden." "Ja, aber das gilt doch nicht für solch wichtige Server!" "Das sagten sie doch!" rufe ich und erinnere ihn an Vorfälle in der jüngeren Vergangenheit. "Sie haben es gesagt, nachdem wir ein ganzes Wochenende mit der Wartung einer wichtigen Maschine verbracht hatten." "Der verdammte Getränkeautomat ist kein wichtiger Server!" "Da sprechen sie aber nur für sich selbst", stichelt der PJ, der Blut geleckt zu haben scheint. "Der Automat ist nicht wichtig! Fahren sie jetzt den Server wieder hoch!" "Aber ..." wende ich ein. "Keine Ausreden mehr, fangen sie an!" Mit gespieltem Widerwillen starte ich den Server. Womit nur noch das Problem des Eindringlings bei den PR-Typen bliebe. Eine schnelle Prüfung ihres Netzwerks liefert mir den richtigen PC und dank äußerst lascher Sicherheitsvorkehrungen und der verwendeten Standard-Passwörter kann ich innerhalb einer Minute schon in der Datenbank für den Fotodrucker lesen und schreiben. Und da der Drucker nicht über viele Speicherplätze für die Unterschriften unter den Bildern verfügt, ersetze ich gleich noch ´Wachdienst´, ´Vertragsarbeiter´, ´Reinigungsdienst´, ´Geschäftsführung´ etc. durch sinnvolle Begriffe. Am nächsten Tag kündigt ein neuerlicher dumpfer Aufschlag den Chef an. Nach einer weiteren Minute bestätigt ein weiterer Aufschlag die Theorie des PJ, daß ein größerer Keil besser funktionieren könnte ... Nach seiner Entlassung aus dem Krankenzimmer kommt der Chef mit leichten Prellungen vorbei und klopft freundlich an unsere Tür. Der PJ führt ihn schließlich herein. "Was ist das?" fragt mich der Chef. "Das ist ein neuer Mitarbeiterausweis", antworte ich. "Und wieso steht unter dem Foto ´Erbsenzähler´?" "Weil das seine Arbeit ist?" vermute ich. "Sollte das der Fall sein, wie viele Wichser sind wohl in diesem Haus angestellt?" "Darüber will ich lieber nicht spekulieren ..." "Offenbar dreiundsiebzig. Siebenundzwanzig Erbsenzähler, 35 Idioten und ein Arschloch. Damit bin ich gemeint! Oh, und zwei gute Kameraden - aber das wissen sie ja sicher ..." "Jemand hat den Rechner eines PR-Mitarbeiters gehackt!" schlägt der PJ vor. "Ja, es scheint so. Aber ich kann nicht glauben, daß die Werbeleute die Fotos nicht geprüft haben, bevor sie sie an die Wachleute weitergaben." antworte ich. "Ich schätze, da müssen wohl alle Fotos neu ausgedruckt werden." "Das geht nicht!" ruft der Chef. "Der Wachdienst hat keine Blanko-Karten mehr, und die nächste Lieferung kommt frühestens in vierzehn Tagen ..." Am nächsten Tag herrscht dann auch etwas Verwirrung, als der Wachdienst die neuen Karten austeilt. Es ist lustig, irgendwie sind die Nutzer trotz der aktualisierten Fotos nicht zufrieden ... Wann ist schweigen wirklich Gold? Wenn der Chef vorschlägt, große Festplatten zu kaufen und man die neuen Kapazitäten weitervermieten kann. "... und deshalb schlage ich vor, daß wir die Arbeitsplatzrechner standardisieren und mit großen Festplatten ausstatten, um all den ungenutzten Platz in den Gehäusen auszunutzen ..." Etwas rüttelt mich auf und ich erwache inmitten einer Runde von Managern in einer IT-Beratung. Diese Beratungen waren eine Idee des Chefs, um den Sachverstand der Abteilung zusammenzubringen. Unglücklicherweise gibt es keinen Mindest-Intelligenzquotienten - die einzige Hürde, die man vor der Teilnahme an einer solchen Beratung überwinden muß, besteht darin, das Beratungszimmer zu finden. Ich freunde mich mit dem Gedanken an, daß, wenn wir überziehen, ich hören werde, was das Reinigungspersonal sagt, was immer ein wenig Abwechslung in die Konversation bringt. "Ah, ich glaube nicht, daß das eine gute Idee angesichts der Sparplä ... Autsch!!" kommentiert der PJ, als ihn unter dem Tisch ein Tritt trifft. Es ist zu spät, natürlich. Jetzt, da ein Widerspruch geäußert wurde, tritt das Gesetz über inkompetente Diskussionsrunden in Aktion. Was bedeutet, daß jetzt ein Diskussion darüber fällig ist, ob die Ablehnung würdig erscheint, überhaupt diskutiert zu werden. Das wird uns zwar eine halbe Stunde näher an das Ende der normalen Arbeitszeit bringen, bringt uns aber auch weiter von einer Lösung der technischen Fragen weg. Wir machen ein Kaffeepause, in der ich mir den PJ schnappe und zur Rede stelle. So ruhig, wie mir das möglich ist, frage ich ihn, was er mit seiner Aktion bezweckt. "Aber er hat diese großen Laufwerke für alle Arbeitsplatz-PCs empfohlen!" verteidigt er sich. "Viele von den Rechnern haben gar keinen Platz für solche Laufwerke!" "Das ist unwichtig. Sie wissen doch, daß die Manager sie nun verspotten und verhöhnen werden, wodurch die Beratung unnötig in die Länge gezogen wird, so daß sie heute nicht mehr arbeiten können." "Aber ist es nicht unsere Aufgabe, gute Ratschläge zu geben?" "Machen sie sich nicht lächerlich! Es ist unsere Aufgabe, ihre Entscheidungen zu interpretieren und zu unserem Vorteil zu nutzen." "Also sind die großen Laufwerke ...?" "Hmm, halblange 18 Gigabyte-Platten mit 7200 Umdrehungen pro Minute." "Aber die PCs brauchen doch all die Speicherkapazität gar nicht!" "Nein, aber wenn wir genügend davon bekommen, können wir ein Wide Area RAID-5-System mit verteilten Kopien aufbauen!" "Hä?" "Also, was hat der durchschnittliche Nutzer auf seiner Festplatte?" "Das Betriebssystem?" "Ja, ja, und sonst?" "?" Seufz. Nach all unseren gemeinsam durchgestandenen Abenteuern ist er in seinem Herzen noch immer ein Amateur. "Ihre E-Mail-Ordner, eine paar eigene Dokumente, die Raubkopie von Leisure Suit Larry - ihre Pornosammlung versteckt im Verzeichnis YENROH1.DDL im Windows-Ordner und so weiter." "Oh! Wirklich?" "Nun, all das. Und wieviel Platz brauchen wir dafür wirklich? Ein Gigabyte, maximal. Was bedeutet, daß wir die restlichen 17 Gigabyte für wirklich wichtige Projekte nutzen können!" "Zum Beispiel?" "Unsere Dokumente, Spiele, all unsere Pornobilder, die wir auf den Bändern mit der Aufschrift ´Systemkopie´ 1 bis 200 gespeichert haben." "Also benutzen wir ihre Festplatten?" "So ähnlich. Aber sie wissen ja, wie Nutzer sind - sie können die Leertaste nicht finden, wenn ihr Bauch nicht zufällig draufplumpst. Also müssen wir mehrere Kopien parallel anlegen." "Aber warum nutzen wir dann gleich RAID-5?" "Nur für den Fall, daß einer der Arbeiter die Post abholt und eine Bombe zurückbringt. Ich habe keine Lust, die automatische Bilderpräsentation nur deshalb unterbrechen zu müssen, weil die halbe Erbsenzählerzentrale auf der anderen Straßenseite gelandet ist." "Sie scherzen doch, oder?" "Größtenteils. Aber vergessen sie nicht, wie das mit Abteilungen voller Schafsköpfe ist - sie fahren alle ihre Rechner herunter, um dann zum Mittagessen zu trotten." "Nein. Ich glaube, sie verschweigen mir noch etwas." Mißtrauischer Kerl! "In Ordnung. Ich habe ein halbes Terrabyte als Online-HSM-Plattenplatz vermietet." "Hierarchisches Speicher Management?" "Ja. Unsere Nutzer können mit dem Speicherplatz nichts anfangen, also vermiete ich ihn als Netzwerk-Speicher." "Sie verkaufen den Plattenplatz der Firma!?" "Ja, an ein paar Ölmultis, die ihre Sicherheitskopien außerhalb ihrer Unternehmen lagern wollen." "Das kann ich nicht glauben!" ruft der PJ zutiefst erschüttert. "Was, meinen machiavellistischen Größenwahn?" "Nein, daß sie mich nicht eingeweiht haben!" "Nun, es ist lustig, daß sie das erwähnen. Wenn Dave wieder die Anschaffung von Festplatten vorschlägt, erwarte ich, daß sie ihr vorlautes Mundwerk halten. Das gilt auch, wenn er die Anschaffung von Monochrom-Monitoren empfiehlt, um die Ausfallzeiten, die durch übermäßige Augenbelastung verursacht werden, zu verringern. Wir haben einen Interessenten, der eine Wagenladung Farbmonitore braucht." "Aber das ist doch lächerl ... Oh, Dave arbeitet für sie, oder?" ruft der PJ, als der Groschen endlich fällt. "Nicht für, sondern mit mir." "Aber er ist doch ein kompletter Dummkopf!" "Oh, so soll er auch nach außen wirken. Er äußert dumme Ideen schneller als das die anderen Manager tun können und hält sie damit davon ab, selber nachzudenken." Es klopft an der Tür. "Wo wir gerade vom Teufel sprachen." "Uh, ich glaube, ich habe mein Passwort vergessen", murmelt Dave. "Alles in Ordnung, er ist eingeweiht." antworte ich. "Oh. Gut. Nun, ich habe Gerüchte gehört, nach denen ihr Chef vorschlagen will, die Manager mit Laptops für ihre Autos auszurüsten - komplett mit 12 Volt-LCD-Monitoren, Handyschnittstelle etc." "Verdammt!" schluckt der PJ. "Das würde unser Budget für Technik über Monate belasten! Was werden wir dagegen unternehmen?" "Nun", kommentiert Dave. "Zunächst werde ich die Monitor-Geschichte abblasen, werde Dvorak-Keyboards vorschlagen, um RSI-Erkrankungen (RSI - Repetitive Strain Injury, ´Tastaturkrankheit´ [thomas w.]) zu verhindern, RS232-Schnittstellen empfehlen, um Ethernet-Kollisionen zu vermeiden, und, wenn das alles nichts hilft, Wählverbindungen zwischen den Etagen vorschlagen." Die Schwachstelle des Plans wird uns zwei Tage später bewußt, als 18 Hochgeschwindigkeits-Modems geliefert werden - mit der Erlaubnis des Chefs, der so von dem Vorschlag, die Netzwerke in den Etagen mittels Modem zu verbinden, begeistert war, daß er unser gesamtes Technik-Budget dafür ausgegeben hat. Nun, man kann nicht immer gewinnen ... Seufz. Hypochondrie wütet im Büro. Doch eigentlich ist es die blanke Wut, die im Büro wütet. Bis ein herbeigerufener Psychiater alles aufklärt ... Das Schicksal will es, daß ich mit dem Chef aneinandergerate. Ich weiß es, er weiß es, und der Rest ist eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Natürlich ist es sein Fehler. Er hat neulich eine Sekretärin eingestellt, die unter XXXX leidet; mit anderen Worten, sie kann aus medizinischen Gründen nichts tun, was sie nicht tun will. Und wenn es nicht RSI ist, dann ist es eine Version einer bisher unbekannten und daher nicht heilbaren Grippe. Schließlich reichte es mir, und ich nahm mir den Chef vor, um ihn danach zu fragen, was er in dieser Angelegenheit zu tun gedenkt. Ein Assistent des Chefs der Personalabteilung ist natürlich eher zufällig dabei. "Nun, ich würde durchaus etwas in dieser Angelegenheit unternehmen", erklärt dieser. "Doch unser Unternehmen hat strenge Regelungen für die Behandlung von Mitarbeitern, die unter Krankheiten leiden ..." "Also wird sie bei uns bleiben?" "Es sei denn, sie würden Disziplinarmaßnahmen gegen sie vorschlagen. Aber mit welchem Vorwurf?" antwortet er. "Sie ist unfähig?" "Sie ist nicht unfähig. Sie leidet nur unter einigen schwierigen Krankheiten, die durch die Arbeit bei uns hervorgerufen wurden. Wir werden ihr Arbeitspensum verringern, um ihr die Chance zur Erholung zu geben." "Ihr Arbeitspensum verringern?! Sie tut doch schon jetzt gar nichts!" "Sie organisiert hervorragend meine Versammlungen." wirft der Chef ein. "Das kommt daher, daß ihre Hand zu sehr schmerzt, um die Details und Termine aufzuschreiben! Sie haben sich mit niemandem getroffen, seit sie bei uns ist." "Ich treffe sie, oder?" kontert der Chef selbstgefällig. An dieser Stelle wird mir einiges klarer. Offenbar ist sie Bestandteil eines Plans unseres Chefs, der vorhat, jeden Kontaktversuch seiner Untergebenen an der unfähigen Sekretärin scheitern zu lassen ... Als ich ihn verlasse, bemerkte ich ein vielsagendes Lächeln im Gesicht der betreffenden Person, die Gegenstand unserer Diskussion war. "Was er kann, kann ich schon lange!" rufe ich, als ich in unser Büro komme. Ich schiebe den PJ zur Seite und veranlasse einen Neustart aller Switches und aller Router im Gebäude. Sekunden später stürmt der Chef herein, wobei ihn seine persönliche Sekretärin begleitet. "Was geht hier vor?" "Die Router sind ausgefallen. Ich habe ´all reboot´ getippt statt mit ´all status´ ihre Verfügbarkeit zu kontrollieren. Ich leide wohl unter einer Schreibstörung!" "Nun, dann fahren sie sie wieder hoch!" schreit er und hat nur den ihn in der nächsten Managerversammlung bedrohenden Ärger im Auge ... "Ja, das würde ich gern tun, aber ich leide auch unter Aufmerksamkeitsproble ... Oh! Sehen sie, ein grünes Handy! Ist das neu?" Der Chef geht zum PJ und fordert ihn auf, das Netzwerk wieder zu starten. Als die ersten ahnungslosen Schäfchen sich den Weg zu uns freigekämpf haben, ist der Startvorgang gerade abgeschlossen, und der PJ befolgt die Anweisungen des Chefs und kündigt einen sechzigminütigen Test unserer Unterbrechungsfreien Stromversorgung (USV) in fünf Minuten an - wobei 60 Minuten genau 23 mehr sind, als es die Spezifikation des Herstellers beschreibt. "Oh nein!" rufe ich. "Tastaturwahnsinn!" "Wovon sprechen sie?!" schreit der Chef. "Tastaturwahnsinn! Wie bei Leuten, die im Verkehr durchdrehen, nur viel schlimmer! Aber das ist nicht sein Fehler, dieses Verhalten wird nur durch die enorme psychische Belastung am Arbeitsplatz hervorgerufen! Er war heute auch schon bei dem Doktor, der auch meine Aufmerks ... Na sowas! dieser Bürosessel funktioniert wirklich hervorragend! Das müssen sie sich anschauen!" "Ich will, daß sie den USV-Test anhalten!" ruft der Chef. "Bitte schreien sie nicht so laut", schniefe ich. "Meine Schreibstörung wird unter Druck nur schlimmer. Sehen sie, was sie angerichtet haben! Jetzt habe ich den Test des Feueralarms abgeschaltet ohne es zu wollen!" In der Zwischenzeit bearbeitet der PJ seine Tastatur in einer sehr überzeugenden Art und Weise, während unsere beiden Besucher zur Tür flüchten. "Seien sie vorsichtig!" rufe ich. "Ich kann mich nicht erinnern, ob ich die Fahrstühle eingeschaltet oder abgestellt habe, und wenn ich es getan habe - Ohhh, ist das ein Anzug von Armani?!" Am nächsten Tag sitzen der PJ und ich mit unserem Chef beim Leiter der Personalabteilung, wo sich auch unser Abteilungsleiter zu uns gesellt. Ein leises Klopfen an der Tür kündigt unseren persönlichen psychiatrischen Beistand an. "Oh, ich glaube, sie kennen unseren persönlichen Psychiater noch nicht. Das ist Doktor Brian Analpeeper - Doktor des Psychologie mit dem speziellen Fachgebiet ´Abnormales Verhalten´ von der Bognor Regis Universität." "Guten Morgen, meine Herren." beginnt Brian. "Ich habe hier die Diagnosen des Zustandes meiner Patienten. Und ich muß sagen, sie leiden wirklich stark darunter, daß ihre Überichs ihre Gedanken über aktuelle Personalentscheidungen nicht ausdrücken dürfen ..." Brian beschreibt dann, daß unser gestriges Verhalten beim Strom- und Systemausfall nur eine Folge davon ist, daß wir wegen einer unfähigen Sekretärin keinen Termin beim Chef bekamen. "Die beiden sind doch nur Faulpelze, die die Firma auspressen wollen." kommentiert der Chef wütend. "Ich glaube, daß ich nach diesem Vorwurf mit meinen Patienten allein reden muß, um herauszufinden, ob ihr Kommentar ihrer angegriffenen Psyche geschadet hat." "Was zum Teufel geht hier eigentlich vor?!" "Meine Patienten sind sensible Menschen. Wer weiß, was ihr Vorwurf in ihrer Psyche angerichtet hat. Dieses Treffen kann eine ganze Reihe neuer Probleme ausgelöst haben, könnte neue Schwierigkeiten verursachen, die aus der fortgesetzten Unterdrückung ihrer Untergebenen resultieren." "Was?!" schreit der Chef, nahe daran, vor Wut zu zerplatzen. "Warten sie", unterbricht ihn der Personalchef, der eine ausweglose Situation erkennt, wenn sie eintritt. "Wir werden sie versetzen." "Zum Briefmarkenanlecken in der Post-Abteilung?" frage ich bissig. "Wir haben eine Frankiermaschine", kommentiert der Chef trocken. "Nicht mehr lange", erwidert der PJ. "Ich glaube, ich fühle einen Anflug von Frankierwahnsinn in mir aufsteigen." "Eine interessante Manifestation eines Traumas", kommentiert Brian. "Nun, ich sehe keinen Grund, länger zu bleiben." "Sie Bastard!" knurrt der Chef, bevor er laut aufschreit, weil Brians Aktenkoffer ihm die Hand bricht. "Entschuldigung", erklärt Brian. "Ich bin gerade dabei, mich von meinem Aktenkofferwahnsinn zu erholen." Es ist schon beeindruckend, was Psychiater herausfinden, wenn man ihnen nur genug bezahlt ... Der B.O.F.H. befürchtet die Ausbreitung der Heimarbeit - aber nicht für lange. Er und der PJ finden listigere Wege, um den Stand des Kontos für besondere Gelegenheiten aufzubessern ... Es gibt Tage, an denen scheinen der PJ und ich die einzigen zu sein, die ihre Arbeitszeit im Büro verbringen. Es scheint einen Trend zu mehr Hausarbeit zu geben, was eine wirklich schlechte Nachricht für mich ist. Eine schlechte Nachricht in mehrfacher Hinsicht. Zunächst sind nun weniger Menschen im Haus, die unsere ´Bemühungen´ zur Unterstützung der Netzwerknutzer bewundern können; dies bedeutet auch, daß nun weniger potentielle Opfer bereitstehen. Weiterhin bedeutet jeder Heimarbeiter mehr, daß wir weitere 64 kBps unserer Bandbreite, mit der wir mit einen Quake-Server im amerikanischen Arm der Firma verbunden sind, hergeben müssen. Schließlich, und das ist am wichtigsten, bedeutet mehr Heimarbeit, daß mehr Nutzer uns in den Ohren liegen werden, weil sie mit ihren Einwahlverbindungen nicht zurechtkommen. Man sieht also, daß Heimarbeit mit Netzzugang schwer handhabbar ist. Sie erfordert nicht nur die Verwendung von Windows NT auf den Workstations, sondern auch die Benutzung von Modems und von Telefonanschlüssen. Sie macht es auch nötig, daß man die richtige Nummer wählt, um Zugang zum Firmennetz zu erhalten. Eine schwierige Situation, könnte man denken, wenn man einmal davon absieht, daß wir Windows NT Workstations benutzen, damit wir die Leitungen noch einfacher kappen können als ... nun, mir kommt da die Anatomie eines bestimmten weißen Wasservogels in den Sinn. Das Modem ist in die PCs schon eingebaut, also dürften die Heimarbeiter wohl kaum Probleme mit falsch verbundenen Anschlüssen haben. Und das Telefonkabel ist fest mit dem Modem verbunden, so daß sie eigentlich nicht das falsche Ende in die falsche Buchse stecken können. Und am freien Ende hängt ein großes grünes Etikett, auf dem ´In die Telefonbuchse stecken´ steht. Das Etikett ist übrigens aus Stahl, und die Einwahlnummer ist fest in die Modem-Software programmiert. Und bei zehn Prozent der Rechner stimmt sie sogar. Woran kann es also liegen, daß die Leute sich so schwer damit tun? Immerhin sind es Menschen, die lang und breit beschreiben können, wie man sich richtig auf die Toilette setzt. Die - mit Ausnahme eines altgedienten Rechnungsprüfers - wissen, welches Ende eines Kugelschreibers auf das Papier gehört. Menschen, die irgendwie diese Prüfung überstanden haben und nun große, schwere Autos mit großen, starken Motoren fahren dürfen, es aber nicht schaffen, den Stecker des Netzkabels in die einzige Dose zu stecken, in den er hineinpaßt. Neulich führte der PJ zufällig zum Beispiel das folgende Gespräch: "Ich kann mich nicht in das Netzwerk einwählen." "Wirklich? Ist das Modem angeschlossen?" "Ja, das Problem hatten wir schon gelöst, also habe ich nachgeschaut, ob es angeschlossen ist." "Konnten sie sich überhaupt schon einmal einwählen?" "Ja, das funktionierte gestern." "Haben sie etwas verändert?" "Nein." "Wirklich?" "NEIN!" "Versuchen sie es jetzt noch einmal." "Gut ... warten sie ... da steht ´kein Freizeichen´." "Wie viele Telefonleitungen haben sie in ihrer Wohnung?" "Nur eine. Wieso?" >KLICK< Aber nicht alles ist schlimm. Nutzer, die daheim arbeiten, haben auch ihre Vorteile. Zum Beispiel haben die Erbsenzähler vor einiger Zeit beschlossen, den Nutzern ihre privaten Anrufe vom Arbeitsplatz aus nicht mehr zu bezahlen. Sie haben herausgefunden, daß Menschen, die nicht ins Büro kommen, ihre Dienstapparate auch nicht benutzen können. Deshalb haben wir, der PJ und ich, uns entschlossen, ein wenig Freundlichkeit gegenüber den armen Engeln zu zeigen, die zu sensibel sind, um tägliche Änderungen zu verkraften, und haben ihnen eine kostenlose Einwahlnummer gegeben, über die sie Firmenleitungen zum Telefonieren nutzen können. Traurigerweise scheint jedoch etwas mit dem Abrechnungssystem der lokalen Telefongesellschaft schiefgegangen zu sein, denn irgendwie hat es nicht den Anschein, daß die Rechnung für diese angeblich kostenlosen Gespräche bei dem PJ und mir landen wird. Stattdessen gibt es Gerüchte, daß sich Schwierigkeiten in den Beziehungen unserer Heimarbeiter besorgniserregend verbreiten. Einige Ehefrauen sollen angeblich 800 Pfund-Telefonrechnungen voller verdächtiger Nummern gefunden haben ... Wie auch immer, der Betrag auf unserem Konto für besondere Gelegenheiten wächst um 44 Pence pro Minute (35 Pence außerhalb der Spitzenzeit). Doch nicht nur das, auch das Management scheint über die Heimarbeit und ihre Folgen nachzudenken. Sie haben sich etwas ausgedacht, daß sie variable Arbeitsplätze nennen. Dabei haben sie sich wohl gedacht, daß sie, wenn niemand im Büro sitzt, trotzdem dafür Miete zahlen. Also, so schlußfolgerten sie, sollte man jemanden in die leeren Büros setzen und Geld sparen. Natürlich ist es völlig logisch, neue Leute für 30.000 Pfund pro Jahr einzustellen, um einen leeren Büroplatz zu besetzen, der 80 Pfund Miete im Jahr kostet ... Wie auch immer, der PJ und ich erblicken durch das Fenster eine riesige Ansammlung von Lieferwagen und Leuten, die etwas in das Gebäude befördern, das verdächtig nach Trennwänden für quadratische Arbeitskabinen aussieht. Ein Verdacht kommt mir in den Sinn ... Ich wundere mich ... Es wird drei Uhr, und der PJ und ich finden, daß der richtige Moment gekommen ist, um unseren gemütlichen Beratungsraum aufzusuchen, der über einen Billardtisch verfügt und in dem dieses herrliche Bier serviert wird ... Als wir uns unseren Weg durch die verbalen und handgreiflichen Auseinandersetzungen bahnen, finden wir es amüsant, daß die Ironie des Schicksals wohl dafür gesorgt hat, daß ein eben eingestellter Programmierer mein vor fünf Jahren für das Management (das größtenteils freilich nicht mehr bei uns arbeitet oder gerade in der Rehabilitierung ist) geschriebenes Programm zur Planung der Aufteilung der Büroflächen in Arbeitskabinen gefunden hat. Aus unerfindlichen Gründen hatte es damals wohl auch nicht richtig funktioniert. Das Büro des B.O.F.H. erstrahlt im Glanz bunter Lichter, als der Chef der Erbsenzähler verlangt, daß der B.O.F.H. und der PJ Abrechnungen für ihre Tätigkeiten vorlegen ... Eine Anordnung von oben hat ihren Weg zu uns nach unten gefunden, die fordert, daß wir unsere Arbeitsstunden korrekt mit Nachweisen abrechnen sollen. Es geht dabei um die interne Wertschöpfung, die Arbeitskosten und den ganzen Kram. Anscheinend hat man den Chef dafür verantwortlich gemacht, daß er so hohe Kosten verursacht. Also hat er sich entschieden, aus uns eine Einnahmequelle zu machen, indem wir jede Arbeit auch intern abrechnen, die anderen also für unsere Dienste zahlen müssen. Der oberste Erbsenzähler fand Gefallen an der Idee, also hat er uns ein paar Formulare mit den Vertragsbedingungen und zur Regelung von Haftungsfragen etc. geschickt. "Wir zahlen, oder besser, verlieren wieviel in der Stunde?" Der PJ wird durch meine Worte erschüttert, allerdings fällt der Groschen recht schnell, als er auf meinem Monitor das Fenster der Textverarbeitung des Chef-Erbsenzählers sieht. Es scheint so, als würde jemand in unserer Abteilung viel Geld verlieren, wenn mein braver Assistent und ich es nicht schaffen, einen bestimmten Rechner rechtzeitig zu reparieren. Zum Stundenpreis von 1.000 Pfund plus minus ein paar Pennies. Natürlich es ist schön, zu arbeiten, wenn man weiß, daß sie annehmen, wir seien wirklich soviel wert, doch im Moment versuchen sie wohl nur, die Sache zu beschleunigen. Sie glauben natürlich auch daran, daß wir dabei Rücksicht darauf nehmen würden, welche Verluste wir dem Budget des Chefs verursachen, doch das ist ein völlig anderes Thema. "Schnell, verändern sie das Dokument, bevor es beim Drucker ankommt", ruft der PJ, der den ´Drucken´-Dialog auftauchen sieht. Er rennt los zu seiner Tastatur, bremst jedoch, als er mein Grinsen sieht. Und natürlich spaziert der Chef mit seinem Kollegen von den Erbsenzählern im Schlepptau ein paar Tage später bei uns herein, um zu sehen, was wir machen. Und damit er sich freut, haben wir ein riesiges ´Auftragsstatus´-Display (103 Zoll TFT-Displays sind nicht billig, doch damit wir es an der Wand anbringen konnten, mußte es ja flach sein.) installiert, auf dem viele gesunde ´grüne´ Aufträge zu sehen sind. Aber zum besseren Verständnis muß ich das näher beschreiben. Ein ´roter´ Auftrag ist ein Auftrag, den wir nicht innerhalb einer gesetzten Frist erledigen konnten. Ein ´grüner´ Auftrag dagegen ist ein Auftrag, den wir gerade entgegengenommen haben, aber noch nicht die Zeit hatten, uns um ihn zu kümmern, wobei die Frist zur Erledigung noch nicht abgelaufen ist. Wir haben das Management davon überzeugt, daß es keinen Sinn hätte, erledigte Aufträge anzuzeigen, da dies ja für den Fortschritt irrelevant wäre. Natürlich, die Tatsache, daß es auch noch keinen bearbeiteten Auftrag anzuzeigen gibt, macht diese Information noch überflüssiger, aber so genau haben wir das freilich niemandem erklärt. "Das sieht ja ganz gut aus, Kameraden", erklärt der Chef-Erbsenzähler in seinem ´Ausgemusterter-Leutnant, der sich noch immer als Oberst fühlt´-Tonfall. "Die Sache geht ja voran, wie ich sehe!" "Oh, natürlich, Sir, wir kümmern uns darum, unser Ziel zu erreichen." Ja, aber ich werde mich hüten, dir zu sagen, was unser Ziel ist. Das Telefon klingelt und der PJ zuckt, aufgeschreckt durch den ´Nimm ab oder stirb´-Blick des Chefs, zusammen, bevor er den Hörer abnimmt. Er lernt ja noch. "Systembetreuung, PJ am Apparat." Der Chef schafft es, den obersten Erbsenzähler hinauszubugsieren, während der sich noch freut und sich der PJ um seinen ´Kunden´ kümmert. "Ja, ich weiß, daß wir es bisher noch nicht geschafft haben, bei ihnen vorbeizukommen. Das liegt daran, daß wir im Moment wirklich beschäftigt sind. Aber wir liegen ja noch in der festgelegten Frist zur Behebung des Problems - ja, ich weiß, daß sie am 8. September angerufen haben - ja, wir haben heute den 30. September. Was ist das? Aber sicher werde ich mich darum kümmern - ah, hier steht es ja. Der 14. April 2003 scheint der letztmögliche Termin zu sein. Wissen sie was, ich werde sie einfach am 13. April anrufen und fragen, ob sie noch bei uns arbeiten, um sicherzugehen, daß meine Bemühungen nicht umsonst sind, weil sie vielleicht aus dem Fenster gefallen sind. Nein, das soll keine Drohung sein, nur eine Möglichkeit. Wiederhören." Die Tage vergehen, während sich unser Teilzeit-Assistent (den wir für zwei Stunden am Tag verpflichtet haben) um die weniger schwierigen Probleme, die es mal hier mal da gibt, kümmert, damit wir uns voll auf die wirklich wichtigen Aufträge konzentrieren können und damit das Auftragsstatus- Display nicht zu voll wird. In der Zwischenzeit macht sich Unmut unter den Nutzern breit, die offenbar nicht begreifen wollen, wie schwer es ist, daß Display voller grüner Anzeigen zu erhalten. Es dauert vierzehn Tage, bis der Chef begreift, was wir wirklich tun, doch unser Trainig hat scheinbar schon gewirkt, als er vorbeikommt, um sich zu erkundigen, was passiert. "Sagen sie mir", fordert er. "Sagen sie mir, wie viele Anrufe sie bisher endgültig bearbeitet haben?" "Das hängt davon ab, wie sie ´endgültig´ definieren." erwidere ich. "Als ´Problem wurde gelöst´!" "Das hängt ganz davon ab, was sie unter ´gelöst´ verstehen." "AAAAAGGGGHHHHHH!!" "In Ordnung, lassen sie es mich beschreiben. Wir legen für jeden Auftrag eine angemessene Frist fest, in der wir den Auftrag richtig bearbeiten können. Richtig?" "Riiiicccchhhhtttiiiigggg ..." "Wir haben nun zwei Möglichkeiten. Erstens könnten wir uns darum kümmern und das Problem lösen. Dies erfordert Zeit, die uns davon abhält, unsere eigentlichen Aufgaben zu erledigen." "Nein, ich werde jetzt nicht fragen, was sie sich darunter vorstellen. Was ist die andere Möglichkeit?" "Wir besuchen eine Kneipe und kümmern uns um die wirklich wichtige Netzwerkwartung. Und, während die Zeit vergeht, rückt das Ende der Frist für die Erledigung der vielen Aufträge näher, während das Problem, oder, besser noch, der Nutzer, schon von selbst verschwunden ist. Der Fristengenerator ist nämlich direkt mit der Mitarbeiterdatenbank verbunden." Ein Zwinkern seiner Augen verrät mir, daß der Chef verstanden hat. Und er weiß gut, daß er uns jetzt nur etwas vorschlagen kann, das meinen Kollegen und mich erfreuen wird. Entschlossen marschiert er nach draußen, um eine halbe Stunde später mit einem triumphierenden Lächeln zurückzukommen. "Ich habe den Finanzchef davon überzeugt, daß die Aufgaben noch vor dem Ablaufen der gesetzten Fristen erledigt werden könnten, wenn er einem Prämiensystem für unsere Abteilung zustimmt." "Wieviel?" "Fragen sie nicht. Genügend." Innerhalb eines Tages ist das halbe Display der Auftragsstatusanzeige dunkel, und unsere Kasse für besondere Gelegenheiten, die mit dem Budget des Chefs verknüpft ist, sieht gesünder aus als jemals zuvor. Ich beginne, die Idee der ´öffentlichen´ Rechenschaftslegung zu mögen. Eine Wette und ein Besäufnis später fühlt der B.O.F.H. sich nicht ganz wohl, weil er sich auf das Teepausen-Kontinuum einließ ... Es geht mir nicht gut. In Wirklichkeit kann ich sogar sagen, daß ich mich erbärmlich fühle. Doch da ich die mir zustehende bezahlte Krankenzeit schon während der Weltmeisterschaft aufgebraucht habe und die Erfindung eines Bombenangriffs wohl zu drastisch wäre, kämpfe ich mich an meinen Arbeitsplatz. Und wenn ich mich schon schlecht fühle, kann ich meine Kopfschmerzen auch am Arbeitsplatz pflegen. Dabei fühle ich mich schon etwas besser. Die Ursache für meinen Zustand war leicht gefunden, als ich nach dem Aufstehen die eingetrockneten Überreste von halbverdautem Kebap auf meinem Fernseher und die halbvolle Tasse Kaffee auf meinem Tisch sah. Eine vage Erinnerung tauchte in meinem Geist auf, kollidierte mit einer anderen dunklen Ahnung und verschwand wieder ... Es scheint, als könne ich mich an ein Riesenbesäufnis erinnern, das im Pub begann, der gleich neben unserem Firmengebäude liegt, und daß es das Ergebnis einer Wette war, die das Schicksal mich gewinnen ließ. Eine Wette, an der zweifellos auch der Chef in irgendeiner Weise beteiligt war - direkt oder indirekt - dessen imperialer Aufforderung, die morgendliche und die nachmittägliche Teepause sorgfältig zu beachten ich folgen sollte. Offenbar wird aber vorausgesetzt, daß wir diese Pause pro Tag nur einmal in Anspruch nehmen. Und sie soll dann auch nur 15 Minuten dauern - eine Zeitspanne, die von den Uhren der Firma und nicht durch eigene Zeitmesser überwacht wird. Ja, ich rede über eine grausame und unangebrachte Bestrafung. Natürlich konnte niemand ahnen, daß diese Anordnung wirklich durchgesetzt werden sollte - bis ein Lohnscheck über eine Summe, die niedriger war als erwartet, zeigte, daß die unautorisierten Zeitpläne, denen der PJ und ich folgten, nicht unbeobachtet geblieben waren. Ich schaffe es irgendwie, mich zur Arbeit zu schleppen, doch ich muß zugeben, daß es mich mächtig geschafft hat, die relative Sicherheit meines Büros zu erreichen. Es ist Zeit für eine Ruhepause. Ich leite Anrufe auf meine Apparate an die Netzwerkbetreuung der Firma um, die drei Häuser entfernt von uns residiert und gönne mir den wohlverdienten Schlaf. Eine Stunde später werde ich durch die Ankunft des PJs im Büro geweckt. Nun, um ganz genau zu sein, das Geräusch des durch die Tür fallenden PJ ist es, was mich weckt. Ihm geht es nicht viel besser als mir, doch ich hoffe, daß sein Gedächtnis in einem besseren Zustand als das meinige ist. Eine Hoffnung, die sich schnell verflüchtigt, als mir erklärt, er könne sich nur noch daran erinnern, daß wir die Toner aus der Faxmaschine herausgenommen und die Lämpchen für ´Toner leer´ und ´Toner entfernt´ ausgetauscht haben. Weiteres Fragen bringt nichts, als der PJ erklärt, daß er sich als nächstes daran erinnert, wie er im Kabelschacht im Hinterteil des Hauses aufwachte. Ich werde neugieriger und neugieriger ... Ich kann mich daran erinnern, daß der Anlaß wohl irgendeine größere Feier war, etwas, das man in der Computerbranche nur selten erlebt (so selten, wie die Veröffentlichung eines fehlerfreien Programms durch Microsoft). Die Aufzeichnungen der Überwachungskameras sind keine Hilfe, da sie nur zeigen, wie wir gegen 17:22 Uhr das Gebäude in ziemlich zerknautscht aussehender Kleidung in der Begleitung einiger Sekretärinnen, deren Kleidung nicht viel besser aussieht, verlassen. Da ich ein über langjährige Erfahrungen bei der Problemlösung verfügender Profi bin, folge ich der ersten Regel zur Lösung von Problemen und stelle die Frage: "Was hat sich verändert?" Meine Beobachtung zeigt, daß nicht gerade viele Leute im Haus gesund aussehen. Ich befolge die zweite Regel beim Lösen von Problemen und kehre zum Ausgangspunkt zurück - 17:22 Uhr ist viel zu spät für mich, um noch zu arbeiten. Ganz offensichtlich muß ich also etwas anderes getan haben. Ich rufe einen der menschlicheren Anwälte der Firma an, der diese Woche damit verbringt, in seiner Bar seiner Zweitbeschäftigung nachzugehen, und frage ihn, ob er sich an uns erinnert. Und schließlich schaffe ich es, ihn an seinem Handy zu erreichen. "Ja, sie haben mich gebeten, die Bar viel früher zu öffnen ..." "Wann war das?" frage ich. "Etwa 10:30 Uhr am Vormittag." Da ich zeitliche und sonstige Erinnerungen verloren habe, folgen wichtigere Fragen. "Haben wir viel ausgegeben?" frage ich mit leichter Bestürzung. "Nein, eigentlich nicht." antwortet er. "Nicht, nachdem sie darauf hingewiesen haben, daß ein Rundschreiben ihres Chefs die Verantwortung der Firma für die Getränke, die sie und die gesamte Belegschaft zwischen 10 Uhr und 11 Uhr zu sich nehmen, bekräftigt." "Und was geschah um 11 Uhr?" fragt der PJ hinter mir. "Es ist noch nicht 11 Uhr. Die Uhr zeigt 10:49 Uhr an, wobei sie wirklich ziemlich langsam zu laufen scheint. Ich habe keine Ahnung, wieso, aber es ist so ...." Ein weitere Groschen fällt, und ich kann mich verschwommen daran erinnern, daß wir die Kalibrierung des Impulsgebers für die Uhren der Firma verändert haben, um uns eine längere Teepause zu verschaffen. Anscheinend war der Hammer nicht gerade das beste Werkzeug dafür. "Sie meinen, ein Tag dauert von 10:30 bis 11:00?" schnappt der PJ nach Luft. "Ah ... zwei Tage, um genau zu sein." Ein kurzer Blick auf die unwahrscheinlich kleinen Ziffern meiner Armbanduhr bestätigt diese Version. "Verdammt! Wie hat das Management darauf reagiert?" "Nun, ihr Chef hat uns vor 16 Stun ... ich meine 6 Minuten verlassen, und er wollte in fünf Minuten zurückkommen. Die gesamte Rechtsabteilung ist hier, da sie ihren spätmorgendlichen Tee genießen wollen, und die Leute aus der Personal-Abteilung nehmen ihren Tee in Ein-Minuten-Abständen zu sich." 43 Stunden [11 Minuten] später werden der PJ, ich und einige zum harten Kern gehörende Trinker der Rechts- und der Personal-Abteilung aus dem Haus begleitet. Durch die Polizei. Ich sagte es einmal, und ich sagte es tausendmal: "SSS GEEETTT MRRRR GGGTTTT!" Und das darf zitiert werden. Eine gefälschte Dokumentation mag die Prüfer beeindrucken, doch der Chef landet trotzdem im Krankenhaus ... Ich spüre, daß etwas in der Luft liegt. Ich weiß es sofort. Erfahrene Profis haben dafür einen siebten Sinn entwickelt. Der PJ bestätigt meine Ahnungen, als er von der morgendlichen Teepause - im Pub - zurückkommt und sich neugierig umschaut, ob noch alle Dinge an ihrem angestammten Platz stehen. Es ist wie ein vielversprechender Duft. Der Chef führt etwas im Schilde. Wir sind vielleicht überempfindlich, doch ich glaube, er nimmt es uns ein wenig übel, daß wir das Gerücht verbreitet haben, es handele sich bei dem grauen Staub, der über Nacht überall in der Nutzerbetreuung auftauchte, um Asbeststaub. Das war vor zwei Tagen, doch die Massenhysterie und die grassierende Hypochondrie flauten noch immer nicht ab, obwohl mittlerweile bewiesen wurde, daß es sich bei dem Staub um gefärbtes Puder handelt. Wir ahnen, daß er Rache üben will, und als er zu uns hereinwatschelt, hat das Warten darauf endlich ein Ende. "Ich denke es wird Zeit, daß wir uns um die Dokumentation kümmern", sagt er, nachdem er seinen Vorrat an unverbindlichen Nettigkeiten ("Wie geht es ihnen?", "Was macht das Netzwerk?" und "Sind das da die Speicherchips, die ich in meinem PC vermisse?") verbraucht hat. "Dokumentation?" "Ja, eine Beschreibung der Technik, der Konfigurations-Standards, der Netzwerk- und Systemtopologie, spezielle Anpassungen", plappert er und spult dabei offenbar sorgfältig gelernte Sätze herab, mit deren Studium er sein Gehirn unter größtem persönlichen Risiko, andere wichtige Informationen (wo er wohnt, wie er heißt, wann es angebracht ist, den Reißverschluß seiner Hose zu öffnen, etc.) zu vergessen, gemartert hat. "Aber das haben wir doch schon getan - im brandsicheren Schrank für die Sicherungsbänder", antworte ich und deute auf ein graues Monster von einem Möbelstück in der Ecke, das ich bisher nur einmal geöffnet habe. "Gut, dann werfen wir doch einmal einen Blick drauf." "Nun, das würde ich ja gern tun, doch mein Assistent hat den Schlüssel verloren, nachdem er die Informationen auf den neuesten Stand gebracht hatte!" rufe ich und mache den PJ zum Sündenbock für diese spezielle Ausrede. (Natürlich haben wir das so abgesprochen ...) "Dann holen sie einen Schlosser herbei!" schreit der Chef, der sich von kleinen Details nicht aufhalten lassen will. Drei Stunden und einen Feueralarm später ist die ´Dokumentation´ nur noch ein Haufen Asche in dem nun geöffneten Schrank. Daß sie das auch schon war, als ich sie im Schrank hinterlegte, tut natürlich nichts zur Sache. "Ich habe keine Ahnung, weshalb der PJ die Flasche mit dem Magnetkopfreiniger gleich neben der Stelle plaziert hat, die der Schlosser mit seinem Schweißbrenner behandeln mußte, um den Schrank zu öffnen. Was für ein Versehen!" jammere ich und muß gegen ein Kichern kämpfen, als der Chef, der es natürlich zu eilig hatte, an die Dokumentation zu kommen, seine Hände behutsam mit Brandsalbe behandelt. "Das ist jetzt irrelevant. Ich brauche eine Dokumentation, um sie den Prüfern vorzulegen." "Die Prüfer!" protestiere ich. "Welcher geheiligte Erbsenzähler will von uns eine Dokumentation?" "Nicht die Rechnungsprüfer, Firmenprüfer. Seit die Firma sich an die Amerikaner verkauft hat, müssen wir jeden unserer Schritte prüfen lassen, damit sie sicher sind, daß wir wie eine Maschine sind, bei der alles ohne Schwierigkeiten läuft." "Mein Geld steckt in einem 73er Ford Escort, der mit drei Zylindern und Wasser im Benzin läuft, aber ich denke, daß ich sie begriffen habe." "Also erwarte ich neue Ausdrucke der Dokumentation am nächsten Morgen", sagt der Chef und verläßt uns. "Prüfer?" fragt der PJ. "Davon habe ich noch nie gehört." "Es wäre wohl besser, wenn sie ein paar Handbuchseiten scannen und mit der Texterkennung an die Textverarbeitung schicken, um die Dokumentation etwas aufzublähen. Ich werde die Ausgabe des Topologie-Monitors in ein anderes Dokument umleiten und mit 24 Pixeln Zeichengröße ausdrucken, was für etwa hundert Seiten reichen sollte. Dann lasse ich ein Perl-Skript über den Domain Name Server laufen, um ein paar ergänzende Informationen hinzuzufügen. Und schließlich werde ich mich um das Inhaltsverzeichnis kümmern, etc.", antworte ich. "Werden sie nicht merken, daß es Müll ist?" fragt der PJ. "Nein, es werden so viele Seiten sein, daß sie nur das Inhaltsverzeichnis überfliegen und zufällig ein paar Seiten aufschlagen werden. Was mich darauf bringt, daß ich für die Seiten mit dem glaubwürdigen Inhalt noch etwas schwereres Papier brauche, damit diese Seiten leichter gefunden werden können." "Man könnte meinen, sie hätten das schon einmal gemacht." "Einer der Tricks bei Vertragsgeschäften. Die Nachfrage nach Papier mit 100 Gramm Gewicht je Quadratzentimeter steigt immer, wenn eine schriftliche Firmenpräsentation fällig ist." Drei Sunden später haben wir ein Dokument, das den durchschnittlichen Anfänger wohl beeindrucken kann, doch wenn man bedenkt, daß die Prüfer ja keine Anfänger sind, so muß ich noch ein paar Seiten mit glaubwürdigen Inhalten anfertigen. Eine weitere Stunde später habe ich ein paar gute Seiten über ´Hot Swapping´, ´Fehlervorbeugung´, ´Ausfallsicherheit´, ´Vergabe von Namen im Netzwerk´ und ´Routerkonfiguration´ zusammengesammelt. Ich füge noch einige akkurat klingende Palaver über die Verkabelung, Steckdosen und Anschlüsse hinzu, ein paar Beschreibungen über unsere Notfallmaßnahmen und Sicherheitseinstellungen. Ich hefte alles in einem entsprechend benannten Ordner zusammen, dann übergebe ich ihn dem ´Alterungsprozeß´, der darin besteht, daß ich ein wenig darauf herumhüpfe, den Ordner durch den Raum werfe, wobei ein paar Seiten herausfallen, und Essensreste auf einigen Seiten verteile, damit sie aussehen, als wären sie häufig genutzt. Das Dokument wird vorgelegt und, da es keine weiteren Reaktionen gibt, macht die Prüfer offenbar glücklich. Und so kommt es, daß der PJ und ich am nächsten Tag neben dem Netzwerk-Monitor stehen, der anzeigt, daß ein Router demnächst wohl damit beginnen wird, mit niemandem anderen mehr zu kommunizieren. "Das wird den Chef auf die Idee bringen, redundante Router anzuschaffen." "Sind sie sich dessen sicher?" "Nun, die Software der alten Router unterstützt Redundanz noch nicht - das würde Speicherfehler verursachen. Natürlich habe ich vergessen, das zu dokumentieren. Gerade ist es mir eingefallen, daß ich auch nicht dokumentiert habe, daß ..." Ein lauter Knall aus der nächsten Etage unterbricht mich. "Die Leiter für den Notausstieg ist noch nicht am Dach festgeschraubt." Fünf Minuten später ist der Chef auf dem Weg ins Krankenhaus und die Dokumentation auf ihrer Reise in den Ofen. Ein gefälschter Leistungsvergleich für Computer mag Hohlköpfe in Polyesteranzügen beeindrucken, doch der kluge B.O.F.H. hält eine kleine Überraschung in seiner Tasche bereit ... Ich bin auf einer Veranstaltung, auf der ein Hersteller seine neuesten Mini-Computer vorstellt. Und wie erwartet besteht das Publikum aus Hohlköpfen, bei denen es anscheinend modern ist, Anzüge aus 100 Prozent Polyester zu tragen. Und, ebenfalls erwartungsgemäß, der Hersteller preist seine neue Technik in höchsten Tönen, während er gleichzeitig seiner Stammkundschaft zu versichern versucht, sie sei kein ERSATZ für die Technik, die sie sich vor ein paar Monaten angeschafft haben, sondern nur ein parallel hergestelltes Produkt. Die Tatsache, daß die Rechner aus dem letzten Quartal aus dem Hardware-Katalog gestrichen wurden (zusammen mit dem Herstellerservice) ist reiner Zufall ... Wie auch die Seriennummer auf dem Vorführgerät, die impliziert, daß dieses vor SECHS Monaten hergestellt wurde. Nein, nein, das war kein billiger Ramschverkauf damals, sondern das ist wirklich ein reiner Zufall. Oh, und ein Wechsel auf eine völlig neue Architektur ... Also sehen wir das neue Modell mit den neuen Anschlüssen (was bedeutet, daß die auf Vorrat angeschafften Steckkarten und Peripheriegeräte ungefähr so wertvoll sind wie XT-Thin Wire-Steckkarten), das zwanzig Prozent mehr Prozessorgeschwindigkeit bringt, achtzig Prozent teurer ist und durch ein um zweihundert Prozent größeres und häßlicheres Logo gekennzeichnet ist. Natürlich bricht bei den Zuhörern angesichts dieser neuen Errungenschaften sofort die typische Begeisterung der Ahnungslosen aus. "Wie sie sehen", erklärt der Vorführer mit einem schleimigen Grinsen. "Wie sie hier sehen, zeigt der SpecWUPGW Int, daß unsere Modelle besser bewertet werden, als die Modelle der gesamten Konkurrenz ..." "Ah", unterbreche ich ihn und unterdrücke den Anflug von Trauer, den diese plumpe Vorspiegelung von Ehrlichkeit in mir hervorruft. "Könnte das daran liegen, daß sie den SpecWUPGW Int erfunden haben, um die Vorteile ihrer neuen Architektur auszunutzen?" "Natürlich nicht", erwidert der Vorführer pikiert. "Der SpecWUPGW Int ist ein offener Industriestandard!" "Und wer", fahre ich fort, obwohl ich schon weiß, was noch kommt. "Wer hat diesen Standard entwickelt?" "Nun, ich muß, mit etwas Stolz, zugeben, daß unser Unternehmen in der Lage war, diesen Standard zu entwickeln, der die wirklichen Bedürfnisse eines Nutzers widerspiegelt und so einen echten Vergleich verschiedener Systeme ermöglicht, der weitaus aussagekräftiger ist, als die üblichen Testmethoden, die nur ein paar Integer-Berechnungen durchführen." "Mit anderen Worten - sie haben diesen Standard für sich entwickelt?" "Nein, nein! Die anderen Standards zum Vergleich von Systemen haben nicht genügend berücksichtigt, daß es verschiedene Arten von Nutzern gibt, die an einem Computer arbeiten - seien es Programmierer, Nutzer von Datenbanken und so weiter. Der SpecWUPGW bezieht all diese Faktoren mit ein und liefert ein Ergebnis, welches das ´Gesamtsystem´ oder, wie wir es nennen, die ´Holistische Interoperativität´ vollständig repräsentiert." Ich schaue mich um und stelle fest, daß die anderen Zuhörer zu 60 Prozent das typische Verhalten von Einkäufern zeigen, deren Verstand schon längst kapituliert hat. "Und wofür steht SpecWUPGW eigentlich?" will ich wissen. "Spezifikation wenn Ummmmmdmd Pdndn Guidnd Wdrn", murmelt er. "Entschuldigung?" "Spezifikation wenn unsere Peripherie genutzt wird." murmelt er scheu. "Oh! Sie sagen also, daß, wenn wir eine ihrer SCSI-Festplatten in, sagen wir, das Modell eines Konkurrenten einbauen, der Prozessor so damit beschäftigt sein wird, die Fehler zu berichtigen, die ihr dem Standard nicht gehorchendes Gerät verursacht, daß er kaum dazu kommt, wirklich zu arbeiten?" "Nein, das ist es nicht", keucht er verärgert. "Aber lassen sie mich ihnen das System in Aktion vorführen. Das wird sie sicher überzeugen!!!" Er schaltet das Gerät ein, und es startet mit einem wirklich beeindruckenden Klang. Allein dieser rechtfertigt, kombiniert mit dem neuen bunten Begrüßungsbild, die Hälfte des Kaufpreises!!! "Und wenn sich vielleicht ein Freiwill ..." Beinahe hätte ich meine Achillessehne verletzt, als ich nach vorn zum Podium eile. Bestimmt bin ich nicht der Freiwillige, den er erwartet hat - wahrscheinlich hat er mit einem vorbereiteten Schauspieler gerechnet, dessen einfache Fragen er mit einem "Schauen sie sich das hier an!" beantworten kann. "Ah", murmelt er bemüht, mich nicht in die Nähe seines Vorführgerätes gelangen zu lassen, doch ihm bleibt nun keine andere Wahl mehr. "Wie wäre es, wenn sie die graphische Benutzeroberfläche starten, indem sie auf das kleine Symbol klicken?" Ich folge seinem Vorschlag und bin wirklich von der Geschwindigkeit beeindruckt. Wie übrigens auch der Rest der Zuschauer, die näherkommen, um alles besser zu sehen ... Ich verberge meine Hand für kurze Zeit ... Und schneller als man "Was ist das, zerschnittene Aluminiumfolie? Die Verpackung einer Schokoladentafel? Eisenspäne?" sagen kann, habe ich eine kleine Menge Aluminiumfolie durch die gierigen Löcher der Kühlanlage in das Gehäuse geschmuggelt. Der folgende Kurzschluß, der Rauch und die mittlere Explosion schlossen das Vergnügen für diesen Nachmittag ab - sie ruinierten die Verkaufsprospekte und ließen den Vorführer mit einer ´schockierenden´ neuen Frisur flüchten - nachdem er aus seiner Ohnmacht wieder erwacht war. Es ist eigentlich unnötig zu sagen, wie es weiterging, denn das ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Das neue Modell wurde nicht grundsätzlich vom Markt genommen, sondern eine neue Vorführung organisiert, nachdem man die ´Netzteilprobleme´ behoben hatte, aber immerhin hat die Verzögerung dafür gesorgt, daß die Preise für die Peripheriegeräte, die ich im Angebot habe, wieder stiegen und ich die Geräte an einen anderen ahnungslosen Kunden unseres Lieferanten loswerden konnte. Wie sagt man so schön - in der Liebe und beim Hardwareverkauf ist alles erlaubt ... Man glaubt kaum, was mit der Kreditkarte des Chefs passiert ... und es ist nicht nur der B.O.F.H., der seine Finger im Spiel hat - er hat einen neuen flexiblen Freund ... Ich wühle mich durch die Wagenladung morgendlicher E-Mails, sortiere all die Werbung aus, die etwas mit Kreditkarten, kostenlosen Krediten, Karrierechancen und neuen, erweiterten Sex-Angeboten im WWW zu tun hat. Den Web-Cache, der für den Chef bestimmt ist, mit Pornographie aufzufüllen, ist der sicherere Weg, um ungestraft während der Arbeitszeit entsprechende Bilder anzuschauen. Und er spart uns die Mühe, darauf zu warten, daß die Daten sich erst durch die überlastete Ethernet-Anbindung des Anbieters zu uns quälen müssen. Ja, daß wir die Daten der Firmenkreditkarte des Chefs für unser kleines Programm benutzt haben, das automatisch nach Pornoseiten sucht, war vielleicht etwas unanständig, doch das zählt nicht, wenn man über einen gut gefüllten Cache verfügen will. Und der Chef zahlt bestimmt - allein in diesem Monat mußte ich sein Limit zweimal erhöhen lassen, damit unser freundliches und aufmerksames Programm all die Seiten bedienen konnte, die es gefunden hat. Wenn er nicht vorgehabt hätte, etwas mit seiner Kreditkarte zu kaufen, dann hätte er schließlich auch keine beantragt. Noch hätte er sie achtlos in einem versiegelten Umschlag herumliegen lassen, der in einer Aktentasche versteckt war, die in einem Schrank mit der Aufschrift ´IT94 Konferenz-Unterlagen´ stand, in dem wir Sicherungskopien aufbewahren. Ja, die Karte lud wirklich geradezu dazu ein, sie auch zu nutzen. Wie auch immer, der Cache machte sich sehr bezahlt, als ich die beiden neuen 9 Gigabyte-Festplatten in den Server eingebaut hatte. Mit anderen Worten - ein sehr schöner Abschluß - oder ein Anfang ... "Ich habe ein Problem mit den Nutzungsstatistiken für die Rechner", beschwert er sich und stürmt so schnell ins Büro, daß ich die ´Cache-Ausnutzungs-Statistik´ nur löschen kann, indem ich meinen Monitor abschalte. "Worum geht es?" frage ich. "Nun, dieser Statistik entnehme ich, daß mein Rechner unheimlich viel Datenverkehr außerhalb der Bürozeiten verursacht." "Wirklich!" erwidere ich. Offenbar schaut meine Porno-Goldmine dem Ende ihrer Existenz entgegen. "Oh, das ist das DHCP Mapping", springt der PJ ein. "Das liegt daran, daß unser DNS nicht dynamisch ist, also wird das alles ihrer Maschine zugerechnet, obwohl es in Wirklichkeit eine andere Maschine ist, die ihre IP-Adresse benutzt und so in den Nutzungsstatistiken auftaucht." "Hmmm ... wirklich?" reagiert der Chef, dessen technischer Verstand offenbar nahe daran ist, in unbekannten Gewässern unterzugehen. "Ja, darüber müssen sie sich keine Sorgen machen." "Oh", sagt der Chef und ist glücklich darüber, daß sein PC nur ihm treu ergeben ist. "Aber wer hat den Datentransfer mit meiner IP dann verursacht?" "Ah ... das könnte möglicherweise unser eigener Webserver gewesen sein", werfe ich ein. "Aber ich dachte, sie hätten mir letzte Woche gesagt, die Server nutzen DHCP nicht?" bemerkt der Chef und verblüfft mich damit, daß seine Gegenfrage durchaus korrekt ist. "Nein, nein, ich sagte, daß die Surfer DHCP nicht benutzen - weil ... ah ... die meisten von ihnen nicht einmal PCs besitzen ... und die, die einen besitzen, nehmen ihn bestimmt nicht mit an den Strand ..." "Was haben Surfer mit unserer Firma zu tun?" platzt der Chef heraus. Er ist nun noch mehr verwirrt als sonst ... "Ich habe keine Ahnung", antworte ich. "Und warum haben sie davon angefangen?" "Ich wollte nur etwas Zeit totschlagen ..." Unsere Konversation wird durch die Ankunft eines Erbsenzählers unterbrochen, dessen Blick einen besorgten Ausdruck zeigt, was nur bedeuten kann, daß der Kreditkarten-Adler gelandet ist. Mit einer Bruchlandung, wenn ich seinen Gesichtsausdruck richtig deute. "Es geht um ihre Firmenkreditkarte", murmelt der Erbsenzähler vorsichtig. "Was soll damit sein?" "Das Konto steht bei 23.000 Pfund. In roten Zahlen!" Ich bin leicht schockiert über diese Zahl, da ich das Limit nur auf 10.000 Pfund hochgesetzt hatte, doch die Kreditkartenfirma war wohl ganz wild darauf, neue Einnahmen zu erzielen ... "Das ist doch lächerlich!" erwidert der Chef. "Hier steht alles schwarz auf weiß - doch meistens rot", sagt der Erbsenzähler und wedelt mit einigen Ausdrucken. "Was hat das zu bedeuten, www.spank-spank.org ... und zu-enge-lederhosen.com? Und wer zum Henker ist die ´Progressive Presse´ in Amsterdam?" Eine Warnglocke schlägt in meinem Kopf, da ich mich nicht an Web-Sites mit diesen Namen erinnern kann. Ich schnappe mir die Ausdrucke des Erbsenzählers und stelle fest, daß die Kosten für die Webseiten nur etwa zehn Prozent der Gesamtsumme ausmachen, der Rest ging für ergänzende Artikel drauf, die nach Großbritannien geschickt wurden ... "Ich habe keine Ahnung, wie das ablief", erwidert der Erbsenzähler. "Aber das wurde alles mit ihrer Karte bezahlt ..." "Das kann nicht sein! Meine Karte ist sicher weggeschlossen. In einem Fach in einem Schrank." "Dem Fach für Reinigungsmittel, glaube ich", wende ich hilfsbereit ein. "In einem Schrank für Sicherungskopien." fügt der PJ hinzu. "In einem versiegelten Umschlag in einem Aktenkoffer", vollendet der Erbsenzähler mit einem selbstgefälligen Grinsen, das den PJ und mich mehr als überrascht. Es sieht so aus, als gäbe es einen neuen Mitspieler - einen Erbsenzähler auf Abwegen. Ausgezeichnet. Der Chef murmelt etwas davon, daß wir damit nicht durchkommen werden, und braust davon, um seine Karte sperren zu lassen. "Nun, da kann man wohl nichts mehr machen", zwitschert der Erbsenzähler fröhlich. "Nebenbei, ich habe seine alten Kreditkartendaten dazu benutzt, eine neue bei einer anderen Bank zu beantragen." "Und ...?" frage ich und bin bereit, sofort in den Krieg zu ziehen. "Ich habe ihrem Chef die Details in einer E-Mail mitgeteilt, die ich natürlich nicht mit seinem öffentlichen Schlüssel verschlüsselt habe, sondern mit ihrem - was für ein Mißverständnis!" "Also sagen sie, daß der Chef eine E-Mail bekommen hat, die er nicht lesen kann ..." "Die jeder mit ihrem privaten Schlüssel abfangen können sollte ..." Es ist ein feuchter und windiger Nachmittag, als die Leute vom Wachdienst in das Büro des Chefs stürmen, um ihn nach oben in die Chefetage zu bringen, wo eine ordentliche Tracht Prügel auf ihn wartet. Seine Unschuldsbeteuerungen treffen auf taube Ohren, als Nachforschungen ergeben, daß die Magazine der ´Progressiven Presse´ an die Adresse seines Ferienhauses geliefert wurden ... Einer weniger, aber noch viele werden ihm folgen. Doch immerhin haben wir einen neuen Freund im Lager des Gegners ... Das Auge an der Wand hat alles gesehen, also ist es Zeit für riskante Maßnahmen, um das gefährliche Maß Sherry im Beratungsraum zu verstecken ... Früher oder später mußte es ja passieren. Wir wissen es, wir bereiten uns darauf vor, doch trotzdem trifft es uns dann wie der sprichwörtliche Tritt in die Weichteile. Der Wachdienst will seine Systeme zurückhaben. Nun, nicht der ganze Wachdienst - wir pflegen eine großartige Beziehung - doch es ist der neue Manager, ein ehemaliger Offizier, der seine Arbeit wohl etwas zu ernst nimmt. Er nimmt (grauenhafterweise) an, daß die Überwachungskameras durch den Wachdienst kontrolliert werden sollten und daß wir von der System- und Netzwerkbetreuung nicht mehr unbegrenzten Zugang zu allen, auch den sicherheitsrelevanten, Bereichen im Gebäude haben sollten, um "schnellen Service" zu ermöglichen. Mit anderen Worten - er versucht, aus uns ahnungslose Schäfchen zu machen. Unser neuer Chef ist auch keine Hilfe. Mit dem Rückgrat einer Qualle hat er sich in Rekordzeit zurückgezogen. Ich mag das nicht. Der PJ mag das nicht. Etwas muß geschehen. Und es wird etwas geschehen. Der Tropfen, der das Faß schließlich zum Überlaufen brachte, war die Frage des Chefs, was wir in der vergangenen Nacht um 18:25 Uhr im Beratungszimmer des Geschäftsführers zu suchen hatten. Ganz offensichtlich ist die Antwort ´Wir betranken uns bis zur Besinnungslosigkeit mit ein paar Sekretärinnen´ nicht das, was er hören möchte. Also müssen wir wohl etwas improvisieren - und ich rede nicht von Musik. "Ahhh ... Wir haben die Verbindungsqualität der ISDN-Anschlüsse der einzelnen PCs überprüft." erkläre ich schnell. "Wirklich? Es sieht aber nicht so aus!" ruft er und wedelt mit einem ausgedruckten Standbild der Überwachungskamera, das den PJ dabei zeigt, wie er den halbvollen Sherry-Krug mit einer verarbeiteten Version des Originals wiederauffüllt. "Das ist ja ekelhaft!" rufe ich erregt. "Ja, das ist es", stimmt mir der Chef zu und bereitet sich darauf vor, die nächste Hürde zu nehmen. "Wie auch das hier", setzt er fort, wobei er einen weiteren Ausdruck zeigt - diesmal von mir, wie ich die enttäuschende Fehlleistung des PJs berichtige. (Er ist eben noch jung.) "Und was haben sie dazu zu sagen?" will der Chef herausfordernd wissen. "Nun, offensichtlich sollte ich meinen Konsum von Vitamin B einschränken." rufe ich. "Was?" "Das sollte ein Scherz sein. Das ist ganz offensichtlich eine Fälschung." "Nun, wenn das eine Fälschung ist", erwidert er und hält einen seltsam vertrauten Krug hoch. "Dann haben sie sicher nichts dagegen, einen schnellen Schluck hiervon zu nehmen." "Natürlich nicht", antworte ich und genehmige mir einen gesunden Schluck, oder 57, und leere den Krug in Rekordzeit. "Wie ich schon sagte - das ist eine Fälschung, mit der der Chef des Wachdienstes uns in Mißkredit bringen will, indem er Falschinformationen verbreitet. Offensichtlich wurde das Video bearbeitet. Schauen sie sich die Pixel rund um die Sache an. Es wurde digitalisiert und wieder auf Band gebracht." "Ich ... uh ..." murmelt der Chef, dessen großartiger Plan sich in Asche aufgelöst hat. Nachdem er niedergedrückt davonschlich (ohne eine Flasche oder gar einen Krug), um den Chef des Wachdienstes zur Rede zu stellen, kommt der PJ zu mir. "Ich kann nicht glauben, daß sie das verdammte Zeug getrunken haben", keucht er angeekelt. "Ah, seien sie nicht so naiv - ich habe den aufgefüllten Krug nach hinten ins Regal gestellt und den Verschluß mit dem dieses Krugs vertauscht. Die Geschäftsleitung ist blöd, aber nicht blöd genug, um den Kruginhalt tatsächlich für Sherry zu halten. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht vorher ein paar andere Krüge geleert haben. Deshalb habe ich ihn nach hinten gestellt." Ein Geräusch von einer Kamera hinter uns macht mich auf ein potentielles Problem aufmerksam. "Glauben sie, daß er von den Lippen lesen kann?" frage ich den PJ und verberge meinen Mund hinter meiner Kaffeetasse. "Könnte sein", kommentiert der PJ perfekt gähnend. "Richtig. Es wird Zeit für eine Notfallaktion!" Der PJ und ich rennen zur Treppe und zum Beratungsraum der Firmenleitung, um den Beweis zu beseitigen. Doch wir kommen zu spät. Der Chef des Wachdienstes ist schon in dem Zimmer und hat bei seiner eiligen Suche nach dem Krug Glaswaren im ganzen Raum verteilt. Mit etwas Glück ... doch nein - der bewußte Krug enthält eine viel, viel hellere Flüssigkeit, als die, die ich vorhin getrunken habe. "Wir sitzen in der Falle", flüstert der PJ. "Noch nicht", antworte ich und erinnere mich an die Voreinstellungen des Kartenleser an der Tür zum Beratungsraum. Ich schiebe meine Karte in den Leser, dann gebe ich einen falschen PIN-Code ein. Noch einmal. Und noch einmal. Mein vierter Versuch löst den Alarm aus, und die Sicherheitsverriegelung schließt automatisch die Tür. Der Sicherheitschef versucht von innen das Schließen der Tür aufzuhalten, doch zu spät ... Die zehnminütige Verriegelung wirkt. Schnell wie ein Blitz trennt der PJ die Telefon- und Netzwerkverbindung des Beratungszimmer, dann verschließt er mittels Handsteuerung den Korridor zum Beratungsraum. "Warten sie! Er wird das Glas vor dem Notausgangsschalter einschlagen." ruft der PJ. "Er könnte. Wenn ich das Glas nicht vor Jahren durch Panzerglas ersetzt hätte." Wir nehmen uns ein paar Sessel und warten auf das Unvermeidliche, sorgen dafür, daß die Sicherheitsverriegelung alle neun Minuten erneut in Aktion tritt. Zu seiner Verteidigung muß gesagt werden, daß der Chef des Wachdienstes sicher tapfer hält - offenbar der militärische Einfluß. Es dauert beinahe zehn Stunden, bis er durstig wird. Und zwei weitere, bevor er den Krug wieder auffüllt. "Ich hätte den Krug auf dem Boden umgekippt", sagt der PJ leise, als wir am nächsten Tag im Pub sitzen. "Das hätte das Problem gelöst." "Ja, es wird wohl niemand verstehen, was in einem militärischen Geist so vorgeht", seufze ich, als ich mich an die Namen erinnere, die ihm seine Truppen gegeben haben, die zu beschäftigt waren, ihm zu Hilfe zu eilen und die Aufzeichnungen zu modifizieren - selbst wenn sie es gewollt hätten. Nun, jedem das, was er verdient ... Ein alter Freund in Wales, der nicht über Kabel-TV verfügt, entpuppt sich als idealer Vorwand für die Anschaffung weiterer Leitungskapazitäten ... Ich schicke ein paar Folgen einer außerirdischen TV-Serie durch das Netz nach Wales zu einem guten alten Bastardfreund (Ja, ein armer Bastard, aber ein Freund.), der sie noch nicht gesehen hat, sich aber die Videos nicht kaufen will. Als Folge der Ton- und Bildübertragung, die natürlich komprimiert erfolgt, ist die Geschwindigkeit unserer Verbindung zum Rest der Welt praktisch Null. Und es gibt KEINEN ANLASS, mit dem neuen Chef über eine größere Bandbreite zu diskutieren, da er sich zurückgezogen hat, um sich durch die Aufzeichnungen seiner Vorgänger zu wühlen (eingeschlossen derer, die in Krakelschrift behaupten: "SIE SIND HIER, UM MICH ZU KRIEGEN!"), und er mich darüber informieren ließ, daß es KEINE Chance für eine Erweiterung der Kapazität gibt. Wie auch immer, das löst nicht das Problem der merklich verzögerten Antwortzeiten bei unseren sonstigen Datenübertragungen, aber mit etwas Glück kann ich es lösen, indem ich das Video auf die von unserem Netzbetreiber bisher ungenutzte Vermittlungsstelle umleite, die nur durch einen Schalter ´außer Betrieb´ gesetzt wurde, sonst aber voll funktionstüchtig ist. Ich meine, das MUSS ich doch als EINLADUNG auffassen, da all ihre Konkurrenten keine ungenutzten Leitungen in unsere Haus gelegt hätten. Natürlich ist mir bewußt, daß unsere Firma früher oder später für diese Leitung zahlen muß, doch ich beruhige mein Gewissen, indem ich mir einmal die Höhe der Summe vorstelle. Doch schließlich dient ja alles einem guten Zweck! Ich nehme die Leitung in Betrieb und starte einen Test. Natürlich, der Router-Anschluß ist auch noch aktiviert! Also schicke ich das Video über diese Leitung und danke Gott für einen Provider, der mehr Anschlüsse und Geld hat als Geschäftssinn ... Es ist freilich nur eine Frage der Zeit, bis sie etwas merken, also sorge ich dafür, daß die Rufnummernanzeige bei Anrufen von draußen zuverlässig funktioniert. Und schon wenige Stunden später kommt der erwartete Anruf von der Kundenbetreuung unseres Providers. "Hallo, Belgisches Steak- und Waffel-Restaurant ... sie wollen reservieren?" sage ich und achte darauf, daß mein Akzent nach Osteuropa klingt. "Entschuldigung, falsche Nummer." murmelt der Anrufe und legt auf. Zwei Sekunden später ist er wieder dran. "Hallo, Belgisches Steak- und Waffel-Restaurant ... sie wollen reservieren?" Jetzt ist er verwirrt. Er prüft noch einmal die Nummer und fragt dann, ob wir Computer im Haus haben. "Isch deengke, tzie maihnen diiee Loide iim Oobergeeeschoß", sage ich. "Tsie haabenn fieele Gomputerr." Er fragt nach den Namen der Firma, dann nach ihrer Telefonnummer. "Oh, dass iist einee lanngee Geeeschischde", erkläre ich. "Ess gaabb einneen großeenn Unfahl im gantsen Hauss, und jetztt lauffen die Telllefohne nicht mehr richtig, seit diesserr Mannn kahm, umm die Feeehler tsu beseitigen ..." Ich bemerke, daß mein Akzent ins Mexikanische abgleitet, also mache ich eine Pause. "Enddschuldigungk, isch habbe einnenn Anrufer - rrufen ssie misch nnach demm Essen tzurüggk!" Jetzt läuft die Zeit für mich. Ich weiß, daß sie die Leitung nicht kappen werden, da sie nicht wissen, ob das Problem eine Folge IHRER Aktivitäten ist - oder, für den Fall der Fälle, daß die Leitung schon berechtigt in Betrieb ist, es ihnen nur noch niemand gesagt hat. Aber ich weiß auch, daß sie mich nicht lange mit dieser kostenlosen Bandbreite arbeiten lassen werden. Ich brauche also einen Plan. Ich rufe unseren Kundenbetreuer bei ihnen an (natürlich mit abgeschalteter Rufnummernweiterleitung) und frage ihn was zum Teufel mit der Übertragungsgeschwindigkeit ihrer Leitung los ist. "Was meinen sie?" fragt er. "Etwas scheint die ganze für uns bestimmte Bandbreite aufzufressen!" jammere ich. "Das begann, nachdem einer ihrer Techniker zu uns kam, um unsere Leitungen zu warten und sich auch um unsere Telefone zu kümmern." "Aber wir warten ihre Telefone gar nicht!" erwidert er. "Ja, das merke ich!" rufe ich. "Aber jetzt ist alles vertauscht mit den anderen Firmen hier im Gebäude und niemand ist in der Lage, noch ernsthaft zu arbeiten!" "Aber wir haben niemals einen Anruf von ihnen bekommen!" beklagt er sich. "Haben sie eine Auftragsnummer?" Ich schalte die Telefonleitung auf das Modem um und lasse es eine Verbindung aufbauen, so daß er eine Ladung Müll zu hören bekommt. Dann schalte ich wieder zurück auf das Telefon, was sich anhört wie ein pubertierender Rüde. "Sie haben keinen Anruf mit der Fehlermeldung bekommen?" frage ich. "Nein." bestätigt er genervt. Ich prüfe mit den Überwachungskameras, ob der Dienstwagen des Chefs noch in der Garage steht. "Aber ich habe erst vor ..." beteuere ich und lasse das Modem den Anruf fortsetzen, während ich in die Garage eile. Nachdem ich die Linse der Kamera mit etwas Schmutz geblendet habe, öffne ich die Motorhaube des Dienstwagens und plaziere ein Paar Ersatzkontakte am Starterkabel. Jetzt muß ich nur noch den Rückwärtsgang und den Starten-nur-im-Parkenmodus-Schalter kurzschließen. Keine halbe Stunde später bricht der Chef mit 30 km/h mit seinem Wagen durch die Wand der Vermittlungsanlage und zerstört dabei mehr als zuverlässig jegliche Netzwerk- und Telefonverbindungen. Ich stürze ins Parkdeck und helfe dem Chef aus seinem Wagen bis zu einem Punkt, von dem aus er nicht sehen kann, wie ich etwas System- und Netzwerktechnik aus dem Wagen heraushole. Während er noch mit dem Schock kämpft, führe ich die endgültige Behandlung einiger Netzanschlüsse mit einer der Äxte durch, die die amerikanische Konzernzentrale uns im Rahmen ihres Sicherheitsplanes geschickt hat. "Es ist einfach losgefahren!" plärrt der Chef. "Nun, das ganze Gebäude ist ohne Netz!" sage ich. "Können sie das nicht reparieren?" "Ja, aber das würde mindestens die ganze Nacht dauern und wir müßten den bisher ungenutzten Anschluß in Betrieb nehmen, um den Datenaustausch zu gewährleisten. Und wir werden neuere, schnellere Anschlüsse brauchen, da die alten nicht mehr reparierbar sind und auch nicht mehr verkauft werden ..." Einen Tag später schaue ich mir das Video der erwähnten TV-Serie an, das aus Wales zu mir kommt. Die Geschwindigkeit der Netzwerkverbindung ist wirklich perfekt. "Wie lange brauchen wir die zusätzliche Verbindung?" fragt der Chef. "Ach", murmle ich wegwerfend. "Ich weiß es nicht - wie lang ist wohl die komplette Star Trek Serie?" "Wieso?" "Ach, nur so ein Gedanke." Als der B.O.F.H. sich zur Teilnahme an Therapiesitzungen entscheidet, will er frei über Probleme reden. Doch über wessen Probleme soll er sprechen? Erpressung liegt in der Luft ... An einem Morgen komme ich zur Arbeit und sehe einige Plakate in der Nähe des Kaffee-Automaten, die im Auftrag der US-Zentrale aufgehängt wurden und im Rahmen ihres Gesundheits- und Wohlstandsplanes ´für alle Mitarbeiter´ (was die Hälfte der Angestellten schon einmal ausschließt) für kostenlose Therapiesitzungen für jeden, der meint, er brauche sie, werben sollen. "Das ist doch verrückt!" sage ich dem PJ, als er später auftaucht und zeige ihm eines der genannten Plakate. "Wieso?" fragt er und klingt irgendwie verdächtig nach jemandem, der ernsthaft mit dem Gedanken spielt, das Angebot anzunehmen. "Bittttteeee! Wer würde denn schon ernsthaft die Mühe auf sich nehmen, sich während der Arbeitszeit hinunterzubegeben, um sich darüber zu beschweren, daß er nicht von seiner Mutter gemocht wurde oder eine Heidenangst vor Zugfahrten durch Tunnel hat?" "Bitte?" fragt der PJ, der sich offensichtlich nicht gut mit Freud auskennt. "Sehen sie, die halbe Belegschaft jammert sich doch ohnehin schon ständig die Ohren voll, wie schwer sie es haben. Das würde dieses Geheul ja nur noch legitimieren!" "Sie haben wirklich ein Problem damit, oder?" stichelt der PJ. "Vielleicht sollten sie jemanden aufsuchen, der ihnen behilflich bei der Erforschung ihrer Gefüh ..." (Einen langen und lautstarken Schrei später): "So, haben sie verstanden, was ich ihnen zu erklären versuchte?" frage ich und öffne die Schublade wieder, die die Familienjuwelen des PJs enthält (Wie das anatomisch und möbeltechnisch realisiert wurde, weiß ich nicht. [thomas w.]). "Ja. Ja." schnappt der PJ auf seinem Weg zum Boden nach Luft. "Aber ...." "Aber?" rufe ich und öffne die Schublade für die zweite Runde. "Aber glauben sie nicht, daß das Management weiß, daß die Belegschaft viel Zeit mit Jammerei verschwendet ..." "Und nun versucht, diese Verschwendung dadurch einzudämmen, indem der ganze Prozeß quasi ´legalisiert´ wird?" vollende ich. "Ja. Wenn sie wirklich Hilfe statt der Möglichkeit zum Grollen bekommen ..." "... könnten sie produktiver arbeiten?" "Genau!" "Ich sehe, worauf sie hinauswollen. Aber ich glaube nicht, daß das Management viel darüber weiß, wie gern sich die Belegschaft tatsächlich beschwert. Aber trotzdem sollte man einmal ein Auge darauf werfen ..." Und so kommt es, daß ich zwei Tage später diese Therapie-´Sache´ selbst in Augenschein nehme. "... was wir hier benutzen, nennt man ´RET´ - rational-emotionale Therapie. Dabei geht es darum, daß wir sie auffordern, sich ihren Problemen zu stellen, indem sie sie als solche identifizieren und die Ursachen für ihr Auftreten finden." "Aha." unterbreche ich ihn, um meinen Fall in ein Langweiligkeitskoma zu verhindern. "Ich habe schon einige Therapien versucht, meistens ´ZBC´, aber das scheint nicht zu funktionieren - meine Probleme sind bei der nächsten Sitzung wieder da." "ZBC? Damit bin ich nicht vertraut." "ZBC? Zehn Bier und eine Curry-Wurst. Jeden Freitag unten am Imbiß und dann im Pub um die Ecke." "Ja, sehr drollig." kommentiert er und lehnt sich in seinem Sessel zurück. "Nun können wir aber darüber reden, was sie zu mir führt?" "Natürlich! Ich bin daran interessiert, alles zu erfahren, was sie von der Belegschaft gehört haben!" "Verzeihung?" "Sie wissen schon, die schmutzigen Dinge - wer ist ein Bettnässer, wer hat eine Vorliebe für kleine pelzige Tierchen - solche Sachen." "Alle Informationen, die ich erhalte sind gehei ..." "Wie die, daß der Chef impotent ist?" frage ich. "Wie haben sie das ...?" "Es steht alles in ihren Notizen", murmle ich. "Ich tippe sie nicht in den Computer ein!" "Aber sie machen sie sich auf einem Schreibblock, der von der Überwachungskamera am Lift beobachtet wird ..." "Aber ich stenographiere!" "Diese abgekürzte Schreibweise?! Der Prozessor brauchte acht Minuten, um sie zu analysieren ..." "Aber ..." "Finden sie sich damit ab - ich werde sowieso sagen, sie hätten geplaudert. Also können sie es mir auch gleich sagen." "Das kann ich nicht. Ich habe einen Eid geschworen!" "Den, daß sie im Suff nicht plaudern" "Wir benutzen Begriffe wir ´Suff´ nicht." "Oder ´unkorrektes Verhalten´?" "Was wollen sie wirklich?" "Schmutz!" "Oh, alles klar!" ruft er ärgerlich. "Ihr Chef hat eine irrationale Angst vor elektrischen Tackern." "Das ist nicht irrational. Beinahe jedem, den ich kenne, geht es so! Der PJ hat Alpträume deswegen. Oh, und wegen Schubladen, wenn ich mich nicht irre ..." "Und eine ihrer Telefonistinnen meint, sie sei eine Nymphomanin." "Wie heißt sie!?" ruft der PJ und kommt hinter der Tür hervor. Wirklich, er sollte weniger Fleisch essen ... "Kleine Fische", beschwere ich mich. "Ich will den echten Schmutz hören. Den, über den wirklich niemand etwas wissen soll ..." "Den gibt es nicht!" "Der Bruch der Schweigepflicht zieht Maßnahmen der Personalabteilung nach sich, oder?" wende ich mich an den PJ. "Natürlich." zwitschert er mit einem teuflischen Grinsen. "Sie haben gewonnen", stöhnt mein Therapeut und beginnt sich zu erleichtern ... Nach dieser Sitzung fühle ich mich wirklich besser. So gut sogar, daß ich mich zu wöchentlichen Sitzungen durchringe ... "... für etwa zwei Wochen, bis Gerüchte aufkommen, daß Geheimnisse gar nicht so geheim sind", erkläre ich dem PJ, als ich am frühen Freitagnachmittag meine ZBC-Therapie beginne. "Wird das wirklich so lange dauern?" fragt der PJ. "Ich weiß nicht. Fragen sie mich nach dem sechsten Bier noch einmal, wenn die ´Arbeiter´ hereinkommen. Ich spüre, daß meine Therapie Wirkung zeigt und mich ein großes Redebedürfnis überkommt ..." "Klingt unangenehm ..." "Vielleicht. Jetzt sind sie dran, für meine Therapie zu bezahlen, oder?" murmle ich und reiche ihm mein leeres medizinisches Glas. Das ist es, was Therapien erfolgreich macht - man muß sie nur wollen, dann sind sie auch erfolgreich. Wenn man ein paar Ersatzteile braucht, muß man nur das geliebte Minesweeper-Spiel des Chefs versenken und die Ersatzteile dazu benutzen, ihn zu schockieren ... Der Chef ist festgenagelt. Nachdem ich neue Software auf seinem brandneuen Laptop installiert hatte, habe ich einen ´Garantiesiegel - Keine Haftung, wenn das Siegel zerstört ist´-Aufkleber über die Vorderseite geklebt. Die Schweißtropfen auf seiner Stirn und seine zitternden Finger - als er versucht, mit seinen Händen an das Gerät zu kommen - sprechen eine deutliche Sprache über seinen Geisteszustand. Er ist offensichtlich süchtig nach Minesweeper, auch wenn ich die Version auf seinem alten Laptop durch eine Variante ersetzt hatte, bei der die Bombe gleich beim ersten Mausklick explodiert. Ich überlasse ihn seinem persönlichen Trauma. Und natürlich hält er dem Druck nicht stand und kommt 15 Minuten später in mein Büro. "Das verdammte Ding funktioniert nicht!" bellt er. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, daß der PJ und ich alle Teile bis auf die Tastatur, das Netzteil und das Display ausgebaut haben, um sie für unser neuestes großartiges Projekt zu nutzen - den IT-Reinemachroboter, der unendlich intelligenter ist als die Roboter, die nachts die Gänge reinigen. Ich habe sein Steuerprogramm selbst geschrieben, auch die automatische Bilderkennung und die Such- und Zerstör-Routinen - ich meine natürlich die Such- und Putz-Anweisungen. Ein echtes Kunstwerk. "Was ist passiert?" frage ich. "Nun, ich habe es geöffnet und ..." "Was, sie haben es geöffnet!" "Ja." "Und haben das Garantiesiegel zerstört?!" "Ich kann das Laptop ja nicht nutzen, ohne es zu öffnen, oder? Wenn es geschlossen ist, befindet sich die Tastatur doch innen." "Oh, jetzt verstehe ich. Und ich dachte schon, sie hätten eines dieser Garantiesiegel zerstört!" rufe ich mit gespielter Erleichterung darüber, daß uns die Ausgabe großer Summen erspart bleibt. "Ah, nun, da war ein Siegel, das ich zerstören mußte. Aber es klebte über dem Riegel zum Öffnen." "Sie wollen damit sagen, daß sie keinen Ingenieur geholt haben, um es einzurichten?!" stöhne ich. "Sie haben es eingerichtet!" "Nein, ich habe nur die Software über den passiven SCSI-Eingang transferiert. Sie brauchen einen Ingenieur, der die eingebauten Programme für sie persönlich einrichtet." (Dummy-Modus ein.) "Aber das ist ein normales Laptop, kein Großrechner", schnieft er. "Ja, aber der Ingenieur muß die Ländereinstellungen auf der Maschine vornehmen und das Gerät personalisieren. Sie wissen schon, Passwörter und so weiter ..." "Na gut. Nun, das könnten sie doch machen, oder?" "Sie machen Scherze, oder? Mit einem zerstörten Garantiesiegel kann man das Gerät nicht mehr anrühren." "Warum?" "Weil sie als Ländereinstellung zum Beispiel Peru oder etwas anderes aktiviert haben könnten. Und das wird alles in einem permanenten, unveränderlichen, doppelt redundanten, gerätespezifischen und statischen Speicher gesichert." (Dummy-Modus auf eine neue Stufe gehoben.) "Was bedeutet das?" "Das bedeutet, daß alle eingebauten Komponenten gespeichert haben, daß ihr Laptop in Peru, der Antarktis oder irgendwo sonst installiert wurde. Und wenn diese Angabe nicht mit den Daten des GPS-Systems übereinstimmt ..." "Mein Laptop hat einen GPS-Empfänger eingebaut!?" ruft er aufgeregt. "Ja, aber wenn die Daten nicht übereinstimmen, nun, dann ist das Laptop praktisch wertlos, weil der Prozessor, der Arbeitsspeicher, die Disketten- und CD-Laufwerke nicht funktionieren werden." Natürlich, selbst Ray Charles hätte gesehen, welchen Bären ich dem Chef aufbinde - doch es funktioniert, also ... "W ... w ... was soll ich denn nun machen?" murmelt er und malt sich aus, wie es wohl ist, wenn er einen ganzen Tag ohne sein Lieblingsspiel überleben muß. "Nun, wir könnten neue Einzelteile kaufen und sie einbauen. Dann könnte ich die Ingenieur-Einstellungen vornehmen. Aber die Garantie wäre dann natürlich verfallen." Schneller als ein geflüstertes ´Entscheidung einer Führungspersönlichkeit´ durch eine Telefonleitung kriechen kann, hat der Chef die Anschaffung der vorhin erwähnten Teile genehmigt. Ich baue all die alten Teile wieder in das Gerät ein - und sorge natürlich dafür, ein paar Kratzer auf dem Gehäuse und einige Schrauben zu hinterlassen, so daß es aussieht, als hätte wirklich ein Ingenieur daran gearbeitet. Dann erwecke ich das Gerät wieder zum Leben und gebe es dem Chef zurück. Und schon sind alle zufrieden. Der Chef hat seinen neuen Laptop, und unser IT-Roboter verfügt über brandneue Innereien. Ich starte den Roboter und überlasse dem PJ die Steuerkonsole mit dem Versprechen, daß er für jeden gefundenen Fehler ein Glas Bier bekommt, um für harte Testbedingungen zu sorgen. "Er läßt sich nicht nahe an Wände heransteuern", beschwert der PJ sich ohne aufzublicken. Hingabe ist offenbar sein zweiter Vorname - bei den Treffen der anonymen Alkoholiker. "Nein, das ist kein Fehler. Er ist so programmiert, daß zwischen dem Roboter und anderen Gegenständen immer mindestens ein Fuß Abstand ist, damit er Dingen nicht unbeabsichtigt zu nahe kommt." "Aha." sagt er. "Und was ist mit Objekten, die sich bewegen?" "Auch hier beträgt der Mindestabstand einen Fuß", antworte ich und vereitle damit seinen Plan, den Roboter mit voller Geschwindigkeit gegen eine Mauer rasen zu lassen oder sich selbst dem Roboter auf die gute alte Weise zu nähern und ´physisch´ zu behandeln. "Der Gedanke wäre mir niemals gekommen", antwortet der PJ eingeschnappt. "Ich habe mich nur gefragt, wie der Roboter sich in einer solchen Situation verhalten würde." sagt er und deutet auf den Überwachungsmonitor, der den Eingang zum Lift zeigt, den der Chef gerade mit seinem Laptop betritt. "Also haben sie tatsächlich nicht daran gedacht, eine Hysteriesicherung zu programmieren?" murmelt der PJ zufrieden (und betrunken), als wir später an diesem Abend im Pub sitzen. "Uh-huh", antworte ich. "Wo waren wir doch gleich stehengeblieben?" "Ah, ich glaube, es war der Punkt, als der Roboter einen Fuß Abstand zwischen die Liftwand und sich zu bringen versuchte und den Chef bemerkte - um dann Abstand zwischen sich und den Chef zu bringen - direkt über den Laptop hinweg auf die andere Wand zu ... und dann wieder zurück - zum elften Mal." Ah, meine Arbeit ist wirklich viel spannender als Minesweeper. Nach Beschwerden über seine ´beruhigenden Bässe´ sorgt der B.O.F.H. dafür, daß der Chef ihn versteht - sehr laut und deutlich ... Der Chef kommt mit einem teigigen Gesichtsausdruck herein, was nur bedeuten kann, daß er etwas tun muß, was ihm nicht zusagt. "Ähm, ich habe eine Beschwerde über sie", murmelt er traurig. "Wirklich?" antworte ich zuvorkommend, während ich unter dem Tisch nach meinem 2er Golfschläger greife, den ich dort für spezielle Gelegenheiten aufbewahre. "Ja, ja. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie begründet ist." beteuert er und versucht, sich so klein wie möglich zu machen. "Wirklich?" frage ich und tausche nachdenklich das 2er gegen das 6er Eisen aus, da mir die Unterhaltung ziemlich seltsam vorkommt. "Ähm, nein. Wissen sie, es geht um eine Beschwerde über ihre Musik." "Welche Musik?" fragt der PJ. "Diese Musik etwa?" antwortet er selbst und greift mit seinen Händen in die Luft. "Diese Musik?" frage auch ich und fuchtele mit meinen Händen ebenfalls in der Luft herum, während ich meine Möglichkeiten neu überdenke. "Ja, man hat sich beschwert, daß die Musik zu laut ist." "Zu laut?" will der PJ mit skeptischem Blick wissen. "Aber wir können die Musik doch kaum hören." "Ich nutze sie zur Entspannung." murmle ich. "Sie sorgt dafür, daß ich in Notzeiten ruhig bleibe." Da nun die unausgesprochene Drohung in der Luft liegt, gibt es für den Chef nichts mehr zu tun, außer sich zu entfernen - oder sein Leben bei dem Versuch, vor einem Golfschläger zu flüchten, zu riskieren. "Ich weiß, daß sie fast nichts hören können, doch das gilt leider nicht für die Leute in der Etage unter ihnen. Wie auch immer, ich glaube auch nicht, daß sie dabei entspannen können." Also hängt er sein Leben selbst an den berühmten seidenen Faden. "Offspring ist eine sehr entspannende Gruppe." sage ich. "Ja, es ist dieser trostreiche Bass", zwitschert der PJ. "Nebenbei", füge ich hinzu, "er ist sehr leise." "NICHT IN DEM VERDAMMTEN RECHNERRAUM!" schreit der Chef und verliert endgültig die Geduld. "Nun, das mag stimmen, doch wenn wir die Musik leiser machen würden, könnten wir sie durch die schalldichte Wand ja nicht hören." "Die Leute in der Etage darunter können sie hören! Warum benutzen sie ihren CD-Spieler nicht hier?" "Das haben wir versucht, aber er ließ die Sicherungen herausfliegen, wenn wir eine Lautstärke über der Stufe 3 einstellen wollten." "DANN LEGEN SIE SICH EINE NORMALE ANLAGE ZU!" "Aber das IST eine normale Stereo-Anlage", hauche ich. "NORMAL?" "Ja, so gewöhnlich wie der Karneval in Rio." "Nun, dann ist sie nicht gut genug. Ich will, daß sie diese Musik ABSTELLEN!" Das wird nicht funktionieren. Der PJ und ich sind abhängig von diesem ´beruhigenden Bass´, der seinen Zauber auf einen Festplatten-Server ausübt, der schon längst ausgemustert sein sollte, wenn wir nicht ein dummes Management hätten, das gleichzeitig keine Ausfallzeiten und einen kostengünstigen Service fordert. Also wird es Zeit, die nächste Karte zu spielen. Ich stülpe die flugplatztauglichen Ohrenschützer über, denn ich habe aus dem Fehler des PJs gelernt. (Der arme Junge hat die Wassereinbruchdetektoren ausgelöst, als er nach dem Hochschalten der Lautstärke auf Stufe 6 seine Hosen naßgemacht hatte.) Als ich den Rechnerraum betrete, bemerke ich die Zeichen seines Irrtums - er hat den Lautstärkerregler auf Stufe 6 belassen, als er in seine eigenen Körperflüssigkeiten abstürzte UND hat den Bass-Verstärker nicht eingeschaltet. Ich stelle fest, daß das Netzteil des Verstärkers ´ein wenig heiß´ wird, wie wir Kenner uns auszudrücken belieben. Das ist nicht gut. Ich breche den Lautstärkeregler ab (der jetzt auf Stufe 11 zeigt), verdrücke mich wieder in mein Büro, wo ich gerade rechtzeitig ankomme, um den wild um sich blickenden Chef durch die Tür stürmen zu sehen. "ICH SAGTE, SIE SOLLTEN DIESEN KRAWALL LEISER STELLEN UND NICHT LAUTER!" "Ich habe versucht, die Lautstärke zu verringern", beteuere ich wahrheitsgemäß. "Doch der Regler ist dabei abgebrochen!" "Warum haben sie die Anlage dann nicht abgeschaltet?!" "Weil das Netzteil so warm war, daß ich annahm, es würde die Hitzesensoren anspringen lassen, die das giftige Feuerlöschgas auslösen." Jetzt sitzt er in der Falle. Er WEISS, daß dies ein ´tragischer Arbeitsunfall´ mit seiner Unterschrift unter dem Bericht sein wird. Und deshalb versucht er erst gar nicht, wie ein Kampfhund um sich beißen. "Nun, können sie den Strom nicht über die Sicherungen außerhalb des Rechnerraums abschalten?" fragt er. Was für ein Schwächling. "Das können wir tatsächlich versuchen!" rufe ich und renne zum Sicherungskasten. "Alle Geräte, die ihren Strom über die Deckenleitung bekommen, hängen an Sicherungen mit einer roten Markierung, also muß es eine von diesen sein." 30 Sekunden später ... "Rot? Ich dachte, es wären die blauen Sicherungen." wendet der PJ ein. Und weitere 30 Sekunden später ... "Also sind es die Sicherungen mit der gelben Markierung", schreit der Chef gegen den Mißklang der um uns herum erklingenden Alarmsirenen an, die von massiven Ausfällen künden. "Also versuchen wir es!" rufe ich und betätige einen Schalter. "Nein, das ist der alte Festplattenserver", ruft der PJ, der vor dem Fenster zum Rechnerraum steht. CLACK! "Wieder der Plattenserver." "Mein Fehler!" jammere ich unschuldig und betätige den nächsten Schalter. "Richtig. Mal sehen, was sie diesmal angerichtet haben" ruft der Chef und schiebt sich an mir vorbei in den Rechnerraum. "Ich würde nicht ..." rufe ich, doch meine Warnung kommt wohl zu spät. "Sie sehen, wo das Problem mit dieser Technik liegt", erkläre ich dem PJ am Fenster, durch das wir in den Rechnerraum blicken. "Wenn man den Strom abschaltet, wird auch der Lüfter abgeschaltet. Wenn man dagegen den Schalter am Gerät benutzt, läuft der Lüfter weiter bis das Gerät abgekühlt ist." "Also wird die Maschine heißer?" "Nun, sehen wir, welches Urteil die Richter fällen." antworte ich und deute auf einen der Hitzesensoren. Ein paar kurze gedämpfte ´Hil ... Hil ...´-Rufe später ... "Ist der Schalter zum Abstellen des Löschgases noch immer defekt?" fragt der PJ. "Nun, die Entscheidung des Richters in dieser Sache lautet ... endgültig, so wie es aussieht. Aber noch haben wir etwas Zeit für Musik." rufe ich. Natürlich, wir haben ihn herausgeholt ... irgendwann. Schließlich ist er ja noch ein Anfänger. Jemand hat unter den Augen des B.O.F.H. Technik gestohlen. War es der Chef? Die Erbsenzähler? Nein. Ein neuer Bastard ist in der Stadt ... Ich bin verwirrt. Der Chef macht mich verantwortlich für verschwundene Technik, was eigentlich nicht schlimm ist, doch diesmal habe ich keine Ausrede parat. Der einfache Grund dafür ist, daß ich diesmal wirklich unschuldig bin. Und diesmal ist wirklich wertvolle Technik verschwunden. Selbstverständlich ist es ein ungeschriebenes Gesetz, daß ein gewisser Anteil der Technik seinen Weg zur B.O.F.H. GmbH findet, doch das fällt mengenmäßig kaum ins Gewicht - und wertmäßig landet das unter ´besondere Auslagen´ in den Abrechnungen der Erbsenzähler. Und kaum etwas von diesen ´besonderen Auslagen´ landet wirklich in meiner Geldbörse, da damit meistens ein Urlaub in Acapulco oder in anderen schönen Städten dieser Welt bezahlt wird. "Das ist mysteriös", sage ich zum PJ, als wir aus dem Heiligtum des Chefs entkommen sind, wobei dessen laute Schmähungen noch in unseren Ohren klingen. "Es ist sehr seltsam, daß derjenige, der das getan hat, all unsere sorgfältig präparierten Fallen umgehen konnte (eine elektrische Türklinke und eine strategisch günstig plazierte Axt) und es geschafft hat, unsere neuesten Geräte wegzuschaffen. Er hat sich nicht mal von dem ´Defekt´-Aufkleber täuschen lassen." Nun gibt es drei Möglichkeiten: wir wurden das Opfer eines Einbrechers, der genau wußte, was er wollte; der Chef ist dahintergekommen, wie wertvoll unsere ´defekte´ Technik ist; oder wir haben es mit einem bisher unerkannten Bastard zu tun. Die erste Möglichkeit scheidet zweifellos aus. Keiner unserer Alarme ist losgegangen und einen Einbruch von außen hätte unser Farbfernseher (Entschuldigung, der hochauflösende Multimedia-Apparat.) gezeigt, den der PJ und ich benutzen, wenn das Netz ´gewartet´ wird oder gerade ein Fußballspiel ansteht. (Hm, es scheint da einen seltsamen Zusammenhang zwischen Netzausfällen und Fußballspielen zu geben.) "Könnte es der Chef gewesen sein?" fragt der PJ. "Glauben sie, daß er seinen Ausbruch gespielt hat?" "Unmöglich. Der Chef ist keine helle Leuchte, 20 Watt, wenn sie mich fragen. Ich glaube, er braucht eine genaue Anleitung, damit er den Weg zu seiner Wohnung findet." "Und selbst dann verirrt er sich." sagt der PJ und erinnert an den Abend, als der Chef herunterkam, um mit den Leuten in den Pub zu gehen. Dort mußte er dann feststellen, daß der extra-starke polnische Schnaps in einem guten Bier nicht bemerkbar ist - und nach drei Gläsern war er dann in einem entsprechenden Zustand. "Aber es war ja nur eine Taxifahrt zum Preis von 30 Pfund, die ihn aus der Wildnis Ostlondons herausbrachte." Und so bleibt uns, so unglaublich es auch klingt, nur noch die Möglichkeit, daß einer unserer Kollegen, für die technischer Sachverstand gleichbedeutend mit der Fähigkeit ist, die Schriftfarbe in der Textverarbeitung zu verändern, für das Verschwinden unserer Technik verantwortlich ist. Aber wer kann es gewesen sein? Offensichtlich war es niemand aus der Werbeabteilung - sie haben kaum die Intelligenz, einen Türgriff richtig zu benutzen. Es war ganz sicher auch niemand aus der Verkaufsabteilung, denn die sind während der Öffnungszeiten der Pubs immer unauffindbar - und danach sind sie nicht mehr nüchtern genug. Die Erbsenzähler kommen mir in den Sinn - diese besonderen Auslagen gehen ihnen wirklich unter die Haut - doch andererseits hätten sie sicher einen subtileren Weg gewählt, um sich an uns zu rächen. Vom Reinigungsdienst kann es auch niemand gewesen sein ... Da war doch etwas. Dieser neue Mann, der vor ein paar Wochen herumlief und Fragen stellte, ´um die Sicherheit zu prüfen´. Selbstverständlich habe ich ihm nicht die richtigen Antworten gegeben, doch wie konnte ich nur so naiv sein .... Wenn ich darüber nachdenke, könnte es sein, daß dieser Mann im Vergleich zum Durchschnitt im Haus etwas herausragt - obwohl das freilich auch auf die Intelligenz eines ausgewachsenen Orang Utans zutrifft. Die Frage ist nun nur noch, wie wir unsere Gerätschaften zurückbekommen oder wenigstens einen angemessenen Anteil. Auf der Suche nach einem Hinweis schaue ich mir die Protokolle der ausgehenden E-Mails an. Eine verdächtige Nachricht zieht meine Aufmerksamkeit an. Und so wandere ich am nächsten Tag ein paar Etagen tiefer durch das Gebäude und habe das Glück, Kevin reden zu hören. Als die Worte ´Monitor´ und ´Tastatur´ fallen, weiß ich, daß er unser Mann ist. Es ist Zeit für einen Anruf. Zurück im Büro schalte ich den Lautsprecher ein, um Kevins Telefonate mitzuhören. Eine tiefe fremdländisch klingende Stimme meldet sich: "Mister Kevin?" "Ja. Wer spricht da?" "Nennen sie mich einfach Stefan. Es geht um die Waren, die sie uns zum Verkauf geschickt haben." "Ja, sind sie bei ihnen angekommen?" "Ja, aber das ist das Problem. Mir wurde gesagt, daß etwas anderes geliefert wurde als sie uns angekündigt haben." "Aber ... aber ..." "Ich gehe davon aus, daß sie wissen, daß der letzte Mann, der uns betrügen wollte, heute Teil der Straßeninfrastruktur ist." "Aber ... aber ..." "Ich bin mir sicher, sie wollen Mißverständnisse ausräumen. Wenn sie uns also die Summe zurückschicken, die sie von uns bekommen haben und noch 500 Pfund für meine Bemühungen drauflegen, könnten wir unglückliche Unfälle vermeiden. Ich denke, sie hinterlegen das Geld am besten bis zur Mittagszeit hinter den Rohren der Klimaanlage, oder?" Ich höre nur noch ein unterdrücktes ´Ja´. Ich schalte die Lautsprecher ab. "Ihr Cousin ist wirklich gut." sage ich dem PJ. "Ich bin mir sicher, daß er eine große Karriere als Schauspieler vor sich hat." "Stimmt." antwortet er. "Aber wir haben noch Zeit für eine Runde Doom, bevor wir unseren Gewinn, ähm, die besonderen Auslagen einkassieren." Man braucht eben einen Bastard, um einen Bastard zu fangen. Als der B.O.F.H. das Büro des Chefs verwanzt, ahnt er noch nicht, daß die Technik, die er installiert, auch einen verrückten Erbsenzähler davon abhalten wird, Unheil anzurichten ... Der PJ und ich sitzen im Büro und unterhalten die Nutzer unseres Netzwerkes damit, daß wir ihre Netzwerkadressen immer dann ändern, wenn sie versuchen, ihre E-Mails abzurufen, als der Netzwerkmonitor ein Alarmsignal gibt . "SE?" murmelt der PJ. "Was zum Henker bedeutet SE?" Er klickt auf das zugehörige Symbol, um weitere Informationen abzurufen. "Der Alarm kommt aus dem Büro des Chefs." Er spürt meine unterdrückte Panik, also kehrt er zur ursprünglichen Fragestellung zurück: "Was zum Teufel ist SE?" "Das ist das neue maßgeschneiderte Stück Technik, das ich erfunden und installiert habe." antworte ich. "Es hat also etwas mit dem Netzwerk zu tun?" "Ja. Es schickt eine Netzwerknachricht an mich als Antwort auf das Eintreten bestimmter vordefinierter Umstände." "Umstände, die zweifellos mit dieser kryptischen Abkürzung zu tun haben?" "Genau." "Eine Abkürzung, die was bedeutet?" seufzt der PJ und verliert die Beherrschung. "Schwachsinns-Erkennung." "Schwachsinns-Erkennung?" "Ja, Schwachsinns-Erkennung. Ich habe herausgefunden, daß es völlige Zeitverschwendung ist, wenn ich mir täglich stundenlang die Aufzeichnungen der Gespräche des Chefs mit seinen Gästen anhöre, nur um herauszufinden, welche Ideen er oder sie entwickeln. Und deshalb habe ich eine Kombination aus Hard- und Software entwickelt, die diese Aufgabe für mich übernehmen kann." "Die woraus besteht?" fragt der PJ mit wachsender Neugier. "Ah, ein Programm zur Spracherkennung, das Gespräche mit Rücksicht auf bestimmte Schlüsselworte belauscht, wenn sie zusammen mit anderen Worten fallen." "Welche Schlüsselworte?" "´Einkauf´, ´anschaffen´ oder ´investieren in´ - in Verbindung mit ´neue Technologie´, ´aktualisierte Software´ etc., und noch ein paar anderen Sachen, die nur Ärger für uns bedeuten können." "Worte wie ´Budget für Wartungsarbeiten´?" "Ganz genau. Der Chef sollte eigentlich nur darüber reden, wenn er es erhöhen will. Und das kann eigentlich nicht ausbleiben, nachdem ich mich gestern darum bemüht habe, die Erbsenzähler in unser System zu integrieren, die noch dieses antike System für ihre Sicherheitskopien benutzt hatten." "Ihre Bemühungen um Nutzer ... Oh, sie meinen, sie haben die Maschine angezündet und aus einem Fenster in der dritten Etage geworfen?" "Ich habe die Maschine nicht angezündet! Das war eine spontane Selbstentzündung, wie sie bei alten Rechnern schon einmal vorkommen kann - die Boulevardpresse berichtet doch immer wieder darüber. Und nebenbei war es der sicherste Weg, das Ding gefahrlos loszuwerden, wenn man bedenkt, daß weit und breit kein Feuerlöscher bereitstand." "Drei Etagen tiefer gab es aber auch keinen, oder?" fragt der PJ spitzbübisch. "Ich glaube nicht, aber ich sehe nicht, was das mit ..." "Als das brennende Ungetüm durch das offene Verdeck des Wagens des Chefs der Erbsenzähler stürzte, das dort parkte, hat es dieses in Brand gesteckt." "Ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände." "Unglückliche Umstände?" "Ja, aber ich frage mich wirklich, was sie damit andeuten wollen." "Nichts, nichts." erwidert der PJ unschuldig. "Es hat mich nur interessiert. Aber zurück zu dieser Schwachsinns-Erkennung. Auf welchem System läuft das Programm? Bestimmt kein Gerät, das der Chef entdecken könnte - oder das er vermissen könnte, wenn es nicht dort ist, wo er es erwartet?" "Nun, das ist ja das schöne an der Sache. Weil ohnehin schon jede Menge Technik in seinem Büro herumsteht, hat er doch diesen Ventilator, der ganz zufällig dem Kühler, von dem sich die anderen Nutzer schon verabschiedet haben, ziemlich ähnlich sieht." "Doch nicht dieses monströse Ding aus Eisen, das in der sechsten Etage herumstand und dessen Teile angeblich aus Tschernobyl stammen, die gefährlich hohe Strahlendosen aussenden!!" "Genau das ist es." "Ich hätte nicht geglaubt, daß man ihnen diese Geschichte glaubt." "Nun, am Anfang waren sie auch mißtrauisch, doch nachdem ich diesen schwarzen Stift den Röntgenstrahlen im Krankenhaus ausgesetzt hatte, konnten sie das Gerät nicht schnell genug loswerden." "Tatsächlich", erwidert der PJ unwirsch. "Und wie haben sie das Monster dann in die Decke eingebaut?" "Nun, unser Hausmeister George hat mir dabei geholfen, es hochzustemmen, weil er den Originalventilator für sein Bad haben wollte." "Ein fairer Handel." sagt der PJ. "Aber was bedeutet nun die Warnung?" "Nun, es gibt ganz einfach einen Schwellenwert für den Schwachsinnsanteil im Gespräch: je mehr Schwachsinn im Büro des Chefs geredet wird, desto mehr Datenverkehr wird hier gemeldet - auf diese Weise kann auch niemand Verdacht schöpfen." "Und wie hoch ist der Anteil jetzt? Und wer ist beim Chef?" "100 Prozent und Dave C., wenn ich mich nicht irre." "Das bedeutet also, daß Dave C. jetzt im Büro des Chefs steht und ihn mit Vorschlägen eindeckt, welche Geräte wir anschaffen sollten, Gelder, die man ihm dafür geben sollte ..." "Er ist ein selbsternannter Computer-Experte, oder?" fragt der PJ vorsichtig. "Korrekt. Es gibt ein Gerücht, daß er seine eigene Tastatur einmal ganz allein angeschlossen hat, aber sie wissen ja, was die Nutzer so reden." "Aber ist das nicht schlimm?" "Natürlich." antworte ich und deute auf meinen Monitor. "Sehen sie hier den 30 Sekunden-Durchschnitt. Solange hält der Chef es durchschnittlich durch, Vorschläge abzulehnen." "Aber jetzt liegt der Wert bei Null!" "Und das bedeutet?" "Er wird Dave erlauben, unser Budget auszugeben." Gleichzeitig springen wir auf und rennen zur Tür, um den Chef vor der Fehlentscheidung zu bewahren. Doch bevor wir am Ort des Geschehens ankommen, hat der Computergott schon eine Entscheidung gefällt. Später rekonstruieren der PJ und ich die Geschehnisse. "Offenbar hat er versucht, den lärmenden Ventilator zu reparieren, indem er mit dem Regenschirm des Chefs gegen die Deckenverkleidung klopfte, was den Lüfter auf dem Dachbalken aus dem Gleichgewicht brachte, der dann den Gesetzen des Schwerkraft folgte und dabei unseren selbsternannten Fachmann traf." vollendet der PJ. Gerechtigkeit setzt sich offenbar doch noch durch. Eine Weihnachtsgeschichte ... Er war tot. Eindeutig. "Diesmal sind sie zu weit gegangen." sagte der PJ atemlos. "Nun, ich scheine tatsächlich die Spannung unterschätzt zu haben, die am elektrischen Türgriff anliegt." Es ist Heiligabend und unser weihnachtlicher Scherz ist wohl ein wenig danebengegangen. Wirklich, der alte Ebenezer Bastard hat den alten Scherz mit dem unter Strom gesetzten Türgriff bestimmt schon dutzendmal aufgeführt und bisher war es auch immer ganz lustig. Andererseits war das nicht der erste Manager, der daran gestorben ist, und er würde bestimmt auch nicht der letzte sein. Ebenezer war an diesem Abend etwas länger als gewöhnlich im Pub geblieben - solche Vorfälle können ihn schon ein wenig schockieren und so brauchte er wohl ein paar Biere mehr, um seine Nerven zu beruhigen. Natürlich, die Tatsache, daß ein jüngerer Erbsenzähler sich ´verpflichtet´ sah, alle Biere an diesem Abend zu bezahlen, hatte gewiß auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluß - und das nur, weil Ebenezer etwas über ein Video einer Büroparty erzählt hatte. Sehr unscharf, aber doch sehr effektiv. Wie auch immer, die Biere mußten ihm mächtig zugesetzt haben, denn als er vor seiner Tür stand, hätte er schwören können, das Gesicht seines Chefs auf dem Türgriff zu sehen (bevor es die Brandflecken entstellten, natürlich). Da er diesen Effekt auf die Wirkung der zehn zusätzlichen Gedächtnislöscher zurückführte, ignorierte er ihn und ging nach oben. Aber irgendwie fand er in dieser Nacht keine Ruhe. Tatsächlich war es schon Ewigkeiten her, daß er sich an Weihnachten gefreut hatte. Er haßte all die falsche Großzügigkeit, das nette Geplauder mit Leuten mit denen er nichts gemeinsam hatte; er haßte die Art und Weise, wie die Leute ihr Geld für ihre Kinder ausgaben, das doch viel besser auf dem Konto der Bastard-Urlaubs-Kasse aufgehoben wäre. Und was noch schlimmer war, einige seiner Kollegen erwarteten von ihm, daß er ihnen Getränke spendierte. Auch der junge Cratchit, sein PJ, war von der Stimmung angesteckt worden und verbrachte seinen Tag damit, wehmütig an Denise, eine Sekretärin, zu denken und von ein paar schnellen Schmatzern unter dem Mistelzweig zu träumen. Der arme Trottel lud Ebenezer sogar ein, mit ihm ein paar Biere zu trinken - natürlich würde er dafür bezahlen. "Ach, Humbug." sagte Ebenezer laut zu sich selbst, als er die Tütensuppe aufwärmte, die an diesem Tag die einzige richtige Mahlzeit für ihn sein sollte. Als er in diesem spärlich eingerichteten und ungeheizten Zimmer, das er sein Heim nannte, zu Bett gehen wollte, sah er etwas in der Ecke: diesmal konnte es sich nicht um einen Irrtum handeln. Es war definitiv der Schatten seines vormaligen Chefs. Und da war noch dieser furchtbare Lärm, der Ebenezer voller Angst zusammenschrumpfen ließ. "Ebenezer Bastard!" rief eine Stimme, die zwar deutlich als die des Chefs erkennbar war, der aber auch ein gewisser Hauch des Totenreichs anhaftete. "Ebenezer Bastard!" wiederholte die Stimme. "Ich wurde verurteilt, an einem furchtbaren Ort zu leben, wo unheimlich gemeine Männer ihre Tage verbringen." Ebenezer hauchte ein Zeichen des Verstehens. "Also sind sie nicht tot. Sie arbeiten jetzt nur für Microsoft. Ich frage mich ..." "Schweig!" donnerte die Erscheinung und das Klappern wurde lauter. "Ich spreche von einem Platz, der dir zur Strafe für deine Taten bis in alle Ewigkeit Qualen bereiten wird." "Was meinst du damit, Geist?" stammelte Ebenezer, der erwartet hatte, daß die Wirkung der zehn zusätzlichen Biere irgendwann nachlassen würde. "In dieser Nacht wirst du von drei Geistern besucht werden: vom Geist der Nutzerbetreuung der Vergangenheit, vom Geist der Nutzerbetreuung der Gegenwart und vom Geist der Nutzerbetreuung der Zukunft. Höre auf sie und bereue deine Taten." "Geist", fragte Ebenezer. "Woher kommt dieses Klappern, das ich höre?" "Du meinst das hier!" sagte der Schatten und schüttelte etwas, das wie ein langer Schwanz aussah. Ebenezer Bastard spähte in die Dunkelheit. Verschwommen nahm er eine Kette wahr, an der alle Arten von Geräten befestigt waren, die sein Leben einfacher gemacht hatten: da war der Gummihammer, ein hervorragendes Gerät zur ´Neukonfiguration´, da war der Amboß, auf dem er so gern neue PCs ´testete´, und es war da eine Anzahl elektrischer Tacker; ja es war tatsächlich jedes Gerät vorhanden, das es auf der Erde gibt und welches das Leben leichter macht. "Ich sehe, du kennst einiges davon." sagte die Erscheinung mit einer Grimasse. "Ich habe das alles benutzt, als ich ein junger Bastard war. Jetzt haben meine Untaten mich eingeholt und ich muß meine Ausrüstung bis in die Ewigkeit mit mir herumtragen. Doch sei gewarnt, diese Kette ist lang, und sie ist wirklich schwer. Aber die Kette, die auf dich wartet, ist schon doppelt so lang und dreimal so schwer." Nachdrücklich schüttelte er die Kette, bis alle Geräte auf und nieder hüpften, der gesamte Raum schien zu beben. "Ich muß mich jetzt verabschieden, aber erinnere dich daran, drei Geister ..." Und mit einem leisen Stöhnen verschwand er. Ebenezers Mut kehrte wieder zurück. "Bah, Humbug! Geister! Das Bier war wirklich stärker als ich dachte." Und mit diesen Gedanken fiel er ins Bett und schlief in seiner Kleidung ein. Es war kurz nach Mitternacht, als er erwachte und in die Dunkelheit starrte. Es schien, als schwebte ein kleines Kind über dem Fußende des Bettes. Plötzlich kam der Mond hinter den Wolken hervor und Ebenezer konnte erkennen, daß es sich nicht um ein Kind handelte, sondern um einen alten Mann, dessen Umrisse denen eines Kindes glichen. Die Kleidung, die wie eine weiße Tunika wirkte, entpuppte sich als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten als ein altes Werbe-T-Shirt, auf dessen Vorderseite ein CP/M-Logo prangte. Die Füße und die Beine der Erscheinung waren nackt, doch als Gürtel trug der Geist ein Ethernet-Kabel. "Bist du der Geist der Nutzerbetreuung der Vergangenheit?" fragte Ebenezer. "Bin ich", antwortete der Geist. "Welche Vergangenheit?" "Deine Vergangenheit." Der Geist bewegte die Hände und plötzlich lösten sie die Wände des Zimmers auf. Ebenezer und der Geist fanden sich in einem vollen Büro wieder, in dem eine Weihnachtsfeier in vollem Gange war. Die Stimmung war hervorragend, Leute aus der Verkaufsabteilung versuchten, Sekretärinnen unter Mistelzweigen anzubaggern, der Chef der Erbsenzähler war in die Ecke gestellt worden und der Marketing-Chef erzählte dem aus der Personal-Abteilung, wie seine vorletzte Kampagne gelaufen ist. Die Luft war angefüllt mit dem Lachen der Leute, Gesprächsfetzen schwirrten durch den Raum, Geschnatter, das Geräusch zerbrechenden Glases und ein mitreißender Rhythmus aus den Lautsprechern: kurz und gut - eine typische Büroparty. "Sieht lustig aus, nicht", sagte der Geist. "Aber fehlt da nicht eine Person?" "Stimmt." antwortete Ebenezer. Tief in den Eingeweiden des Hauses saß eine einsame Person noch immer vor ihrem Computer. Methodisch durchsuchte sie die Einträge der Personaldatenbank (das Passwort war schon lange bekannt). Der junge Ebenezer sorgte dafür, daß er seine Überstundenzeit nicht umsonst hier verbrachte. "Hat man dich nicht zu der Party eingeladen?" fragte der Geist. "Nein", erwiderte Ebenezer. "Nicht seit dem Jahr, in dem plötzlich der Feueralarm losging und die Sprinkleranlage auslöste. Und natürlich waren auch alle alkoholischen Getränke spurlos verschwunden. Aus unerfindlichen Gründen nahmen sie an, ich sei für den Alarm verantwortlich, weil man mich ein paar Tage vorher mit dem Handbuch der Alarmanlage gesehen hatte. Armselige Intriganten, denn schließlich habe ich es doch nur für sie getan." Plötzlich verschwand die Vision und Ebenezer fand sich in seiner Wohnung wieder, noch immer beeindruckt von dem, was er gesehen hatte. Er hörte ein Geräusch aus einem anderen Raum und starrte um die Ecke. Der Raum war erfüllt von Licht. Umringt von PCs saß ein belustigter Gentleman. Sein riesiger Bauch schien die eine Hälfte des Raumes auszufüllen und sein Bart - es sah so aus, als gäbe es mehr Bart als Gesicht - die andere Hälfte. "Bist du der Geist der heutigen Nutzerbetreuung?" fragte Ebenezer. Der Geist lachte zustimmend. "Nimm meine Hand", sagte er. "Und lasse uns zuschauen, wie der Rest der Welt Weihnachten verbringt." Plötzlich schwebten sie durch die Stadt. Wieder und wieder zogen Computerräume vorbei, in denen Gruppen von Arbeitern sich fleißig damit abmühten, Probleme genau dann zu lösen, wenn sie auftauchten, wobei sie zufrieden lächelten und die Weihnachtslieder, die aus den Brüllwürfeln in den Zimmerecken erklangen, mitsummten. Bei Megabank gab es ein besonders vertracktes Problem. "Das ist leicht zu lösen", dachte Ebenezer. "Einfach den Hauptschalter betätigen und sagen, daß es einen Netzwerkausfall gibt, der nicht in den nächsten Tagen zu beheben sein wird, weil Weihnachten ist ... und trotzdem bekommt man den Weihnachtsbonus." Doch trotzdem konnte er mit geöffnetem Mund zuschauen, wie sein Berufskollege das Passwort eintippte und sich systematisch mit dem Finden des Fehlers beschäftigte. "Die Traditionen verfallen immer mehr", dachte er sich. Doch plötzlich änderte sich die Szenerie, sie landeten in einem Pub, wo der PJ gerade eine Runde Bier bestellte. "Auf das Weihnachtsfest", sagte er zu Denise, wobei er freundlich sein Glas erhob. "Und auf uns", kicherte sie. "Und die Freunde, die nicht hier sind", sagte der PJ. "Das ist für den alten Ebenezer." "Was, dieser alte Kauz", sagte Denise. "Ich kenne niemanden, der die Welt und die Menschen so sehr haßt wie er. Ich wünschte, er würde die Firma verlassen, aber warum werden sie ihn nicht los? Traut sich denn niemand?" "Nun, er weiß zuviel über die Menschen in der Firma. Zum Beispiel glaube ich nicht, daß der Vorstandsvorsitzende möchte, daß alle Details seiner Reise nach Amsterdam ans Licht kommen. Aber wo ist denn deine weihnachtliche Großzügigkeit?" Widerwillig erhob sie das Glas zum Toast, und die Unterhaltung widmete sich wieder Themen, die für junge Leute interessant sind. In der Entfernung sah Ebenezer eine verschrumpelte Figur auftauchen. Aus den Tiefen ihres Mantels kam ein Finger hervor, der auf Ebenezer zeigte und ihn heranwinkte. "Bist du der angekündigte Geist der Nutzerbetreuung der Zukunft?" fragte Ebenezer. Der Geist nickte und signalisierte Ebenezer, ihm zu folgen. Sie flogen durch die Dunkelheit, bis sie sich schließlich im Büro eines Bestattungsunternehmens wiederfanden. Zwei Mitarbeiter waren damit beschäftigt, die letzten Vorbereitungen an einem Sarg zu treffen. "Gut, daß wir ihn los sind", sagte der eine in einem seltsam offenen Verstoß gegen die Heiligkeit seines Gewerbes. "Ich dachte, der kratzt niemals ab." bestätigte der andere, dem seine Berufsehre offenbar ebenfalls wenig wertvoll war. "Wann ist die Beerdigung?" "Das ist unwichtig. Ich glaube, das wird ohnehin niemanden interessieren. Bestimmt werden sie ihn einfach in die Erde hinablassen und dann wieder verschwinden." Beide lachten hysterisch. "Über wen sprechen die beiden?" fragte Ebenezer. Der Geist bewegte seinen Finger und plötzlich öffnete sich der Sargdeckel. Bestürzt erblickte der alte Misanthrop sein eigenes Gesicht. Er saß aufrecht auf seinem Bett und sah die ersten Anzeichen des kommenden Tages durch die Vorhänge schimmern. Es war alles ein Traum gewesen. Und dennoch hatten ihn die Vorgänge der Nacht beeindruckt. Irgendwie spürte er ein seltsames Gefühl sich in sich ausbreiten. Er zog seine Schuhe an und raste zu Cratchit, seinem PJ. Laut trommelte er an dessen Tür und forderte Einlaß. Ein PJ mit verschwommenen Augen ließ ihn ein. "Wasispassiert?" "Ich hatte gerade eine beeindruckende Erleuchtung!" "Sagen sie jetzt nicht", gluckste der PJ. "Sagen sie nicht, daß sie die drei Geister gesehen haben, wie der Kauz aus dem Buch, und nun ein besserer Mensch werden wollen." "Wer denkt denn daran. Langfristig betrachtet sterben wir sowieso, da können wir vorher noch etwas Spaß haben. Nein, ich habe das Administrator-Passwort für das Megabank-System erfahren. Lassen sie uns denen zeigen, was ein echter Bastard zu tun und zu lassen hat ..."