The Bastard Ass(i) plots on
Frau
Bezelmann steht im Gang und strahlt mir entgegen - ein Anblick, der
jeden mit einem schwächerem
Nervenkostüm in die Flucht
schlagen würde. Sie hat mir zur Begrüßung sogar einen
besonders stacheligen Kaktus mit
Lichterkette (es ist ja
Weihnachten!) und eine riesige Packung Pralinen besorgt. Später
stelle ich fest, daß die meisten
Pralinen mit Senf gefüllt
sind. Ein wirklich warmer Empfang! Sogar Marianne ist da und freut
sich krampfhaft. Und
unser abergläubischer Hausmeister macht
heimlich hinter meinem Rücken Zeichen gegen den bösen
Blick...
Aber wirklich freuen tun sich natürlich die
Studenten. Trotz Studentenstreiks sind sie alle vollzählig in
der Übung zum
Grundkurs erschienen, die ich sofort nach
meiner Ankunft vom Kollegen O. übernommen habe. Mein guter Ruf
ist mir
also vorausgeeilt (oder war er noch immer vorhanden?).
Als
allererstes erkläre ich den versammelten Ingenieursanwärtern,
daß ich meine Erfahrungen in Übersee für sie
(also
die Studenten) nutzbringend anzuwenden gedenke:
"Nach
amerikanischen Vorbild werde ich also von nun an Fragen zur Übung
nur noch schriftlich beantworten. Alle
Fragen, die Sie haben,
müssen bis zum Ende der Veranstaltung gesammelt und mit genauer
Angabe des Idioten... ich
meine, des Fragenden per Email an
folgende Adresse geschickt werden..."
Ich kritzele eine
nicht-existente Email-Adresse möglichst unleserlich an die
Tafel.
"... außerdem wird die Klausur ab sofort ein
Multiple-Choice-Test sein, der von einem Computer
automatisch
ausgewertet werden kann..."
Ein paar ganz
Ahnungslose freuen sich an dieser Stelle auch noch! Dabei schweben
vor meinem unermüdlich-kreativen
inneren Auge bereits
Prüfungsfragen wie:
Operator TRUE ist auf FALSE gesetzt, und Operator FALSE auf TRUE. Was ergibt die Formel (TRUE && FALSE)
&& (FALSE || TRUE) && FALSE || (TRUE || FALSE) ?
a) 42
b) MAYBE
c) Who cares?
"...
und natürlich werde ich im Unterricht keine Tafel oder
Overhead-Folien mehr verwenden. Der gesamte Stoff wird
statt
dessen in komprimierter Form mit einem Beamer auf die Leinwand
geworfen. Das hat den unschätzbaren Vorteil,
daß ich
noch schneller hin- und her-scrollen kann, als das mit Folien bisher
möglich war. Eine gute Übung für Sie, damit
Sie
nicht vorzeitig geistig einrosten. Außerdem kann ich so die
ersten 20 Minuten jeder Übung mit dem Einrichten der
Technik
vergeuden und den Stoff dann mit doppelter Geschwindigkeit
durchnehmen.
Auf ein schriftliches Skriptum wie in der Steinzeit
werde ich natürlich verzichten. Begleitende
Hypertext-Dokumente
finden Sie nur noch im Internet - sofern Sie
zufällig auf die Adresse stoßen sollten (sie ist nämlich
nirgends gelinkt; das
macht das Studium gleich viel spannender!).
Falls Sie doch irgendwie drauf kommen, werden Sie feststellen, daß
es mit
gigantischen Graphiken und minutenlangen HiFi Sound-Files
gespickt ist, und daß Sie keine reelle Chance haben, das
Ding
mit Bandbreiten kleiner 10 MegaBit 'runterzuladen..."
Inzwischen
haben sogar die Erstsemester gemerkt, wo sie hier gelandet sind:
In
der 'Bastard Lecture from Hell'!
Einige
durch die Studentenstreiks ermutigte Kommilitonen versuchen zu
protestieren und verlangen eine Diskussion
über meine neuen
Unterrichtsmethoden. Ich ersticke jegliche Insubordination im Keim,
indem ich mit beiläufiger Stimme
ankündige, daß
schon nächste Woche, einen Tag vor Heilig Abend, eine
Probeklausur über den bisherigen Stoff
abgehalten
werde.
Danach entlasse ich die Bande und schlendere links und
rechts in die Büros grüßend zu meinem alten
Arbeitsplatz.
Offensichtlich waren einige Kollegen nicht auf
meinen Anblick vorbereitet. Kollege Rinzling verschluckt sich an
seinem
täglichen Sahnetörtchen, als ich den Kopf zur Tür
hereinstrecke und ihm freundlich einen guten Morgen wünsche.
Er
bekommt einen Hustenanfall, der sich gewaschen hat, und läuft
ganz lila im Gesicht an. Dabei zeigt er mit dem
zitternden Finger
in meine Richtung und keucht:
"Nnnn...hirchhh!... nnnnnn...
hiiiirrrrchhh!... nnnnnn..."
Eine hervorragende Gelegenheit,
mein in den USA erworbenes Wissen anzuwenden: die sogenannte
'Heimlich
Method'! (Sprich 'Heymlick') Ich greife Rinzling von
hinten unter die Arme und ziehe mit der rechten Hand den
linken
Unterarm ruckartig nach hinten. Nach der Theorie von
Heimlich sollte dadurch der Lungendruck so sprunghaft
ansteigen,
daß etwaige fehlgeleitete Stücke Sahnetörtchen aus
der Luftröhre gepustet werden.
Vielleicht bin ich durch das
Fitneßtraining in Kalifornien zu kräftig geworden, oder
ich habe den Trick vom guten Herrn
Heimlich noch nicht ganz
kapiert. Jedenfalls fliegt kein Sahnetörtchen aus Rinzlings
aufgesperrten Schlund, vielmehr
schießt sein falsches Gebiß
quer durch den Raum und beißt sich in Mariannes
haarspray-gesteifte Stirnfransen fest, die
gerade neugierig um die
Ecke schaut.
Marianne
bekommt einen hysterischen Schreikrampf, der den Rest der Belegschaft
auf den Plan ruft, und den Frau
Bezelmann schließlich nur
mit ein paar schallenden Ohrfeigen zum Abbruch bringen kann. Rinzling
bekommt endlich
wieder röchelnd Luft in die Teerlungen,
wohingegen seine blutunterlaufenen Augen mich immer noch so
fassungslos
anstarren, als wäre ich der Geist von Hamlets
Vater.
Ganz zum Schluß erscheint der Chef in der Türe
und erkundigt sich nach der Ursache für den Aufruhr. Bevor
noch
irgendjemand umständliche Erklärungen abgeben kann,
fällt sein Blick auf mich, und er bemerkt lediglich:
Oh...
äh... Leisch... hmm... ach so!"
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
Birthdays
Einer der schlimmsten Auswuechse deutscher
Buerokultur sind die gemeinschaftlichen zwangsverordneten
Feierstunden. Gefeiert
wird bekanntlich alles und von Jahr zu Jahr
mehr:
Geburtstage, Jubilaeen, angekuendigter Nachwuchs,
tatsaechlicher Nachwuchs, Genesungen, Verlobungen,
Entlobungen,
genehmigte Zuschuesse/Auftraege/Budgets, Promotionen,
Habilitationen, Pensionen, Exkursionen, weitere -ionen, etc.
Und ueberall wo es vernetzte Computer gibt, existiert
auch mit Sicherheit eine Datei, wo alle feierverdaechtigen Daten
fein
saeuberlich aufgelistet sind und eventuell sogar eine
Software, die jeden Mitarbeiter beim Einloggen ueber die
anstehenden
Feieranlaesse der kommenden Tage informiert.
Die Nichtteilnahme an solchen Geselligkeiten gilt als
Kapitalverbrechen, fast so schlimm wie das Betruegen bei
der
Kaffeeabrechnung!
Natuerlich unterhaelt auch Frau Bezelmann am
LEERstuhl ein solches System, wobei anzumerken ist, dass die
Datenbasis
erstens passwortgeschuetzt, und zweitens besser
gepflegt ist als unsere Buchhaltung. Tatsaechlich ist es sogar mir
bis
jetzt nicht geglueckt, das Passwort zu knacken, mit dem Frau
Bezelmann schlauerweise das File direkt ver-cryptet hat. Das
macht
aber auch nix, weil ich ja trotzdem falsche Meldungen in das
Broadcast-System einschleusen kann.
Um die langweiligen Semesterferien etwas aufzupeppen,
lasse ich also fuenf taeuschend nachgemachte broadcasts los, die
fuer
den morgigen Tag den Geburtstag von sechs verschiedenen
Mitarbeitern gleichzeitig ankuendigen (natuerlich sende ich
diese
broadcasts nicht an die jeweiligen Mitarbeiter selber; die
Uni-Mitarbeiter sind zwar nicht sehr helle, aber ihren
eigenen
Geburtstag wissen die meisten doch noch; und an Frau
Bezelmann schicke ich auch nix, weil die den ganzen Spass
sofort
verderben wuerde!)
Am naechsten Tag treffen sich Marianne und der
Kollege O. direkt vor meinem Zimmer auf dem Gang. Beide sind mit
einer
eingewickelten Flasche Schampus-Verschnitt bewaffnet.
"Herzlichen Glueckwunsch zum Geburts...", fangen beide strahlend an und brechen abrupt ab.
Eine Sekunde Pause. Dann wieder im Synchronton:
"Aeh... was hast du gesagt...?"
"Ich dachte, DU hast heute Geburtstag!"
"Nein, da muss ein Irrtum vorliegen. Ich habe erst im Dezember Geburtstag, aber DU hast doch heute und ..."
Kollege Rinzling kommt den Gang heruntergehumpelt und
gesellt sich zu den beiden. Er hat eine Flasche
Kraeuterschnaps
('Ratzeputz') unterm Arm.
"Da sind ja schon zwei unserer
Geburtstagskinder!" aechzt er schnaufend.
"So ein
Zufall, dass gleich fuenf Mitarbeiter am gleichen Tag... aeh..."
Marianne und Kollege O. starren ihn eine Sekunde lang
an. Dann reden beide gleichzeitig los; mehrere andere
Mitarbeiter,
ausgeruestet mit Kuchen und Sektflaschen versammeln
sich im Flur.
Kurz darauf bricht Streit aus:
"Wenn das
System sagt, ihr habt Geburtstag, dann wird das doch wohl stimmen,
oder!"
"Aber wenn ich dir sage ..."
"Das ist doch laecherlich! Geht vielleicht die Systemuhr falsch?"
"Seid ihr euch auch ganz, ganz sicher, dass ...."
"Soll ich vielleicht meinen Personalausweis holen, verdammt nochmal ..."
"Also, Kinder, das finde ich aber gar nicht nett! Wir besorgen extra Kuchen und Sekt fuer euch und ihr ..."
"Was kann ich denn dafuer, dass der verdammte Rechner ..."
"... also, ich finde jedenfalls, am Geburtstag soll man nicht so rumbruellen. Vielleicht ..."
"Ich habe aber nicht Geburtstag!"
"Na und? Das gilt doch ganz allgemein, oder?!"
"... bestehe jedenfalls darauf, dass ich erst im Dezember Geburtstag... schliesslich hatte ich schon immer im Dezember..."
"Warum seid ihr eigentlich alle so aggressiv?! Am Geburtstag soll man sich doch freuen ..."
"... solltet euch eigentlich was schaemen, sollte ihr ..."
"... ihr spinnt ja alle miteinander! ICH habe nix von meinem Geburtstag bekommen, aber Rinzling, der hat ..."
"Kinder, ist vielleicht der 1. April heute... jaja, schon gut... man wird ja noch mal 'nen Witz machen duerfen ...."
Mitten in das Getuemmel knallt ploetzlich die erste
Sektflasche, und der Korken erledigt treffsicher eine Neonroehre.
Der
viel zu warme Sekt spritzt ueber die kreischende Menge.
"... mein Kostuem!"
"... habt den Sekt nicht kaltgestellt, ihr Idioten, was seid ihr ..."
"... mein Kostuem!"
"Moment mal! Ich HABE den Sekt schon GESTERN kaltgestellt ..."
"... mein Kostuem!"
Letzteres stimmt sogar. Aber weil ich so gerne warmen
Sekt knallen hoere, hatte ich gestern beim Weggehen noch schnell
die
richtige Sicherung geschossen.
Nach ein paar Minuten beruhigt sich die Belegschaft
soweit wieder, dass man das weitere Vorgehen besprechen kann.
Nach
kurzer Debatte wird beschlossen, dass man lieber dem Rechner
trauen moege als dem Augenschein - schliesslich seien
Rechner
sorgfaeltiger, schlauer und besser informiert als Menschen
und machten bekanntlich keine Fehler! Ein paar zaghafte
Einwaende
der 'Geburtstagskinder' werden kurzerhand niedergeschrien. Ausserdem
waere es viel zu schade um die vierzehn
Kuchen und den ganzen
Sekt, und aus diesem streng logischen Grunde vertagen sich die
Mitarbeiter mit sofortiger Wirkung zum
Feiern in die Bibliothek.
Dort stellt sich nach einer sorgfaeltigen Erhebung
durch den Kollegen Rinzling heraus, dass pro Mitarbeiter 1.2
Flaschen
warmen Sekts vorhanden sind. Mit bewundernswerter
Hartnaeckigkeit und grimmiger Konsequenz schaffen wir es bis zum
Abend
saemtliche Flaschen zu leeren und alle Geburtstagskuchen
wegzuputzen (man muss aber der Ehrlichkeit halber anmerken, dass
am
spaeteren Nachmittag die Klingonen-Hausmeister auch noch
dazugestossen sind und sich somit
das
Sektflasche-Mitarbeiter-Verhaeltnis auf 1,13 gesenkt hat!
Ausserdem war auch noch Doro, die brunz-bloede
Hausmeister-Dogge
anwesend).
Am naechsten Tag wird bekannt, dass fuenf Mitarbeiter
(unter anderen auch Kollege Rinzling) in der Nacht wegen
akuter
Kuchen-und-Sekt-Vergiftung stationaer behandelt werden
mussten. In der Bibliothek stinkt es wie in einer
mittelalterlichen
Trinkhalle, und das Regal mit den
para-psychologischen LEERbuechern ist schon wieder umgefallen.
Ausserdem ist Kollege O.
beim Hinausgehen auf einer Sektflasche
ausgerutscht, hat sich den Koechel gebrochen und schwenkt jetzt einen
gruenen
Plastik-Gips durch den Gang. Marianne ist
aussergewoehnlich gereizt, macht alle drei Stunden einen
Schwangerschaftstest und
weigert sich kategorisch, irgendwelche
Fragen zu beantworten.
So weit zum volkswirtschaftlichen Nutzen der deutschen Buero-Feier-Taetigkeit ...
Copyright (c) Florian Schiel 1998
The Bastard Ass(i)'s Election
Man hat mich als Wahlhelfer bei den Hochschulwahlen
eingeteilt. Nachdem ich mich 15 Jahre lang erfolgreich durch die
Listen
gemogelt hatte, muss irgendeinem Deppen im Wahlamt durch
einen ungluecklichen Zufall mein Name in die Haende gefallen sein.
Nun ja, andererseits habe ich ja ein gewisses Faible
fuer durch und durch sinnlose Taetigkeiten. Schliesslich weiss
jeder,
dass die Hochschulwahlen vollkommen zwecklos sind, weil
nach dem bayerischen Hochschulgesetz niemand in der Uni etwas
zu
sagen hat - ausser dem KuMi (Kultusminister)!
Am Wahltag finde ich mich ausnahmsweise eine halbe
Stunde frueher als notwendig im Wahllokal ein und bewundere den
Aufwand,
den die Uni wegen der Handvoll Waehler veranstalten muss:
Vier Waehlergruppen mal drei Gremien in 4 Fakultaeten
macht nach Adam Riese... Moment... 48 Wahlurnen! Deswegen schaut
es
im Wahllokal aus wie im Lager eines Bestattungsinstituts; Urnen
wohin man sieht. Da noch niemand da ist, vertreibe ich mir
die
Zeit und vertausche die Etiketten der Professoren-Urnen mit denen der
Studenten-Urnen. Dann nehme ich mir die
Waehlerverzeichnisse vor.
Da es sich um unnummerierte Computerausdrucke handelt, ist es ein
Leichtes, jeweils ein paar der
hinteren Seiten auszuwechseln. Ein
paar wissenschaftliche Mitarbeiter werden sich freuen zu erfahren,
dass sie wieder als
Studenten eingeschrieben sind. Das
nicht-wissenschaftliche Personal (Frau Bezelmann,
Hausmeister-Klingonen, etc.) hefte ich
bei den Professoren ab.
Ploetzlich klopft es und ein steinaltes Maennlein mit
dicker Hornbrille streckt seinen kahlen Kopf herein.
"Aehm...
entschuldigen Sie... aeh... ist das hier das Wahllokal?"
"Nein", sage ich,
"das ist das
Urnenlager des Bestattungsinstituts Wurm."
"Urnen-Lager? Aeh..."
"Ja, wissen Sie, wir lagern hier die Urnen der
verstorbenen Uni-Angestellten, bis auf dem ueberfuellten
Zentralfriedhof ein
Platz frei wird. Der KuMi hat uns
freundlicherweise diesen Raum zur Verfuegung gestellt."
"Aber..."
"Wollen Sie sich vielleicht auch schon eintragen? Die Warteliste ist ziemlich lang..."
Ich mache eine einladende Bewegung hin zum Waehlerverzeichnis. Das Maennlein faehrt erschrocken zurueck.
"Nein, nein! Noch nicht. Aeh... ich meine, ich bin... ich wollte.... ich war eigentlich nur zum Waehlen hier..."
"Ach so", sage ich.
"Ich zeige
Ihnen gerne unsere Musterkollektion. Eine sehr weise Entscheidung von
Ihnen. Die meisten unserer sterblichen
Mitbuerger sind ja so
nachlaessig und ueberlassen die Wahl der richtigen Urne einfach ihren
Angehoerigen. Sie wissen ja,
wie das ist: Jahrelang denkt man
nicht dran, und dann wacht man eines morgens auf, und... Zack!... ist
es zu spaet!
Ploetzlich ist man tot und kann sich nicht mehr um
die richtige Urnenwahl kuemmern. Und das tut einem dann natuerlich
leid.
Man sagt sich: 'Haette ich mich nur rechtzeitig an das
Bestattungsinstitut Wurm gewandt!' Aber dann ist es zu spaet,
und
wenn man Pech hat und die Erben knausrig veranlagt sind,
verbringt man die naechsten 1000 Jahre in einem
koreanischen
Plastik-Imitat... Sagen Sie mal, ist Ihnen nicht
wohl?"
Ich bekomme keine Antwort mehr. Das kahle Maennlein
mit der dicken Hornbrille hat fluchtartig das Feld geraeumt. Auch
gut.
Einer weniger, den ich im Waehlerverzeichnis suchen muss...
Ich schreibe gerade eine kurze Mitteilung an den
Wahlvorstand, dass ich ploetzlich an Haemorrhoiden erkrankt
bin
(Haemorrhoiden haben den Vorteil, dass niemand gerne
nachfragt), als der Wahlvorstand - oder vielmehr die Wahlvorstaendin
-
schon in der Tuer steht. Mist! Warum muessen manche Leute immer
frueher als noetig auftauchen? Ich lasse den Zettel
unauffaellig
in einer Professore-Urne verschwinden. Die Wahlvorstaendin (ist das
eigentlich die korrekte Feminin-Form?) ist
gleichzeitig
Frauenbeauftragte der Fakultaet 35 und dafuer bekannt, dass sie mit
akribischer Genauigkeit auf die
'linguistische Gleichstellung'
('linguistische Gleichschaltung') achtet:
Studentinnen und Studenten, muss es heissen,
Professoren und Professorinnen, Wahlvorstaende und
Wahlvorstaendinnen, Finnen
und Finninen... hmm... Sie scheint
nicht sehr erbaut, mich in ihrem Wahllokal zu sehen; anscheinend hat
sie schon von mir
gehoert.
Ohne mich zu begruessen fragt sie misstrauisch:
"Was
war denn mit dem stellvertretenden Rektor los? Der war ja ganz blass
im Gesicht..."
Ah...oh! Mit zweieinhalb Sekunden Verzoegerung kapiere ich, dass sie das kahle Maennlein mit Hornbrille meint.
SPUREN-VERWISCH-TAKTIK-ON
"Der stellvertretende Rektor?" frage ich
unschuldig.
"Wie ich vorhin hereinkam, war hier nur so ein
junger Kerl, der irgendetwas von einen Bestattungsinstitut Wurm
gefaselt
hat. Ich habe ihn natuerlich sofort vor die Tuer gesetzt.
Schliesslich ist das Wahllokal ja noch geschlossen..."
Gluecklicherweise schluckt die Wahlvorstaendin
(brauchen wir eigentlich WIRKLICH diese linguistische
Gleichschaltung?) die
Story, ohne mit den ueberladenen Wimpern zu
zucken. Wenn der stellvertretende Rektor demnaechst merkwuerdige
Fragen ueber
das Bestattungsinstitut Wurm stellt, koennen wir das
Ereignis immer noch unter 'Unbekannt Verzogen' buchen...
Hmm...
vielleicht koennen wir ihn sogar als unzurechnungsfaehig
einstufen und ich koennte statt ihm ins Rektorat aufruecken;
vom
Konrektor zum Rektor ist es nur noch ein kleiner Sprung; und
spaeter waere ich dann natuerlich im bayerischen
Hochschul-Senat
auf Lebenszeit; manchmal ergeben sich ja aus solchen Zufaellen die
ungeahntesten Moeglichkeiten... Die
Wahlvorstaendin reisst mich
barsch aus meinen Tagtraeumen zurueck in das muffige Wahllokal mit
den 48 Urnen:
"Sie duerfen schon mal die Siegel von den Urnen entfernen, waehrend ich die Waehlerverzeichnisse vorbereite!"
Man beachte: Ich darf! Ich, der B.A.f.H. muss mir von
einer Frauenbeauftragten sagen lassen, ich duerfe! Die Siegel
sind
ekelhaft klebrige Plastikaufkleber, genauso penetrant wie
oesterreichische Autobahnvignetten. Nach der sechsten Urne
entscheide
ich, dass mir diese Taetigkeit entschieden zu bodenstaendig ist.
Gluecklicherweise ist das Wahllokal mit einem
Telefon
ausgestattet. Ich rufe diskret meine eigene Nebenstelle an, schalte
auf Tonwahl um und tippe 911 (die Anregung habe
ich mir aus USA
mitgebracht!). Zehn Minuten spaeter faengt mein Piepser
programmgemaess an zu jaulen und ich rufe im
Hinausgehen:
"Ein
Notfall! Bin gleich wieder da..."
Wie war das mit den Leuten, die nur mal eben zum
Zigarettenholen gehen?
Genau...
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Menagerie
Also, ich finde, die Situation wird langsam bedrohlich!
Heute morgen komme ich an der Pforte vorbei, und
unsere Pfoertnerin, Fraeulein Schwengelreiter, haengt wie eine
riesige
schwarze Fledermaus von der Decke ihres Glaskastens. Nun
gut. Yoga soll ja soooo gesund sein! Trotzdem wirkt diese
Uebung
irgendwie tierisch abschreckend, wenn sie gleichzeitig ihre
Zungenmuskulatur trainiert.
Vor der Cafeteria spielen der erste Hausmeister, der
Hilfshausmeister und der zweite Hausmeistergehilfe mit der
saudoofen
daenischen Dogge des ersten Hausmeistergehilfen. Das
Vieh - es heisst uebrigens Doro - ist so dumm, dass normal
gesprochene
Kommandos wie 'Sitz!' oder 'Platz!' meilenweit
ausserhalb seines perzeptiven Universums liegen. Da die Hausmeister
sich
aber langweilen und nicht auf Kunststueckchen waehrend der
Fruehstueckspause verzichten moechten, haben sie
dem
gehirnamputierten Kalb entsprechende Befehle im Hunde-Jargon
beigebracht:
'Wofff!' steht fuer 'Komm!', 'Wiiiuuuh!' fuer
'Rollen!' usw. Im Augenblick versuchen sie der Dogge klarzumachen,
was
'Rrrrroooar!' heissen soll, naemlich 'Maennchen!': Der zweite
Hilfshausmeistergehilfe macht das Maennchen vor - ziemlich
gut
sogar, finde ich - und die anderen beiden 'rrrroooaren' um die Wette.
Doro sitzt auf ihrem Schinken, sabbert
begeistert, kapiert aber
rein ueberhaupt gar nichts. Schliesslich, um bei dem fantastischen
Spiel nicht gaenzlich
unbeteiligt zu sein, beisst sie den
Hilfshausmeister in den rechten Wadel.
Im Sekretariat ist niemand, aber aus dem Zimmer des
Chefs hoere ich die energische Stimme von Frau Bezelmann:
"Uuuuuund
ATTACK!"
Es folgt ein Geraeusch so aehnlich wie: Wuschwusch.
Pause.
"Uuuuund ATTACK!"
Wischwusch. Pause. Ich
gucke vorsichtig durch den Tuerspalt. Der Rabe Nero balanciert auf
dem Thickwire, das ich vor
zwanzig Jahren der Einfachheit halber
diagonal unter der Decke verlegt habe, und flattert mit den
zerzausten Fluegeln. Auf
das naechste 'ATTACK!' hin startet er
todesmutig, fliegt einen Looping durch den silbernen Reifen, den Frau
Bezelmann
hochhaelt, und toetet zielsicher einen der Luftballons,
die Frau Bezelmann auf der Rueckenlehne des Chef-Sessels
festgesteckt
hat. Auf dem Teppich liegt eine total zerfetzte aufblasbare
Miezekatze. Ich verzichte lieber darauf,
Einzelheiten ueber die
Hintergruende dieses Kampftrainings zu erfahren. Immerhin bemerke ich
noch, dass auf die Luftballons
mit Folienstift ein Gesicht
skizziert wurde...
Gestern hat Frau Bezelmann versucht, Nero das Tippen
der Institutsadresse auf dem Mac beizubringen. Stattdessen hat er
mit
seinem gelben Schnabel begeistert 'ERT BLUT DENST MORDOR O
IDIOT' gehackt, und wir wissen noch nicht genau, was wir
damit
anfangen sollen...
Auf dem Weg zurueck zu meinem Buero begegnet mir
Jenny mit ihrem Hund Rex. Rex ist eine schwarze Promenadenmischung,
die
keinen Deut intelligenter ist als Doro, aber hundertmal
neugieriger. Seitdem er einmal im Rechnerraum
ein
380-Volt-Versorgungskabel angenagt hat, leidet er an einem
neuro-motorischen Linksdrall, was sich darin aeussert, dass er
nur
noch seitwaerts laeuft. Da unsere Gaenge nicht gerade breit sind,
kann das zu Problemen fuehren - vor allem weil Rex
bis heute davon
ueberzeugt ist, er laufe wie ein normaler Hund, und alle anderen
wuerden mutwillig ueber ihn drueberfallen,
wenn er wie eine
flohbeladene Fellwalze durch unser Institut stuermt.
Tja, dann haben wir natuerlich noch 'Die Katze', von
der eigentlich niemand so genau weiss, woher sie eigentlich kommt,
und
erst recht nicht, wem sie gehoert. Da sie keinen Namen hat,
heisst sie ganz einfach nur 'Die Katze', wobei alle zum
Ausgleich
das 'D' gross und den Namen in Anfuehrungszeichen aussprechen.
Seitdem Nero ihr beinahe mal die Augen ausgehackt,
und Frau Bezelmann sie anschliessend auch noch verpruegelt hat
('Die
Katze', nicht etwa Nero, der den Streit begonnen hatte! Da
sieht man wieder mal, dass Liebe blind macht!), hat sie sich
am
anderen Ende des LEERstuhls in Yogi Flops Labor einquartiert.
Wir wissen bis heute nicht, wie sie es herausgefunden hat,
aber in
der alten DEC Alpha, die dort noch aktiv ist, befindet sich ein
ideales Katzennest gleich ueber dem Netzteil. Dort
wohnt sie
jetzt, nachdem sie den Hohlraum mit altem Verpackungsmaterial
ausgepolstert hat. Yogi Flop dachte erst, die
Winchester laufe
unregelmaessig, bis er dann gemerkt hat, dass nur manchmal 'Die
Katze' schnurrt.
Ich bin kaum in meinem Buero, da laeutet unweigerlich das Telefon. Da es intern ist, nehme ich ab.
Marianne ist dran:
"Oh, Gott!" keucht
sie atemlos,
"kannst du ganz schnell mal herueberkommen?"
Ich habe prinzipiell nichts gegen atemlose Frauen,
die wollen, dass ich sofort in ihr Buero komme. Die Erfahrung hat
mich
aber gelehrt, dass eine naehere Spezifizierung des jeweiligen
Anlasses hilft, Missverstaendnisse zu vermeiden. Was denn los
sei,
frage ich vorsichtig.
"In meinem Buero ist ein graessliches... ein
schwarzes... also, eine riesige haarige Spinne eben... ich trau' mich
nicht,
naeher 'ranzugehen... sie ist unheimlich schnell... und so
eklig!... kannst du nicht... ?"
"Was sie macht? Oh, sie sitzt da in der Ecke,
wo... wo die ganzen Twisted-Pair-Kabel aus dem Kabelschacht kommen...
und
macht da irgendetwas... baut ein Netz... was weiss ich...
graesslich! Wahrscheinlich wohnt sie in dem Kabelschacht!
Vielleicht
sind da noch mehr drin! Kannst du nicht 'rueberkommen und... und...
aeh..."
"Und was?"
"Na, ich weiss nicht... sie erschlagen...
oder... oder einfangen und 'rausbringen... Huaah! Jetzt hat sie sich
wieder
bewegt!"
Ich ueberlege kurz, ob ich Lust habe, eine riesige,
beschaeftigte, haarige, eklige, wahnsinnig schnelle Spinne
einzufangen.
Eigentlich nicht.
Ich sage:
"Tut mir leid, aber das ist
wahrscheinlich nur... aeh... B78, der gerade die Kontakte von Segment
13 ueberprueft."
"Waaas?!"
"Anscheinend hast du meine Mail letzte Woche nicht gelesen, oder? Es handelt sich um eine Wartungsspinne..."
"Waaas?!"
"Natuerlich eine genetisch modifizierte Wartungsspinne..."
"Waaas?!"
"Eigentlich ist das nur ein Pilotexperiment
zusammen mit den Mikrobiologen. Sie haben uns einen
sogenannten
Arancho-Maintenance-Squad mit 200 genetisch
modifizierten Wolfhaar-Vogelspinnen-Kreuzungen zur Verfuegung
gestellt..."
"Waaas?!"
"... und wir sollen die kleinen Kerlchen im
Feldeinsatz testen. Sie wurden so genetisch modifiziert, dass sie
anstatt
sinnlose Netze zu weben, Twisted-Pair-Verbindungen pruefen
und gegebenenfalls auch reparieren koennen..."
"Waaas?!"
"... und der Riesenvorteil ist natuerlich, dass
sie direkt durch die Kabelschaechte wandern koennen. Also lass den
kleinen
Kerl bitte in Ruhe. B78 macht nur seinen Job, wie wir alle
hier."
"Waaas?!"
"Himmel nochmal, Marianne! Kannst du noch was anderes sagen als 'Waaas?!' ?"
"Da... es... er hat sich wieder bewegt..."
"B78?"
"Ja... sie... aeh... er sitzt jetzt auf dem 8-Kanal-HUP..."
Manchmal muss man einfach Glueck haben!
"Klar",
sage ich gelassen,
"das gehoert zu seinem genetischen
Programm: Er muss auch die Funktionsweise der zwischengeschalteten
aktiven Komponenten
pruefen..."
"Waa... ich meine... aeh... heisst das jetzt,
ich muss den ganzen Tag solche... solche..."
"Wartungsspinnen?"
helfe ich freundlich nach.
"... solche graesslichen haarigen Monster in meinen Buero dulden?!"
"Wartungsspinnen", korrigiere ich sanft,
aber bestimmt.
"Wartungsspinnen. Es sind geschickte kleine
Tierchen, die uns helfen, das Netzwerk am Leben zu erhalten. Du wirst
sie
lieben. Was dachtest du denn, woher der Name 'Web' kommt?
Uebrigens koennte es auch A12 oder A13 sein und nicht B78. Die
waren
heute auch fuer Segment 13, Zimmer 411, eingeteilt. Wenn du noch zwei
siehst..."
"Noch zwei!"
"... dann hast du gleich mal Bekanntschaft mit deinem neuen Arancho-Wartungstrupp gemacht."
Marianne schnappt nach Luft. Dann holt sie tief Luft
(sie spielt nebenbei bemerkt Posaune) und bruellt so laut, dass
ich
sie auch muehelos ohne Telefon hoeren kann:
"Ich...
du... also... wenn dieses haarige Monster oder seine... seine
Kollegen in einer halben Stunde noch in meinem Buero
sind,
garantiere ich fuer nichts!!!"
Der Hoerer knallt auf die Gabel, und zwei Sekunden spaeter kracht eine Tuere zu.
Ich ueberlege einen Moment, wo ich auf die Schnelle
ein paar 100 Vogelspinnen herbekommen koennte. Haben die
in
zoologischen Institut so was vorraetig? Wahrscheinlich nicht.
Im Altavista finde ich auch nichts Hilfreiches und
im
Branchenverzeichnis sowieso nicht. Da sind nur 'Spinnereien'
verzeichnet. Zwanzig Minuten spaeter sehe ich Marianne ueber
den
Hof kommen. Auf der linken Schulter traegt sie wie eine Panzerfaust
eine riesige Spruehdose mit
Insektenvernichtungsmittel. Sie schaut
finster zu meinem Fenster hinauf und verschwindet im Eingang.
Ich kann nur hoffen, dass die Spinne in Mariannes
Buero noch anderweitig zu tun hatte. Sonst wird sie gleich mal
erleben,
wie der Vietnam-Krieg aus der Sicht der Vietnamesen
aussah.
Holy Days
Ich komme wie ueblich gegen 12 Uhr ins Institut, und
der Kollege O. lauert bereits im Gang auf mich. Normalerweise
schwebt
O. in den hoeheren Sphaeren der Tensor-Mathematik, und man
koennte ihm problemlos einen 286 als Pentium Pro 400 verkaufen,
aber
heute?
Hat er vielleicht mitbekommen, dass ich sein
geheiligtes Multi-Prozessor-Array waehrend seiner Abwesenheit
fuer
'DooM-Goes-War' missbraucht habe?
Viel schlimmer:
Ich kann es bis hierher riechen:
Er will mir von seinem hyper-geilen Urlaub berichten! Wenn ich
etwas nicht ausstehen kann, sind es Leute die statt zu
arbeiten
auf die Malediven fahren. Und noch schlimmer sind die, die es einem
danach wochenlang tagtaeglich unter die Nase
reiben muessen!
"Hallo, Leisch!" begruesst der Kollege O.
mich strahlend, bevor ich in mein Buero entweichen kann. Sein Gesicht
hat die
ekelhaft gesunde rotbraune Farbe, die jeden Hautarzt
begeistert. Um ganz klar zu machen, wo er gerade herkommt, traegt
er
ein geschmacklos grellbuntes T-Shirt mit der Aufschrift 'Hawaii
Volcanos'. Er laesst sich weltmaennisch laessig in
meinen
Besuchersessel fallen und strahlt selbstzufrieden wie eine
Mastgans, die noch nie was von Weihnachten gehoert hat.
"Na, wie laeuft's denn so?" fragt er
leutselig.
"Immer schoen in Gang gehalten, die alte
Tretmuehle?"
Ich nicke freundlich grinsend (sic!) und ueberlege,
ob ich ihn nicht gleich direkt fragen soll, um die
unvermeidliche
Prozedur abzukuerzen. Aber das ist gar nicht
noetig:
"Uebrigens in Hawaii", beginnt er mit in die
Ferne entruecktem Blick zu schwaermen.
"Also, in Hawaii, da
gibt es... blabla... laber...blafasel..."
Ich oeffne ein Notepad auf meinem Display und mache
mir unauffaellig Notizen:
"... und die Brandung auf Big
Island: du KANNST es dir nicht VORSTELLEN! SECHS Meter hohe
Wellen..."
Der Kollege O. merkt nicht, dass ich alle wichtigen
Stationen seiner Hawaii-Neckermann-Traum-Tour
mitprotokolliere,
einschliesslich aller idiotischer
Freizeitaktivitaeten.
"... Wellenreiten waren wir natuerlich auch. Mit
Boogie-Boards. Das sind so kurze breite Bretter, auf die man...
haben
natuerlich prompt einen Sonnenbrand auf den Schultern
bekommen. Aber zum Glueck nicht so schlimm..."
In kuerzester Zeit habe ich die wichtigsten Fakten
beieinander und beginne - vor seinen Augen - eine
gefaelschte
Reuter-Nachricht zu schreiben:
KILLER-SEEANEMONEN MORDEN 34 URLAUBER
Hawaii, Big
Island (eigener Bericht) - Der Verdacht, dass es sich bei den
zahlreichen Todesfaellen unter den Besuchern der
groessten Insel
Hawaiis (wir berichteten) um Auswirkungen der violett-roten
Seeanemone handelt, hat sich nunmehr erhaertet.
Wie Meeresbiologen
der University of Maryland berichten, handelt es sich dabei um einen
Schmarotzer, der vermutlich mit
japanischen Frachtern aus dem
Muendungsgebiet des gelben Flusses nach Hawaii eingefuehrt wurde und
sich vorallem an der
Westkueste von Big Island (Hawaii) rasant
ausbreitet. Die Anemone - uebrigens ein Tier und keine Pflanze -
sondert zur
Selbstverteidigung ein Kontaktgift ab, das sich in der
stark sauerstoffhaltigen Brandung zu einem gefaehrlichen
Nervengift
umwandelt. Kontaminierte Schwimmer zeigen zunaechst
keine auffaelligen Symptome ausser einer schwachen Hautroetung,
die
sich nach wenigen Tagen wieder verliert. Nach zwei bis drei
Wochen ist das ueber die Haut aufgenommene Kontaktgift bis
zum
Wirbelkanal vorgedrungen, und einzelne Gliedmassen beginnen
abzusterben. Erste Anzeichen dafuer sind Impotenz und
uebermaessige
Nervositaet, die auch in hysterischen Anfaellen gipfeln kann. Bisher
sind 34 toedliche Faelle verursacht
durch Killer-Seeanemonen
bekannt geworden; die Dunkelziffer liegt vermutlich weit darueber.
Wie aus unterrichteten Kreisen
der amerikanischen
Gesundheitsbehoerden verlautbarte, ist eine Behandlung nicht einfach,
da es sich nicht um einen Erreger
im ueblichen Sinne handele. Ein
lokal ansaessiger Epidermologe versicherte jedoch, dass sich die
Wirkung des Nervengiftes
durch die Einnahme hoher Dosen von
Koffein und ordinaerem Kochsalz neutralisieren lasse. In der
offiziellen Stellungnahme
des Chamber of Commerce in Hilo, Hawaii
heisst es, von einer Gefaehrdung der Touristen koenne keine Rede
sein. Ein Sprecher
sagte heute morgen bei einer Pressekonferenz
vor Journalisten:
"Wir haben die Situation vollkommen unter
Kontrolle."
Waehrend O. sich noch exaltiert ueber 'die sagenhafte
tropische Flora und Fauna' auslaesst, versehe ich den Bericht
mit
einem falschen Absender von O.s Fluglinie, schreibe darueber:
"An alle Fluggaeste in Richtung Hawaii - Zur freundlichen
Beachtung"
Dann kopiere ich das Ding in O.s Mailbox;
Ankunftszeit: Einen Tag nach seiner Abreise.
Endlich entlaesst mich O. aus seinen Klauen - nicht
ohne mir vorher noch geschmacklose Bilder von sich und seiner Frau
in
Hawaii-Hemden und Blumenkraenzen aufzudraengen, die er
'zufaellig gerade dabeihatte'. Mit Befriedigung sehe ich, dass er
und
seine Frau auf manchen Bildern tatsaechlich stark geroetete Schultern
zur Schau stellen. Uebrigens hat O.s Gattin
natuerlich auch
lilafarbene Badekleidung an - aber das nur am Rande (und fuer die
Insider unter euch!).
O. zieht also endlich weiter auf seiner Suche nach
anderen Opfern, und ich kann mich endlich um meine taeglichen
Pflichten
kuemmern. Das ist vielleicht endlich einmal DIE
Gelegenheit, um folgendes mal nachdruecklich klarzustellen:
Die regelmaessigen Leser dieser Kolumne haben
anscheinend den Eindruck bekommen, ich haette den ganzen Tag nichts
zu tun
und wuerde hier daeumchendrehend auf meine
Fruehpensionierung warten. Nichts koennte falscher sein als das!!!
Einen
LEERstuhl mit 40 Mitarbeitern und 66 Rechnern in einem
einigermassen stabilen Chaos zu halten, ist
tagtaegliche
Schwerstarbeit! Sicher, das meiste laesst sich zum
Glueck automatisieren, wie zum Beispiel das staendige Aendern
der
Routing-Tabellen oder die Email-Tausch-O-Matic (Patent bereits
angemeldet). Aber trotzdem muss ich ja alles ueberwachen,
die
Email von 40 Leuten querlesen, die Korrespondenz mit der R.K.f.H.
erledigen, aufpassen, dass Frau Bezelmann mir nicht
ueber den Kopf
waechst, die Schritte des Chefs ueberwachen, etc., etc. Ihr bekommt
das bloss nicht so mit, weil ich mich
immer nur melde, wenn etwas
Aussergewoehnliches sozusagen ausserhalb der stinklangweiligen
Routine passiert. So wie eben
heute die triumphale Rueckkehr des
Kollegen O. aus Hawaii.
Ich bin noch mitten in der User-Email, als mir mein
kleiner Daemon anzeigt, dass O. sich endlich eingeloggt
hat.
Zweieinhalb Minuten spaeter ist ein erstickter Schrei zu
hoeren, und gleich darauf entfernen sich hastige Schritte in
Richtung
Teekueche. Ich gebe ihm noch eine halbe Minute; dann checke ich
diskret, was in der Teekueche passiert. O. steht
vor der unter
Volldampf ruelpsenden Kaffeemaschine. In der Linken haelt er einen
grossen Salzstreuer, mit der Rechten
betastet er unauffaellig
durch die Hose sein primaeres Geschlechtsmerkmal. Die erholte
Gesichtsfarbe ist einem ungesunden
fahl-gruen gewichen.
Als ich von Mittagessen zurueckkomme, berichtet mir
Marianne aufgeregt, dass O. mit einer akuten Koffein-Vergiftung
ins
Krankenhaus eingeliefert werden musste.
"Der konnte nicht mal mehr gerade schauen",
sagt Marianne kopfschuettelnd.
"Und kein vernuenftiges Wort
hat er mehr vorgebracht. Dem Notarzt hat er etwas von impotenten
Seeanemonen erzaehlt!
Komisch. Er war doch gerade erst in Hawaii,
nicht? Wahrscheinlich war er Frau Bezelmanns Power-Kaffee nicht mehr
gewohnt."
"Sehr wahrscheinlich", sage ich und loesche vorsichtshalber die Email aus O.s Mailbox.
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Computer Talk
Ich sitze im 'Cafe zum faulen Studenten' und lese
Dieter Zimmers letzten Schmoeker ueber den entsetzlichen Verlust
der
deutschen Nationalsprache. Draussen schneit es ein paar
hundert Floeckchen, und gerade habe ich per Handy bei Frau
Bezelmann
angerufen und ihr erklaert, dass ich bei so einem Schneesturm
unmoeglich ins Buero fahren koenne und sie solle
doch bitteschoen
den Studenten Bescheid sagen, dass sie erst im Fruehling wiederkommen
brauchen.
Eine Stunde spaeter bin ich durch den ersten Teil so
ziemlich durch (es faengt an sich zu wiederholen), lege das
Buechlein
kopfschuettelnd zur Seite und bestelle noch einen
pan-bajuvarischen Donnergurgler. In Endeffekt beklagt der Autor
mit
bemerkenswertem Scharfsinn, dass die Deutschen - also wir -
sich lieber englische Ausdruecke aneignen (die sie dann auch
noch
grauenhaft aussprechen), anstatt sich doch gefaelligst auf den
eigenen Hosenboden zu setzen und eigene Woerter zu
erfinden. Die
meisten Beispiele, die er anbringt sind natuerlich aus der
Computertechnik. Obwohl ich persoenlich ueberhaupt
keine Probleme
damit habe, wenn mein HiWi hereinstuerzt und sagt:
'Die SCSI
discs habe ich un-ge-mounted und die FAT disabled. Natuerlich musst
Du neu booten und dann den daemon killen,
bevor die files wieder
accessible sind.', kann ich mir vorstellen, dass einige Normalbuerger
nach solchen Aeusserungen in
akute Spracherkennungsprobleme
laufen.
Nicht verzagen, Bastard fragen!
Das waere doch gelacht! Wieviele Abonennten sind auf
dieser Mailing Liste? 1000? 2000? 10000? Und die meisten wissen
sogar,
wie man einen Rechner einschaltet und dass die Maus kein
elektrischer Fusel-Entferner ist. Wir reden also praktisch
vom
Hardcore der deutschen Computer-Generation! Also sollte es
doch, verdammt nochmal, moeglich sein, dass wir uns hier und
jetzt
ein fuer alle Mal auf die neue deutsche Computersprache einigen. Und,
trotz meiner angeborenen Bescheidenheit und
Zurueckhaltung,
schlage ich in diesem speziellen Falle vor, dass ICH ganz einfach die
Woerter vorgebe, und ihr muesst sie
euch dann nur noch aneignen.
Das sollte den Eindeutschungs-Prozess radikal vereinfachen, nicht?
Man denke nur an die Rechtschreib-Reform:
Wenn
man mich damals gefragt haette, waere das alles laengst erledigt und
vom Tisch. Aber was passiert? Es werden zig
Kommissionen mit
Ausschuessen und Unterausschuessen gebildet, und das Ergebnis ist,
dass wir jetzt alle ein gelbes Buch im
Schrank stehen haben, von
dem niemand weiss, ob es jemals... aber ich schweife schon wieder ab.
Fangen wir lieber an.
Am einfachsten, denke ich, erzaehle ich euch eine
kleine Geschichte (in Klammern jeweils die
englischen
Original-Ausdruecke), die die neuen Ausdruecke
spielerisch vermittelt. Da bietet sich natuerlich an, dass wir auf
unseren
lieben Dieter Zimmer zurueckgreifen:
Wie jeden Morgen, den angeblich GOTT erschaffen hat,
betritt Dieter Zimmer, der erfolgreiche Autor zahlreicher
Sachbuecher,
mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand das
gemuetliche Arbeitszimmer, wo sein treuer Ziffernkasten (computer)
schon
auf ihn wartet. Die Rechenflocke (CPU) ist zwar nicht mehr
die allermodernste, aber das stoert unseren Autor nicht
im
geringsten. Ganz im Gegenteil ist er vielmehr heilfroh, dass
immer noch das uralte Text-Fluechtel (word prozessor)
verwenden
kann, ohne sich mit laestigen Neublaseln (updates) herumschlagen zu
muessen. Mit leisem Schaudern denkt Herr
Zimmer an die Geschichte,
die ihm ein Kollege kuerzlich von seinen Plastel-Problemen (hardware
problems) erzaehlt hat:
Dieser Kollege musste tatsaechlich eine
neue Hauptschindel (motherboard) installieren lassen, nur weil er das
Fluechtel
gewechselt hatte!
Um seine Plastix (hardware) - vor allem die
Scheiblinge (disks) - zu schonen, donnert (shut) Herr Zimmer jeden
Abend seinen
Ziffernkasten ab (down). Waehrend also der Zeus
(operation system) andonnert (boot), verscheucht er freundlich
die
Perserkatze, die es sich wie jeden Morgen auf dem Guckeck
(display) bequem gemacht hat. Danach hat er noch genug Zeit -
der
Plastel ist wie gesagt nicht der Allerschnellste - das Rattl
(mouse) vom Katzenhaar zu befreien und kurz mit dem
Taschentuch
ueber die Glasscheibe des Guckecks zu wischen. Als
sicherheitsbewusster Ziffernkasten-Benutzer hat Herr Zimmer
fuer
alle Familienmitglieder verschiedene Schaechtel (accounts) angelegt,
so dass sich jeder in fein saeuberlich getrennte
Heimos (home
directory) einrumsen (ein-loggen) kann... Waehrend er sein Geheimes
(password) eintippt, erwacht mit schrillen
Pfeifen das Quieksel
(modem) zum Leben. Aber was ist das? Ploetzlich bricht das vertraute
Kommunikationsgeraeusch abrupt
ab, und ein orange-rotes Fenster
knallt (pop up) auf das Guckeck. Dieter Zimmer blinzelt irritiert und
versucht, den in
winzigem Rechenkrakl (font) gedruckten Text zu
entziffern:
"FEHLER 101:
Scheibling D: wurde nicht
korrekt eingefatzt (mount)"
Und darunter befindet sich der uebliche
Hilfe-Drueckling (button). Das ist wirklich noch nie passiert!
Natuerlich knackt
(click) der erstaunte Autor auf den Drueckling,
und sofort erscheint ein neues, groesseres Fenster:
"Der Scheibling D: wurde vermutlich beim
Anheulen nicht korrekt eingefatzt. Der Grund liegt vermutlich an
einer
getechtelten (corrupt) OZT (FAT). Rumsen Sie sich als Thor
(superuser) ein und fatzen Sie den Scheibling von Hand
aus.
Anschliessend donnern Sie ab und heulen den Ziffernkasten
wieder an. Eventuell empfiehlt es sich, den Zeus neu zu blaseln."
Eine Zornesfalte steht drohend auf der hohen
Schriftstellerstirne. Der idyllische Morgen ist natuerlich dahin. Wie
er
diesen unverstaendlichen computer slang hasst! Was soll ein
normaler Mensch mit so einem bull shit anfangen?!
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Ask the Bastard Ass(i) - Teil 47
"Lieber Herr Leisch!
Wie kommt es, dass das
neue Buch B.A.g.O. nur noch 128 Seiten hat (der B.A.f.H. hat 267),
aber trotzdem so teuer ist? Wenn
man im B.A.f.H. den Preis pro
Seite berechnet, kommt man auf 9,176 Pfennige. Hochgerechnet auf den
B.A.g.O. waeren das nur
11 Mark 74..."
Mathematisch in
Bielefeld
Der B.A.f.H. antwortet:
"Lieber Fanatisch in
Bielefeld!
Der Verleger hat ploetzlich geschnallt, dass da ein
Haufen Prozesse wegen uebler Nachrede auf ihn zukommen. Irgendwer
wird
schliesslich die Anwaelte bezahlen muessen..."
"Hallo Leisch!
Irgendwie finde ich es hart,
dass man jetzt sogar schon dichten koennen muss
(Limerick-Wettbewerb), um eine
B.A.f.H.-Baseball-Kappe zu
bekommen. Warum sollte ich das tun?!"
erprellt in
Schrobenhausen
Der B.A.f.H. antwortet:
"Lieber Renitent
in Schrobenhausen!
Weil Leute wie du sowieso alles machen, was
ihnen ihr Computer uebermittelt! Zum Beispiel: 'Gehen Sie noch diese
Woche aufs
Klo!'"
"Lieber Herr Leisch!
Meine Fingerkuppen sind
seit neuestem allergisch gegen Kunststoffe. Ich kann nur noch unter
Schmerzen tippen. Was soll ich
tun?"
Datentypistin in
Frankfurt (a.d.O.)
Der B.A.f.H. antwortet:
"Liebe Tippse
in Frankfurt (a.d.O.)!
Beschaffen Sie sich 4cm lange pinke
Fingernaegel (falls Sie noch keine haben) und hoeren Sie dann ganz
auf zu tippen. Wenn
Sie jemand zur Arbeit anhalten will (z.B. Ihr
Chef), erklaeren Sie, dass diese Fingernaegel einen integralen
Bestandteil
Ihrer Persoenlichkeit als Tippse bilden und daher
unter den grundrechtlich festgelegten Schutz der Person fallen.
Reicht
das nicht, so schreien Sie laut nach dem Betriebsrat und
verkuenden, dass hier wieder mal die Rechte einer Minderheit
(der
Tippsen) unter den Teppich gekehrt wuerden. Im Notfall
behaupten Sie, dass Sie die Fingernaegel zum Schutz vor den
sexuellen
Belaestigungen Ihrer Mitarbeiter und Vorgesetzten benoetigen."
"Sehr geehrter Herr Leisch!
Unser Juengster
(13) hat im Internet die beruehmt-beruechtigte Anleitung zum Bau
einer taktischen Atombombe gefunden.
Seitdem schliesst er sich
tagelang im Hobbykeller ein. Was sollen wir tun?"
Junge
Eltern in Vanderroede
Der B.A.f.H. antwortet:
"Liebe
Masos in Vanderroede!
Das Schwierigste beim Bau einer A-Bombe ist
die Materialbeschaffung (eigener Erfahrungswert). Fuellen Sie daher
einen
normalen Putzeimer mit Kies, schreiben mit Filzstift 'Uran
238' darauf und lassen ihn irgendwo auf dem Schulweg des Jungen
an
auffaelliger Stelle stehen. Kies enthaelt nicht genug spaltbares
Material, um eine Kettenreaktion hervorzurufen (auch
nicht nach
der Anreicherung; ich hab's ausprobiert). Wenn das nichts hilft, und
Sie mehr als 200 Milliroentgen im
Wohnzimmer messen (Sie haben
doch hoffentlich einen Geigerzaehler, oder?), lassen Sie bei einer
passenden Gelegenheit die
Bemerkung fallen, wie unglaublich
phantastisch doch Atombomben seien, und dass Sie gestern eine beim
Quelle-Versand
bestellt haetten. Jungen dieses Alters machen alles
Moegliche, was sie 'cool' finden, aber garantiert nichts, was
ihre
Eltern als 'unglaublich phantastisch' bezeichnen. Ausserdem
kann etwas, was man beim Quelle-Versand kaeuflich erwerben
kann,
auf gar keinen Fall 'cool' sein..."
"Lieber Herr Leisch!
Mein neuer BMW hat
soviel Elektronik an Bord, dass ich kaum ueber die Stadtgrenzen
hinauskomme. Alle paar Kilometer faellt
irgendetwas aus. Gestern
z. B. dachte der Bordcomputer, die Ladeklappe sei auf und hat die
ganze Nacht das Licht im
Kofferraum brennen lassen; heute morgen
war dann die Batterie leer! Andererseits kann ich mir ein Leben ohne
BMW nicht
vorstellen. Wissen Sie Abhilfe?"
Motorist in
Muenchen
Der B.A.f.H. antwortet:
"Lieber Fetischist in
Muenchen!
Erster Ratschlag: Schauen Sie mehr StarTrek! StarTrek
vermittelt die gesunde Einstellung, dass High-Tech-Geraete wie
BMWs
oder Raumschiffe alle viereinhalb Minuten eine
lebensbedrohende technische Stoerung aufweisen. Sie werden nach
einer
gewissen Zeit die Sache entspannter sehen (vor allem, weil
die StarTrek-Folgen nach spaetestens 45 Minuten immer gut
ausgehen!)
und Ihrem BMW die richtigen Anweisungen geben ("Alle
Hilfsenergie in den rechten vorderen Zylinder umleiten!
Machen Sie
es so!"). Zweiter Ratschlag: Halten Sie alle 4 Minuten an und
booten Sie den Wagen neu!"
"Hi Leisch!
Ich habe gehoert, dass in den
USA vor dem Fernsehgericht ein Fall verhandelt wurde, bei dem eine
Stripperin mit ihrem Busen
einen Gast im Gesicht beruehrt hat.
Warum passiert mir nie so etwas?!"
Nightcluber in Bad
Wiessee
"Lieber Sucker in Bad Wiessee!
Ich habe die Sache
recherchiert: In Tampa, USA ist vor einen sogenannten Fernsehgericht
eine Stripperin beschuldigt worden,
mit ihren Bruesten einen
Geschaeftsmann verletzt zu haben. (Die ordentlichen Gerichte hatten
sich geweigert, den Fall zu
verhandeln!) Der Mann klagte u. a.
ueber Schleudertrauma und 'loss of capacity for the enjoyment of
life'. Die Brueste des
Maedchens seien waehrend des Auftritts wie
'zwei Zementbloecke' in sein Gesicht gefahren. Die Stripperin wurde
nach einer
Besichtigung des corpus delicti durch das hohe Gericht
freigesprochen. Wohl bekomm's!"
"Sehr geehrter Herr Leisch!
Ich bin von
Ihrer Weltanschauung restlos begeistert! Der einzig richtige Weg, um
mit dem radikalen Oekonomismus der 90er
fertigzuwerden! Was muss
ich tun, um auch ein Bastard zu werden?"
Philosoph in
Berlin
Der B.A.f.H. antwortet:
"Lieber Doof in Berlin!
Ich habe gerade eben beschlossen, ein Buch 'Zen oder die Kunst
ein Bastard zu sein' zu schreiben (nur DM 129,-). Sie
sollten sich
schon mal vormerken lassen..."
"Lieber Herr Leisch!
Wie kommt es, dass in
den Geschichten nie ein weiblicher Bastard vorkommt?"
Feministin in Travemuende
Der B.A.f.H. antwortet:
"Liebe
Anti-Masculistin in Travemuende!
Ganz einfach: Weil es am
LEERstuhl keinen gibt! Dafuer hatten wir mal einen
Frauenbeauftragten, falls Sie das beruhigt..."
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Merry X-mess
Das Weihnachtsgetue geht mir auf den Geist!
Ich habe ue-b-e-r-haupt nichts dagegen, wenn der
Einzelhandel den Normalbuerger bis aufs Hemd schroepft; dazu ist
er
schliesslich da! Der Normalbuerger, meine ich. Aber warum muss
das Ganze unter dem cocacola-roten Deckmaentelchen der
ewigen
Liebe und zur McDonalds-Version von 'Oh Tannenbaum' stattfinden?
Liebe deinen Einzelhaendler wie dich selbst?
Von mir aus! Was mich lediglich aufregt, ist die
Tatsache, dass die ganze Sache ansteckend ist: Unter jeder email
steht
unweigerlich ein saubloeder Weihnachtsgruss, mein Postfach
ist mit den Segenswuenschen altruistischer Versandhaeuser
verstopft,
und unser Faxgeraet kommt mit dem Drucken kaum noch nach:
lauter
herzliche Glueckwuensche fuers neue (Geschaefts-)Jahr. Alle
Mitarbeiter verschicken wie die Wahnsinnigen emails mit
albernen
Graphiken und Animationen (an denen natuerlich lauter huebsch
verpackte Makro-Viren dranhaengen!).
Seit irgendein kompletter Vollidiot Frau Bezelmann
gezeigt hat, wie man uebers Netz Soundfiles abspielen kann, muessen
wir
uns den ganzen Tag Sinatras 'White Christmas' achtstimmig
anhoeren.
Und heute morgen entdecke ich, dass Frau Bezelmann im
Rechnerraum einen Kranz Tannenzweige um den Fileserver B
herum
drapiert hat; der neue Fileserver B, auf dem meine
geheiligten DooM-Szenario-Dateien gespeichert sind! Natuerlich
saugen
die Luefter die Nadeln an und bleiben stehen. Zwei
SCSI-Platten sind bereits verreckt!
Ich gehe in mein Buero, fahre die Schilde hoch,
stopfe mir Oropax in die Ohren und schaue mir, um mich abzulenken,
ein paar
Quicktime-Movies der letzten Bombenangriffe im neuen
Golfkrieg an. Es hilft nix! 'White Christmas' dringt muehelos
durch
die doppelte Buerotuere und schleimige Wachspfropfen. Auf
meinem Display schneit es, und Santa's Schlitten zieht
periodisch
durch meinen Fenster-Dschungel, weil der Kollege O. auf
allen Rechnern 'xsnow' installiert hat.
Na gut!!! Ich gebe mich geschlagen!
BASTARD XMAS MODE ON
Zwei Stunden spaeter kommt Marianne an meiner offenen Buerotuere vorbei.
"Nein! Wie niedlich!" kreischt sie
entzueckt und bewundert gebuehrlich den festlich geschmueckten
Weihnachtsbaum auf dem
Raid-Array 17, das ich unter einer dicken
roten Filzdecke geschickt versteckt habe.
"Und sogar echte Wachskerzen!" seufzt
Marianne ergriffen. Ich nicke stolz und weise bescheiden aufs
Fenster, das von einer
blinkenden Kette cocacola-roter Lichter
eingerahmt wird. Hinter meinem Schreibtisch flackern kleine putzige
orange
Lichtmuster, mal links, mal rechts, mal abwechselnd. Aus
den Boxen toent leise und fortwaehrend 'Jingle Bells', und auf
meinem
22-Zoll-Plasma-Display zerstaeuben lautlos bunte
Feuerwerks-Simulationen.
Was, zum Teufel, geht hier vor, fragen sich jetzt
alle Leser?! Leidet der B.A.f.H. an galoppierender Hirnerweichung?
Hat
Frau Bezelmanns persistentes 'White Christmas' ihn endlich
muerbe gemacht? Hat er einen traumatischen Rueckfall in die Zeit
als
er noch Engel sechster Klasse auf dem Transatlantik-Flug Muenchen-New
York war? Oder ist etwa der Super-GAU fuer diese
Kolumne
eingetreten, und der B.A.f.H. ist zum angepassten, langweiligen
Konformisten retardiert?!
ABSOLUTELY NOT!
'Jingle Bells' wird mit priority 20 (und unter
Umgehung saemtlicher Proxy-Server) live aus Los Angeles uebertragen
und legt
auf dem Weg bis in mein Buero saemtliche Zwischen-Router
des Wissenschaftsnetzes lahm. Der festliche Weihnachtsbaum
besteht
aus den zerschnipselten Ueberresten zu korrigierender
Diplomarbeiten (es gibt tatsaechlich noch immer Studenten,
die
glauben, ich wuerde die ruhige Zeit zwischen den FEUERtagen
produktiv nutzen!). Die Nadeln entstammen einer grosszuegigen
(wenn
auch nicht ganz freiwilligen) Spende von Frau Bezelmanns beruehmten
Post-Kaktus; die roten Wachskerzen sind von der
seltenen und
mittlererweile schwer zu beschaffenden DDR-Sorte 'Lenins
Erleuchtung', welche bekannt dafuer sind, dass sie
mehr als 95%
ihrer Wachsmasse zerfliessen lassen, anstatt sie ordentlich zu
verbrennen. Zufaellig sind die meisten Kerzen
genau ueber dem
Einzugsschacht des Farb-Lasers befestigt; ich schaetze, ich weiss
jetzt, was ich mit dem uebrigen Etat im
'SCHWAFEL'-Projekt zu
Weihnachten machen werde...
Die rote Filzdecke auf dem Raid-Array 17 sorgt
hoffentlich dafuer, dass das Ding noch vor dem Ablauf der Garantie
an
Silvester wegen Ueberhitzung das Geistliche segnet. Und die
dekorative cocacola-rote Lichterkette habe ich aus der
Tiefgarage
'ausgeliehen'. Urspruenglich hatten die Klingonen-Hausmeister damit
die unbeleuchtete Baugrube im zweiten
Untergeschoss abgesichert.
Das regelmaessige Rumpeln waehrend der letzten Stunde scheint
anzudeuten, dass es sich dabei
ausnahmsweise um eine sinnvolle
Massnahme gehandelt haben koennte. Die orange-roten Lichterspiele
hinter meinem
Schreibtisch sind die verzweifelten collision
signals des 3COM-Switches, der ganze Serien von
synchronisierten
Ping-of-Deaths verdauen muss, und jedesmal, wenn
auf dem Campus ein Windoofs-Rechner stirbt, platzt auf meinem Display
eine
simulierte Feuerwerksrakete!
Merry X-mess and a Happy New
Year!
Um die weihnachtliche Stimmung abzurunden, bestelle
ich per Internet fuer den Kollegen O. eine Klinik-Packung mit
1250
lilafarbenen Papierunterhosen (Marke 'Inkontinentia 3'), fuer
Marianne einen Dildo im Klingonen-Stil mit eingebauter
Beleuchtung
und fuer Frau Bezelmann eine Taschenbuchausgabe des beruehmten
amerikanischen Klassiker 'Wie verwoehne ich
meinen Chef?'. Alle
Ausgaben buche ich auf die Kreditkarten-Nummer von Sethimus Typhon,
den 'Bastard Bureaucrat from Hell',
damit sich der auch nicht ganz
ausgeschlossen fuehlt.
Schliesslich ist es das Fest der Versoehnung und der Liebe, nicht wahr?
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Dog Shit
"Nimm' mich! Nimm' mich! Nimm' mich!..."
aechzt mein Telefon verfuehrerisch, und weil mir das synthetische
Gestoehne auf
den Wecker geht, hebe ich sogar ab.
"LIIIIIEBLING!" kreischt es mit 95 dB in
mein Ohr.
"Du bist ja sogar im BUeROOOO?!"
Alarmstufe Gelb
Gwendolin Rottweiler ist angebliche eine alte
Studienkollegin von mir, obwohl ich mich beim besten Willen nicht
daran
erinnern kann und will. Trotz aller Bemuehungen meinerseits
ist sie seit Jahren davon ueberzeugt, dass wir 'liiert' seien.
Sie
haelt sich selbst fuer unwiderstehlich, die meisten halten sie fuer
unglaublich und bei mir laeuft sie unter der Rubrik
'unverdaulich'.
"Hier ist die Zentrale der NASA Space
Connection", sage ich mit uebertriebenem amerikanischen Akzent.
"Mit welchem Planeten wollen Sie sprechen?"
Das nuetzt aber nix. Gwendolin schaltet auf
Schmollstufe 5:
"Liebling, du bist schon wieder garstig zu
mir!"
Erhoehung auf Schmollstufe 9:
"Und
ueberhaupt hast du deine kleine Gwendolin in letzter Zeit TOTAL
vernachlaessigt..."
"Wenn du mich noch einmal 'Liebling' nennst,
lege ich sofort auf", sage ich sachlich.
"Komm' zur
Sache. Was gibts?"
"Du garstiger kleiner Junge, du! Weisst du, was ich heute SENSATIONELLES gemacht habe?"
"Nein", sage ich seufzend.
Sie sagt triumphierend: "Ich habe mir einen Rechner gekauft!"
ALARMSTUFE ROT
Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich ein
sogenannter guter Freund, der im uebrigen seit 17 Jahren nichts mehr
von sich
hat hoeren lassen, eine DOS-Kiste oder Mac-Pizzabox
anschafft. Ploetzlich erinnert man sich an den lieben guten
alten
Leisch, der zumindest wissen sollte, wie man das Ding
anschaltet, und vielleicht auch noch nebenbei den
Drucker
konfiguriert, einen Netz-Zugang beschafft und zu jeder
unmoeglichen Tages- und Nacht-Zeit mit kostenloser Hotline
zur
Verfuegung steht!
EVASIVE ACTION ON
"Aeh... habe ich dir schon erzaehlt, dass ich seit Monaten an typographisch-allergischer Neuralgie der Handgelenke leide?"
Gwendolin schwaermt naemlich fuer Krankengeschichten.
"NEIN! Das musst du mir erzaehlen. Ist das ansteckend?"
"Zum Glueck nicht. In den USA nennt man es RSI,
'Repetitive Stress Injury'. Ich kann leider ueberhaupt nichts mehr
tippen,
verstehst du?"
"Oh..." Gwendolin braucht ein paar
Sekunden, um die unguenstigen Implikationen zu erfassen.
"Armer
kleiner Junge. Aber... das heisst ja, du kannst deinen Computer nicht
mehr bedienen..."
BINGO! Ich seufze schwer in die Muschel.
"Tja,
schrecklich, nicht?"
"Aber... aber du kennst dich doch bestimmt noch
THEORETISCH mit Computern aus. Ich kann naemlich nicht herausfinden,
wie
man das bloede Ding hier einschaltet..."
"...und ausserdem" beeile ich mich
hinzuzufuegen,
"bin ich schon laengst nicht mehr in der
Computer-Branche. Ich mache jetzt Aussendienst-Marketing im
Sanitaerfachhandel.
Meine Spezialitaet sind Bidets. Wusstest du,
dass sich ueber 93% der Deutschen den Hintern nach der Scheisserei
nicht
abspuelen? Das ist ein unglaubliches Marktpotential, sage
ich dir... Da faellt mir ein, hast du eigentlich ein Bidet in
deinem
Scheisshaeusl?"
Gwendolin beteuert hastig, dass sie sogar zwei davon
hat. Aber sie scheint jetzt wenigstens nicht mehr so ganz
davon
ueberzeugt, dass ich der richtige Fachmann fuer ihr Problem
sei.
"Tja, Liebli... ich meine, ich wollte sagen,
dass ich mich dann wohl anderweitig umschauen muss... aehm... ich
wollte
sagen, dass ich gleich noch einen anderen dringenden Termin
habe... Weisst du was? Ich werde dich dann wieder anrufen,
ok?
Tschues, Liebling!"
Erleichtert lege ich den Hoerer zurueck auf die
Gabel. Damit so etwas heute nicht nochmal passiert, leite ich
alle
ankommenden Gespraeche auf die Zeitansage um. Schliesslich
habe ich heute Wichtigeres zu tun: Sethimus Typhon, der
Bastard
Bureaucrat from Hell (B.B.f.H.) der Reisekostenstelle, hat
versucht, sich mit Hilfe eines gar nicht mal
ungeschickten
trojanischen Pferdes bei uns einzuschleichen. Das
Programm scannt die gerade eingeloggten Benutzer, macht einen Eintrag
in
die rhost-Datei eines Users fuer unbegrenzten Zugang und
schickt den User-Namen per email an Sethimus Adresse. Auf diese
Weise
kann er sich ohne Passwort mit rlogin einloggen, und in meinen
Ueberwachungsprogrammen faellt das nicht weiter auf,
weil die
meisten Benutzer, wenn sie erstmal eingeloggt sind, sowieso mehrere
Windows oeffnen.
Schick! Koennte fast von mir sein!
Natuerlich kann ich das nicht so auf mir sitzen
lassen. Da ich aber weiss, dass ihn die ueblichen
software-technischen
Attacken allesamt kalt lassen, beschliesse
ich, ihn an seiner empfindlichsten Stelle treffen: seiner Eitelkeit!
Habe ich schon mal erwaehnt, dass Sethimus staendig
von Kopf bis Fuss in die allerteuersten Designer-Klamotten
gehuellt
daherkommt? Waehrend ich seit 17 Jahren mit demselben
Sweatshirt ins Institut komme (ihr kennt es ja alle), hat
er
vermutlich fuer jeden Tag des Monats ein Extra-Paar Schuhe!
Ich klaue mir bei den Leichenflederern (Anatomen) im
ersten Stock ein Paar Handschuhe und lasse mir in der Baeckerei um
die
Ecke eine extragrosse Papiertuete aushaendigen. Dann
schlendere ich gemuetlich zur Gruenanlage hinter der Mensa-Kueche,
wo
Doro, die doofe Hausmeister-Dogge, ihr Revier zu markieren
pflegt. Nach einigem Suchen, finde ich genau was ich brauche:
ein
riesiger, huebscher, frischer Haufen!
Mit angehaltenem Atem (und Handschuhen) fuelle ich
vorsichtig die Papertuete, bis sie halb voll ist; dann transportiere
ich
die stinkende Fracht am ausgestreckten Arm haltend in die mit
Marmor ausgelegten Flure der Reisekostenstelle. Vor Sethimus
Buero
ist weit und breit niemand zu sehen. Ich checke kurz mit meinem
Funkmodem, ob er auch wirklich eingeloggt ist. Ja, er
spielt
gerade DooM-goes-War. Perfekt! Ich stelle die Tuete direkt vor seine
geschlossene Buerotuere und zuende den oberen
Rand mit einen
Feuerzeug an. Dann sprinte ich zum naechsten Quergang und schreie:
"Feuer! Feuer!!!"
Mit einem Taschenspiegel (Das ist ein Tipp, Leute:
immer einen Taschenspiegel mithaben! Die Girls unter euch haben
das
schon lange kapiert!), mit dem Taschenspiegel also kann ich
gefahrlos beobachten, was um die Ecke passiert:
Sethimus stuerzt
natuerlich wie ein Schachtelteufelchen aus seinem Buero, sieht die
brennende Tuete auf dem Boden, und...
und...
genau!
Austreten das Feuer!
Und voll in die Scheisse mit den
brasilianischen Designer-Schuhen!!!
Sethimus braucht nur 0.35 Sekunden, um die wahre
Natur dieser Tuete zu erkennen. Er laesst einen so
gotteslaesterlichen
Fluch los, dass sogar mir die Ohren flattern.
Einer blutarmen Sachbearbeiterin aus dem Nachbarbuero, die auch
gerade
nachschauen will, was der Laerm auf dem Gang bedeutet,
schwinden vor Schreck die Sinne und sie sinkt Sethimus entseelt
in
die Arme.
Ein Bild fuer die Goetter: Der schwule Sethimus
Typhon mit einem ohnmaechtigen Maedchen im Arm und mit einem Fuss
immer
noch in der Hundescheisse. Schade, dass ich meine DigiCam
vergessen habe!
Education
Auf dem Server B laufen ueber 100 Prozesse von einem
Studenten, der es offensichtlich spassig findet, jede Aufgabe
in
winzige Teilprobleme zu zerlegen und dann den Rechner mit
Prozessen vollzuknallen. Um ihm noch mehr Spass zu bereiten,
starte
ich einen Cronjob, der alle seine Prozesse mit ungeradzahligen IDs
nach 1 Minute killt. Mal sehen, ob er von selber
drauf kommt, was
da abgeht...
Danach hole ich mir eine neue Koffein-Infusion und
schlendere hinueber ins PC-Labor. Zeit fuer die
woechentliche
Maus-Pflege. Ich kontrolliere alle Mausefallen, die
wir seit der Verlegung des neuen Netzes aufstellen mussten
-
anscheinend haben die Maeuse innerhalb kuerzester Zeit die
modernen Kabelschaechte als den wahren Daten-Super-Highway
erkannt:
Es lebe der Fortschritt!
Einer toten Maus
entnehme ich mit der Pinzette ein Bueschel Fell und verteile die
Haare sorgfaeltig in ihre anwesenden
computer-basierten Kollegen.
Waehrend ich noch so beschaeftigt bin, kommen zwei total verpickelte
Diplomanden herein.
Manchmal denke ich wirklich, mal sollte an einer
technischen Universitaet noch viel mehr Spiegel aufhaengen. Spiegel
in
jedem Treppenaufgang, Spiegel in den Hoersaelen, Spiegel in der
Tiefgarage. Wahrscheinlich koennte man damit die
Suizid-Rate unter
den Studenten noch schneller in die Hoehe treiben, als mit hohen
Durchfallquoten im Vordiplom. Einziger
Nachteil waere, dass die
ganzen Spiegel wohl dauernd mit Eiterspritzern verunreinigt waeren...
Und die Dozenten sollten im Gegenzug speziell
entwickelte Sonnenbrillen bekommen, die die Wellenlaenge von
frisch
ausgebluehter Akne herausfiltern! Schliesslich arbeiten wir
im tag-taeglichen Angesicht der roten Gefahr! Aber wer hoert
schon
auf mich...
Ohne mich zu beachten (sic!), fahren die beiden
Diplomanden mit ihrer lautstarken Diskussion fort, die sie
anscheinend
schon in der U-Bahn begonnen haben. Es handelt sich um
das
typische
'Ich-hab-gar-nichts-am-Code-geaendert-und-nun-geht-es-nicht-mehr'-Gespraech,
das man bei Diplomanden im zweiten Monat, bei
Doktoranden im
zweiten Jahr und bei Professoren im zweiten Jahrzehnt am haeufigsten
beobachten kann:
"... und wenn ich dann den Pointer auf die
enumerated structure an die Funktion ZURUeCKGEBE, steht ploetzlich
eine NULL
drin und es gibt natuerlich einen segmentation fault..."
"...mhm..."
"... aber das Wahnwitzige ist: unmittelbar vor
dem Call kann ich sie noch de-referenzieren! Sie KANN also gar nicht
zu NULL
gesetzt werden. Kapierst Du das? D a s k a n n e i g e n t
l i c h g a r n i c h t s e i n !"
"......"
"... ich glaube, ich werde noch wahnsinnig! Der
Pointer darf gar nicht auf NULL referenzieren! Wie kann das
ueberhaupt
sein?!..."
"... ..."
"... ist vielleicht das OS selber korrupt? Oder hat der Compiler einen bug?..."
"......"
"... es gibt einfach keine vernuenftige Erklaerung! Es duerfte eigentlich gar nicht passieren..."
"...mhm..."
"... it's magic..."
Ich halte es an der Zeit, paedagogisch lenkend
einzugreifen.
"Natuerlich gibt es eine Erklaerung",
sage ich streng. Die beiden Pickelgesichter gucken mich an.
"Es gibt immer eine logische Erklaerung; alles
andere waere nicht wissenschaftlich, und schliesslich sind wir hier
an einer
technischen Hochschule und nicht im Zirkus..."
Die Diplomanden lauschen ergriffen und merken nicht
mal, was fuer einen galaktischen BULL SHIT ich da verzapfe. Wenn
bei
uns im Institut immer alles nach streng logischen Regeln
ablaufen wuerde, waere Frau Bezelmann schon laengst an
Langeweile
eingegangen.
"Aber", wagt der eine hartnaeckig
einzuwenden,
"wenn man keine logische Erklaerung finden
kann..."
"Die Frage ist nicht", sage ich
unerbittlich,
"ob es eine logische Erklaerung gibt oder
nicht - die gibt es fast immer -, sondern vielmehr, ob uns eine
Erklaerung
gefaellt oder nicht. Wenn jemandem eine Erklaerung
nicht gefaellt, dann glaubt er nicht an sie; und wenn der Mensch
etwas
nicht glaubt, fuehrt er tausend scheinbare Gruende dagegen
an - auch wenn sie noch so an den Haaren herbeigezogen sind. Und
der
groesste Witz ist, dass die meisten anderen Menschen das auch noch so
akzeptieren - im Normalfall jedenfalls..."
Beide Studenten protestieren aufs heftigste. Das Wort
'Glaube' ist fuer Ingenieursstudenten bekanntlich so etwas wie
'MMX
Interface Cache Microcode' fuer eine protestantische
Pastorengattin. Demzufolge halten sie es fuer absolut irrelevant.
Dass
ihr ganzes mickriges Leben auf Glauben aufgebaut ist - wobei
'Glaube' hier natuerlich nicht theologisch gemeint ist -,
kapieren
nur die Wenigsten. Zum Beispiel glauben fast alle Studenten, dass
ihre Pruefungsaufgaben objektiv und von drei
unabhaengigen
Pruefern nachgerechnet werden. Einfach lachhaft!
"Wenn das so ist", sagt der Grunzer
angriffslustig,
"was glauben SIE denn, was diesen
Programmabsturz da bewirkt...?"
"Simpel", sage ich,
"in dem
Programm ist ein Bug!"
Beide Studenten stoehnen unglaeubig.
"Aber diese naheliegenste Erklaerung gefaellt
Ihnen nicht (wahrscheinlich weil es Ihre Ehre als Code-Stricker
angreift) und
deshalb glauben Sie auch nicht daran..."
"...aber..."
"...der Bug ist uebrigens in Zeile 568, im Modul load_sequenzer!"
"Was??? Aber woher...?"
Aber ich bin schon laengst draussen und auf dem Weg zu meinem sicheren Buero.
Muss ich noch extra erwaehnen, dass die woechentlich
Mauspflege ziemlich langweilig ist und ich deshalb letzte Woche
so
ganz nebenbei ein paar Pointer in den Studentenprojekten
verbogen habe? Ich glaube nicht...
Carpe Diem Academicum
Ich warte, bis der Zeiger meiner Uhr im Display genau
auf 25 nach 9 springt. Dann halte ich den Videorekorder mit 'Mad
Max
17' an und seufze schwer. Alle halbe Jahre wieder kommt der
unausweichliche Moment, wenn man mit den harten Fakten
des
Universitaetsdaseins konfrontiert wird. Im Gegensatz zu den
anderen Kollegen habe ich es zwar geschafft, die Katastrophe
mit
allen moeglichen Tricks um 26 Tage, 4 Stunden und 45 Minuten
hinauszuzoegern, aber irgendwann hilft gar nix mehr:
Ich seufze
nochmal und gehe hinueber in den Hoersaal B, wo mein Physik-Grundkurs
seit 10 Minuten auf mich wartet.
Ich bleibe kurz in der Tuere stehen und inhaliere das
typische vermiefte Hoersaal-Aroma von verbrauchter
Luft,
Achselschweiss und Kreidestaub. Mein kritischer Blick
schweift ueber die laermenden Reihen:
alle Tische sind
vollzaehlig besetzt, und weiter oben sitzen sie sogar noch auf den
Treppenstufen. Etwa 110 Studenten, grob
geschaetzt. Ich
ueberschlage rasch, was das an Korrekturaufwand bedeutet und seufze
wieder.
Dann gehe ich eiligen Schrittes nach vorne zur Tafel
und sage laut:
"Guten Morgen, meine Damen und Herren!"
Der Laermpegel sinkt um vielleicht 0.5 dB; ein paar
StudentInnen mustern kurz gelangweilt mein 'Bryce
Canyon'-Sweatshirt,
stufen mich rasch als 'nicht gefaehrlich' ein
und ratschen ungeniert weiter.
Ich sage sehr viel leiser:
"...rabarbarrabarbarabarZwischenpruefungrabarbarrabarbararelevanterStoff
rabarbarrabarbaraVordiplomrabarbarrabarBenotungrabarbarrabarbakeinSkript
rabarbarrabarSkriptenrabarbarrabarDurchfallquoterabarbarr..."
Ploetzlich ist es mucksmaeuschenstill.
Ich warte ein paar Sekunden und gucke ernst in die
grossen runden Erstsemester-Augen der zweiten Reihe (in der ersten
Reihe
sitzt traditionell niemand; tatsaechlich weiss bis heute
keiner genau, warum das so ist!). Dann klettere ich stumm auf
das
aechzende Katheder und mache einen Kopfstand auf dem
Tafelschwamm (der zum Glueck noch nicht nass ist).
Einhundertzehn
Pupillen weiten sich unglaeubig; einhundertzehn
StudentInnen halten den Atem an. Man kann deutlich das Rauschen
der
Klimaanlage hoeren, so still ist es.
Ich spitze die Lippen und pfeife einen leisen
375Hz-Ton. Im selben Augenblick geht die Haelfte der Deckenlampen
aus, ein
Blitz schlaegt mit ohrenbetaeubendem Krachen von der
Decke in meinen rechten Fuss ein, die Tafeln fallen alle krachend
nach
unten und der Wasserhahn spritzt quer ueber die ersten drei
Reihen in die Hoererschaft. Dann wird es vollstaendig dunkel
und
als das Gekreisch und Geschrei abebbt, hoert man erst von links, dann
von rechts Doro, die Hausmeisterdogge,
hingebungsvoll heulen. Im
naechsten Augenblick geht das Licht wieder an und ich bin vom
Katheder verschwunden.
Bevor sich die Newcomer noch von ihrem Schreck
erholen koennen, sage ich von der hinteren Tuere aus:
"Bis
zur naechsten Stunde schreiben Sie einen Kurzaufsatz, der alles, was
sie eben gesehen und gehoert haben, mit dem
physikalischen
Grundwissen der gymnasialen Oberstufe detailliert erklaert. Schreiben
Sie nicht mehr als 45 Zeilen und
verwenden Sie nicht mehr als 65
Formeln fuer Ihre Herleitung. Das Bestehen dieses Tests ist
wesentliche Voraussetzung fuer
die Zulassung zur
Vordiplompruefung. Bis naechste Woche dann."
Spaeter, als ich den grinsenden Hausmeister-Klingonen
fuer ihre tatkraeftige Unterstuetzung ein Bier ausgebe, ueberlege
ich
fluechtig, was ich mit den StudentInnen mache, die
tatsaechlich naechste Woche einen Aufsatz abgeben. Aber... das kann
ich
mir auch naechste Woche ueberlegen. Wie heisst es so schoen?
Carpe diem academicum...
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Bungaria
Eines der ungeschriebenen und dennoch felsenfest
verankerten Gesetze an deutschen Universitaeten lautet: Der
Professor
beginnt ein sinnloses Projekt und die Assis muessen's zu
Ende fuehren!
Eines Tages komme ich ins Buero und erfahre von Frau
Bezelmann, dass es dem Chef trotz vereinter Kontroll-
und
Sicherheitsmassnahmen gelungen ist, sich unbemerkt an einem
neuen EG-Projekt zu beteiligen. EG-Projekte sind fuer
Uni-Assistenten
so etwa wie das Weihwasser fuer den Teufel: Sie haben meistens
schwachsinnige Themen ('Migrationsverhalten
der europaeischen
Kurzwedelhaar-Eule'), verbrauchen mehr Ressourcen als sie einbringen
und haben einen buerokratischen
Overhead, der selbst der Firma
Siemens alle Ehre machen wuerde. Und wenn man Pech hat, wird man
aufgefordert, sich auch
noch am Nachfolge-Projekt zu beteiligen!
Das neue EG-Projekt heisst 'BLIMP'. 'BLIMP' steht
fuer 'Bungaria Life Intelligent Mobile Project'. Wie ueblich kann
sich
darunter niemand etwas vorstellen, weshalb der Chef in einem
eilig anberaumten Strategie-Meeting die Details erlaeutert:
"...hmm... ja... also, Kern des... aeh...
Projektes ist die Entwicklung... hmm... der Entwurf... aeh... eines
Automobils,
dass... aehm... dass bungarisch versteht und... aeh...
auch spricht..."
"Bungarisch?"
"... aeh...ja... hmm... so steht es hier im...
aehm... Bewilligungsschreiben... aeh... 'in bungarischer Sprache'...
aeh...
und deshalb auch die... hmm... Partner an der University of
Bungaria, die... aeh... vor allem mit uns zusammen...
aeh...
zusammenarbeiten sollen, ja..."
Der Chef legt das Papier zur Seite und schaut uns
pruefend ueber den Rand seiner Lesebrille an, ob vielleicht einer
dabei
ist, der NICHT weiss, wo das Land Bungaria liegt. Niemand
sagt etwas.
"Nun... aeh... naja, die Einzelheiten und...
aeh... koennen Sie ja dann dem... aeh... Technical Annex entnehmen...
ja....
aeh... Danke, meine Herren..."
Und mit diesem Worten eilt der Chef zum naechsten
Termin, damit er ja noch rechtzeitig seinen Weihnachtsurlaub
antreten
kann. Und wir sitzen da - mit dem 'Technical Annex', zu
deutsch Katastrophenbeschreibung, in der Hand.
Als erstes gehen der Kollege O. und ich in die
Bibliothek und schauen im Atlas nach, wo Bungaria liegt. Irgendwie
haben wir
noch die vage Hoffnung, dass es das Land gar nicht gibt,
oder dass es letzte Woche in die Luft gesprengt wurde,
oder
vielleicht im Meer versunken ist, oder dass der letzte
Bungare mit dem heutigen Tag seine triste Heimat verlassen hat
und
nach Australien ausgewandert ist. Aber leider gibt es nicht
nur das Land, es hat sogar angeblich 134.000 Einwohner und
als
einziger Exportartikel sind tatsaechlich PKW aufgefuehrt.
Zuerst versuchen wir es - wie immer - mit 'FUD'.
'FUD' steht fuer 'Fear, Uncertainty, Doubt' und ist
moeglicherweise die einzige bleibende Kulturerrungenschaft, die
Bill
Gates seiner Nachwelt hinterlassen wird.
'FUD' kommt
immer dann zur Anwendung, wenn man ein unliebsames Projekt, einen
stoerenden Konkurrenten oder eine staatliche
Regulierungsbehoerde
nicht kaufen kann. Da das Budget fuer Bestechungsgelder am LEERstuhl
naturgemaess sehr begrenzt ist,
bin ich ein begeisterter Anhaenger
der 'FUD'-Strategie, wenn es darum geht, ein Projekt zu torpedieren.
(Ausserdem wuesste ich sowieso nicht, womit sich ein Bungare
bestechen liesse...)
Im Laufe der naechsten Meetings lasse ich beilaeufige
Bemerkungen fallen, wie:
"... uebrigens ist in Bungaria eine
neue, sehr ansteckende Form der Hepatitis ausgebrochen, bei der einem
innerhalb von
zwei Stunden die Leber vertrocknet..."
"...
habe gehoert, dass die bungarische Inflationsrate jetzt die
10000%-Marke durchbrochen hat..."
"... in CNN kam
gerade die Nachricht, dass vorgestern der bungarische Praesident mit
dem gesamten Staatshaushalt nach
Ecuador geflohen ist..."
"... wussten Sie eigentlich, dass bungarische Frauen ihren
Ehemaennern in der Hochzeitsnacht die Zunge an der
Unterlippe
festnaehen...?"
"... erst kuerzlich im
Reader's Digest gelesen, dass die traditionelle bungarische
Gastfreundschaft erfordert, dass der
Gast in der ersten Nacht die
Hausziege schwaengert..."
Leider prallen alle meine 'FUD'-Versuche am Chef ab
wie Hornissen an einer anfliegenden SS25 - entweder, weil er
meine
Taktik durchschaut hat, oder weil er sowieso nicht zuhoert.
Keine drei Tage spaeter stehen drei bungarische
Wissenschaftler vor meiner Tuere. Sie sind zu einem
ersten
'Kick-Off-Meeting' eingeflogen - Business-Class, versteht
sich! Komischerweise haben alle blaue Baseball-Kappen und
weisse
Ohrenschuetzer auf und zwei bis drei prall gefuellte
Aldi-Tueten in der Hand. Der groesste Bungare hat
einen
beeindruckenden schwarzen Schnauzbart, heisst 'Ourgi' und
kann sogar etwas Englisch. Die anderen beiden schauen nur finster
und
schweigen beharrlich waehrend des ganzen zweitaegigen Meetings. Zum
Glueck sind die Bungaren die meiste Zeit sowieso in
der Stadt, um
weitere Aldi-Laeden auszuraeumen und die grosszuegigen EG-Tagegelder
zu verprassen, so dass der Stress des
Meetings sich - zumindest
fuer uns - in Grenzen haelt.
Waehrend Ourgi im ersten Meeting versucht, uns das
komplizierte Innen-Design bungarischer PKWs naeherzubringen, schaue
ich
unauffaellig im 'Technical Annex' unter 'Travel' nach: Auf
deutscher Seite sind drei Dienstreisen nach Bungaria vorgesehen,
auf
bungarischer Seite sechsundzwanzig!
Es stellt sich heraus, dass das neueste und bisher
einzige bungarische Auto-Modell beim letzten Automobil-Salon in
Paris
grosses Aufsehen erregt hat, weil die bungarischen Designer
40 Jahre hinter der Entwicklung herhinken. Bekanntlich haben
alle
Stilrichtungen nach ca. 40 Jahren ein Revival, so dass die Bungaren
mit ihrem 50er-Jahre-Design Furore machten.
Dass sie trotzdem keine einzige Bestellung nach Hause
brachten, lag nur an der Tatsache, dass die bungarischen
Ingenieure
aergerlicherweise den Rueckwaertsgang vergessen hatten,
und sich eine der franzoesischen Messe-Hostessen dummerweise an
den
bungarischen Sicherheitsgurten zu Tode strangulierte. Die
Bungaren hoffen, diese 'kleinen Schoenheitsfehler' mit Hilfe
unserer
Multi-Media-Technologie bis zum naechsten Auto-Salon wieder
auszugleichen.
Dann geht Ourgi fuer den Rest des Meetings zu einer
detaillierten Beschreibung des Pariser Nachtlebens ueber, wobei
er
frische Erfahrungswerte aus dem Muenchner Bahnhofsviertel mit
einstreut. Seine Mitarbeiter, die offensichtlich gar kein
Englisch
verstehen, vertreiben sich derweil die Zeit damit, literweise Kaffee
in sich hineinzuschuetten und Frau Bezelmanns
Moehrenkekse
aufzufressen.
(Sie sind uebrigens die ersten, die freiwillig Frau
Bezelmanns selbstgebackenen Kekse verkomsumieren. Normalerweise
bringt
Frau Bezelmann ihre abgesaegte Schrotflinte mit, wenn sie
herumgeht und Kekse anbietet...)
Als kein Kaffee mehr da ist, holt einer eine Flasche
Korn aus seiner Aldi-Tuete. Kurz vor Ende des Meetings erbricht
sich
der andere in den Papierkorb.
Nach diesem ersten Meeting gehe ich in mein Buero,
fahre die Schutzschilde hoch, massakriere in 'DooM goes War'
zwei
Dutzend Monster, um meine unter Hochspannung stehenden Nerven
zu beruhigen, und denke sechs Minuten lang scharf nach. Dann
gebe
ich einem alten 90er Pentium, der zur Zeit ohne Aufgabe im
Rechnerraum herumlungert, einen falschen
Alias-Namen
'www.cia.pentagon.mil' und spiegele das bekannte 'CIA
World Fact Book' mit Informationen zu allen Laendern, die nicht
USA
heissen, auf den Web-Server. Ich lasse alles so, wie die CIA
in ihrer grenzenlosen Einfalt glaubt, dass es sein muesse
(z.B.
dass es in Muenchen noch umfangreiche kommunistische rote Zellen im
Untergrund gaebe), aendere allerdings ein paar
kleine, aber
entscheidende Eintraege ueber das Land Bungaria.
Zuletzt schicke ich eine dezente email an den
zustaendigen EG-Beamten in Bruessel mit der Bitte, doch noch einmal
genau die
Zulassungsbestimmungen fuer nicht-europaeische Partner
pruefen zu lassen, - natuerlich mit diskretem Hinweis auf
den
'CIA-Server'. Damit die email nicht sofort im Trash landet,
nehme ich als Absender den Namen eines hohen BMBF-Beamten, von
dem
ich ziemlich sicher weiss, dass er es bis zu seiner Pensionierung
nicht mehr schaffen wird, in seine Mailbox zu gucken.
Um selber auch noch was von der Sache zu haben, wette
ich mit dem verzweifelten Kollegen O. eine Kiste Wein und mit
Frau
Bezelmann um einen neuen Data-Glove, dass das Projekt in
spaetestens zwei Wochen abgeblasen wird...
Copyright (c) Florian Schiel 1998
Artwork
Ich sitze im Cafe 'Zum faulen Studenten' und
schluerfe genuesslich meine Wiener Melange. Fuer den
oberflaechlichen
Beobachter koennte es so aussehen, als wuerde ich
bloss das Buero schwaenzen; bei genauerem Hinsehen ist zu bemerken,
dass
ich mein Dienst-Handy angeschaltet vor mir auf dem Tisch
liegen habe. Das bedeutet, es handelt sich nicht um
pures
Kaffeetrinken, sondern um einen Dienstgang.
Fuer diejenigen, die mit dem Beamtengesetz nicht so
vertraut sind:
Ein Dienstgang unterscheidet sich von einem
normalen Faulenzen dadurch, dass man dafuer auch noch extra Auslagen,
zum
Beispiel fuer die Schuhabnutzung (DM 0,067 / Stunde) oder
sonstige Spesen (Wiener Melange) ersetzt bekommt. Man
braucht
lediglich einen Auftrag, der es erfordert, den
Arbeitsplatz zu dienstlichen Zwecken zu verlassen.
Gestern kam der Chef von einer dreitaetigen
Selbst-Bauch-Pinselungs-Veranstaltung der Firma S. zurueck. Die Firma
S. hat -
wie jede ordentliche Firma, die nicht weiss, was sie mit
ihren ganzen Gewinnen anfangen soll, aber als allerletztes an
die
Neueinstellung von Angestellten denkt - gemietete Kunstwerke
in allen Raeumen, wohin sich vielleicht mal ein Kunde hin
verlaufen
koennte oder wo vielleicht irgendwann einmal in einer ungewissen
Zukunft der Vorstandsvorsitzende durchhuschen
koennte. (Da wo die
eigentliche Arbeit stattfindet, ueberlegt man gerade, ob es sich
wirklich noch lohnt, Damentoiletten
einzubauen!). Der Chef war
begeistert! Sofort nach seiner Rueckkehr ordnet er an, dass auch der
LEERstuhl unbedingt durch
geschmackvolle Mietkunst zu verschoenern
sei. Da ich angeblich
"...aehm... ueber... hmm... ueber die
meiste... aeh.. Erfahrung mit... mit... hmm... das heisst... aeh...
das groesste
Verhandlungs... aeh... geschick..."
verfuege,
wird der ehrenvolle Auftrag sofort auf mich abgewaelzt.
Und deshalb bin ich jetzt hier auf meinem Dienstgang und warte auf die ersten Kuenstler.
Wirkliche Kuenstler darf man bekanntlich nicht so
unvorbereitet an einen LEERstuhl bringen; da werden Sie nervoes
und
kommen vielleicht auf den unangenehmen Gedanken, dass Sie ihr
ganzes bisheriges Leben nur dumm mit Wachsmalkreide
'rumgespielt
haben, anstatt in der Akademie einen Haufen attraktiver Studentinnen
beim Tonmodellieren anzuleiten. So was
kann sich sehr
demotivierend auswirken und das weitere kuenstlerische Werk
entscheidend negativ beeinflussen. Ich denke,
das reicht erstmal
als Begruendung fuer meinen Dienstgang, nicht?
Da die Kuenstler erwartungsgemaess auf sich warten
lassen, spiele ich mit dem Dienst-Handy herum. Nichts klingt
so
graesslich wie klassische Musik, die von einem Piezo mit 100 Hz
Bandbreite wiedergegeben wird. Deshalb waehle ich die 78.
Symphonie
von Mozart als Klingelsignal aus und stelle auf volle Lautstaerke.
Dann lasse ich das Ding ein Dutzend Mal zur
Probe duedeln. Mit ein
bisschen Glueck kann man mit so was einen wunderschoenen
Montag-Morgen-Kaffeehaus-Streit vom Zaun
brechen.
Aber lediglich der angegraute akademische Oberrat am
Nebentisch raschelt zornig mit seiner ZEIT und wirft mir
einen
vernichtenden Blick zu. Ich seufze leise. Die Akademiker
sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Kein Kampfgeist
mehr.
Noch vor 40 Jahren haette mich der Typ oeffentlich
gevierteilt, meine Buecher vor dem Universitaetsportal verbrannt
und
spaeter um Mitternacht auf meinem Grab getanzt.
Schon gegen elf taucht der erste Kuenstler auf. Er
ist ziemlich klein, mager, hat - wie es sich gehoert - eine
maechtige
Kuenstlermaehne und den typischen, leicht glasigen
Schwabing-Blick, den Thomas Mann einmal auf die Tatsache
zurueckgefuehrt
hat, dass die Schwabinger Kuenstler sich de facto
nur von billigem Rotwein ernaehren. Er hat einen riesigen Packen
Bilder
dabei, die er auf unserem Tisch ausbreitet. Ich gucke mir
alles schweigend an.
Dann sage ich:
"Haben Sie nichts
Progressiveres? Ist ja alles ganz schoen, aber wir sind schliesslich
ein technisches Institut, sozusagen
an der vordersten Front der
unerbittlich dahinstampfenden Technologie. Da koennen wir uns echt
keine Bluemchen an die
Waende haengen, echt nicht!"
Die naechste Kandidatin - eine unglaublich grosse,
unglaublich magere, mittelaeltliche Dame mit einem blauen und
einem
braunen Auge - hat nur ein einziges Bild dabei: ein
gewaltiger Oelschinken, der nicht mal durch die Eingangstuere des
Cafes
passt. Also schauen wir uns das Bild auf der Strasse an,
unter dem teilnehmenden Interesse der Passanten. Das Bild
stellt
ungefaehr das bildlich dar, was passiert, wenn man zum
ersten Mal einen pan-galaktischen Donnergurgler auf nuechternen
Magen
verpasst bekommt. Der Titel ist
'Was Gott empfunden hat, als ihm
klar wurde, dass alles eine Fehlinvestition war'.
Obwohl ich das
Ding grandios finde, muss ich die hoffnungsvolle Kuenstlerin leider
abweisen, erstens weil ein 4m hohes Bild
nicht in unsere
Institutsgaenge passt, zweitens weil sie bis jetzt nur dieses eine
Bild gemalt hat - und dafuer 7einhalb
Jahre gebraucht hat.
Der naechste Kuenstler schaut aus wie ein
sued-bolivianischer Versicherungsagent, der gerade seine
Urgrossmutter als
Hostess fuer die EXPO 2000 vermittelt hat. Er
hat ueberhaupt keine Bilder dabei, sondern einen Laptop, auf dem man
sich die
Scans seiner Bilder angucken kann. Die Verhandlungen
gestalten sich etwas schwierig, weil der Kuenstler nur
spanisch
beherrscht; dafuer spricht er doppelt so schnell. Die
Preise sind horrend. Als in seinem Katalog ploetzlich die Mona
Lisa
auftaucht, frage ich ihn harmlos, wann er denn dieses Bild
gemalt habe. Der Typ wechselt angestrengt den
erloschenen
Zigarrenstummel in den anderen Mundwinkel, starrt mit
zusammengekniffenen Augen etwas unsicher auf das Display
und
nuschelt, dass das moeglicherweise ein 'Amigo' von ihm gemalt
haette...
Vier Kuenstler weiter beschliesse ich, die Sache lieber selbst in die Hand zu nehmen.
Am naechsten Tag reisst jemand meine Tuer auf, obwohl
ich die Schilde hochgefahren habe. Natuerlich ist es der Chef.
Er
erkundigt sich nach dem Stand der Dinge in Sachen Mietkunst.
Ich sage, dass schon alles erledigt sei, und erlaeutere dem
Chef
die Exponate.
(Beginn paedagogisch wertvoller Einschub:
Den
meisten Leuten muss man Kunst erklaeren, sonst ist es keine Kunst!
Dank diesem merkwuerdigen Phaenomen ueberleben seit
5000 Jahren
Millionen von Kunstgeschichtlern, die sonst alle schon laengst bei
dem Versuch Historienschinken zum Abendessen
zu verspeisen
verhungert waeren. Dass ein echtes Kunstwerk von jedem Deppen, ja,
sogar von Akademikern sofort und ohne
Anleitung erkannt wird, ist
zwar eine Tatsache, wird aber seit Urzeiten mit akademischer
Gruendlichkeit hinweg diskutiert!
Ende paedagogisch wertvoller
Einschub.)
Im Eingangsbereich haengen 4 vergammelte
Bilderrahmen, die ich vom Troedler um die Ecke habe liefern lassen -
allerdings
ohne Bilder! Der Einfachheit halber - und weil ich
keinen Hammer finden konnte - haengen die Dinger an den Haken,
wo
frueher die Aschenbecher festgemacht waren. Durch die leeren
Rahmen sieht man die schmutzig-graugruenen Waende, die das
letzte
Mal kurz nach dem Bombenangriff 1944 gestrichen wurden.
Fingerabdruecke unzaehliger Studentengenerationen, Reste
von
Tesabaendern und undefinierbare braune Spritzer runden das
Ganze etwas ab.
"Dieses ausgewogene Ensemble aus vier LEEREN
Bilderrahmen", erklaere ich dem Chef,
"bildet die
zentrale, historische Allegorie auf unseren LEERstuhl. Der Betrachter
wird durch die contra-axial modifizierte
und gleichzeitig
vertikal-separierte Positionierung angeregt, seinen Kunstsinn - und
den damit untrennbar verbundenen
Humanismus fuer das Analytische
im Sinne Brunos - zu stimulieren und mit auto-suggestiven
Assoziationen ueber den Menschen
in der Dynamik des technische
Fortschritts zu erfuellen."
Der Chef ist sehr beeindruckt.
Vor dem Sekretariat steht Frau Bezelmann und blickt
uns grimmig entgegen. Ihre Mundwinkel sind
missbilligend
heruntergezogen und die Brillenglaeser funkeln
angriffslustig. Nero, der Rabe, sitzt auf ihrer Schulter und schaut
wie ein
bayerischer CSU-Politiker, der eine Delegation von Gruenen
empfangen muss.
Im Gang, genau gegenueber der Tuere zum Sekretariat,
haengt ein billiger Wechselrahmen fuer 15 Mark. Darin ist ein Bild
von
Nero zu sehen, das ich mal vor Jahren gemacht hatte, um meine
neue Snapshot-Kamera zu testen. Mit Hilfe von PhotoShop wurde
das
Bild invertiert und ein bisschen kuenstlerisch aufgewertet, so dass
es jetzt aussieht wie die misslungene
Roentgenaufnahme eines
flatternden Vogels, der gerade einen staehlernen Pfeil mitten in die
Brust bekommt.
"Dieses... Bild...", beginnt Frau Bezelmann
mit drohender Stimme, aber ich falle ihr hastig ins Wort:
"Diese
hervorragende digitale Komposition vereint in sich auf geniale Weise
die inherente Dynamik des promethischen
Geistes, der sich der
Erdenschwere entbunden zu den Hoehen der Wissenschaft aufschwingt,
mit dem philosophischen Wissen um
das ewige Scheitern des Menschen
im Faustischen Sinne Goethes. Man beachte den allegorischen
Lichtpunkt am Ende des
Tunnels...", ich deute auf einen
weissen Fleck, der wahrscheinlich auf einen Bitmap-Fehler
zurueckzufuehren ist,
"... der die unerschuetterliche
Zuversicht und Hoffnung auf eine Zukunft ausdrueckt, in der sich
technischer Fortschritt
und Humanismus in Harmonie vereinen."
Der Chef und der Kollege O., der sich inzwischen auch
eingefunden hat, lassen die Unterkiefer 'runterfallen. Frau
Bezelmann
bleibt voellig unbeeindruckt:
"Dieses... abscheuliche... graessliche...
Machwerk", zischt sie mit so eisiger Stimme, dass wir alle
spueren, wie die
Lufttemperatur schlagartig um drei Grad absinkt,
"ist bis heute Nachmittag verschwunden, oder ich garantiere
fuer gar nichts mehr! Bis dahin bleibt das Sekretariat
geschlossen!!"
Die Tuere zum Sekretariat knallt zu, und wir hoeren, wie der
Schluessel zweimal herumgedreht wird.
"Na... aehm... naja...", meint der Chef,
"...hrrrrm... vielleicht... aeh... haengen Sie das... hm...
Bild irgendwoanders... aeh... auf...?"
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Blabber Threshold
Das Telefon klingelt und tatsaechlich: eine
Benutzerin ist dran; und weil wir das schon Monate nicht mehr hatten,
und weil
ich gerade mit dem dritten DVD-Porno durch bin, und weil
mir deshalb sowieso langweilig ist, und weil ich noch
mindestens
fuenfzehn Minuten warten muss, bis einer der
Koffein-Suechtigen im PC-Labor es einfach nicht mehr aushaelt und
endlich
neuen Kaffee macht, und weil es ja manchmal sogar ganz
witzig sein kann, was so eine Benutzerin daherfaselt, haenge
ich
nicht gleich wieder auf, sage auch nicht, dass diese Nummer
seit Neuestem der Lohnbuchhaltung gehoere, sondern frage
ganz
freundlich, was denn los sei. Punkt.
(Ein schoener erster Satz, hah? Genau 100 Woerter!
Thomas Mann hat in irgendeinem seiner Waelzer ('Der Sepp und
sei
G'schwerl') mal mit einem Satz begonnen, der 128 Woerter lang
war; wahrscheinlich um dem Leser unmissverstaendlich und von
vorne
herein klarzumachen, auf was er sich da eingelassen hat! Ich dagegen
mache so etwas nur, um ein gewisses
statistisches Defizit an
Punkten im Text zu erzeugen. Der Leser lechzt dann nach ein paar
hundert Woertern dermassen nach
einem Punkt, dass das
schliessliche und ewig hinausgezoegerte Auftauchen desselben wie ein
Mini-Orgasmus der Erleichterung
wirkt... Bleibt noch anzumerken,
dass 128 witzigerweise genau die Anzahl der moeglichen Zeichen im
7-Bit-ASCII-Zeichensatz
darstellt, mit denen Thomas Mann aber noch
gar nichts anfangen konnte, weil es damals ja gluecklicherweise noch
keine
Windoofs-Rechner gab. Rechnet man die 128 Zeichen allerdings
um in Standard-Schreibmaschinen-Aequivalente und multipliziert
das
Ganze mit der Kreiszahl Pi, kommt man auf die Zahl 14, was wiederum
genau der Menge an Schreibmaschinen entspricht, die
Thomas Mann im
Laufe seiner kuenstlerischen Laufbahn verheizt hat! Aus alldem
koennte ich jetzt die unglaublichsten
Schlussfolgerungen ziehen
und auf allen moeglichen Talkshows darueber quatschen, aber
letztendlich endet natuerlich alles
wieder bei der Antwort 42,
binaer 101010, der Telefonnummer von Herrn Markus Mann in Osnabrueck,
der nicht mit Thomas Mann
verwandt ist und merkwuerdigerweise bis
dato auch nicht mal den 'Anhalter' gelesen hat...)
"Ich habe Probleme mit meinem Office-Programm...", sagt die weibliche Stimme zoegernd.
"Na! Wer hat das nicht heutzutage?"
antworte ich aufmunternd.
"Wo hakt's denn?"
"Ja... also: immer wenn ich ein Dokument mit mehr als 9 Seiten abspeichern will, stuerzt mein Rechner ab..."
"Ah, ja", sage ich und klicke schnell in
den Ausreden-Server (www.cae.wisc.edu/cgi-bin/ballard/bofhserver.pl).
"Das... aeh... ist kein Fehler sondern ein Feature!"
"Wie bitte?"
"Tja, ich habe eben bemerkt, dass die meisten Mitarbeiter ab einer bestimmten Seitenzahl nur noch dummes Zeug labern..."
"Haeh?!"
"...und deshalb hat jeder Benutzer seit neuestem
in seinem Profil eine sogenannte 'blabber threshold', zu
deutsch
Quasselschwelle, die verhindert, dass wertvoller
Speicherplatz fuer redundanten Quatsch vergeudet wird."
"Aber..."
"Und bei Ihnen... Moment...", ich druecke
ein paar Male auf die Leertaste,
"... ist die 'blabber
threshold' zur Zeit gerade bei 9 pages. Stimmt also genau",
schliesse ich gut gelaunt.
"Ich..."
"Sie wollen jetzt sicher wissen, wie sich die Schwelle berechnet, nicht wahr?"
"Also... aeh..."
"Ganz einfach: ein hochwissenschaftlicher
Algorithmus komprimiert jede Nacht alle Ihre Text-Dokumente und misst
den Grad
der Kompression im Vergleich zum Originaltext. Koennen
Sie mir noch folgen?"
"Eigentlich wollte ich..."
"Gut! Je groesser die Kompression ist, desto
redundanter ist natuerlich auch der Inhalt. Ganz klar: stellen Sie
sich nur
eine Datei vor, in der nur Nullen stehen; die kann man
auf 4 Byte komprimieren, egal wie lang sie vorher war.
Interessant,
nicht wahr?"
"Schon... aeh... aber..."
"Jetzt schneidet man hinten immer eine Seite ab
und wiederholt das Ganze. Den Kompressionsgrad traegt man ueber
der
Seitenzahl auf und stellt fest, dass er irgendwann ganz
ploetzlich absinkt. Das ist dann das sogenannte 'creative edge'.
Das
heisst, bis zu dieser Seite hat der Autor tatsaechlich was zu sagen
gehabt, und danach kommt nur noch BSD. BSD steht
uebrigens fuer
'bull shit data'. Jetzt muss man nur noch den minimalen 'creative
edge' ueber alle Texte eines Benutzers
bestimmen und schon hat man
die 'blabber threshold'. Klar?"
"Aeh... ja. Wenn ich jetzt aber..."
"Uebrigens", sage ich beilaeufig,
"habe
ich gerade gemerkt, dass der Algorithmus leider das Abschneiden
letzte Nacht etwas zu woertlich genommen hat..."
Schweigen.
Ich zaehle lautlos: eins... zwei...
drei... vier... fuenf...
"WAS!!!?"
"Ja... aeh... so was kommt vor", sage ich
bedauernd,
"das bringt der... aeh... rasante Fortschritt
eben mit sich. Aber machen Sie sich keine Sorgen... aehm...",
ich blaettere
kurz in meiner populaeren 'Sammlung praktischer
Luegen fuer den SysOp',
"...wir haben ja Backup!"
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Off the Wall
Ich bin wieder mal knapp bei Kasse. Die neue
Fliegerjacke und dann das Abendessen mit der kleinen Datentypistin
aus der
Uni-Buchhaltung. Naja, man hat halt so seine taeglichen
Ausgaben... Deshalb stelle ich gleich in der Frueh meinem
treuen
Finanz-Pseudonym, Dr. Holger Fangutterer, mit Hilfe von
PhotoShop eine Rechnung ueber diverse
Consulting-Dienstleistungen
aus, lasse mir das Ganze von Frau
Bezelmann ins SCHWAFEL-Projekt einbuchen und gehe mit dem Scheck
hinueber zu meiner Bank,
wo ich ein Konto unter dem Namen
Fangutterer fuehre.
Frau Bezelmann hat natuerlich wieder mal die
Gelegenheit beim Schopfe ergriffen und mir eine ihrer
beruehmten
Moralpredigten verpasst. Da ich nun mal ihre
Unterschrift unter der Buchung brauche, kann ich in so einem Falle
nichts
anderes tun als dazustehen, zu laecheln und mir
gleichzeitig auszumalen, was ich in einer Stunde mit
ihrer
Sozialversicherungsnummer anstellen werde.
Ich sei immer so weltfremd, giftet sie und funkelt
mich mit ihren blitzenden Brillenglaesern an. So weltfremd, dass man
mir
den Buerosessel unterm Hintern wegstehlen koenne, und ich
wuerde nix davon mitkriegen und in der Luft sitzen bleiben und
weiter
in den Bildschirm glotzen.
Laecherlich! Schliesslich stehe ich fest wie ein Fels
in der Brandung im taeglichen Chaos des LEERstuhls. Ich werde
doch
bitteschoen weitaus mehr von meiner Umwelt mitbekommen, als
Frau Bezelmann mit ihren 6 Dioptrin! Auf beiden Augen! Also,
bitte!
Auf dem Weg zur Bank mit dem knisternden Scheck in
der Hand philosophiere ich zufrieden darueber, was fuer
phantastische
Moeglichkeiten doch die moderne Computertechnik im
speziellen und der bargeldlose Zahlungsverkehr im allgemeinen zu
bieten
haben. Mit halbem Ohr registriere ich aus mehreren
Richtungen Sirenengeheul; wahrscheinlich hat wieder ein
frustrierter
Jura-Student, der zum dritten Mal durchs Examen
gefallen, den Kopierer im juristischen Seminar angezuendet.
Weltfremd! Hah! Frau Bezelmann wird sich noch
wundern, wenn sie das naechste Mal email lesen will! Ich greife
gerade nach
dem Tuergriff, da wird die Glastuere der Bankfiliale
von innen heftig aufgestossen und ein Typ, der anscheinend noch
nicht
mitbekommen hat, dass der Fasching schon laengst vorbei ist,
und dass seit Jahren in Bayern das weltberuehmte
Vermummungsverbot
besteht, rennt voll in mich hinein. Die Maske, die er sich
uebergestuelpt hat, stellt sinnigerweise eines
von den drei
kleinen Schweinchen dar. Ich kann mich gerade noch an der Tuere
festhalten und aeussere ein paar wohlgesetzte
Vergleiche zwischen
dem Kerl und ausgewaehlten Teilen schweinischer Anatomie, waehrend
der ungezogene Rempler mit der
albernen Maske um sein
Gleichgewicht rudert und sich dann doch unsanft auf den eigenen
Hosenboden setzt. Das Sirenengeheul
ist inzwischen naehergekommen;
vermutlich doch kein Brand im Seminar, sondern wiedermal ein Rentner,
der auf der
Ludwigstrasse von einem Betonmischer ueberrollt worden
ist.
"Na, und? Was sagt man in so einem Falle?"
frage ich ungnaedig und entferne sorgfaeltig ein Staeubchen von
meiner neuen
Fliegerjacke.
Aber der Typ denkt gar nicht daran, sich zu
entschuldigen; hab' ich eigentlich auch nicht erwartet. Statt dessen
rappelt er
sich auf, als ob der Asphalt brennen wuerde, blickt
wild um sich, bruellt "Scheisse!" und schleudert mir eine
ziemlich
massive Kugel direkt vor die Brust.
Ich hatte schon immer gute Reflexe; die braucht man
einfach, wenn man dauernd den richtigen Zeitpunkt zum Unterbrechen
von
suid-Skripten abpassen muss. Deshalb fange ich instinktiv die
Kugel mit der rechten Hand auf, bevor sie mir vielleicht noch
einen
Flecken auf die neue Fliegerjacke macht. Waehrend ich noch das
schwere geriffelte Metallding mit dem komischen
Aufhaenger dran
betrachte und ueberlege, dass ich so was doch schon irgendwo mal
gesehen habe, hechtet der Karnevals-Freak
in die naechste
Toreinfahrt und ist futsch. Ich gucke vorsichtig durch die Glastuere,
ob da vielleicht noch ein boeser Wolf
hinterherkommt, aber da drin
ruehrt sich gar nix, wenn man davon absieht, dass ein Haufen Leute
auf dem Boden liegen und
anscheinend nach einer Kontaktlinse
suchen, die ein Kunde gerade verloren hat.
Zwei Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene
schleudern ploetzlich um die Ecke und bleiben mit quietschenden
Reifen vor dem
Cafe schraeg gegenueber stehen. Wahrscheinlich 'ne
Schlaegerei unter den Gaesten, denke ich achselzuckend. Geht mich ja
nix
an. Ich ziehe die Tuere zur Bank auf und gehe hinein, um die
komische Kugel abzugeben und endlich meinen Scheck zu cashen.
Die
Leute hatten anscheinend gerade die Kontaktlinse gefunden und waren
am aufstehen, aber in dem Moment wo ich
hereinkomme, muss irgend
jemand das bloede Ding wieder fallengelassen haben, und alle tauchen
wieder auf den Boden ab.
Meine Lieblingsberaterin, die kleine
Blonde mit den hohen silbernen Stilettos und den Augenwimpern, die
man klappern hoeren
kann, wenn man genau hinhoert, steht wie
ueblich hinter ihrem Schalter. Aber heute morgen scheint irgend etwas
mit ihrem
Make-up schiefgegangen zu sein. Kalkweiss wie die Wand,
das arme Maedchen. Wahrscheinlich total verkatert. Ich lege die
Kugel
auf die Theke, aber bevor ich noch etwas Troestendes ueber ihren
Zustand sagen kann, kreischt sie so hysterisch los,
wie wenn 2000
weisse Ratten auf einmal den Raum ueberschwemmen wuerden. Erschrocken
mache ich einen Schritt nach hinten und
stolpere ueber einen der
Kunden, die immer noch nach der Kontaktlinse suchen. Als ich mich
entschuldigen will, sehe ich,
dass der Kerl voellig weggetreten
ist. Total verdrehte Pupillen. Armer Teufel. Einfach den
morgendlichen Joint etwas
ueberdimensioniert. Kann jedem mal
passieren. Ich tue so, als ob ich nichts bemerkt haette, um den armen
Typen nicht noch
mehr in Schwierigkeiten zu bringen. Vielleicht
wacht er ja rechtzeitig wieder auf, bevor die anderen die Linse
gefunden
haben. Allerdings kreischt meine Beraterin immer noch,
was das Zeug haelt, und als ich mich ratlos an den
Filialleiter
wenden will, hechtet der ploetzlich mit einem
olympiareifen Satz aus seinem Sessel durch die meterhohen
Topfpflanzen ausser
Sichtweite. Irgendwie sind die alle heute
etwas weggetreten, denke ich und beschliesse, spaeter nochmals
vorbeizukommen,
wenn die Leute ihre erste Kaffeepause hinter sich
haben.
Und da sagt Frau Bezelmann ICH waere weltfremd! Hah! Die sollte sich mal hier umschauen! Das reinste Irrenhaus!
Draussen vor der Bank merke ich, dass ich immer noch
die bloede Eisenkugel in der Hand halte. Zwei etwas
korpulente
Polizisten, die auch gerade in die Bank wollten,
glotzen mich einen Moment lang an, als ob ich die Freiheitsstatue
waere;
dann hechten sie sich hinter die Recycling-Container, die
an der Ecke stehen. Irgendwo die Strasse weiter unten quaekt
ein
Autolautsprecher mit irrer Lautstaerke voellig
unverstaendliches Zeug; bestimmt wieder der bloede Blutspendedienst
vom
Roten Kreuz, wo man sich, wenn man lebensmuede ist, freiwillig
von modernen Vampiren leer saugen lassen kann, die dann
deinen
Lebensstoff fuer teures Geld verscherbeln und damit auf den Malediven
Urlaub machen.
Alle total bekloppt heute, denke ich kopfschuettelnd.
Aber die Recycling-Container bringen mich wenigstens auf eine
gute
Idee. Ich gehe rasch hinueber und lasse unauffaellig die
Metall-Kugel in die Blechsammeltonne fallen. Jetzt bin ich das
Ding
wenigstens los. Der Typ mit der Schweinsmaske sah sowieso nicht so
aus, als ob er noch sehr viel Wert darauf legen
wuerde. Erledigt.
Sauber entsorgt.
Und da behauptet Frau Bezelmann, ich waere weltfremd!
Hinter den Containern hoere ich die beiden Polizisten
miteinander fluestern. Wer weiss, was die da wieder fuer
Schweinszeug
veranstalten. Bloss nicht drum kuemmern; das bringt
nur Aerger!
Ich bin kaum ueber die Strasse, da scheppert es
hinter mir, als ob ein CocaCola-Laster umgefallen waere. Autounfall.
Schon
wieder! Als erfahrener City-Bewohner laesst mich so was
voellig kalt. Bloss schnell weg, bevor sie einen am Ende noch
fuer
irgendwelche Zeugenaussagen zum Polizeirevier abschleppen.
Ich schluepfe rasch in die Sicherheit des Institutsgebaeudes und
in
den wartenden Fahrstuhl. Gerettet.
Spaeter am Nachmittag sitze ich im 'Cafe zum faulen Studenten' und blaettere durch die druckfrische Abendzeitung.
"Brutaler Bankueberfall mit Handgranate!"
steht fett auf der Titelseite. Klar, passiert hier ja sowieso jeden
Tag. Kaeme
mir ja schon komisch vor, wenn mal ein Tag vorbeiginge,
ohne dass so ein Wahnsinniger fuer eine Handvoll Maeuse sein
Leben
riskieren wuerde. Muss irgendwie die selbe Sorte Leute sein,
die immer dann, wenn ich dringend wo hin muss, hartnaeckig
versucht,
vor die U-Bahn zu springen.
Ich gucke mir das Taeterphoto an, das wie ueblich
total verwackelt ist. Warum zum Teufel verwenden die Banken
keine
hochaufloesenden CCD-Kameras? Der Bankraeuber schien
ueberhaupt keine Sorge zu haben, dass er vielleicht
wiedererkannt
werden koennte: keinen Strumpf ueber dem Kopf, nicht
mal eine dunkle Sonnenbrille. In der linken Hand haelt er
tatsaechlich
so etwas, was mit viel Phantasie als Handgranate
durchgehen koennte. Aber wahrscheinlich haben nur die Zeugen in
ihrer
Panik alles Moegliche in ihre Aussagen hinein phantasiert.
Hah! Mir wuerde das nicht passieren! Schliesslich
habe ich meine Umgebung immer voll unter Kontrolle, auch
in
Stresssituationen. Voller Durchblick! Von wegen weltfremd!
Ich ueberlege einen Moment lang, was mir an dem Bild
so bekannt vorkommt. Aber es faellt mir nicht ein und ich
blaettere
weiter nach hinten zu den Funny Pages.
Inscription
VORBEMERKUNG
Die folgende Episode aus dem Leben
des Herrn Leisch ist tatsaechlich von so hohem praktischen Nutzen
fuer alle
Uni-Angehoerigen, dass eine unentgeltliche Verbreitung
ueber das Internet nicht mehr zu verantworten ist. Wir fordern
daher
alle Leser, die direkten oder indirekten persoenlichen und
quantifizierbaren Nutzen aus der Lektuere der folgenden Seiten
zu
ziehen in der Lage sind, auf, 37.5% des erzielten pekuniaeren
('penny-caren') Vorteils auf das Konto des Autors zu
ueberweisen.
Danke.
Das Semester faengt bald wieder an, und diese Woche
ist Einschreibung fuer unsere Seminare. Alle Welt redet von
der
Studentenschwemme! Wir tun etwas dagegen!
Schon frueh am morgen (!) postiere ich mich
unauffaellig in der Naehe des Sekretariats im Gang, mache
ein
vertrauenerweckendes Gesicht (!) und tue so, als wuerde ich
nur rein zufaellig hier mit Marianne herumalbern (!). In
Wirklichkeit
warten wir nur darauf, dass die verwirrt umherirrenden Erstsemester
uns danach fragen, wo man sich denn hier
einschreiben koenne. Dann
versichern wir hilfsbereit, dass sie hier ganz total falsch seien und
schicken sie hinueber ins
geisteswissenschaftliche Seminar der
Nachbar-Universitaet. Mit etwas Glueck bleiben sie dort in
irgendeinem philosophischen
Proseminar kleben und verschonen
unsere Grundkurse mit ihrer Anwesenheit.
Natuerlich geht es nicht immer so glatt ab:
Studentin: "Entschuldigen Sie, koennen Sie mir
bitte sagen, wo man sich hier fuer die
'Einfuehrungsvorlesung
Subraum-Quanten-Transformation'
einschreiben kann?"
Ich: "Hmm! Ich FUeRCHTE, da sind Sie hier ganz
falsch. Ich GLAUBE mich erinnern zu koennen, dass die Einschreibung
dazu
immer im Gebaeude der evangelischen Theologie stattfand. War
das nicht so, Marianne?"
Marianne bestaetigt, dass auch sie GLAUBT, dass die Einschreibung irgendwo dort stattfindet.
Die Studentin laesst nicht locker: "Aber hier im kommentierten Vorlesungsverzeichnis der Fachschaft steht doch..."
Ich: "Ah-oh! Fachschaft! Da wuerde ich mich aber
nicht drauf verlassen, was in so einem linksradikalen
Studentenpamphlet
drin steht! Wissen Sie nicht, dass der AStA und
die meisten Fachschaften immer noch vom bayerischen
Verfassungsschutz
ueberwacht werden?"
Die Studentin zieht einschuechtert ab, und Marianne
macht einen weiteren Strich auf ihrer Erfolgsliste. Das mit dem
AStA
stimmt sogar. Schliesslich gibt es fast nix, was nicht von
bayerischen Verfassungsschutz ueberwacht wird - mit
Ausnahme
vielleicht der CSU und der katholischen Kirche.
(Bei der Gelegenheit moechte ich es nicht versaeumen,
unsere fleissigen bayerischen Text-Schnueffler aufs Herzlichste
in
unserer Mitte zu begruessen! Der Einfachheit halber habe ich
sie naemlich gleich mit auf die Bastard-Mailing-Liste gesetzt;
dann
muessen sie sich die Bastard-Folgen nicht mehr muehsam aus dem Netz
fischen. Wenigstens koennt ihr bei mir mal was
anderes lesen als
todlangweilige marxistische Pamphlete, was? Also, dann macht mal
immer weiter so, Jungs! Und immer schoen
aufpassen, dass euch auch
keine freche Bemerkung ueber unsere heilige staatstragende Partei
entgeht, gell?)
Fast genauso wichtig wie das physikalische Abblocken
der Erstsemester ist natuerlich die richtig
formulierte
Vorlesungsankuendigung. Keinesfalls sollte man als
Dozent einen Titel auswaehlen, aus dem man erkennen kann, was da
gelehrt
werden soll. So was ist toedlich! Studenten besuchen
bekanntlich am liebsten Vorlesungen und Seminare ueber
altbekannte
Themen, die sie schon in der Grundschule kapiert
haben.
Aus meiner Erfahrung haben sich am besten Titel
bewaehrt, die erstens unverstaendlich sind, und zweitens nach
Mathematik
riechen. Allein mit der Mathematik hat man schon 96%
aller Studenten in der Tasche. Es genuegt voellig, ein oder zwei
der
folgenden Schluesselwoerter mit einzubauen: 'Quanten',
'Relativitaet', 'Stochastik', 'Differential', 'Tensor',
'Matrix'.
Kein einigermassen geistig gesunder Student schreibt
sich fuer ein Proseminar ein, das sich
'Quantendifferentielle
Relationsdynamik von stochastisch
transformierten Matrix-Tensor-Beziehungen' nennt. Mit den paar
Verrueckten, die es
dennoch tun, hat man dann spaeter ein leichtes
Spiel...
Die verbleibende Restmenge, den harten Kern
sozusagen, kann man unter Umstaenden auch noch abwimmeln, indem man
die
Ankuendigung von Ort und Zeit der Veranstaltung in Form einer
Schnitzeljagd mit offenem Ausgang gestaltet. Da gibt es
verschiedene
altbewaehrte Formulierungen.
Zum Beispiel der Klassiker:
'Ort und Zeit nach
Vereinbarung'
oder die Alles-ist-moeglich-Variante:
'Die
Veranstaltung wird als kombinierte Arbeitsgruppe oder Blockseminar zu
Beginn/am Ende des Winter-/Sommersemesters
abgehalten'
oder die rekursive Variante fuer die Mathematiker:
'Ort und Zeit des Seminars sind zentrale Inhalte des Seminars'
oder die Formulierung fuer theologische Seminare:
'Gott allein weiss, wann wir uns treffen werden'
Besonders oft bei den Politologen ist anzutreffen:
'Ueber Ort und Zeit der Veranstaltung wird demokratisch
entschieden'
Auf diese Weise kann man mit ein bisschen Einsatz zum
Semesterbeginn die Belegung seines Seminars locker um
40-60%
druecken. Das ist ein lebenswichtiger Tip, Leute!
Aufschreiben!
Das KuMi (Kultusministerium) versucht spassigerweise
seit letztem Jahr das gleiche durch die Einfuehrung von
horrenden
Studiengebuehren zu erreichen. Laecherlich! Die sollten
sich erstmal bei mir erkundigen! (Andererseits haben
die
Studiengebuehren natuerlich auch wieder was fuer sich; manche
Studenten zahlen ja tatsaechlich was; wo das wohl
wieder
hinfliesst...)
Es gibt natuerlich noch andere Praktiken; zum
Beispiel die 'First Hour Shock'-Methode. Der Dozent erzaehlt in der
ersten
Stunde ausfuehrlich, wie unglaublich schwer der Stoff sei,
dass noch niemals seit dem Bestehen dieser Universitaet jemand
eine
bessere Abschlussnote als vier minus geschafft habe und dass man es
mit so einem exotischen Studienabschluss
bestenfalls bis zum
Hilfsschlauchtraeger bei der staedtischen Kanalreinigung bringen
koenne.
Wenn man gut drauf ist (und ein entsprechendes
Parteibuch aufzuweisen hat, das vor den Konsequenzen schuetzt), kann
man
noch ein paar kernige Saetze a la 'Frauen hinter den Herd'
etc. von sich geben. Obwohl diese Technik immer noch besonders
bei
den aelteren Professoren sehr beliebt ist, halte ich sie doch fuer
etwas umstaendlich: schliesslich sind die Studenten
ja dann schon
eingeschrieben und es ist gar nicht so leicht zu erklaeren, wieso
nach drei Wochen ueber 80% wieder
abspringen. Meine Methode
dagegen bekaempft - aehnlich wie die Studiengebuehren - das Problem
an der Wurzel.
Am dritten Tag hat sich wohl herumgesprochen, dass in
diesem Gebaeude ueberhaupt gar keine Einschreibung moeglich ist,
und
der Zustrom der Erstsemester flaut allmaehlich ab. Dadurch
habe ich Zeit, Frau Bezelmann ein wenig bei der Arbeit zu
beobachten.
Gerade telefoniert sie mit dem Kollegen Rinzling,
unserem Muster-Monster-Hypochonder:
"..."
"Was?
Entzuendeter Blinddarm?! Aber den hatten Sie doch erst letztes Jahr!
Haben Sie etwa zwei Blinddaermer... aeh...
Blinddarme... aeh...
wie sagt man das eigentlich? Blindgedaerme?"
"..."
"Ach so! Ein Geschwuer am Hintern!"
(prust)
"...
ja, ich hatte Sie nur falsch verstanden..."
(prustgacker)
"..."
(prust)
"... ja, das kann ich mir
vorstellen, dass das unangenehm ist... na, dann erstmal gute
Besserung!"
(klack-prustgackerkreisch...)
Das Telefon klingelt sofort wieder.
"InstitutfuerBlablablarabbarberBezelmann?"
"..."
"Sie wollen sich einschreiben... soso... welches Fach denn?
'Elektrotechnik'. Soso... hmm... das Fach gibt es bei uns ja
gar
nicht..."
"???" "Natuerlich bin ich sicher!
Ich habe doch das Vorlesungsverzeichnis vor mir liegen!"
"..."
"Tut mir leid! 'Elektrotechnik' gibt's hier nicht! Kann
Ihnen da nicht weiterhelfen.!"
(klack)
Und damit hat sie sogar recht: Im
Vorlesungsverzeichnis steht wortwoertlich 'Elektrotechnik und
Informationstechnik'. Kann
sie was dafuer, wenn die Studenten
nicht mal lesen koennen?
(Ausserdem zahle ich fuer jeden
abgewimmelten Erstsemester eine Praemie von 20DM aus dem Etat des
Schwafel-Projekts.)
Waehrend ich noch fasziniert zuhoere und deshalb
nicht aufpasse, gelingt es tatsaechlich einem Studenten, sich an
mir
vorbei ins Sekretariat zu schlaengeln.
"Aeh... guten Tag... aehem..."
Frau
Bezelmann wirft zuerst mir einen missbilligenden Blick zu, dann
fixiert sie durch ihre blitzenden Brillenglaeser das
Milchbueblein.
Wer schon mal von Frau Bezelmann so richtig ins Korn genommen wurde,
versteht, wieso der Student ploetzlich
um 12 Zentimeter
einschrumpft, akute Artikulationsstoerungen bekommt und sich
hilfesuchend an seinem Studienbuch
festklammert.
"Sie wuenschen?" fragt Frau Bezelmann mit so eisiger Stimme, dass es mir noch auf dem Gang in den Zaehnen zieht.
"Ja... aeh... ich woll... aehm... ich wuerde
mich gerne... aeh... gerne einschreiben fuer... fuer den... aehm...
fuer den
Compilerbau..."
Auf dem Gang mache ich verzweifelt das
'Cut-your-throat'-Zeichen. 'Tensor-Orientierter Compilerbau' ist
eines meiner
Seminare, die ich immer wieder erfolgreich
ankuendige, ohne dass sich mehr als zwei Studenten einschreiben.
Dieses Jahr
haben sich aber trotz aller Vorsichtsmassnahmen schon
zwei eingeschrieben, und ab drei Studenten muss die
Veranstaltung
stattfinden. Ich strecke dreimal alle zehn Finger in
die Hoehe, um Frau Bezelmann zu bedeuten, dass ich die Praemie
in
diesem besonderen Falle auf 30DM erhoehe.
"'Tensor-Orientierter Compilerbau' heisst das!"
bemerkt Frau Bezelmann streng, und der Rabe Nero kraechzt
missbilligend in
seinem goldenen Kaefig.
Der Student schluckt verunsichert: "Aeh ja... natuerlich... 'Tensor... aeh... Dings..."
"'Tensor-Orientierter Compilerbau'"
wiederholt Frau Bezelmann bissig.
"Wie wollen Sie denn die
Vorlesung verstehen, wenn Sie nicht mal den Titel aussprechen
koennen?"
Dem Studenten bricht der Schweiss aus saemtlichen
Poren. Auf seinem Studienbuch erscheinen schon dunkle Flecken. Aber
er
reisst sich zusammen:
"Ich wollte mich ja erstmal nur einschreiben..."
Frau Bezelmann nickt finster.
"Erfuellen Sie
denn ueberhaupt alle Voraussetzungen? Vordiplom abgelegt?
Programmierpraktikum? Industriepraktikum?..."
Der Student nickt eifrig und blaettert heftig mit seinen schweissnassen Studienbuch.
"... Pentium III mit 450 Mhz und mindestens 256 MB RAM?"
Der Student zuckt zusammen.
"Aeh... was?"
fragt er verwirrt und laesst vor Aufregung das Studienbuch fallen.
"Haben Sie etwa keinen Pentium III?!" bohrt Frau Bezelmann sofort nach.
"Aeh... nein..."
"Tja, dann tut's mir sehr leid" sagt Frau
Bezelmann genuesslich,
"aber infolge der letzten
Haushaltskuerzungen kann die Universitaet keine Rechnerausstattung
fuer die fortgeschrittenen
Kurse mehr anbieten. Daher duerfen nur
noch Studenten teilnehmen, die selbst ueber die notwendige Hardware
verfuegen!"
Damit ist fuer Frau Bezelmann das Gespraech beendet
und sie wendet sich wieder ihrer 28.000-Mark-Workstation
mit
22-Zoll-Schirm, Scanner und Farblaserdrucker zu.
Dem Student bleibt nichts anderes uebrig, als
unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Ich troeste ihn mit dem Tip,
es doch
mal drueben bei den evangelischen Theologen zu probieren.
Die haetten keine so hohen Hardware-Voraussetzungen...
Beer Garden
Es ist Fruehling, es herrscht grauenhaft schoenes
Wetter, die Hausmeister zwitschern in den Zweigen und die Amseln
duengen
den Rasen vor der Uni-Bibliothek...
Quatsch!
Natuerlich umgekehrt! Da sieht man's mal wieder:
ich bin schon
total durchgedreht! Alles redet von neuer Energie und
Fruehlingserwachen, aber ich bekomme von der hellen
Sonne
Kopfschmerzen und durch das offene Fenster wehen riesige gelbe
Pollennebel des Grauens herein!
Ich beschliesse, allem zum Trotz schlechte Laune zu
haben, lasse die Jalousien ganz herunter und vergrabe mich
hinter
meinen drei Workstations. Jetzt erst recht! Mal sehen, wer
den laengeren Atem hat:
der Fruehling oder ich!
Es klopft, und trotz hochgefahrener Schutzschilde
streckt der Kollege O. seinen grinsenden Schaedel in
mein
Allerheiligstes. Er sieht wieder mal geradezu ekelhaft gut
erholt aus; wahrscheinlich war er gestern wieder im
Fitness-Club,
und seine Co-Masochisten haben ihn zum Spass fuer fuenf Stunden auf
eine Sonnenbank geschnallt.
Bevor er den Mund aufmachen kann, knurre ich:
"Wie
siehst DU denn aus! Leidest du seit neuestem unter Bluthochdruck?"
"Aeh... wieso?"
"Weil du einem Puter in Angriffsstellung mehr aehnelst als einem Exemplar der Spezies homo sapiens erectus studiosus!"
"Ich war uebers Wochenende beim Skifahren", erklaert der Kollege O. beleidigt, "auf dem Gletscher."
"Und?"
"Was: und?"
"Was gebrochen?"
"Natuerlich nicht!"
"Schade..."
Ich klicke grimmig in meine linke Workstation. Der
Kollege O. scharrt verlegen mit seinen zu grossen Fuessen.
"Aeh...
wir wollten eigentlich zum Mittagessen in den Biergarten..."
Ich gebe einen unbestimmten Laut von mir und lasse
meine mittlere Workstation stoehnen:
"Jah...uhh...jaaahhh!"
"Willst du nicht mitkommen?"
Ich werfe ihm einen Blick zu, als haette er
vorgeschlagen, zum Lunch einem Studenten bei lebendigem Leibe das
Grosshirn
auszuloeffeln. Draussen auf dem Gang schreit Marianne
ungeduldig, warum wir denn nicht kommen.
"Moment noch!" schreit der Kollege O. zurueck.
"Kommt Frau Bezelmann auch mit?" frage ich ungnaedig.
"Aeh... ja, ich denke schon..."
"Bringt sie ihren Raben mit?"
"Nero? Ich weiss nicht... vielleicht..."
Ich seufze und wende mich wieder der linken Workstation zu.
"Das letzte Mal im Biergarten hat der Killerrabe
eine Bedienung attackiert und anschliessend dem hinzugezogenen
Polizisten
auf die Dienstmuetze gekackt. Wir mussten alle ein
Bussgeld wegen Missachtung von Hoheitsabzeichen zahlen..."
Der Kollege O. verdreht die Augen zur Decke.
"Gott!
Das ist doch schon Jahre her!"
Ich verziehe schmerzhaft das Gesicht.
"Bitte
nicht dieses Wort!"
"Haeh?"
"Vergiss es. Ich komme nicht mit."
"Aber warum...?"
"Ganz einfach", sage ich und zaehle mit den Fingern mit.
"Erstens ist die Sonne draussen zu hell,
zweitens bin ich allergisch gegen Kastanien-Pollen, drittens kommt
der Monsterrabe
mit, viertens ist es zu warm in der Sonne und zu
kalt im Schatten, fuenftens kostet das Bier im Biergarten das
dreifache
vom Normalen, weil alle Japaner dort unbedingt eine Mass
kaufen muessen, sechstens mag ich keine Japaner, jedenfalls
nicht,
wenn sie im Biergarten um mich herumsitzen und versuchen,
mich beim Saufen zu photographieren, siebtens gibt es beim
Biergarten
keinen Parkplatz, achtens kann man sich auf Bierbaenken nicht
anlehnen, neuntens mag ich sowieso kein Bier und
zehntens habe ich
schlechte Laune und moechte sie gerne noch weiter behalten, damit ich
diese Vordiplomspruefung
vernuenftig hinbekomme."
Der Kollege O. starrt mich mit offenem Munde an.
Marianne streckt den Kopf zur Tuere herein:
"Was ist denn
jetzt: kommt ihr oder nicht?"
"Und elftens", fahre ich genuesslich fort,
"hasse ich es, wenn ich zum Essen getrieben werde, wenn ich
gerade erst
gefruehstueckt habe."
"Wenn du nicht erst um halb zwoelf ins Buero kommen wuerdest, haettest du damit keine Probleme", giftet Marianne.
Ich fuehle, wie ich allmaehlich in Schwung komme; sogar das Kopfweh laesst etwas nach.
"Wenn ich dagegen frueher komme, heisst es
wieder, ich wuerde nur so frueh da sein, damit ich noch die User-Mail
lesen
koenne, bevor die Mitarbeiter sie vom Server herunterladen."
Marianne bekommt einen dunkelroten Kopf.
"Wenn
ich dich einmal erwische, dass du in meiner email schnueffelst,
haenge ich dich an den Eiern auf!"
"ICH behaupte ja nicht, dass ich so etwas
Verwerfliches tue!" kontere ich beleidigt.
"DU hast das
letzte Woche beim Kaffeetrinken in der Bibliothek gesagt!"
Marianne schnappt nach Luft.
"Moment Mal",
mischt sich der Kollege O. verwirrt ein, "da war Leisch doch gar
nicht dabei..."
Anfaenger! Hat wohl noch nie was von eingebauten
Mikrophonen in vernetzten Workstations gehoert. Manchmal frage ich
mich,
was der Kollege O. in all den Jahren ueberhaupt gelernt hat!
"Wenn ich den erwische, der da wieder getratscht hat", schaeumt Marianne, "dem... der..."
Eigentlich mag ich es, wenn Marianne sich erregt. Ich
fuehle, wie sich langsam Wohlbehangen in meinem
Eingeweiden
ausbreitet. Fast haette ich jetzt sogar Lust mit in
den Biergarten zu gehen...
Frau Bezelmann kommt mit der Haltung eines
Brigadegenerals in mein Buero marschiert; der teuflische Rabe Nero
thront auf
ihrer linken Schulter und taxiert alle Anwesenden mit
seinen giftig-gelben Knopfaugen.
"Gehen wir jetzt heute noch, oder was?" zischt sie mit ungnaedig herab gezogenen Mundwinkeln.
Sie guckt erst die anderen, dann mich an.
Schliesslich deutet sie mit dem spitzen Kinn auf mich.
"Macht
er mal wieder Aerger?"
"Genau!" sage ich sarkastisch, "ER
macht mal wieder Aerger! ER hat naemlich keine Lust in Begleitung
eines Bedienungen
mordenden Raben in einen Biergarten zu gehen,
bloss weil heute zufaellig mal die Sonne scheint und das
biersaufende
Proletariat meint, es muesse in geschlossenen
Kolonnen in die Biergaerten ziehen..."
"Ich habe auch keine besondere Lust dazu, mich
unter das groelende, biersaufende Proletariat zu mischen. Trotzdem
gehe ich
mit. Das nennt man 'sich sozialisieren'!" zischt
Frau Bezelmann.
"Aber dieses Wort existiert wahrscheinlich
gar nicht in Ihrem Wortschatz..."
"Ich sozialisiere mich lieber mit meinem Pentium III als mit dem Killerraben auf Ihrer Schulter", kontere ich.
"Ich hoffe, Sie betrachten Ihre Kollegen nicht
auch als Mitglieder des groelenden, biersaufenden Proletariats",
bemerkt
Marianne spitz zu Frau Bezelmann.
"Ich verstehe immer noch nicht, wieso er das mit den Mailboxen wissen konnte", murmelt der Kollege O. verstoert dazwischen.
"Was? Mailboxen? Wieso Mailboxen?" fragt
Frau Bezelmann irritiert, die gerade tief Luft holt, um Marianne
ueber den Mund zu
fahren.
Marianne beginnt zu erklaeren, worum es geht, wird
aber von unserer Putzfrau unterbrochen, die gerade zur
Tuere
hereinkommt. Sie hat zur Feier des Tages ihr uebliches
dunkelblau-kackbraun gemustertes Kopftuch mit einem grell-pinken
Hut
vertauscht.
"Ne? Mechten wir necht allebald gehe, Haerr Laisch?" fragt sie mich uebers ganze Gesicht strahlend.
Frau Bezelmann und der Rabe erstarren zu Eis. Beide
sind naemlich aeusserst standesbewusst. Ihrer Auffassung nach ist
das
Putzpersonal mindestens vierzehn Ebenen unter dem Stand des
Raben anzusiedeln. Wo Frau Bezelmann sich selber in der
Hierarchie
ansiedelt, weiss man nicht so genau; vermutlich aber irgendwo
zwischen Staatsminister und Bundespraesident.
"Aeh... wohin denn?" will der Kollege O. vorsichtig wissen.
"Ne! Wos! In den Biaegarten doch eben! Unsaer Haerr Professor mech eingeladen, necht? Sel kommt och glaich..."
"Aber natuerlich!" sage ich zuckersuess.
"Und was fuer eine entzueckende Kopfbekleidung Sie heute
dabei haben! So farbenfroh, wirklich! Freuen Sie sich schon auf
den
Biergarten?"
Die Putzfrau strahlt und laesst einen voellig
unverstaendlichen Schwall von Worten auf uns los. Marianne und der
Kollege O.
lassen ein muehsam unterdruecktes Stoehnen hoeren. Frau
Bezelmann schiesst einen ihrer beruehmten Toetungsblicke auf mich
ab.
Die Putzfrau ist bekannt dafuer, dass sie jeden
innerhalb eines Umkreises von siebeneinhalb Metern in Grund und
Boden
redet. Das waere ja noch gar nicht so schlimm. Das Schlimme
daran ist, dass man die ganze Zeit dabei nicht versteht, worum
es
eigentlich geht.
"Aehm... wenn ich's mir recht ueberlege",
beginnt der Kollege O., aber schon hoeren wir den Chef auf dem Gang
rufen:
"Aeh... hallo... aehm... ist jemand... hrrrm... ist
hier ueberhaupt noch jemand... aeh...?"
"Wir sind alle hier drin!" ruft Marianne,
und gleich darauf streckt der Chef sein weises Haupt herein - mit dem
schoensten
Soziallaecheln, das er auf Lager hat.
"Ach... aehm... wie schoen... hmm... alle
vereint, wie... aehm... wie eine... hmm... eine grosse, glueckliche
Familie,
nicht? Gehen wir jetzt dann in den... aehm... den
Biergarten?"
Frau Bezelmann, der Kollege O. und Marianne fangen
alle gleichzeit an zu reden und zeigen unisono mit
anklagendem
Zeigefinger auf mich und die Putzfrau.
Die Putzfrau bekommt den richtigen Eindruck, dass der
Mann, der ihr ein Kompliment ueber ihren tollen Hut gemacht hat,
in
Schwierigkeiten ist, und mischt sich aufgeregt ins
Sprachgetuemmel.
Der Rabe Nero kraechzt begeistert so laut er kann und
schlaegt wild mit den mottenzerfressenen Fluegeln. Der Chef
guckt
voellig verwirrt von einem zum anderen, schliesslich hebt er
verzweifelt beide Haende, um dem unerwarteten Aufruhr Einhalt
zu
gebieten.
Alle verstummen nach und nach (der Rabe als letzter),
und der Chef oeffnet gerade den Mund, als es ploetzlich heftig
blitzt
und ein gewaltiger Donnerschlag uns alle zusammenzucken
laesst.
Ich lasse die Jalousien hochfahren, und siehe: Die
Natur hat ein Einsehen gehabt, und das herrliche Sommerwetter ist
einem
ebenso herrlichen Gewitter gewichen - wie es nunmal in April
so vorkommt.
Alle Anwesenden, ausser der Putzfrau, atmen erleichtert auf.
Fire Devil
Nach einem ausgiebigen 2-Stunden-Snack in der Cafete
komme ich zurueck zu meinem Allerheiligsten und erwische mitten
im
Gang kniend einen langaufgeschossenen Kerl mit
asketischen-hageren Gesichtszuegen, wie er gerade intensiv
unseren
Kabelschrank beschnueffelt.
Bevor ich noch einen Ton
sagen kann, springt er hektisch auf wie ein ueberdimensionales
Rumpelstilzchen und blinkt mich mit
fiebrig glaenzenden Augen an.
"Brennbar", erklaert er strahlend und
klopft im Silbentakt zweimal gegen die Schranktuere.
"Brenn-bar."
Bevor ich noch eine adaequate Antwort formulieren
kann - ich bezweifle, dass es in diesem Fall ueberhaupt eine
adaequate
Antwort gibt -, saust er weiter zu Mariannes Buerotuere,
wo er mit einer unendlich hingebungsvollen, zaertlichen
Handbewegung
ueber die aufgeklebten Kursankuendigungen streicht.
"Leicht entzuendlich", fluestert er kaum
hoerbar, wie in Ekstase, und streichelt noch einmal mit beiden
Haenden ueber das
Papier.
Marianne reisst wuetend die Buerotuere auf, um
herauszufinden was da an ihrer Tuere kratzt, und eine Sekunde lang
starrt
sie dem Typen, der mit erhobenen Armen dasteht, als wolle
er nach ihrem stattlichen Busen greifen, verbluefft in
die
tiefliegenden blassen Augen.
"Was zum Teufel...?" beginnt Marianne
erbost, aber der Riese unterbricht sie, indem er zweimal energisch
auf ihre Tuere
klopft:
"Brenn-bar", sagt er strafend.
Marianne glotzt ihre Tuere an.
"Natuerlich
ist die Tuere brennbar! Sie ist ja schliesslich aus Holz!"
"Ah!" ruft er ueberlegen laechelnd und hebt
wichtig den Zeigefinger.
"Nicht die Tuere; das Papier!"
Er deutet anklagend auf die Ankuendigung zu Mariannes
Mikroprozessor-Praktikum. Seine Augen bekommen ploetzlich
einen
Schleier.
"Ach, Papier", seufzt er verzueckt, wendet
sich ohne ein weiteres Wort ab und trottet weiter durch den Gang in
Richtung
Sekretariat, wo Frau Bezelmann, die sich gerade zum Lunch
begeben wollte, ihm misstrauisch entgegen blickt.
Marianne guckt mich fragend an; ich mache das
einschlaegige
'Wieder-so-ein-durchgeknallter-Philosophie-Student-im-58sten-Semester'
- Zeichen und zucke mit den Schultern. Ein
markerschuetternder
Jubel-Schrei laesst uns beide zusammenzucken.
Der Typ hat Frau Bezelmanns Super-Monster-Kopierer
mit eingebauter Bosheits-Automatik entdeckt. Das Kopier-Ungetuem,
das
von allen Mitarbeitern im Geheimen 'Das Ding aus einer anderen
Welt' genannt wird, ist bekannt dafuer, dass die
Wahrscheinlichkeit
fuer eine Fehlfunktion direkt proportional zur Dringlichkeit des
Kopierauftrags ist.
Wenn zum Beispiel das Seminar schon seit zehn Minuten
laeuft, und man noch ganz dringend zwanzig Kopien des
Handouts
braucht, kann man mit 150%iger Wahrscheinlichkeit damit
rechnen, dass es einen Papierstau gibt oder dass man Toner auf
den
frisch gereinigten Anzug gespuckt bekommt oder dass das Ding
infernalisch nach dem Service-Techniker tutet.
Boese Zungen behaupten, Frau Bezelmann habe das Ding
eigenhaendig unter 69 sogenannten Montags-Maschinen ausgesucht;
noch
boesere Zungen behaupten, ich haette ihr dabei geholfen. Da
die Kiste zu gross fuer die Tuere zum Sekretariat war, steht
sie
jetzt halt mitten auf dem Gang in trauter Gesellschaft mit einer
ausgemusterten, aber noch nicht de-inventarisierten
PDP11 und
einem riesigen Stapel Kartone fuer Computer-Displays, die wir
grundsaetzlich aufheben, weil an unserem LEERstuhl
sowieso kein
Bildschirm die Garantiezeit ueberlebt.
Aus irgendeinem Grunde findet der Unbekannte das alles ganz phantastisch.
"Leicht entflammbar", bemerkt er freundlich zu den aufgestapelten Kartonen.
"Potentieller Brandherd", sagt er ernst und deutet bedeutungsvoll auf das 'Ding aus einer anderen Welt'.
Er umrundet zweifelnd die PDP11, bis er auf der Seite
heraushaengende Kabelbaeume entdeckt.
"PVC", seufzt er
gluecklich.
Frau Bezelmann beobachtet all diese Aktivitaeten im
unmittelbaren Bereich ihrer Einflusssphaere mit wachsender Unlust;
ihre
Mundwinkel ziehen sich bedrohlich nach unten; der Rabe Nero,
der sich wieder mal gegen meine ausdrueckliche Anweisung
ausserhalb
seines Kaefigs aufhaelt, flattert ihr auf die Schulter und kraechzt
warnend.
Marianne und ich bleiben in sicherem Abstand stehen,
um nicht aus Versehen mit dem anvisierten Zielobjekt assoziiert
zu
werden.
"Sie!" zischt Frau Bezelmann mit
Null-Grad-Kelvin-Stimme.
"Darf ich mal fragen, was Sie da
eigentlich treiben? Wer sind Sie ueberhaupt?!"
Der hagere Riese dreht sich unbekuemmert um und
strahlt Frau Bezelmann mit seinen fiebrig glaenzenden Augen an.
"Dr.
Dauerbrandt...", stellt er sich froehlich vor und entbloesst
seine langen gelben Zaehne zu einem woelfischen Grinsen,
"...von
der Brandschutz-Direktion."
Marianne zieht scharf die Luft ein; Frau Bezelmann und ich wechseln einen bedeutsamen Blick.
ALARMSTUFE ROT
Das letzte Mal als die Brandschutz-Direktion unseren
LEERstuhl inspiziert hatte - das muss jetzt so etwa 15 Jahre her
sein
-, waren vier Raeume wegen fehlender Fluchtwege geschlossen
worden, wurden drei Projekte abgebrochen, weil die
Versuchsaufbauten
angeblich eine akute Feuergefahr darstellten, hatten vier Mitarbeiter
Nervenzusammenbrueche bekommen,
weil die ausliegenden Vorschriften
zu viele logische innere Widersprueche enthielten, konnte der Chef
wochenlang sein Buero
nicht benutzen, weil die Holztaefelung mit
Asbest unterfuettert werden musste und ich durfte mich von meinen
schon damals
kunstvoll aufgetuermten Bildschirm-Kartonagen
trennen, die sich mittels einer kunstvoll angelegten Technik
besonders
attraktiven Studentinnen vor die Fuesse stuerzen liessen
(welche ich daraufhin als Trost fuer den erlittenen Schrecken
ins
Uni-Cafe einladen durfte).
"Ah... oh...", stottert Frau Bezelmann
etwas aus dem Konzept gebracht,
"haben Sie... koennen Sie
sich denn ausweisen?"
"Ausweisen?" fragt der Inspektor verwundert
und legt den Kopf schief.
"Ist das da eigentlich ein echter
Rabe?"
"Aeh... natuerlich!" bestaetigt Frau Bezelmann entruestet.
"Glauben Sie, dass seine Federn brennbar sind?"
Frau Bezelmann schnappt wuetend nach Luft. Bevor noch
mehr Unheil passiert, halte ich es fuer angeraten einzugreifen:
"So,
Sie sind also von der Brandschutz-Direktion", sage ich herzlich
und schuettele heftig die heisse Hand des Inspektors.
"So
frueh hatten wir Sie eigentlich gar nicht erwartet, aber wie Sie ja
sehen koennen, haben wir keine Muehe gescheut."
Ich mache eine erklaerende Geste ueber den Kopierer
und die Bildschirm-Kartone. Der Inspektor guckt erst mich, dann
die
Kartone fragend an:
"Muehe gescheut? Aeh..."
"Aber ja", unterbreche ich eifrig,
"gleich
nach dem Anruf Ihrer Abteilung haben wir einen geeigneten Platz
ausgesucht und mit dem Versuchsaufbau begonnen. Wie
Sie sehen, ist
alles an seinem Ort. Aber fuer Ergebnisse ist es ja wohl wirklich
noch zu frueh. Hatten wir nicht bis
November fuer die Laufzeit
vereinbart?"
Der Inspektor ist jetzt sichtbar verwirrt.
Irgendetwas laeuft nicht so wie sonst. Normalerweise fliehen die
Angestellten
mit allen Anzeichen des Grauens vor seinem
unerbittlichen Inspektionsblick. Ueberall begegnet er Misstrauen und
aeusserster
Vorsicht. Niemand will laenger mit ihm sprechen als
unbedingt notwendig. Aber hier wird er empfangen wie ein
lange
erwarteter Mitarbeiter.
Man sieht foermlich, wie in seinem Grosshirn die
roten Warnlampen blinken.
"Was denn fuer Ergebnisse?"
fragt er unsicher.
Ich gucke ihn verwundert an:
"Na, die
statistische Auswertung werden Sie wohl doch selber vornehmen, oder?
Ich meine, wir haben alles getan, um das
Setup so echt wie
moeglich zu gestalten, aber die Berichte ihrer Inspektoren, die
bekommen wir ja gar nicht mehr zu
Gesicht, denke ich. Also muss
das doch Ihre Abteilung dann auswerten. Oder habe ich das falsch
verstanden?"
Der Inspektor ist jetzt hoffnungslos von der ueblichen Route abgekommen. Er bringt nur noch ein hilfloses "Haeh?" zustande.
Ich mime auf einmal den grenzenlos Bestuerzten:
"Oh
je! Sind Sie am Ende gar nicht von der Abteilung Controling? Ich
meine... aeh... wie soll ich sagen... aehm... sind Sie
tatsaechlich
ein wirklicher Brandschutz-Inspektor...?"
"Aeh... ja..."
"... so richtig auf routinemaessiger Inspektion?
Sie sind gar nicht gekommen, um sich den Versuchsaufbau anzuschauen?"
Ich fuchtele in Richtung des Kopierers.
"Nein... aeh... doch, ja... ich meine..."
Dem Inspektor tritt sichtbar der Schweiss auf die Stirne.
"Oh Himmel! Ist mir das peinlich", stoehne
ich theatralisch und massiere mir die Nasenwurzel.
"Ist das
jetzt nicht bodenlos bloede gelaufen?" Ich starre Frau Bezelmann
auffordernd an.
"Aeh... ja", improvisiert Frau
Bezelmann nervoes,
"das ist jetzt ziemlich... aeh..."
"Peinlich", sekundiert Marianne aus dem Hintergrund.
Der Inspektor guckt verwirrt von einem zum anderen.
Ich fasse ihn sanft am Arm und fuehre ihn sacht der Gefahrenzone
ins
Sekretariat.
"Sie muessen verstehen", sage ich
entschuldigend,
"dass wir einfach nicht mit einem so
schnellen Auftauchen der ersten... aeh... Versuchsperson gerechnet
haben..."
"Versuchsperson?"
"Nun ja. Sehen Sie - es ist mir fuerchterlich
peinlich, aber ich kann Ihnen das natuerlich erklaeren: das alles
da
draussen...", ich deute mit dem Daumen nach hinten,
"ist
selbstverstaendlich nicht echt..."
"Nicht echt?!"
Ich schuettele den Kopf:
"Nein, das ist ein
Versuchsaufbau, um den uns die Controling-Abteilung der
Brandschutz-Direktion letzte Woche gebeten hat.
Er dient dazu -
nun ja, was soll ich weiter um den heissen Brei herum reden - er
dient dazu, die Sorgfalt der Inspektoren
zu... aeh... zu
evaluieren... Sie verstehen..."
"Oh", sagt der Inspektor erleichtert, als sein gewohntes Weltbild a la Orwell ploetzlich wieder ins rechte Lot rueckt.
"...und Sie haben nun durch meine Dummheit...
oder anders herum: durch meine Dummheit ist Ihre Beurteilung jetzt
natuerlich
hinfaellig geworden... obwohl Sie ja ganz vorbildlich
gearbeitet haben... es tut mir so leid..."
"Ah, ja", sagt Dauerbrandt und nimmt
Haltung an.
"So... hmm..."
"Wissen Sie was" sage ich entschlossen und
blicke ihm ernst in die Augen,
"ich nehme das auf meine
Kappe. Ich rufe Poschenrieder an und erklaere ihm alles. Vor allem
sage ich ihm, dass Sie ja
schon, bevor wir uns verplappert haben,
alle Schwachpunkte des Setups gefunden hatten. Dann vergessen wir die
ganze Sache
und Sie bekommen auf diese Weise doch noch Ihre
positive Beurteilung!"
"Poschenrieder?"
"Der Abteilungsleiter der Controling-Abteilung", sage ich sanft.
Der Inspektor ist begeistert. Nach einer Tasse Cafe,
den Frau Bezelmann ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit
eilig
zubereitet, begleite ich den guten Dr. Dauerbrandt noch zum
Ausgang. Auf dem Weg durch die Gaenge wechseln wir bei
jedem
brandgefaehrdenden Moebelstueck einen vielsagenden Blick und
lachen herzlich.
Ich kann bloss hoffen, dieser Feuerteufel kommt nicht
auf die Idee, unser 'Setup' zu ueberpruefen. Im Gegensatz zu
anderen
Aemtern hat die Brandschutz-Direktion leider ein absolut
unhackbares Rechnersystem:
es existiert nicht!
Debugger
Als ich zwischen zwei DVDs mal den Hoerer auf die
Gabel lege, um mir nach dem anstrengenden Film (MAD MAX XIIeinhalb)
eine
Pizza zu bestellen, laeutet das bloede Ding sofort los. Muss
mich bei Gelegenheit mal um eine Nebenstelle kuemmern, die
keine
Anrufe mehr entgegennimmt! Da ich den Hoerer quasi schon in der Hand
habe, hebe ich halt ab.
"Warum ist meine Workstation so langsam?"
fragt eine ungnaedige Stimme, die ich unschwer als die von unserer
Mitarbeiterin
Jenny identifiziere, weil im Hintergrund Rex, Jennys
Promenadenmischung, sein uebliches Heulkonzert veranstaltet.
"Moment", sage ich zuvorkommend,
"ich
checke das mal eben... bleib' kurz dran..."
Ich blinzele hinueber zum Ausredenkalender, um zu
sehen, was heute aktuell ist:
"Statistische Aufladung wegen
Nylonstruempfen"
Laeppisch! Hatten wir schon hundertmal! Ich reisse
ein paar Blaetter vom Kalender ab:
"Spacelab aus Umlaufbahn
geraten"
"Vorrat an Elektronen im D-RAM verbraucht"
"MS Aktienkurs gefallen"
"Prozessor hat
Microbefehl als Suizidbefehl missverstanden"
"MS
Aktienkurs gestiegen"
Alles viel zu einfach! Ritsch! Ritsch! Ratsch!
"Zuviele Pakete in Netzwerkvermittlung"
"Kakerlaken
im Hauptspeicher..."
Hmm... Kakerlaken? War da nicht was im
'Hacker's Havoc'?
Ich blaettere kurz durch die letzte Ausgabe... Ah ja:
da ist es ja: ein wunderschoenes Raster-Tunnel-usw-Bild von
einem
riesigen Floh (purex irritans), der auf einem angeknabberten
Pentium III hockt. Eigentlich nur Werbung fuer so einen
dubiosen
Debugger, aber egal. Waehrend ich das Bild in meinen Scanner schiebe,
brumme ich in den Hoerer:
"Ja, also oberflaechlich scheint
alles ok zu sein. Trotzdem kommt die Kiste nicht so richtig auf
Touren... Hmm... sag mal,
traegt Rex eigentlich ein
Floh-Halsband?"
"Hah?!"
"Floh-Halsband! Du weisst schon, so ein Plastikding mit..."
"Ich WEISS, was ein Floh-Halsband ist. Aber was hat das mit der Performance meiner Workstation zu tun?"
"Schon mal ueberlegt, woher der Begriff
'Debuggen' kommt? Erst gestern kam eine Warnung vom DFNT, dass
Prozessoren der
dritten Generation immer anfaelliger fuer
Insektenfrass werden. Da ging es zwar hauptsaechlich um tropische
Ameisen, aber
irgendwo stand glaube ich auch, dass Floehe Vorliebe
fuer Silicium-Wafer entwickelt haben..."
Aber Jenny ist nicht so leicht zu ueberzeugen.
Schliesslich kennt sie mich:
"Bullshit! Das glaube ich nie
und nimmer!"
"Ok", sage ich,
"das werden wir
gleich haben. Ich komme mal eben rueber und wir schauen uns deinen
Pentium mal mit dem Endoskop an..."
Ich lade rasch das Bild in meine digitale Kamera und
klebe eine alte Diagnose-Schwanenhals-Lampe vor das Objektiv.
Dann
schnappe ich noch eine riesige Plastiktuete und sprinte
hinueber zu Jennys Buero. Rex begruesst mich mit einem
tiefen
kehligen Knurren und beaeugt misstrauisch die DigiCam in
meiner Hand. Seit er mal aus Versehen ein Starkstromkabel
angenagt
hat, gehoert jeder, der ein technisches Etwas in der Hand
haelt, zur Gattung potentieller Hundemoerder. Rex traegt
uebrigens
KEIN Floh-Halsband, wie ich befriedigt feststelle.
"Na, dann schauen wir mal", sage ich froehlich, schalte die Lampe an und stopfe sie in den Luefterspalt von Jennys Rechner.
"Hmm... hmm... hmm..."
"Was?" fragt Jenny nervoes.
"Also, ich sehe im Moment bloss einen", sage ich mit enttaeuschter Stimme.
"Einen was?!" Jenny zappelt vor Ungeduld.
"Moment", sage ich und tue so, als wuerde
ich auf den Ausloeser druecken.
"Hier! Schau selber!"
Ich halte Jenny die Kamera hin:
"Unglaublich,
was nur einer von diesen Burschen alles anrichten kann! Schaue dir
nur mal an, was er von deinem Co-Prozessor
uebriggelassen hat..."
Natuerlich ist auf dem Bild gar kein Co-Prozessor zu
sehen, aber Jenny wuerde niemals zugeben, dass sie einen
Co-Prozessor
nicht mal in tausendfacher Vergroesserung auf der
Buehne der Staatsoper erkennen wuerde. Schliesslich arbeitet man an
einem
technischen LEERstuhl!
"Himmel!" stoehnt sie.
Wir gucken beide Rex an, dem allmaehlich aufgeht,
dass er irgendwas verbrochen hat, und bloss noch nicht weiss, was es
ist.
Vorsichtshalber legt er sich so flach wie moeglich auf den
Bauch und macht auf 'Armer, armer geschundener Hund'.
Jenny seufzt.
"Und jetzt?"
"Halb so schlimm. Der Co-Prozessor ist
natuerlich hinueber; den muessen wir nachbestellen. Aber jetzt
muessen wir erstmal
dafuer sorgen, dass nicht noch mehr Unheil
passiert. Zu allererst machen wir deinen Rechner mal floh-dicht."
Ich stuelpe den Plastiksack ueber Jennys Workstation und binde ihn sorgfaeltig ab.
"Aber... was ist dann mit der Belueftung? Wird das nicht zu heiss da drinnen?"
"Keine Angst. Die neuen Prozessoren halten schon
einiges aus. Eigentlich braeuchten wir die Luefter gar nicht mehr.
Aber
dann wuerden ja alle Luefterhersteller bankrott gehen und
deshalb... naja, du verstehst schon. Ausserdem ist das gerade
der
Sinn und Zweck der Uebung: Floehe vertragen naemlich kaum
Temperaturen, die oberhalb der Koerpertemperatur von
Warmbluetern
liegen, klar? Was passiert also, wenn die Temperatur
jetzt ansteigt? Alle Floehe, die sich vielleicht hinter dem
RAM
versteckt haben, werden einfach gegrillt. Am besten, du
startest noch ein paar rechen-intensive Jobs in der
naechsten
Zeit..."
"Aehm... ok, wenn du meinst..."
An der Tuere faellt mir noch was ein:
"Und
wenn es komisch nach verbranntem Gummi riecht: das ist ganz normal.
Verbruzelnde Chitinpanzer riechen nun mal nicht
besonders..."
Jenny verzieht angewidert das Gesicht.
"Ok...
und... aeh... danke!"
"Nichts zu danken", sage ich,
"wir
tun nur unseren Job nicht wahr, Rex?"
Rex guckt mir finster
hinterdrein.
Auf dem Weg zurueck zu meinem Buero ueberschlage ich
im Kopf ein paar partielle Differentialgleichungen. Na, so
vielleicht
3 Stunden gebe ich Jennys Rechner schon noch. Und dann?
Irgendwo wird halt eine neue hitzeresistente
Floh-Mutation
dabeigewesen sein...
WebPsychic
Wenn es das Web noch nicht gaebe, muesste man es erfinden!
Frau Bezelmann hat mir einen Kurs bei ihrer Freundin
Madame Black vermittelt. 'Grundlagen der traditionellen
Esoterik'
heisst das Ding harmlos. In Wirklichkeit geht es um
handfeste mittelalterliche Hexerei! Ich erkenne natuerlich sofort
die
ungeahnten Potentiale dieses Hobbys, wenn man es mit
zeitgemaesser Technik kombiniert.
Als erstes Experiment lade ich das Bild von Sethimus
Typhon, dem Bastard Bureaucrat from Hell der R.K.f.H., von
seiner
Web-Page und starte ein Skript, das alle fuenf Minuten das
Bild eines suedkaledonischen Knoechelknackers (das ist ein
ziemlich
boesartiges Nagetier) so in Sethimus Konterfei morpht, dass es so
aussieht, als wuerde mein Widersacher herzhaft
in die griechische
Nase gebissen. Zeitgleich startet ein Synthese-Programm, das die
vorgeschriebenen Formeln Madame Blacks
ueber den Lautsprecher
leiert:
"Bienenstich und Nasenpein,
Nierenfrass mit
Knochenschleim,
Webmaster in Lebertran,
Wuerger pack den
Grobian!"
(Der 'Webmaster' stammt uebrigens nicht von Madame
Black, aber ich denke, dass es nicht schaden kann, auch die Formeln
der
neuen Technik etwas anzupassen!)
Aus vertraulichen Quellen erfahre ich am naechsten
Tag, dass Sethimus ploetzlich unter einem hartnaeckigem Ekzem auf
der
Nasenspitze leidet und darueber wegen seiner angeborenen
Eitelkeit fast wahnsinnig wird.
Das Telefon laeutet und ich hebe ab.
"Spreche ich mit Brando Bardolino, dem EDV-Hellseher?" haucht eine zoegernde weibliche Pieps-Stimme aus dem Hoerer.
Ich bestaetige mit sanfter, vertrauenserweckender (!)
Stimme, dass dem so sei. Das erste, was ein erfolgreicher
Hellseher
haben muss, ist ein italienisch klingender Name - und
eine Stimme wie Honig! Ich erkundige mich diskret nach ihrem Problem.
"Ja... ich weiss nicht... also eigentlich...",
druckst sie herum. Dann gibt sie sich einen Ruck:
"Ich kann
mein Word-Dokument nicht mehr drucken", fluestert sie mit vor
Verlegenheit heiserer Stimme.
"Und mein Chef wartet schon
seit einer Stunde darauf... und wenn er herauskriegt, dass ich das
bloede Ding nur nicht
drucken kann... und ich weiss nicht mehr was
ich tun soll... und der Microsoft-Helpdesk konnte mir auch
nicht
weiterhelfen... koennen Sie... ich meine... koennen Sie
vielleicht HELLSEHEN, wo das Problem liegt...?"
Der Microsoft-Helpdesk! Ich koennte die Jungs
kuessen! Zuallererst lasse ich mir natuerlich ihre Kreditkartennummer
geben.
Dann frage ich:
"Sie haben doch einen Scanner an
Ihrem Rechner, ja?"
Ja, sie hat natuerlich.
"Sehr
gut", sage ich,
"starten Sie ein Scanner-Programm und
legen Sie ihre linke, ich wiederhole, Ihre linke Hand mit der
Handflaeche nach unten
auf den Scanner und machen sie ein Bild mit
75 dpi davon. Dann schicken Sie mir das Bild als attachment per
email..."
Sie macht alles brav, wie es der grosse Brando
Bardolino befiehlt. Den Scan schiebe ich sofort in den Trash, aber
aus dem
Header der mail kann ich ihre IP-Adresse ersehen. Und
waehrend ich unverstaendliche Fetzen von atzekischen
Bannspruechen
vor mich hin murmele und so tue, als wuerde ich in
ihrer Handflaeche lesen, hacke ich rasch ihre Windoofs-Kiste und
starte
WinSatan. Aha, natuerlich hat nur das bloede Windoofs
wieder mal die Drucker-Ports vertauscht, und ich behebe das
rasch,
bevor ich ein paar interessante Makro-Viren in ihren
juengeren Dokumenten verstreue und mir ihren CV fuer spaetere
Anrufe
herunterkopiere.
Dann sage ich:
"Hmm... also die
chirognomische Analyse ihrer Hand zeigt deutlich, dass Sie durchaus
das Potential in sich tragen, den
boesen Succubus in Ihrem
Computer zu beherrschen..."
"...chirognomisch... Succubus...",
fluestert sie begeistert.
"Wirklich?"
"Aber ja!" sage ich zuversichtlich.
"Legen
Sie jetzt beide Haende parallel auf den Bildschirm, so dass sie genau
das boesartige Dokument bedecken, klemmen Sie
die Maus fest
zwischen Ihre Beine, schliessen Sie die Augen und sprechen mir laut
und deutlich nach:
Windoofs-Graus und NT-Gnom
Bill im Gates,
der spricht dir Hohn
Cache-Verdruss zur CPU,
Boeser Gates,
vergeh' im Nuh!"
Sie macht es tatsaechlich! Und mit einer Inbrunst,
die man eigentlich auch fuer andere Zwecke missbrauchen
sollte...
Hoffentlich kommt jetzt gerade ihr Chef herein, um sich
sein Dokument abzuholen...
"Beati pauperi spiritu!" sage ich feierlich
zum Abschluss.
"Jetzt versuchen Sie noch einmal zu drucken!"
Natuerlich funktioniert es jetzt. Die Kundin ist von der Sitzung hellauf begeistert.
Nicht alle Idioten... Verzeihung!... Nicht alle
Kunden bringen gleich den Mut auf, den grossen Brando Bardolino
direkt
anzurufen. Um Schwellenaengste abzubauen, habe ich auch
eine vollautomatische Horror-Skop-Website eroeffnet, die sich
grosser
Beliebtheit erfreut. Auf der ersten Seite wird stolz verkuendet, dass
die Trefferquote bei ueber 96% liegt. Genau
genommen ist das kein
Wunder, wenn man einen Blick in die Dumb-Prophecy-Database wirft, aus
der meine Horror-Skope per
Zufallsgenerator zusammengestellt
werden:
"Zum Monatsende steht Saturn im Transzendenten; folglich wird sich Ihre finanzielle Notlage aufbessern."
"Es wird kommende Woche regnen, moeglicherweise aber auch mal die Sonne scheinen."
"Wenn Ihr Rechner vom Stromnetz getrennt ist, koennen Sie sicher vor Computer-Viren sein!"
"Der Dollar wird im Kurs steigen, falls der Euro weiter faellt."
"Falls es uebermorgen nicht regnet, wird wahrscheinlich die Sonne scheinen!"
"Sagen Sie Ihrer Freundin etwas Nettes ueber ihre Schuhe - und sie wird Sie dafuer lieben!"
"Sie werden noch diese Woche aufs Klo gehen!"
"Morgen scheint die Sonne, wenn es nicht gerade regnet!"
"Ihr Windoofs-Rechner wird innerhalb der naechsten Stunde abstuerzen!"
"Wenn morgen die Sonne scheint, wird Ihr Windoofs-Rechner mindestens 2 mal abstuerzen!"
Pro verschicktem Spruch kassiere ich 25 Mark. Damit
Sethimus auch was von der Sache hat, koppele ich das cgi-script
mit
meinem Morpher:
jedesmal, wenn ich 25 Mark kassiere, wird
Sethimus' Konterfei 25mal in die Nase gebissen!
Wie gesagt: Wenn
es das Web noch nicht gaebe, ...
LEERE
Der Chef hat mich beauftragt, in diesem Semester fuer
den Kollegen O. einzuspringen, der mit einer
akuten
Textilfarben-Allergie in einer Spezialklinik im Allgaeu
liegt. Boese Zungen (hauptsaechlich Frau Bezelmanns!) behaupten,
O.s
Allergie beschraenke sich ausschliesslich auf die Farbe Lila und sei
daraufhin zurueckzufuehren, dass er seine Frau nur
noch mit lila
Unterwaesche... und so weiter. Ich brauche das hier ja nicht so
ausfuehrlich darzulegen, wie dies Frau
Bezelmann und Marianne zur
Zeit in jeder Kaffeepause tun!
Jedenfalls haelt der Kollege O. im Sommersemester
regelmaessig die 'Einfuehrung in das wissenschaftliche Arbeiten
mittels
EDV-Anlagen' (groan!), intern bei uns am LEERstuhl auch
'Aufklaerungsstunde' genannt. In dieser Veranstaltung
fuer
Nicht-Ingenieurs-Studenten ist das LEERnziel normalerweise
bereits erreicht, wenn die Kandidaten einen PC von einem
Eierkocher
unterscheiden koennen!
Um herauszufinden, was der Kollege O. in der ersten
Stunde mit den Studis gemacht hat, gehe ich in seinen
Account,
ueberfliege kurz aus alter Gewohnheit seine persoenliche
Mailbox und mache mich dann auf die Suche nach
seinen
Vorlesungsunterlagen. Ich finde aber nix. Also begebe ich
mich physikalisch (!) in sein Buero und gucke, ob dort
was
Schriftliches herumliegt.
Tatsaechlich finde ich unter einem Stapel alter
Versandhaus-Kataloge (hauptsaechlich italienische
Designer-Reizwaesche)
einen Zettel mit ein paar unleserlichen
Bleistift-Notizen. Entzueckend! Nachdem ich O.s Klaue sowieso nicht
entziffern kann
- warum kann er auch nicht wie jeder ordentliche
Rechner in Times Roman schreiben! -, werfe ich den Zettel in
Frau
Bezelmanns Reisswolf und beschliesse einfach zu
improvisieren.
"Als allererstes muessen wir ueber Sicherheit
und Hygiene reden", beginne ich mit ernster Miene. Die kleine
Gruppe
verschuechterter Germanistik-, Anglistik-, Finno-Ukristik-
und Etcetera-istik-Studentinnen (mit kleinem 'i'!) starrt mich
mit
grossen erschrockenen Augen an.
Wahrscheinlich hat der Kollege O. letzte Woche
erklaert:
'Als allererstes muessen wir den Einschaltknopf vom
Bildschirm finden.', und dann haben sie eine halbe Stunde
geuebt,
diesen bloeden Knopf zu finden und ihn vom Resetknopf zu
unterscheiden. Und jetzt kommt da ploetzlich ein neuer Dozent
und
interessiert sich gar nicht fuer den Einschaltknopf des
Bildschirms!
"Computer-Hygiene wird leider oft nicht ernst
genommen", erklaere ich und verteile Sagrotan-Spray und
Alkohol-Tuecher unter
die Studentinnen.
"Woher kommen wohl die staendigen
Horrormeldungen ueber gefaehrliche Computer-Viren? Na? Eben! Weil die
Leute nicht einmal
die einfachsten Hygiene-Vorschriften beachten!
Also!"
Ich gucke streng durch die Reihen.
"Jeder,
der schon seine Tastatur oder die Maus beruehrt hat, geht jetzt
sofort auf die Toilette und waescht sich
gruendlichst die Haende!
Die anderen beginnen schon mal, alle Beruehrungsflaechen auf Tastatur
und Maus peinlichst zu
desinfizieren! Auch das Display! Ich habe
keine Lust, nach der Stunde wieder Dutzende von bulgarischen Viren im
System zu
haben!"
Die 'istik'-Studentinnen machen sich mit Feuereifer
an die Arbeit. Das ist doch mal endlich was Handfestes! Ich
gehe
derweil hinunter in die Cafete und goenne mir eine kleine
Staerkung. Ziemlich aufreibend, der LEERberuf! Vor allem wenn man
es
mit Leuten zu tun hat, die noch nicht mal die einfachsten Grundlagen
beherrschen!
Eine halbe Stunde spaeter inspiziere ich die
Tastaturen und jede einzelne Maus. Aus paedagogischen Gruenden mache
ich eine
Anglistik-Studentin, die auf der 'ue'-Taste ein
Staeubchen uebersehen hat, gruendlich zur Sau. Damit wissen jetzt
alle,
dass es bei mir auf sorgfaeltiges Arbeiten ankommt!
"Uebrigens", sage ich dann, "muss
jeder, der zu Hause einen privaten PC hat, aus Sicherheitsgruenden
waehrend dieser
Veranstaltung sterile Handschuhe und eine
Atemschutzmaske tragen. Sie bekommen das in jeder Apotheke. Wehe,
wenn ich hier
auf einem Rechner einen Virus entdecke, den Sie
eingeschleppt haben!!!"
Nach dieser eindringlichen Warnung schaue ich auf die
Uhr und erklaere, dass es sich heute sowieso nicht mehr lohne,
mit
dem Login-Prozess zu beginnen, und gebe allen die Hausaufgabe
auf, sich bis zum naechsten Mal ein Passwort zu ueberlegen,
dass
man sich moeglichst leicht merken koenne.
"Kleine
Hilfestellung: Besonders gut eignen sich der Vorname oder der
Nachname."
In der naechsten Veranstaltung tragen tatsaechlich
ueber die Haelfte der Teilnehmer Atemschutzmasken und Handschuhe.
Hmm,
vielleicht koennte ich sie auch noch zu gruener OP-Kleidung
ueberreden... Aber sie schauen auch so schon aus wie ein
verdattertes
Chirurgen-Team, dem man die Skalpelle geklaut hat. Nun denn...
"Heute lernen wir, was ein Passwort ist! Sie
haben sich alle ein Passwort ueberlegt, dass man sich gut merken
kann? Gut!
Damit Sie es nicht vergessen koennen, speichern Sie
jetzt alle Ihr Passwort in einem File namens 'PASSWORT' in
Ihrem
Home-Directory..."
Ich erklaere im Einzelnen, wie
man das macht, und... sie machen es!
Keiner kommt auf die Idee, dass es vielleicht nicht
so ganz schlau ist, ein Passwort einfach so
abzuspeichern.
Erstaunlicherweise denkt auch niemand daran, dass
er ja gar nicht mehr an die Datei herankommt, wenn er sein
Passwort
vergessen hat. Ich kopiere mir rasch alle Dateien und
schicke einen 'at'-Job los, der die Dinger nach einer Stunde
zyklisch
vertauscht.
Mal sehen, wie weit man sie noch treiben kann...
"Ihr Passwort duerfen Sie auf GAR KEINEN FALL vergessen!
Schreiben Sie es deshalb auch noch auf einen Zettel und kleben
diesen
mit Tesa an den Monitor!"
Sie machen es! Und ohne mit der Wimper zu zucken!
Zu einer guten Vorlesung gehoert, dass man
zusaetzliche interessante Hintergrundinformationen gibt:
"Passwoerter dienen oberflaechlich dazu, die Daten eines
Benutzer vor fremden Zugriff zu schuetzen. So ist die
allgemeine
LEERmeinung. In Wirklichkeit ist das natuerlich
vollkommener Bullshit, weil jeder Operator und Sysadmin trotzdem auf
alle
Daten zugreifen kann.
Frei nach dem Motto:
'Ich bin /root, ich darf
das!'
Tatsaechlich ist das ganze Passwortsystem nur zum
Amuesement der Systemadministratoren da, weil die sich dann ueber
die
idiotischen Passwoerter kaputtlachen koennen..."
Drei Studentinnen werden tatsaechlich so rot wie Strauchtomaten. Muss mir ihre Passwoerter nachher mal genauer anschauen...
Gerade noch rechtzeitig faellt mir was Wichtiges ein:
"Einzige Ausnahme sind natuerlich Ihre Mailboxen (email
lernen wir uebernaechste Stunde). Die sind absolut
hyper-sicher
geschuetzt; so sicher wie das Briefgeheimnis bei der
Post AG."
Schliesslich will ich nicht auf meine taegliche
Lektuere verzichten...
Zum Schluss erklaere ich noch kurz, wie man nach
getaner Arbeit den Arbeitsplatz hinterlaesst:
"Schalten Sie
niemals, ich wiederhole: NIEMALS, irgendetwas aus. Druecken Sie
ueberhaupt auf gar keine Knoepfe, ausser den
Tasten auf der
Tastatur! Gar keine, verstanden? Wenn Sie mit Ihrer Arbeit fertig
sind, brauchen Sie nur den automatischen
Bildschirmschoner
aktivieren. Wie man das macht? Ganz einfach: in jedem Display sind
drei bio-ophtamologische
Waermesensoren eingebaut; seitlich links
und rechts und einer oben drauf. Sie aktivieren den
automatischen
Bildschirmschoner, indem Sie je links und rechts die
Hand aufs Gehaeuse pressen und gleichzeitig Ihr Kinn auf die
Oberkante
des Bildschirms stuetzen. Also ungefaehr so..."
Ich mache die Uebung kurz vor.
"Nach einer
gewissen Zeit erwaermen sich die Sensoren und der Bildschirmschoner
wird aktiviert. Ausserdem ist das eine gute
isometrische Uebung
fuer Ihre Wirbelsaeule..."
SIE MACHEN ES!!! SIE MACHEN ES TATSAeCHLICH!!!
Zwanzig Studentinnen stuetzen ihren Kopf auf die
Displays wie Verurteilte unter der Guillotine bei einer
Massenhinrichtung!
Hoffentlich kommt jetzt gleich der Chef herein!
Natuerlich habe ich noch kurz vorher die Aktivierungszeit fuer
die
Bildschirmschoner auf zehn Minuten erhoeht. Keinem faellt auf,
dass man in dieser unbequemen Stellung gar nicht SEHEN kann,
wenn
sich der Bildschirmschoner aktiviert.
Ich winke noch einmal freundlich und gehe nach Hause.
The Carp Model
Manchmal fragen mich die Studenten auch mal was...
Doch, doch, das kommt vor! Man sollte zwar meinen,
sie interessieren sich nur fuer Techno-Rapperschrott, die
neueste
Tommy-Buttfucker-Mode oder wie sie ihre Sitznachbarin /
ihren Sitznachbar am schnellsten ins Bett bekommen koennten.
Aber
manchmal kommt es tatsaechlich vor, manchmal stellen sogar
Studenten einem Assistenten wie mir eine richtige Frage. Daher
ist
es fuer den erfolgreichen Assi lebenswichtig, in jeder
Lebenssituation, einen Haufen Bullshit bereitzuhalten, mit dem
man
das Fussvolk beeindrucken kann.
(Im Prinzip praktizieren das die
grossen Religionsgemeinschaften seit 5000 Jahren so, und es
funktioniert immer noch
grossartig!)
Meistens zielen
allerdings alle Fragen der StudentInnen (da war's wieder mal!) mehr
oder weniger direkt auf die drei
wichtigsten Dinge im Leben:
Money, money and money!
So wie heute.
Ein Grueppchen feixender Youngsters in
Tommy-Buttfucker-Jacken, deren Taschengeld von Papa wahrscheinlich
doppelt so hoch
ist wie mein Gehalt als Assistent, stehen nach der
Einfuehrungsvorlesung auf dem Flur und gucken mir
erwartungsvoll
entgegen, wie ich mit meinem DVD-Laptop aus dem
Uebungsraum komme. Der Wortfuehrer, ein ueber und ueber mit
ausgeaetzten
Aknenarben bedeckter, schlaksiger Jungspunt, fragt
mich aufmuepfig, ob er mir auch mal eine nicht-technische Frage
stellen
darf.
Ich senke gnaedig zustimmend meine Augenlider.
"Wie
koennen wir eigentlich mit dem ganzen theoretischen Zeug, was wir
hier an der Uni lernen, spaeter WIRKLICH Geld
machen?"
"Ausgezeichnete Frage", sage ich, "die Antwort ist: Mit Hilfe des 'Carp Models'!"
"Haeh? 'Carp Model'?"
Die ganze Gruppe glotzt tibetanisch; wenigstens haben
sie aufgehoert, so behaemmert zu grinsen. Ich stelle behutsam
meinen
Laptop ab, verschraenke die Haende hinter dem Ruecken,
starre mit gerunzelter Stirne an die Decke und wippe mich sacht
auf
den Zehenspitzen. Koerpersprache ist in unserem Beruf so
wichtig wie fuer amerikanische Praesidentschaftskandidaten.
Nach
einer Kunstpause von 4einhalb Sekunden beginne ich zu
dozieren:
"Das 'Carp Model', zu deutsch das Karpfenmodell,
wurde 1968 von B. G. und mir entwickelt und besagt in seiner
Kurzform,
dass jeder wirtschaftliche Prozess von der Produktion
bis zur endgueltigen Entsorgung, so weit wie moeglich vom
demjenigen
finanziert werden sollte, der das Geld hat:
dem
Konsumenten.
Ich werde Ihnen das an einem Beispiel erlaeutern:
Stellen Sie sich einen malerischen See in idyllischer
Landschaft vor. Logischerweise kommen zahlreiche Touristen
und
Erholungssuchende zu diesem paradiesischen Fleckchen und
bringen vor allem drei Dinge mit:
Langeweile, Hunger und Geld.
An diesem See gibt es ein Restaurant, dessen Besitzer
ein kluger Mann ist. Er hat im See wohlschmeckende
Karpfen
ausgesetzt, und nun passiert folgendes:
Zunaechst
steht da ein grosser Verkaufsautomat, an dem man Fischfutter fuer die
Karpfen kaufen kann. Besonders die Kinder
der hungrigen,
gelangweilten und reichen Gaeste koennen nicht widerstehen. Durch den
ununterbrochenen Zustrom der Gaeste
werden die Karpfen dick und
fett. Als naechstes verleiht der Besitzer des Restaurants fuer einen
Spottpreis
Anglerausruestungen an die Gaeste. Da bekanntlich die
meisten Angler, diesen 'Sport' nicht ausueben, weil sie hungrig
sind,
sondern vielmehr eine Ausrede brauchen, damit ihre
Begleiterinnen endlich mal den Mund halten muessen ('Liebling,
du
verscheuchst mir die Fische!'), ist es ueberhaupt kein Problem,
dass der Restaurantbesitzer allen gefangenen Fisch fuer
sich
beansprucht. Die beleidigten Ehefrauen oder Freundinnen, denen man
den Mund verboten hat, sind derweil zufaellig der
Frau des
Restaurantbesitzers ueber den Weg gelaufen, die sie informiert, dass
gegen eine laecherliche Gebuehr von 60 Mark
die Stunde heute
ausnahmsweise ein Kochkurs 'Karpfen blau' stattfindet. Die Damen sind
begeistert. Waehrend also die Kinder
weiter die Karpfen maesten,
die Maenner die Karpfen angeln und die Frauen mit der Zubereitung
derselben beschaeftigt sind,
hat der Restaurantbesitzer gerade
noch Zeit, die Preise fuer das heutige Mittagsmenu anzuschreiben.
Natuerlich gibt es
heute eine Spezialitaet des Hauses:
Frisch
gefangener Karpfen, fuer nur 36 Mark"
Die Studenten gaffen mich an. Ich laechele freundlich.
"Das ist das ganze 'Carp Model', meine Herren.
Jetzt muessen Sie nur noch ein paar Vertauschungen vornehmen. Zum
Beispiel
machen wir den Karpfen zu 'Windows 98' und das Angeln
nennen wir 'Customer Beta Testing', und so weiter..."
"Aber", wagt der Pickel-Jungspunt
einzuwenden, "die Geschichten ueber Sie werden doch auch
kostenlos im Netz verteilt.
Widerspricht das nicht dem 'Carp
Model'...?"
Ich seufze unterdrueckt. Ein Paedagoge hat es
manchmal schon wirklich schwer.
"Ja, haben Sie denn nicht
verstanden? Haben Sie denn wirklich nicht verstanden?!"
Nein,
haben sie offensichtlich nicht.
"Im 'Carp Model' gibt es
auch etwas umsonst - um die Opfer erstmal anzulocken. Na? Na?!"
"Der See, und... aeh... die idyllische Landschaft?" schlaegt einer der Studenten vor.
"Bingo!" sage ich.
"Ich kann es
Ihnen ja ruhig verraten, dass ich inzwischen an einem neuen
Internet-Browser-Plugin speziell fuer
Bastard-Geschichten arbeite.
Die Geschichten werden dann natuerlich kodiert und sind nur noch mit
dem - selbstredend
kostenpflichtigen - BAFHReader-2.3 lesbar. Alle
3 Monate braucht man einen - ebenfalls kostenpflichtigen - Upgrade,
sonst
faengt der BAFHReader-2.3 an, gnadenlos die schoensten
Pointen beim Dekodieren zu unterdruecken. Sie koennen sich gar
nicht
vorstellen, wie grausam es ist, wenn am Ende einer guten
Story die Hauptpointe in nichtssagenden Puenktchen endet!"
Ich grinse mein diabolischstes Grinsen, und die
Studenten gaffen mich an, als ob mein Chef persoenlich (nicht DER
Chef; der
wirkliche Chef natuerlich!) vor ihnen erschienen waere.
In diesem Moment biegt Frau Bezelmann in Begleitung
des Chefs um die Ecke (nein, nicht der WIRKLICHE Chef; diesmal ist
es
der, den ihr alle kennt; von dem anderen solltet ihr euch
sowieso besser fernhalten!). Der vorlaute Jungspunt prescht vor
und
ruft dem Chef begeistert zu:
"Herr Leisch hat uns gerade das
'Carp Model' erklaert. Denken Sie auch, dass das 'Carp Model' das
Wirtschaftsmodell der
Zukunft ist?"
Der Chef sagt: "Aehm... hrrrm... ja... aeh..."
und versucht verzweifelt sich zu erinnern, welches der vielen
Projekte am
LEERstuhl mit 'Carp Model' gemeint sein koennte.
Frau Bezelmann kneift grimmig ihre duennen Lippen
fester zusammen und sagt mit vor Sarkasmus triefender Stimme:
"........................................................"
ERROR -6: Your BAFHReader has just expired. Get a new upgrade from...
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Summer Hotline
Sommerferien. Der Chef ist auf seiner ueblichen
Sommer-Konferenz-Welt-Tour (New York, Malaysia, Fidschi,
Hawaii,
Berchtesgaden, Pretoria), Kollege O. liegt immer noch mit
Lila-Reizwaesche-Allergie im Krankenhaus, Marianne besucht
eine
lesbische Veranstaltung zur Festigung der astralen
Persoenlichkeit und sogar Frau Bezelmann ist auf
einer
Lama-Fang-Expedition in den noerdlichen Anden.
Und ich
sitze hier mit Nero im Buero und langweile mich zu Tode.
Nachdem wir uns drei Stunden lang abwechselnd
angegaehnt haben, und ich schon Muskelkater in der
Backenmuskulatur
verspuere, nehme ich Neros Kaefig, und wir machen
einen kurzen Ausflug hinueber ins Rechenzentrum zu den Jungs der
Hotline,
die sich in diesen mauen Zeiten genauso langweilen wie
ich.
Anton, der offiziell gerade Schicht hat, studiert
eigentlich transsilvanische Metaphysik im 38. Semester, ist aber
schon
seit der Gruendung des Rechenzentrums mit dabei.
Sein Kollege Konrad, der auch nur aus akuter
Langeweile hier herumlungert, ist von Beruf hauptamtlicher
Schneeraeumer und
arbeitet deshalb naturgemaess nur im Winter, und
auch dann nur, wenn eben Schnee liegt (ist ja logisch, oder?). Er
hat
diesen Beruf gewaehlt, weil er erstens einzigartig ist, und
weil er zweitens im Sommer mehr Zeit hat, die Topless-Girls
im
Englischen Garten zu betrachten.
Um nicht verhungern zu muessen, verdingen sich beide
als Hilfskraefte in der Hotline des Rechenzentrums.
Wir einigen
uns, dass jeder mal im Uhrzeigersinn dran ist, und mischen die
Ausredenkarten. Kurz darauf klingelt
tatsaechlich das Telefon.
Konrad ist als erster dran und dreht den Lautsprecher
auf, waehrend ich den DAT-Recorder einschalte. Beides natuerlich
ganz
fuerchterlich streng verboten und deshalb ganz besonders
reizvoll.
Der Anrufer nuschelt undeutlich:
"Ist da die
Hotline? ... Ah, ja. Also: immer wenn ich mich einwaehlen will, kommt
bloss so ein komisches Pfeifen und dann
nichts mehr..."
"Ah, so! Verstehe..." sagt Konrad und zieht eine Karte vom Stapel.
Dann haelt er sie hoch, so dass wir sie alle sehen
koennen:
'Elektromagnetische Doppler-Strahlung durch
abstuerzenden Satelliten-Muell'
steht darauf. Alle Anwesenden -
einschliesslich Nero - stoehnen unterdrueckt. So ein alter Hut!
"Alles, was Sie hoeren, ist also ein lautes Pfeifen", vergewissert sich Konrad.
"Genau! Und dann passiert nichts mehr..."
"Hmm, ich denke, da pfeift gar nicht Ihr Modem,
sondern das ist wieder so eine verdammte
rotations-invariante
Doppler-Einstrahlung der Mir..."
"Haeh?"
"Ja, Sie wissen schon... die Teile der alten
russischen Raumstation Mir kommen jetzt Teil fuer Teil herunter. Sie
glauben
gar nicht, was wir hier zur Zeit fuer einen Aerger mit
Dopplerstrahlung haben..."
'Sie wissen schon...' ist ein alter Hotline-Trick. In
der richtigen Betonung macht es den ahnungslosen Deppen am
anderen
Ende zum High-Tech-Mitverschworenen.
Prompt kommt als naechstes aus dem Lautsprecher:
"Wirklich? Ach ja, stimmt! Davon habe ich auch schon
gehoert..."
Was fuer ein Klugscheisser! Anton und ich geben beide
das Time-Out-Zeichen und Konrad muss nach den Spielregeln noch
eine
Karte ziehen:
'Modem-Ausgang mit ausgebrannten Elektronen
verstopft'
"Koennte aber auch sein", sagt Konrad nachdenklich, "dass Ihr Modem-Port verstopft ist..."
"Verstopft???"
"Ja, meistens, wenn das Modem laengere Zeit nicht benutzt wurde, ist der ganze Port voll mit ausgebrannten Elektronen..."
"Ausgebr...? Aber..."
"Wann haben Sie das Ding denn das letzte mal durchgespuelt?"
Verbluefftes Schweigen. Dann:
"Sie meinen...
so richtig... durchspuelen? Mit... mit Wasser...?"
Konrad
seufzt laut ins Mikro.
"Natuerlich nicht mit Wasser! Sie
wollen doch keinen Kurzschluss in Ihrem Modem haben, oder? Alkohol
natuerlich! Reiner
medizinischer Alkohol! Oder Glycol koennen Sie
auch nehmen. Einen kraeftigen Schuss durch die oberen Spuelschlitze
giessen!
Sie werden sehen, das wirkt bei verstopften Modem-Ports
wahre Wunder... Jaja, schon recht. Auf Wiederhoeren..."
"Schwach!" ist der einzige Kommentar von
Anton, und Nero kraechzt abfaellig dazu. Konrad holt beleidigt Luft,
um seinem
Leistungen zu verteidigen, aber in diesem Moment laeutet
schon wieder das Telefon.
Anton hebt ab. Diesmal ist es eine sie, und wir
ruecken alle naeher an den Lautsprecher.
"Ja, aeh... hallo
erstmal", piepst sie froehlich. "Ja... also, die Sache ist
die: mein PC steht normalerweise in meinem
Arbeitszimmer... Aber
ich braeuchte ihn ja eigentlich mehr in der Kueche..."
"Aehm... in der Kueche?"
"Genau! Wegen der Kochrezepte, und so. Und...
und in der Gebrauchsanweisung steht nun, man solle den Computer aber
nur an
einem trockenen Ort betreiben. Und eine Kueche ist ja wohl
nicht trocken, oder? Mit dem ganzen Dampf, und so?"
"Aeh..."
"Und dann hatte ich diese geniale Idee, dass ich
den Computer einfach im Arbeitszimmer lasse, und nur den Schirm und
die
Tastatur in die Kueche..."
"Genial", bestaetigt Anton und wirft uns
einen verzweifelten Blick zu.
"Und wo liegt jetzt das
Problem?"
"Die Kabel sind zu kurz", kommt es
vorwurfsvoll zurueck, so als ob Anton persoenlich dafuer zur
Verantwortung zu ziehen
sei. Anton zieht eine Karte vom Stapel:
'Buegel-BH wirkt als Empfangsantenne'
"Ja... hmm... ich verstehe. Sie braeuchten also
eine Verlaengerung fuer den Monitor und die Tastatur, damit sie
beides in
der Kueche... aeh... installieren koennen..."
"Prima! Wo gibt es denn solche Verlaengerungen?"
"Hmm... nicht so hastig. Die Tastatur sollte
kein Problem sein. Aber beim Bildschirm, da ist die Sache nicht so
einfach,
verstehen Sie? Wegen der hohen Zeilenfrequenzen kann es
zu ueblen Interferenzen kommen... Ich muss jetzt eine
etwas
indiskrete Frage stellen: Tragen Sie einen Buegel-BH?"
"Einen Buegel-... was... wieso wollen Sie denn das wissen?!"
"Ich erklaer's Ihnen kurz: Die intermodulare
Bus-Taktfrequenz auf den paarweise gespleissten TP-Leitungen
des
Monitor-Kabels strahlt irgendwo im
Fuenfzig-Zentimeter-Band..."
"Oh!" sagt sie. Mit anderen Worten: DUMMY MODE ON!
"Ja, und wie Sie sich denken koennen..." da
war's wieder! "... wird jede leitfaehige Struktur von ca. 25 cm
Laenge als
Dipol-Antenne wirken und kraeftige Resonanzen
ausloesen. Das kann ausgesprochen unangenehm sein fuer... fuer...
also fuer
den Traeger eben! Tragen Sie also einen Buegel-BH?"
"Aeh... ja..."
"Ziehen Sie ihn aus!" sagt Anton ungeruehrt.
"Waaas?!"
"Ja, klar. Oder wollen Sie vielleicht die
Buegellaenge ausmessen, waehrend Sie ihn tragen? Ziehen Sie ihn aus,
holen Sie
ein Massband und messen die Laenge der Buegel! Wir
sollten das unbedingt abklaeren, bevor Sie eine
Verlaengerung
installieren. Schon aus Sicherheitsgruenden..."
Sie macht es! Sie legt den Hoerer weg und macht es tatsaechlich!!!
Konrad und ich waelzen uns im ROTFL-Zustand auf dem
Boden und stopfen uns alte Quota-Ausdrucke von 1974 ins Maul, damit
wir
nicht laut losprusten. Auch Konrad hat sichtlich Probleme,
seine Stimme ruhig zu halten. Nach einer kurzen Weile meldet
sich
die Anruferin wieder.
"Achtundvierzig Zentimeter", haucht sie ins
Telefon, und wir nicken alle anerkennend (auch Nero nickt). Warum
sind
eigentlich alle Hotliners solche Chauvis? Muesste man auch
mal untersuchen...
"Achtundvierfzig also", wiederholt Anton. "Und Sie tragen immer ungefaehr den gleichen Buegel-BH?"
Sie bestaetigt auch das. Konrad murmelt ein paar
Sekunden vor sich hin, als wuerde er rasch im Kopf ein paar
Formeln
ueberschlagen.
"Schaut ganz so aus, als ob wir
damit noch im unterstuetzten Bereich liegen", verkuendigt er
dann froehlich, und Anton
prustet wieder los.
"Sie
koennen sich also beruhigt eine Verlaengerung besorgen. Die bekommen
Sie in jedem Computer-Fachgeschaeft."
Mir bleibt gerade noch Zeit, die Kassette zu wechseln
und vom ISDN-Display die Nummer der Buegel-BH-Frau zu notieren,
da
klingelt es schon wieder. Diesmal hebe ich ab. Und es ist
wieder eine sie! Heute ist scheint's unser Glueckstag!
Nach den einleitenden Floskeln sagt sie schuechtern:
"Ja, also... ich habe naemlich einen Macintosh Computer..."
Ich sage ihr beruhigend, dass das bestimmt nichts sei, weswegen man sich schaemen muesse, und wo denn das Problem liege.
"Ja, also. Seit heute morgen bleibt der Bildschirm einfach dunkel..."
Ich ziehe meine Karte:
'Akustische Ferndiagnose'
"Er bleibt also dunkel", sage ich, "und sonst passiert nichts? Sind zum Beispiel irgendwelche Toene hoerbar?"
"Ja, stimmt! Wenn man ihn einschaltet, kommen ein paar seltsame Toene..."
Ganz klar: die beruehmten 'Chimes of Death'.
Wahrscheinlich ein defektes RAM-Modul oder sonst irgendwas Ekelhaftes
auf dem
Motherboard. Irgendein ausgeflippter Programmier-Freak bei
Apple muss damals wirklich eine gute Zeit gehabt haben! Hmm,
mal
sehen, was man daraus machen kann...
"Koennen Sie ihn mal einschalten? Ich wuerde mir das gerne mal anhoeren..."
"Ja... aeh... das geht leider nicht: Der Mac steht im ersten Stock und oben habe ich kein Telefon..."
Perfekt!
"Es ist ganz wichtig, dass ich einen
kreuzmodulierten Referenz-Check mit Hilfe des akustischen
Ferndiagnose-Units
durchfuehren kann", sage ich eindringlich.
"Oh!" sagt sie. Mit anderen Worten, usw.
"Sie gehen jetzt hinauf zu dem Patienten,
schalten ihn an und versuchen sich die Melodie zu merken. Dann kommen
Sie wieder
zum Telefon und singen die Melodie nach..."
"Aehm... ok..."
Sie macht es! Vielleicht koennte ich sie sogar
bitten, ein Taxi zu rufen, dem Taxifahrer die Melodie beizubringen
und ihn
hierher zu schicken... Naja, wir wollen es mal nicht
uebertreiben!
Waehrend sie weg ist, ermittele ich aus der Telefonnummer rasch ihre Daten. Drei Minuten spaeter ist sie wieder da.
"Also..."
"Moment noch", unterbreche ich, "ich
muss noch den Ferndiagnose-Unit starten..." Ich klappere ein
wenig mit der Tastatur.
"Jetzt!"
"Hrrrm... dadadidaaah - didadadaaaahhh!"
Ich reagiere nicht.
"Hallo?" meldet sie sich nervoes. "Haben Sie....?"
"Sind Sie GANZ sicher mit der Melodie?" frage ich skeptisch.
"Aeh.... ja, ich denke schon..."
"Singen Sie's nochmal!"
"Aber..."
"Singen Sie's einfach nochmal, ok? Vielleicht
mit etwas mehr Gefuehl, ja? Ich kann das einfach nicht glauben.
Unglaublich
so was..."
Sie singt es tatsaechlich noch einmal, allerdings mit
ziemlich zittriger Stimme. Ich lasse sie noch insgesamt
sechsmal
vorsingen. Unglaublich, zu was sich Leute von der Hotline
bringen lassen. Dann hole ich tief Luft und sage:
"Tja, also, ich weiss jetzt gar nicht, wie ich
Ihnen das 'rueberbringen soll. Ich mache schon 12 Jahre Dienst in
der
Hotline, aber so etwas..."
"WAS denn? WAS?!" Die Dame ist inzwischen schon leicht hysterisch.
"Also, der Ferndiagnose-Unit hier hat sich das
siebenmal angehoert und behauptet... Ich muss aber noch anmerken,
dass immer
noch ein kleine Chance besteht, dass der Unit sich
geirrt hat, ich meine..."
"WAS?! WAS SAGT ER?!"
"Er hat also die Melodie de-kodiert und meldet
folgenden Text: 'Mein Leben ist sinnlos geworden, seit du mein
Display nicht
mehr streichelst. Lebe wohl, Katharina!' Heissen Sie
Katharina?"
Schweigen in der Leitung. Dann ein ganz schwaches:
"Ja..."
"Herzliches Beileid" sage ich mit
gedaempfter Stimme, "ich fuerchte, da sind wir mit unserer Kunst
am Ende. Am besten
wenden Sie sich wegen der Beerdigung an einen
Apple Vertragshaendler... ich meine, wegen der Entsorgung..."
Rascal
"... und er schaut so suess aus mit seinem
verstrubbelten braunen Haaren und den blauen Augen. Er kann sich
kaemmen so viel
er will, aber immer stehen seine Haare nach oben,
wie ein kleiner Lausbub..."
Marianne und Frau Bezelmann haengen wie gebannt an
Jennys Lippen und seufzen verzueckt. Jenny berichtet gerade
ausfuehrlich
waehrend der Kaffeepause von ihrem neuesten Freund.
Ich blaettere derweil in der neuesten Ausgabe von 'Hacker's Havoc'
und
versuche nicht hinzuhoeren.
"... und jedes Wochenende zieht er dann los mit
seinen ganzen Modellflugzeugen, wie ein kleiner Junge. Ganz ernsthaft
wird
er dann, und wenn das bloede Ding nicht starten will, kann er
stundenlang am Boden knien und daran herumbasteln. Wenn er
dann zu
mir kommt, hat er noch lauter Grasflecken auf seinen Jeans, wie ein
Lausbub. Und dann erzaehlt er mit strahlenden
Augen, dass er heute
einen 5-fachen Looping oder irgend so was aehnliches geschafft hat...
das ist SO SUeSS..."
"Ach ja" bemerkt Frau Bezelmann mit
glaenzenden Augen, "das Kind im Manne eben...", und dann
seufzen wieder alle drei
verzueckt.
"Ich sehe ueberhaupt nicht ein, was daran so
toll sein soll, im Matsch zu knien, um ein laecherliches
Modellflugzeug zu
starten", bemerke ich kritisch.
"Soll
er sich doch lieber den Flugsimulator, Version 7.0 besorgen, der
startet wenigstens immer..."
Marianne, Jenny und Frau Bezelmann beaeugen mich
empoert.
"SIE koennen da ueberhaupt nicht mitreden!"
erklaert Frau Bezelmann kategorisch.
"Genau!" bekraeftigt Marianne mit aetzender
Stimme.
"Leisch hat wahrscheinlich noch nie in seinem Leben
etwas Kindisches unternommen. Ich wette, er hat auch niemals
so
richtige Lausbubenstreiche verbrochen, wie er klein war. Daher
weiss er auch gar nicht, wie das einer weiblichen Seele ans
Herz
geht."
"Und ausserdem", setzt Jenny noch eins
drauf, "kann ich mir Leisch sowieso nicht als richtiges Kind
vorstellen. Er hat
sicher schon mit 4 Jahren die Pentagon-Rechner
geknackt!"
Beleidigt ziehe ich mich in mein Allerheiligstes zurueck und fahre die Schutzschilde hoch.
Am naechsten Vormittag platzt Marianne zornschnaubend
in mein Buero. In der rechten Hand haelt sie mit einer
Kombizange
weit von sich gestreckt ein glibberiges rundes Stueck
Plastikfolie, das taeuschend echt wie eine Pfuetze
Erbrochenes
ausschaut und sich auch so anfuehlt.
"Das... dieses... das...", keucht sie.
"Das ist gelungen, nicht?" sage ich freundlich.
"Dieses DING lag auf meiner Tastatur!" kreischt Marianne mit 112 dB Lautstaerke.
"Ich hab' nicht hingesehen und voll HINEINGEFASST! Du... du... Ekel!"
Ich mache den Mund auf, um zu erklaeren, dass es sich
bitteschoen nur um einen kleinen harmlosen Scherz handele, aber
ein
ploetzliches Getoese auf dem Gang laesst mich nicht zu Wort
kommen.
Es klingt etwa so, als ob man eine Ladung
Silberbesteck in der Waschmaschine rotieren lassen wuerde - abgesehen
davon, dass
eine Waschmaschine normalerweise relativ stationaer
ist, und nicht - wie dieses Geraeusch - mit einem Affenzahn den
Gang
herunter gerast kommt.
Im naechsten Moment saust Rex, Jennys
Promenadenmischung, an meiner Buerotuere vorbei, sieben leere
Blechdosen, die an
seinem Schwanz befestigt sind, hinter sich her
schleudernd. Doro, die doofe Hausmeisterdogge, ist ihm dicht auf den
Fersen
und bellt begeistert so laut sie kann. Offensichtlich denkt
Doro genau wie ich, dass es sich um einem wirklich tollen
Spass
handelt.
Weit abgeschlagen, mit fast dreieinhalb Sekunden
Abstand, kommt Jenny den Gang entlang gekeucht. Als sie Marianne und
mich
in der Tuere stehen sieht, zieht sie schnaufend die
Notbremse.
"Ich... du... das...", japst sie, aber da
kracht es auch schon gewaltig am Ende des Flures, fast so wie damals,
als irgend
ein Unbekannter (!) die Lenkung am Traktor der
Hausmeister festgeklemmt hatte, und der erste Hilfshausmeister mit 30
Sachen
durch die Fensterscheibe der theologischen Bibliothek
gerast war.
Anscheinend hat Rex infolge seines typischen
Linksdralles - das war die Sache mit dem 380-Volt-Kabel; ihr erinnert
euch! -
die Kurve vor dem Sekretariat nicht mehr geschafft und ist
voll in Frau Bezelmanns Kakteensammlung unter dem
Flurfenster
geschlittert. Doro natuerlich immer hinterdrein.
Waehrend Rex, der jetzt mehr wie ein
ueberdimensionales Stachelschwein aussieht, mit Doro und Jenny auf
den Fersen
weitersprintet, reisst Frau Bezelmann wuetend ihre
Buerotuere auf, um festzustellen, wer fuer diesen infernalischen
Laerm
vor ihrem Buero verantwortlich ist.
Drei bis zum Platzen mit konzentrierten Tensiden und
Rasierschaum gefuellte Luftballone loesen sich aus ihrer
Aufhaengung,
die auf sinnreiche Weise mit Frau Bezelmanns Tuere
gekoppelt war, und schweben sanft auf sie herunter. Frau Bezelmann
holt
gerade tief Luft, um einen ihrer schwefelsaeuregesaettigten
Kommentare loszulassen, als einer der Ballone in dramatischen
Kontakt
mit einer Haarnadel in ihren Dutt kommt.
Es gibt ein Geraeusch, das am besten mit
"WaaaooouuuppSwosch!" wiedergegeben werden kann, und Frau
Bezelmann verwandelt
sich schlagartig in ein wandelndes
Sahnehaeubchen.
Der Chef, aus seinem Mittagsschlaefchen in der
Bibliothek aufgeschreckt, geraet mitten in einen Knallerbsenteppich,
den
jemand sorgfaeltig vor der Bibliothek ausgebreitet hat. Vor
Schreck haelt er sich an Frau Bezelmanns Power-Shredder fest,
bei
dem wohl aus Versehen (!) der Motor falsch herum angeschlossen ist.
Der Power-Shredder reagiert mit einem sehr
ploetzlichen Auswurf
seines gesamten Papierfitzelvorats und gibt dem ueberraschten Chef in
Null-Komma-Nix das Aussehen
eines etwas lametta-ueberladenen
Weihnachtsbaums.
Der Kollege O. erscheint - wie immer mit einem
Reizwaeschekatalog in der Hand - auf der Bildflaeche und tritt
ausgerechnet
auf einen der beiden unversehrten Ballone, die noch
durch den Gang kullern: "WaaaooouuuppSwosch!"
Der Flur verwandelt sich in einen erstklassigen
Schaumteppich, auf den die Hausfeuerwehr stolz sein
koennte.
Ungluecklicherweise hat Kollege Rinzling, der wieder
einmal an einem seiner eingebildeten Gichtanfaelle leidet,
versaeumt,
seinen Krueckstock mit einem TUeV-geprueften
Anti-Rutsch-Gummikopf zu versehen. Weswegen er beim Verlassen
seiner
keimfreien Enklave sofort auf dem Schaumteppich vor seinem
Buero ausrutscht und mit Armen und Kruecken rudernd in den
letzten
Ballon hineinschlittert.
Auch Marianne, die nicht mehr rechtzeitig ausweichen
kann, wird mit in die Tiefe gerissen. Der LEERstuhl bietet
in
zunehmenden Masse das Bild einer ausgelassenen Schaumparty.
Einen aehnlich Eindruck hat wohl auch der Dekan, der gerade
zufaellig
am Ende des Flures mit einer Delegation Hongkong-Chinesen
vorbeikommt. Geistesgegenwaertig lenkt er seine Gaeste
weiter in
Richtung evangelischer Theologie, obwohl die sicher lieber zuschauen
wuerden, wie Marianne mit verbissenen
Schwimmbewegungen versucht,
auf dem rutschigen Schaumteppich an meine Hosenbeine heranzukommen.
Die eskalierende Dynamik der Situation laesst es mir
angeraten erscheinen, vorerst von der unmittelbaren Bildflaeche
zu
verschwinden. Ich schnappe mir meine neue kombinierte Dart-Gun
mit integriertem Super-Soaker - die mit dem
extragrossen
2-Liter-Magazin - und schiesse mir ruecksichtslos den
Weg bis zum Ausgang frei.
Im sicheren Hafen der Cafete beschliesse ich, erstmal
abzuwarten, bis alle kapiert haben, dass es sich doch wirklich nur
um
ganz harmlose Lausbubenstreiche gehandelt hatte. Was kann ich
dafuer, wenn an diesem LEERstuhl immer alles
ueberdramatisiert
wird?
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Clean Kill
Einer der ganz grossen Vorteile der modernen
Buerotechnik sind die automatischen Kalenderfunktionen. Kaum jemand
ist sich
bewusst, wie einfach es ist, fremde Kalenderdateien zu
lesen. Auf diese Weise komme ich an viele interessante
Informationen,
wie z. B. dass Frau Bezelmann seit neuesten an einem Kurs in
bolivianischen Dschungelnahkampf teilnimmt. In
Zukunft werde ich
strikt einen Sicherheitsabstand von zwei Metern einhalten!
Beim Kollegen O. ist jeden Donnerstag abends ein
nicht weiter spezifizierter Termin eingetragen. Zuerst vermute ich
eine
Liebelei mit einer Studentin dahinter; eine genauere Analyse
seiner email der letzten Monate ergibt jedoch, dass O. sich
fuer
einen Volkshochschulkurs 'Naehen von Spitzenunterwaesche'
eingeschrieben hat.
Aus dem Kalender des Chefs ersehe ich, dass morgen
die Deadline fuer die Antraege im neuen EU-Rahmenprogramm
ist.
EU-Projekte sind fuer Uni-Assistenten ungefaehr so nuetzlich
wie Knoblauch fuer Vampire. Deshalb hacke ich mich kurz in
den
Abrechnungscomputer der Stadtwerke und fummele ein wenig an
der Kundendatei des Chefs herum. Danach sieht es tatsaechlich
so
aus, als ob der Chef seit nunmehr exakt neun Monaten seine
Stromrechnung nicht mehr bezahlt haette. Der
Abrechnungscomputer
wird daher, brav seinen eigenen Gesetzen folgend, heute um
Mitternacht den Strom abstellen, und morgen
bekommt der Chef dann
seinen Wagen nicht aus der Garage, weil er nur ein elektrisches
Garagentor hat. Da der Chef seine
Antraege immer auf den
allerletzten Druecker schreibt, sprich am Tag der Abgabe, haben wir
somit eine recht gute Chance,
fuer diesmal verschont zu bleiben.
Vorausschauend planen! Das sage ich auch immer wieder zu meinen
Studenten: man kann sich unendlich viel Arbeit ersparen,
wenn nur
etwas vorausschauend arbeitet!
Um den langweiligen Semesterferienalltag etwas
aufzupeppen, vertausche ich noch alle Rendezvous von Marianne und
Jenny in
der naechste Woche und verschiebe alle uebrigen Termine
um eine Stunde nach hinten. Spaeter kann ich dann immer noch
alles
auf die Sommerzeit schieben. Bei der Gelegenheit sehe ich
auch, dass Marianne fuer morgen das lang ersehnte Ende
ihrer
bescheuerten Finite-Elemente-Simulationen eingetragen hat.
Seit 4 (in Worten vier!) Monaten nervt mich Marianne mit
ihren
CPU-fressenden Monsterprozessen, die ausgerechnet auf meinem
geheiligten DooM-Server laufen muessen. Sie hat mir hoch und
heilig
geschworen, mich an den Eiern aufzuhaengen, falls ich in der Zeit
auch nur irgend etwas mit dem Server anstellen
wuerde.
Mein eigener Kalender klingelt und erinnert mich
daran, dass ich dem Chef versprochen habe, heute noch ein
Job-Interview
mit einem neuen Kandidaten fuer das SCHWAFEL-Projekt
zu fuehren. Wenn man sich's genau ueberlegt, war das wohl nicht
ganz
so schlau vom Chef, denn ein neuer Mitarbeiter bedeutet, ich
muss eine Workstation bereitstellen, einen Account einrichten,
eine
Mailbox... kurz: nix als unnoetige Arbeit!
Ich gehe nach vorne ins Sekretariat, wo der Kandidat,
ein blasses Juengelchen mit prominenten Adamsapfel und
unmoeglicher
Krawatte, unter den wachsamen Blicken Frau Bezelmanns
und Neros bereits vor lauter Nervositaet einen Anzugsknopf nach
dem
anderen abdreht. Ich fuehre ihn in mein Buero und sage, dass
ich nur noch ganz kurz ein Fax abholen muesse. Dann gehe ich
hinueber
in den Rechnerraum und aktiviere die Webcam in meinem Buero, so dass
ich ihn ungestoert beobachten kann. Erst mal
lasse ich ihn noch
drei Minuten im eigenen Saft schmoren; dann initiiere ich Test No.
19: Ich leite den Kernel des Servers
bei voller Lautstaerke auf
die Audiokarte. Das akustische Resultat liegt irgendwo in der Mitte
zwischen einem Alarmstart
des Space Shuttle und der letzten
Berliner Love Parade komprimiert auf 10 Minuten.
Der Kandidat
hopst 20 Zentimeter in die Hoehe und verstreut dabei seine ganzen
Bewerbungsunterlagen auf dem Boden. Ein paar
Sekunden lang starrt
er mit seinen hervortretenden Augen auf den Server, dann macht er
einen grossen Schritt hinter meinen
Schreibtisch und guckt
vorsichtig aufs Display. 'SEVERE SERVER PANIC' blinkt es mit grossen
Buchstaben quer ueber die
Console. 'SOFORT NETZSTECKER ZIEHEN!'
Der Laerm ist wirklich ohrenzerberstend; sogar hier im
Rechnerraum kann ich ihn noch muehelos hoeren. Der Kandidat
zaudert
ein paar Sekunden, geht zur Tuere und guckt auf den Gang;
aber da ist auch niemand. Schliesslich gibt er sich einen Ruck
und
zieht tatsaechlich den Netzstecker des Servers (oder das, was er
dafuer haelt!). Der infernalische Laerm bricht sofort
ab, geht
aber uebergangslos in das nervenzerfetzende Heulen der verdammten
Seelen aus 'Insel der Wuerger-Zombies III'
ueber. Gleichzeitig
beginnen dicke rote Tropfen langsam ueber die X-Console des Servers
zu laufen. Das Heulen blendet
langsam ueber in ein grauenhaftes
Roecheln, das ich vor ein paar Monaten im Buero des Kollegen Rinzling
aufgenommen habe,
als dieser sich einbildete, an finalem
Staubmilben-Asthma zu leiden. Das Roecheln erstirbt langsam, waehrend
das Display
immer dunkler wird und schliesslich erlischt.
Der
Kandidat ist voellig mit den Nerven fertig. Der Schweiss plaetschert
in wahren Baechen von seiner Stirne, mit der
Linken zerrt er
krampfhaft an seiner unmoeglichen Krawatte, mit der Rechten haelt er
immer noch das Netzkabel des Servers
umklammert.
In diesem
Moment stuermt Marianne wutschnaubend in mein Buero, weil sie
natuerlich mitbekommen hat, dass alle ihre
gehaetschelten Prozesse
inzwischen gewaltsam gekillt wurden. Da der Kandidat der einzige in
meinem Buero ist und immer noch
das Netzkabel in der Hand haelt,
hat sie keinerlei Probleme den vermeintlichen Uebeltaeter zu
lokalisieren, und geht mit
ihren lila lackierten Fingernaegeln auf
ihn los. Ich rase hinueber in mein Buero und es gelingt mir
tatsaechlich, das
blutleere Buerschchen noch weitgehend intakt
Mariannes Klauen zu entreissen. Wir fluechten uns in die Bibliothek
und
schliessen die Tuere hinter uns ab.
"Um Gottes Willen, Mann!" rufe ich laut, um
das wuetende Gehaemmere Mariannes an der Bibliothekstuere zu
uebertoenen, "Was
haben Sie bloss mit Marianne angestellt?!
Sind Sie ihr etwa... aeh... etwas zu nahe getreten?!"
Der Kandidat betupft mit den Resten seiner zerfetzten
Bewerbungsunterlagen seine aufgeplatzte Lippe und
stottert
unzusammenhaengendes Zeug ueber 'Panik' und
'Blutstropfen'.
"Ja, das sehe ich, dass Sie bluten", sage
ich, "am besten Sie gehen mal ganz schnell hinunter in die
Veterinaermedizin. Da
finden Sie vielleicht einen Weisskittel, der
Sie wieder zusammen flickt. Im uebrigen glaube ich wirklich, Sie
sollten sich
besser woanders nach einer Doktorandenstelle
umschauen. Marianne hat in diesen Dingen ein Gedaechtnis wie ein
Elefant..."
Copyright (c) Florian Schiel 1999
Top Down Engineering
Der Tatsache, dass Frau Bezelmann in vier Jahren
Dienstzeit genau dreimal zu Fuss (!) durch den LEERstuhl dackeln und
einen
vermissten Mitarbeiter ans Telefon holen musste, allein
dieser Tatsache verdanken wir unsere neue Interkom-Anlage.
Frau
Bezelmann drohte ganz einfach mit fristloser Kuendigung, wenn
sie nicht ab sofort Durchsagen in jeden Raum des LEERstuhls
machen
koenne. Da eine Kuendigung nicht in Frage kommt, weil sie saemtliche
Konto- und PIN-Nummern des Chefs auswendig
weiss, wurde sofort
eine hochmoderne, stromnetzbasierte Durchsprechanlage installiert.
Selbstverstaendlich profitiert auch meine Wenigkeit
von dieser Anschaffung. Als erstes verbinde ich die Audiokarte
des
Chefrechners (ueber den ich volle Kontrolle habe; es lebe Bill
Gates) mit der Interkom-Zentrale im Sekretariat und kann auf
diese
Weise von meinem Buero aus mit allen meinen Leidensgenossen
kommunizieren. Um den Mitarbeitern die unglaublichen
Vorzuege der
neuen Anlage anschaulich vor Augen zu fuehren, schicke ich das
uebliche korrupte Broadcast-Packet an unseren
Token-Ring-Controler,
und der macht sich wie ueblich in die Hose. Nach nur drei Minuten
laufen die ersten Panik-Meldungen
ein, weil im PC-Labor und im
ganzen ersten Stock nix mehr laeuft. Ich schalte mein Headset auf das
Interkom und raeuspere
mich ein paar Male. Es hallt durch den
LEERstuhl, als ob ein Gewitter im Anzug waere.
"Alles mal kurz herhoeren", sage ich
aufmunternd, "wie inzwischen alle mitbekommen haben, ist unser
Token-Ring-Netzwerk
leider ausgefallen. Die Ferndiagnose hier
sagt: 'lost token'; also muss irgendwo im LEERstuhl eine
Unterbrechung des Rings
stattgefunden haben, und das Token ist
hoechstwahrscheinlich dabei herausgefallen. Ohne das Token geht
natuerlich nix.
Daher schauen jetzt alle bitte mal genau nach, ob
sich
a) irgendwo eine Unterbrechung finden laesst, und
b) ob
irgendwo das herausgefallene Token herumliegt. Ein kleiner Tip: Das
Token ist blass rosa, nur etwa so gross wie ein
Reiskorn und
leuchtet im Dunkeln."
Befriedigt hoere ich ein paar Sekunden spaeter, wie
unten im ersten Stock die Jalousien herunter gelassen werden;
die
evangelischen Theologen suchen also schon alle brav nach dem
Token...
Marianne reisst meine Buerotuere auf:
"Das
soll wohl sehr witzig sein, das mit dem Token!" bemerkt sie
sarkastisch und stemmt drohend die Faeuste in ihre
Wespentaille.
Ich erwidere ruhig, dass ich es aus didaktischen Gruenden fuer
sinnvoll halte, wenn die Theologen sich auch
mal mit der irdischen
Netzwerktechnik auseinandersetzen, und fuege hinzu, dass ihr
(Marianne) die beiden Zornsfalten ueber
der Nase richtig gut
stehen. Marianne zaubert noch eine dritte Zornsfalte hervor und sagt:
"Noch so eine freche Bemerkung und du kannst zwei kostenlose
Veilchen im Spiegel bewundern! In zwanzig Sekunden laeuft
der
Token-Ring wieder, oder ich garantiere fuer nichts!"
Mir faellt gerade noch rechtzeitig ein, dass Marianne
seit Neuestem als Hobby Kick-Boxen betreibt (auf Anraten von
Frau
Bezelmann natuerlich!) und verkneife mir eine weitere
Bemerkung ueber die dritte Zornsfalte. Ich boote leise maulend
den
Controler, waehrend Marianne mir ueber die Schulter guckt und
mit Argusaugen darueber wacht, dass ich nicht 'aus Versehen'
dabei
noch den Master-Switch kille.
"Ok", sagt sie schliesslich befriedigt und
wendet sich endlich zum Gehen, "uebrigens, was stinkt hier
eigentlich so
komisch? Schmort da irgend etwas durch oder ist das
dein neues Aftershave?"
Ich ziehe pruefend die Luft durch meine Nuestern ein:
tatsaechlich ist da eine ungewohnte Duftnote zu bemerken.
Irgendwie
modrig und leicht suesslich wie ein abgefackeltes
Kondom. Ich ueberpruefe rasch meinen umfangreichen Geraetepark, kann
aber
nichts Verdaechtiges feststellen. Hat es am Ende unseren
Profi-Hypochonder, den Kollegen Rinzling, erwischt? Es soll ja
schon
vorgekommen sein, dass man Beamte erst anlaesslich ihrer anstehenden
Pensionierung in mumifiziertem Zustand aus den
Bueros geborgen
hat. Ich klopfe also vorsichtig an die staubmilbensicher versiegelte
Tuere, aber der Kollege Rinzling
reagiert sofort auf seine
uebliche Weise, indem er den Schluessel von innen herumdreht. Da man
kaum davon ausgehen kann,
dass ein in Verwesung uebergegangener
Rinzling noch die Kraft hat, den Schluessel zu drehen, kann er auch
nicht die Quelle
des eigentuemlichen Geruchs darstellen. Um ganz
sicher zu gehen, bruelle ich durch die Tuere, wie er, Rinzling, sich
denn
so fuehle.
"Grauenhaft!" toent es dumpf aus dem
verrammelten Buero. "Ganz grauenhaft! Gehen Sie von der Tuere
weg! Sie verbreiten
Bakterien und Hausstaub!"
Also alles in Ordnung bei Rinzling. Woher kommt dann
dieser suessliche Gestank? Im Diplomandenzimmer schnueffele ich
mich
unauffaellig an den schwitzenden Studenten vorbei, aber die
stinken wie ueblich nach billigem Aftershafe, alten Turnschuhen
und
dem obligatorischen Angstschweiss, der immer ausbricht, wenn ich in
Sichtweite komme.
Ich gehe zurueck in mein Buero. Hier ist der Geruch
tatsaechlich am staerksten. Ich teile das Zimmer in
Pinkertonsche
Planquadrate ein und beginne systematisch jedes
Planquadrat olfaktorisch abzuchecken. Gerade als ich unter der
DVD-Jukebox
stecke, oeffnet sich die Tuere und Frau Bezelmann
kommt trotz hochgefahrener Schutzschilde herein. Dass es Frau
Bezelmann
ist, kann ich nur an den Schuhen sehen: niemand am
LEERstuhl ausser ihr traegt schwarze, angespitzte Stilettos
mit
polierten Stahlkappen.
"Darf ich hoeflichst anfragen, vor wem Sie sich
da unten verstecken?" fragt sie mit genuesslich knarrender
Stimme, und der
verdammte Rabe auf ihrer Schulter kraechzt
hoehnisch dazu.
"Ich... aeh... mache gerade ein Experiment, bei
dem es um die systematische Erfassung der Reaktion naiver
Versuchspersonen
beim Anblick meines Allerwertesten geht",
sage ich wuetend und versuche mich aus dem Kabelgewirr unter der
Juke-Box zu
befreien.
"Sehr interessant" bemerkt Frau Bezelmann
sarkastisch. "Vielleicht koennen Sie trotzdem Ihre anstrengende
Versuchsreihe
ganz kurz unterbrechen und das hier unterschreiben."
Sie haelt mir einen vorgedruckten Wisch und Kugelschreiber unter
die Nase.
"Was ist das?" frage ich misstrauisch und
klaube mir die Spinnweben von der Stirne. Unglaublich, was da fuer
ein Dreck
unter der Juke-Box lagert! Aber die Spinnweben stinken
nicht nach dem eigentuemlichen Geruch. "Das letzte Mal, als Sie
eine
Unterschrift von mir wollten, war es eine Petition an den
Landtag, eine Sondersteuer fuer Penistraeger einzufuehren; mit
der
abstrusen Begruendung, damit die Mehrkosten der Pissoirs in den
maennlichen oeffentlichen Toiletten abzudecken."
Frau Bezelmann zieht missbilligend die Mundwinkel
nach unten.
"Diesmal geht es um die Quotelung der
Parkplaetze in der Tiefgarage!" erklaert sie mit eisiger Stimme.
"Wir fordern genau
die Haelfte der Parkplaetze exklusiv fuer
die weiblichen Angestellten!"
Mit anderen Worten: immer ein freier Parkplatz fuer
Frau Bezelmann, weil es ueberhaupt nur 30% weibliche Angestellte an
der
Uni gibt! Ich ueberlege einen Augenblick. Dann sage ich:
"Wie
waere es damit: ich unterschreibe Ihre Petition, und Sie helfen mir
dafuer herauszufinden, wo dieser komische Geruch
herkommt."
"Was fuer ein Geruch?"
"Ja, riechen Sie denn nichts? Da ist doch etwas..."
Frau Bezelmann schnuppert pruefend; ihre Augen
blitzen.
"Ok", sagt sie, "unterschreiben Sie!"
Ich unterschreibe gehorsam, und Frau Bezelmann zerrt
mich zum Fenster. Als die Fluegel aufschwingen, ergiesst sich
ein
Schwall todbringender Moder in mein Buero. Es stinkt so
bestialisch wie ein durchgeschmorter 3COM-Switch, den man
aus
Versehen an eine 10kV-Drehstromleitung angeschlossen hat. Ich
gucke vorsichtig nach unten. Eine riesige, kackbraune
Biotonne
baeckt breit und fett in der prallen Sonne unter meinem Fenster.
Unter MEINEM Fenster!
Frau Bezelmann zieht die Mundwinkel noch etwas weiter
nach unten (bei ihr ist das so ungefaehr das Aequivalent
eines
Triumphlaechelns) und rauscht aus meinem Zimmer. Der
Modergestank nimmt mir den Atem; krampfhaft nach Luft
schnappend
verrammele ich das Fenster. Wahrscheinlich entsorgt die
Cafeteria ihre ganzen ungeniessbaren Essensreste in diese Tonne.
Das
Zeug riecht ja nicht mal vor dem Essen besonders gut!
Ich klaue mir Rinzlings Ersatz-Sauerstoffgeraet und
ueberlege angestrengt. Nachts in die Luft sprengen? Ein
kleiner,
zeitgesteuerter Brandsatz in den Resten der Nachspeise?
Der katholischen Kirche spenden? (Das ist uebrigens ein Tip,
Leute:
Wenn man irgendwas zuverlaessig loswerden will, spende man
das Ding der katholischen Kirche; die haben noch niemals etwas
wieder
herausgerueckt...). Aber das hat alles keinen Sinn! Spaetestens nach
einer Woche haben sie eine Ersatztonne
beschafft und dann geht das
Ganze wieder von vorne los! Nein, in diesem Fall muss ich den Hebel
ganz oben ansetzen!
Sogenanntes Top-Down-Engineering muss her...
Aus einem unglaublich verstaubten Schrank im
Zentral-Archiv besorge ich mir die Plaene unserer Haus-Klimaanlage.
Eine
Stunde spaeter rufe ich den Leiter der Haustechnik an. Eine
verschlafene Stimme meldet sich; immerhin ist es gerade erst
zwei
Uhr Nachmittags, und normalerweise wagt es niemand, die bayerischen
Beamten um diese Zeit bei ihrem
Verdauungsschlaefchen zu stoeren.
Als er allerdings meinen Namen hoert, ist der gute Mann schlagartig
hellwach; seit dem
kleinen Vorfall mit der 10kV-Drehstromleitung
sind immerhin erst knapp vier Monate vergangen. So und so, erklaere
ich dem
atemlos lauschenden Leiter der Haustechnik. Die
Luftumwaelzung im Rechnerraum B sei ab-so-lut un-be-frie-di-gend.
Wir
laufen Gefahr, dass unsere teuersten Geraete Gefahr laufen,
den schnellen Hitzetod zu sterben. Skandaloes sei das,
eine
Vergeudung von Steuergeldern und so weiter und so fort...
Dem Leiter der Haustechnik wird schon vom Zuhoeren
ganz heiss; schliesslich unterbricht er meine Ausfuehrungen:
"Sagen
Sie bitte nicht", bettelt er verzweifelt, "sagen Sie bloss
nicht, Sie brauchen schon wieder eine neue Klimaanlage.
Ihre
letzte fahrbare Anlage hat unser Budget schon auf Jahre hinaus
erschoepft!"
Ich werfe einen stolzen Blick auf die
Super-Deluxe-Mobil-Klimatronic in der Ecke meines Bueros, die mir die
heissen
Sommertage versuesst, und versichere dann der Haustechnik,
dass dies absolut nicht notwendig sei. Nur ein paar
kleine
kostenneutrale Umstellungen im Luftstromleitungssystem,
eine bessere Verteilung der Kuehlluft und schon waere das
Problem
geloest.
"Ich braeuchte lediglich ein paar Ihrer Leute, vielleicht fuer einen Tag, um die Druckverteiler neu zu justieren..."
Der Leiter der Haustechnik faellt ein Mont Blanc vom
Herzen. Erleichtert verspricht er mir alle Unterstuetzung,
die
kostenneutral moeglich ist. Zwei Tage spaeter ist ziemlich
genau unter meinem Fenster ein neuer Ansaugschacht installiert,
der
infolge der so dringend notwendigen Umstellungen in der Klimaanlage
Frischluft auch in den dritten Stock liefert.
Im dritten Stock hat der Rektor sein Buero. Ich glaube, ich brauche nicht viel mehr zu sagen...
Einen halben Tag nach dem Umbau der Klimaanlage ist
die kack-braune Biotonne ploetzlich verschwunden.
Top-Down-Engineering.
Das war ein Tip, Leute! Schreibt ihn euch
auf! Naechste Woche erzaehle ich euch was ueber
Reversed-Engineering...
Phoney Bezelmann
Um zu vermeiden, dass irgendwelche Studenten mich
waehrend meiner Sprechstunde finden koennen, sitze ich bei Frau
Bezelmann
und Nero im Sekretariat, trinke ihren Kaffee und hoere
geduldig Neuigkeiten ueber die letzten frauenfeindlichen Aktionen
der
Uni-Leitung (ein anderes Thema waere mir zwar lieber, aber dann
duldet mich Frau Bezelmann nicht in ihrem
Allerheiligsten!). Ab
und zu werden wir von den ueblichen, laestigen Telefonanrufen
unterbrochen, die der
Universitaetsalltag halt so mit sich bringt.
Da Frau Bezelmann nur mit neuester Kommunikationstechnologie,
sprich
Freisprecheinrichtung arbeitet, komme ich in den vollen
Genuss ihres diplomatischen Umgangs mit den jeweiligen Anrufern.
Fr. Bezelmann: "... und gestern abend gehe ich
hinunter und was sehe ich? Natuerlich sind wieder alle
Frauenparkplaetze in
der Tiefgarage belegt..."
Ich: "... mhm..."
Fr. Bezelmann: "... und ich habe mich mit Nero
und einer Thermoskanne Kaffee hinter der Betonsaeule bei der
Einfahrt
postiert und gewartet..."
Ich: "... mhm..."
Fr. Bezelmann: "... und keine drei Stunden
spaeter sehe ich, wie der Herr Prodekan hoechstpersoenlich
seine
Spiesserlimosine aus einem der Frauenparkplaetze heraus
manoevriert. Ich hab' natuerlich sofort..."
Das Telefon jodelt. Frau Bezelmann checkt zuerst am
Display, ob es sich etwa um eine bekannte feindliche Nummer
handelt,
dann nimmt sie das Gespraech an.
Fr. Bezelmann: "Hallo?"
Anrufer: "Hallo, mein Name ist Peter Amoebius von der Neuen Ruhr Zeitung!"
Fr. Bezelmann: "Aha! Ist das nicht ansteckend?"
Anrufer: "Aeh... wie bitte?"
Fr. Bezelmann: "Nicht so wichtig! Sagten Sie NEUE Ruhr Zeitung?"
Anrufer: "Ja..."
Fr. Bezelmann: "Was ist mit der alten passiert? Ist die gestorben?"
Anrufer: "Was? Gestorben? Aeh..."
Fr. Bezelmann (eisig): "Wen wollen Sie denn nun ueberhaupt sprechen?"
Anrufer: "Ich haette gerne mit Herrn Walter Preisler gesprochen."
Fr. Bezelmann: "Der ist nicht hier!"
Anrufer: "Ah? Wann kommt er denn wieder?"
Fr. Bezelmann: "Das weiss ich nicht!"
Anrufer: "Oh!"
(Kurze Denkpause)
"Koennen Sie ihm eine Nachricht hinterlassen?"
Fr. Bezelmann: "Nein!"
Anrufer: "Nein?"
(Laengere Denkpause)
"Warum denn nicht?"
Fr. Bezelmann: "Weil... ich ihn nicht kenne!"
Anrufer: "Aber... aber, ist das hier nicht die Pressestelle der TU Muenchen?"
Fr. Bezelmann: "Nein!"
Anrufer: "Sicher nicht?"
Fr. Bezelmann: "Nein! Sicher nicht!"
Anrufer: "Ja, aber wieso haben Sie dann..."
Aber Frau Bezelmann hat schon den Finger auf der Trenntaste.
"Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, der Prodekan mit seiner Spiesserlimo auf dem Frauenparkplatz..."
Das Telefon jodelt wieder. Nero, der wieder mal auf
seinem Lieblingsplatz, der Postablage des Chefs, nistet, plustert
seine
spaerlichen Federn und kraechzt warnend. Ein kritischer
Blick aufs Display, und Frau Bezelmann zieht missbilligend
die
Mundwinkel nach unten:
"6784. Das ist die
Reisekostenstelle!"
Mit ein paar schnellen Tasten wird der Anruf auf
unser Faxgeraet umgeleitet. Das Fax habe ich so konfiguriert, dass
es
statt 9 Sekunden 99 Minuten lang auf einen Pilotton wartet,
bevor es wieder auflegt. Und da unsere Hausanlage so daemlich
ist,
dass die Verbindung solange besteht, bis beide Gespraechspartner
aufgelegt haben, ist der Anschluss der R.K.f.H.
vorerst mal auf
Eis gelegt. Geschieht ihnen recht! Die sollen schliesslich Geld
ueberweisen und nicht telefonieren! Kein
Wunder, dass der
Beamtenapparat so viel kostet, wenn die Leute so verschwenderisch mit
ihrer Arbeitszeit umgehen!
"Was sagte ich gerade? Also, der Prodekan faehrt auf den Ausgang zu und ich nehme das Kondom mit der Alarmfarbe..."
Das Telefon jodelt.
Fr. Bezelmann: "Hallo?"
Anruferin: "Ist dort der Lehrstuhl fuer Blablabla?" (Name vom BND zensiert)
Fr. Bezelmann: "Fast."
Anruferin: "Wieso 'fast'?"
Fr. Bezelmann: "LEERstuhl schreibt man mit zwei grossen 'E'; sonst stimmt's schon!"
Anruferin: "Haeh?!"
Fr. Bezelmann (eisig): "Wen wollen Sie denn nun eigentlich sprechen?"
Anruferin: "Aeh... eigentlich versuche ich, den
Herrn Leisch zu erreichen. Aber wenn ich seine Durchwahl waehle,
meldet
sich immer ein ziemlich aufgeregter Herr Sethimus Typhon
von der Reisekostenstelle. Der hat mir auch Ihre Nummer
gegeben..."
Ich mache vorsichtshalber das 'thumb-down-sign',
damit Frau Bezelmann nicht etwa auf den bloeden Gedanken kommt, den
Hoerer
an mich weiter zu reichen.
Fr. Bezelmann (abweisend): "Herr Leisch ist im Moment nicht an seinem Arbeitsplatz..."
Stimmt auffaellig! Nicht einmal ich kann an zwei Stellen gleichzeitig sein...
"... worum geht es denn ueberhaupt?"
Anruferin: "Ja... aeh... ich haette da nur eine Frage wegen beschreibbarer CDROMs..."
Fr. Bezelmann (ungnaedig): "Naemlich?"
Anruferin: "Ja... ich wuerde die gerne als
Sicherung fuer meinen PC verwenden - ich hab' gerade meine
Diss
fertiggeschrieben, und da will man ja kein Risiko eingehen,
nicht? Aber jetzt hab' ich gehoert, dass die selbst
geschriebenen
CDs auch nicht ewig halten, und zum Auffrischen muss man sie
kopieren, und dazu brauche ich zwei
Laufwerke..."
Zum Glueck hat Frau Bezelmann massenweise CDs im
Buero herumliegen. Ich schnappe mir zwei davon, nehme sie aus den
Huellen
und lege sie aufeinander. Dann nehme ich Frau Bezelmanns
Telefonbuch, lege die beiden CDs darunter und druecke mit
beiden
Haenden darauf.
"Ah ja", spricht Frau Bezelmann ins
Telefon, "da haben Sie natuerlich vollkommen recht: Die
selbstgebrannten CDs halten
nicht so lange. Aber das Kopieren ist
kein Problem: Sie wissen doch, dass normale CDROMs nicht mit dem
Laser geschrieben,
sondern gepresst werden?"
"Aeh... ja..."
"Eben, das koennen Sie genauso machen: Nehmen
Sie immer nach zwei Wochen Ihre Sicherungs-CD und legen Sie eine eine
frische
CDROM darunter. Dann plazieren Sie ein moeglichst
gleichmaessiges Gewicht darauf..."
Ich stuetze mich schwer auf das Telefonbuch und blase die Backen auf.
"... aber mindestens 70 Kilo sollten es schon sein. Und dann passiert folgendes... aeh..."
Ich rolle schnell ein Blatt Papier zusammen, auf das
ich vorher 'Quanten' gekritzelt hatte, und halte die Roehre an
den
Tuerspalt.
"... wegen der... aeh... Quantentunneleffekte an
kleinen Doppelspalten uebertraegt sich dann das Bitmuster von der
einen CD
auf die andere, und schon haben Sie wieder eine frische
Kopie! Die haelt dann wieder zwei Wochen lang!"
"Wirklich?"
"Wir machen das hier immer so", erklaert Frau Bezelmann laessig.
Die Anruferin ist begeistert. Die
'Quantentunneleffekte' sind aber auch zu ueberzeugend! Ich nehme
rasch die obere CD
heraus und werfe sie in den Papierkorb.
"Noch etwas", sagt Frau Bezelmann,
"vergessen Sie bloss nicht, die alte Kopie sofort zu entsorgen,
damit Sie nachher nicht
aus Versehen die falsche aufheben!"
Die Anruferin verspricht, ganz sicher daran zu denken, und legt beglueckt auf.
"Wollen Sie nicht meine naechste Urlaubsvertretung machen?" frage ich anerkennend.
Frau Bezelmann zieht nur ein ganz klein wenig die Mundwinkel nach unten und blitzt zufrieden mit ihren Brillenglaesern.
"Also, ich nehme das Kondom mit der Alarmfarbe
gemischt mit Buttersaeure, und als der Prodekan mit seiner
Spiesserlimo an
der Schranke halten muss, streife ich das Kondom
blitzschnell ueber seinen Auspuff. Dann..."
Workshop
FREUNDLICHER HINWEIS:
Das folgende ist fuer
jemanden, der nicht im aktiven Universitaetsleben steht so wie ich,
nur sehr schwer verstaendlich.
Wenn ihr nach dem Genuss dieser
Geschichte ploetzlich das Verlangen habt, euren letzten
Steuerbescheid hervorzuholen und
darueber zu jammern, was mit
euren Steuergeldern fuer Schindluder getrieben wird, geht sofort auf
www.spiegel.de oder
www.focus.de und lest ueber die letzten
deutschen Politskandale. Danach werdet ihr euch zwar nicht besser
fuehlen, aber
dann habt ihr wenigstens Grund, RICHTIG zu
jammern...
Wer heutzutage als Ass(i) an der Uni arbeitet, ist
nicht nur immer der Gearschte, weil er die Arbeit eines
Top-Managers
macht, aber nur das Gehalt eines Muellfahrers
bekommt, sondern es wird auch noch von ihm erwartet, dass er
mindestens
einmal in drei Jahren so ganz nebenher einen
wissenschaftlichen Workshop veranstaltet. So was macht sich eben
immer gut im
CV ('curriculum vitae'). Wo doch so was gar kein
Problem ist; das kann man doch locker in seiner Freizeit
organisieren,
zusammen mit dem Korrigieren von Klausuren, dem
Querlesen der Studenten-Email und dem periodischen Abschiessen
von
feindlichen Windoofs-Rechnern! (Falls ihr es nicht mitbekommen
habt: das eben war tiefster, zaehneknirschendster
Sarkasmus!)
Wenn wir schon mal beim Thema sind: Gerade lese ich
in www.heise.de, dass die deutschen Beamten die naechsten zwei
Jahre
lang nur Gehaltsaufbesserungen in Hoehe der Inflationsraten
erhalten sollen.
Na, da sind wir aber wirklich froh!
Froh
macht uns natuerlich die Tatsache, dass unsere Politiker heute schon
genau wissen, wie hoch die Inflationsrate im
naechsten Jahr (1,1%)
sein wird. Eigentlich kann uns doch da gar nix passieren, wenn wir
genial-visionaere
Volksverraeter... pardon... Volksvertreter
haben, die so problemlos in die Zukunft schauen koennen! Ich werde
demnaechst
mal persoenlich bei den Herren vorsprechen; vielleicht
koennen sie mir ja dann auch die genauen Aktienkurse von SAP fuer
das
Jahr 2001 anvertrauen; nur so als kleiner Ausgleich fuer die
Inflationsratenbezuegeerhoehung...
Zurueck zum Problemfeld Workshop: Da auch mein CV in
letzter Zeit ziemlich jungfraeulich aussieht, organisiere ich
eben
auch so ein Ding zum Thema: 'Theoretische Aspekte von
Semi-Conducting Hyper-Wavelets in Angewandter Lingualer
Logik'
(TASCHWALL).
Im Geheimkode erfahrener Uni-Assistenten
bedeutet die Tatsache, dass im Titel die Wortkombination
'Theoretische Aspekte'
vorkommt, dass auf diesem Workshop
allenfalls lauwarme Luft produziert wird und niemand ernsthafte
Arbeit zu investieren
braucht. Den Termin fuer TASCHWALL lege ich
auf die erste Oktoberfestwoche, um das Ganze wissenschaftlich etwas
attraktiver
zu gestalten. (Natuerlich muss der Workshop eine ganze
Woche dauern, damit wir die fetten Zuschuesse von der DFG
bekommen,
mit denen wir schon fast das ganze Konferenz-Bankett
bestreiten koennen.) Dann schicke ich Einladungen an
sorgfaeltig
handverlesene Wissenschaftler, die mit dem Pseudothema
gar nichts zu tun haben, aber alle bei frueheren
Gelegenheiten
angedeutet hatten, dass sie irgendwann gerne mal
nach Muenchen kommen wuerden. Von denen kann ich dann auch
getrost
ausgehen, dass sie in ihrem 'Invited Paper' einen Slot
lang ungefaehrliches, belangloses Schwafel liefern.
Um der Form zu genuegen, veroeffentliche ich
natuerlich auch einen offiziellen 'Call for Papers', wobei aber
das
wissenschaftliche Programm-Komitee, bestehend aus Frau
Bezelmann, dem Chef (vertreten durch Nero) und mir, strikt
angewiesen
ist, praktisch alle eingereichten Vorschlaege abzulehnen.
Schliesslich wird das Niveau einer wissenschaftlichen
Konferenz
immer noch am Prozentsatz der abgewiesenen Paper gemessen. Mit 84%
ist TASCHWALL zweifellos ganz an der Spitze!
Ausserdem moechte ich
keinesfalls den harmonischen Fortgang des Workshops durch
irgendwelche kreativen Ideen stoeren; wo
kaemen wir dahin, wenn da
jeder einfach erzaehlt, was ihm so ganz spontan eingefallen ist!
Ein Wochenprogramm fuer einen Workshop zu fuellen, ist gar kein Problem:
Samstag: Anreise.
Sonntag: Registrierung (da einige Teilnehmer aus USA
und Japan kommen, kann man am ersten Tag beim besten Willen nicht
mehr
verlangen; ausserdem ist da noch der Oktoberfestzug...).
Montag: Am Vormittag haelt Frau Bezelmann eine
sogenannte Keynote zum Thema: 'The Use of Semi-Conducting
Hyper-Wavelets in
Armed Chain-Driven Vehicles'. Da sie von ihrem
Fahrkurs mit gepanzerten Kettenfahrzeugen letztes Jahr
umfangreiches
Videomaterial mitgebracht hat, fuellen wir damit
muehelos den ganzen Vormittags-Slot. Ausserdem koennen sich
die
Workshop-Teilnehmer unauffaelliger von den Strapazen des
Sonntags erholen, wenn die meiste Zeit langweilige Videos
gezeigt
werden. Im Nachmittags-Slot - nach einer ausfuehrlichen
Mittagspause von drei Stunden - halten zwei alte Hasen jeweils
ihre
'Invited Papers', die jeder der Anwesenden auf anderen
Kongressen schon dreimal gehoert hat. Einer geruhsamen
Verdauung
steht also nichts im Wege, so dass gegen abend alle
wieder fit sind fuer den traditionellen Empfang, den wir
der
Einfachheit halber von einer der grossen Muenchner Brauereien
sponsern lassen.
Dienstag: Siehe Montag (mehr oder weniger dasselbe, nur dass ich selber die Keynote bestreite.)
Mittwoch: Freier Tag, damit die oktoberfest-gestressten Teilnehmer Gelegenheit zum Sightseeing finden.
Donnerstag: Ich lasse den Chef die Keynote halten. Er
hat zwar zu unserem Pseudothema rein gar nichts beizutragen
(wer
haette auch?), aber sein Auftreten hat infolge der
jahrzehntelangen Praxis mit Erstsemester-Studenten immer wieder
etwas
Elektrisierendes an sich. Stellt euch einen Mini-Atomreaktor
vor, der ploetzlich am Rednerpult steht und im Halbdunkel
blaeulich
zu schimmern beginnt. Was der Minireaktor sagt, ist voellig
nebensaechlich; er hat trotzdem die ungeteilte
Aufmerksamkeit des
Auditoriums. Ausserdem erhalten auf diese Weise die Teilnehmer ein
beruhigendes Gefuehl der eigenen
Wichtigkeit zurueck, das ihnen in
den letzten Tagen vielleicht abhanden gekommen ist.
Fuer den
Nachmittags-Slot kuendige ich Paper von zwei Kollegen an, die ich
nicht ausstehen kann, und die deshalb auch keine
Einladung zu
TASCHWALL bekommen haben. Natuerlich muessen ihre Praesentationen
dann wegen Nichtanwesenheit ausfallen, was
einerseits ihrem
wissenschaftlichen Ansehen schweren Schaden zufuegt, andererseits
aber von allen Workshop-Teilnehmern mit
schlecht verhohlener
Begeisterung aufgenommen wird, weil sie dadurch noch einmal einen
Nachmittag auf der Wies'n verbringen
koennen, der dann gleich
zwanglos in das traditionelle Konferenzbankett in einem der Bierzelte
uebergehen kann.
Freitag: Schlussdiskussion und dann die grosse
Schlusszeremonie, bei der sich alle kollektiv und kreuzweise ueber
den Klee
loben, wie gut doch dieser Workshop gelaufen sei, und
dass man so etwas doch oefters machen sollte, vielleicht um
die
gleiche Zeit naechstes Jahr? Schulterklopf, schulterklopf, und
wir sehen uns dann auf dem naechsten Workshop in Hawaii...
Samstag: Heimreise - theoretisch zumindest.
Natuerlich ist kein Mensch so bloed, am Samstag abzureisen, wenn in
Muenchen
gerade Oktoberfest ist...
So einfach ist das!
So einfach waere das, wenn alle sich friedlich
verhalten und sich an die Spielregeln halten wuerden! Dummerweise hat
sich
einer der eingeladenen Redner eine Mordserkaeltung zugezogen
und als Ersatz einen seiner Doktoranden zum Workshop
geschickt.
Der junge Spund hat natuerlich gar keine Ahnung, in was er da
hineingeraten ist, und denkt, dass hier ernsthaft
ueber
Wissenschaft debattiert wird.
Das erste Anzeichen, dass etwas nicht so laeuft wie
geplant, bekomme ich schon nach Frau Bezelmanns Keynote: Obwohl
jedem
mit mehr als drei Gramm Grips im Hirn klar sein muesste,
dass der Videovortrag nichts, aber auch gar nichts mit Wavelets
zu
tun hat, steht der Spund einfach auf und stellt eine Frage:
"Impliziert Ihr Beitrag nicht einen umfassenden
Paradigmenwechsel in der Theorie der Wavelets?"
Als Vorsitzender kann ich die Katastrophe gerade noch
abwimmeln. Bevor Frau Bezelmann eine bissige Bemerkung
loslassen
kann, sage ich:
"Was meinen Sie mit
'Paradigmenwechsel'?"
"Aeh... wie bitte?" Der Spund glotzt verunsichert.
"Was ist ein Paradigma? Erlaeutern Sie bitte Ihre Frage!"
"Also... aeh... ein Paradigma eben...", der
Spund lacht nervoes, "... Sie wissen schon... eben ein Wechsel
des
Paradigmas... aehm..."
Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und starre ihn an,
ohne ein Wort zu sagen. In der Stille hoert man die
Lautsprecher
summen. Der Spund wird langsam knallrot.
"...
aeh... ich meine... ein Parapara (schluck) Paradigmawechsel von...
von... aeh..."
"Ich glaube, wir klaeren das besser nach der
Session", unterbreche ich streng das Gestammel. Der Spund sinkt
wie ein
angestochener Luftballon in einer Schweisspfuetze
zusammen.
Damit so etwas nicht mehr vorkommt, ergreife ich in der Mittagspause unverzueglich die notwendigen Massnahmen.
Ich fange den Spund ab, bevor er zum Mittagessen
entfleuchen kann, und teile ihm mit, dass eine wichtige Email fuer
ihn
angekommen sei. Dann lotse ich ihn in das Buero unseres
Prodekans, von dem ich weiss, dass er in wenigen Minuten,
puenktlich
wie die Darmstaedter Atomuhr vom Mittagessen zurueckkommen wird.
Unser Prodekan Prof. Luedenkoeter, ein
leidenschaftlicher
Rotschopf mit einem stattlichen Bierbauch, leidet seit neuestem an
notorischem Verfolgungswahn.
Insbesondere hat er sich in die Idee
verbissen, dass er das zentrale Opfer einer internationalen
Hackerverschwoerung ist.
Kann sein, dass das auch etwas mit dem
Vorfall Ende letzten Jahres zu tun hat, als infolge mehrerer
merkwuerdiger,
technischer Zufaelle ein Teil seiner
Email-Korrespondenz beim bayerischen Rechnungshof anstatt bei seinem
Steuerberater
abgeliefert wurde. Jedenfalls hat der Prodekan seit
dieser unerfreulichen Geschichte seinen PC vom Netz trennen lassen
und
wittert hinter jedem, der weiss, wie man einen Rechner
anschaltet, ein potentielles Mitglied der
globalen
Internet-Verschwoerung.
Ich logge mich mit dem System-Passwort rasch in
Luedenkoeters Rechner ein, rufe einen Mailer auf und sage den Spund,
dass
er darin seine email finden koenne. Dann verschwinde ich
unauffaellig. Spaeter hoere ich aus vierter oder fuenfter Hand,
dass
der Prodekan jetzt tatsaechlich endlich mal einen der
Internetverschwoerer auf frischer Tat ertappt habe. Wer haette
das
gedacht! Also leidet der arme Mann gar nicht unter Verfolgungswahn!
Er habe ihn auch gleich eigenhaendig - der Prodekan
war frueher
aktiver Boxer - beim BND in Pullach abgeliefert!
Von da an laeuft der Workshop voellig reibungslos - wie ein Pentium III unter Linux.
LEERstuhl Outing
Das Leben koennte so wunderbar sein!
Ich koennte gemuetlich in meinem Buero sitzen, die
Schutzschilde hochfahren und in aller Ruhe die Mailboxen der
Verwaltung
nach verwertbaren Informationen abscannen. Oder auch
nur einfach eine Runde DooM spielen, oder mir eine DVD
'reinziehen,
oder...
Stattdessen haenge ich hier auf dieser
beschissenen Felszacke fest! Und die ist nicht mal 'virtual reality';
nein, die ist
leider ziemlich real! Mehr als mir lieb ist! Und der
Abgrund unter meinen Schuhen auch!
Um diese idiotische Situation einigermassen erklaeren zu koennen, muss ich etwas ausholen:
Die Studentenzahlen sind infolge der anerkennenswert
hartnaeckigen Bemuehungen unserer
Bildungspolitiker
zusammengeschmolzen wie Zitroneneis in der
Augustsonne. Jedes dritte Seminar musste dieses Semester aus Mangel
an
Teilnehmern ausfallen. Die Zauberformel heisst
'Studiengebuehren'. So einfach ist das! Wahrscheinlich hoffen
unsere
Berufspolitiker, im Laufe der Zeit das mittlere
Intelligenzniveau der Bevoelkerung unter 70 IQ zu druecken; dumme
Waehler
sind bekanntermassen leichter zu manipulieren als
studierte Intelligenzbestien. Darueber hinaus bezahlen sie (ich meine
die
Dummen, nicht die Intelligenzbestien) brav ihre Knoellchen,
von Steuern ganz zu schweigen, und sind schon vollends
zufrieden,
wenn es jeden Tag entweder Fussball, Tennis oder Formel I im
Fernsehen gibt.
Mir kann das nur recht sein. Erstens ist das Netz
deutlich weniger belastet, wenn alle Buerger vor der Glotze haengen
und
sich ihre taegliche Dosis Massensport 'reinziehen, und
zweitens bedeutet jedes ausgefallene Seminar fuer mich ein Gewinn
von
zwei Stunden zusaetzlicher Freizeit auf Staatskosten.
Das Leben koennte also wirklich wunderbar sein! (Ich sagte es ja bereits!)
Koennte!
Bekanntlich fuehrt Muessiggang zu Unruhe im Geist und
schlimmstenfalls sogar zu kreativen Ideen. Nichts ist schlimmer
als
ein Haufen kreativer Mitarbeiter! Aber da die anderen am
LEERstuhl mangels Studenten nun mal genauso herumhaengen wie
ich,
kommt es unweigerlich zu Situationen wie der folgenden:
Die versammelte Mannschaft (ohne den Chef, der wieder
mal auf einer Rundtour durch Asien ist) sitzt friedlich
beim
Nachmittagskaffee zusammen. Ploetzlich sagt der Kollege O.
aus heiterem Himmel:
"Jetzt, wo wir soviel Zeit haben, koennten wir
doch endlich mal wieder einen Betriebsausflug machen. Wir hatten
seit
mindestens fuenf Jahren keinen Betriebsausflug mehr!"
Ich mache den Mund auf, um zu sagen, dass so etwas
nur das ruhige Betriebsklima stoere, aber Marianne kommt mir zuvor:
"Auja! Das ist eine geniale Idee. Wir koennten ins Alpamare
nach Bad Toelz fahren und uns den ganzen Tag verwoehnen lassen
wie
das letzte Mal!"
Ich weise darauf hin, dass Betriebsausfluege generell
ein grosses Risiko darstellen und dass seit dem
vorletzten
Betriebsausflug vor acht Jahren, einer Raftingtour auf
der Loisach, immer noch zwei Diplomanden als vermisst gelten,
aber
natuerlich hoert mir keiner zu. Alle stuerzen sich auf die
Idee wie ein Rudel voellig ausgehungerter Serengeti-Hyaenen auf
eine
halbe Wagenladung gefrorener MacDonalds-Hamburger.
Der Vorschlag vom Kollegen Rinzling, den neuesten
Kernspin-Tomographen im Uni-Klinikum zu besuchen, erntet
nur
Hohngelaechter. Auch Jennys Idee, eine Flossfahrt auf der Isar
zu machen, wird als alter Hut abgetan. Frau Bezelmann
schlaegt
vor, den LEERstuhl in zwei Mannschaften aufzuteilen und einen
Military-Contest zu veranstalten. Aber Marianne und
Jenny sind
strikt dagegen, als sie erfahren, dass bei solchen
Freizeitvergnuegungen unter anderem mit roten Farbpatronen
geschossen
wird, die im schlimmsten Fall die ganze Frisur verderben koennten.
"Ich weiss was", sagt Yogi Flop, unser
esoterisch verdorbener Physiker, "wir machen ganz einfach eine
Bergtour. Wozu wohnen
wir ganz nahe an den Bergen? Eine richtige
Bergtour mit Picknick am Gipfel!"
Mir wird schon vom Zuhoeren uebel! Hastig schlage ich
als Alternative eine virtuelle Tour durch die heissesten
Chatrooms
des Internets vor. Schliesslich sei das unserem Ruf als
HighTech-Institut an der vordersten Front der Wissenschaft wohl
eher
angemessen als die Besteigung irgendeines doofen Gesteinshaufens, der
schon seit Jahrmillionen nur so in der
Landschaft herumsteht und
der bestimmt schon Milliarden Male von irgendwelchen Idioten
bestiegen wurde, deren
Intelligenzquotient sich seit der Zeit der
Neandertaler nicht mehr geaendert hat. Wenn ich gewusst haette, was
jetzt als
naechstes kommt, haette ich natuerlich das Maul
gehalten.
Der Kollege O. zieht die Stirne kraus und sagt:
"Leisch hat recht. Eine einfache Bergtour ist langweilig.
Wir sollten eine Erstbesteigung machen! Das waere doch etwas
richtig
Zuenftiges fuer einen Betriebsausflug!"
Alle (ausser Nero und mir) sind begeistert. Ich
koennte den Kollegen O. erschlagen! Ich koennte mich ohrfeigen, dass
ich
ueberhaupt etwas gesagt habe!
Marianne wirft mir einen vielsagend-schraegen Blick
zu und sagt schnippisch:
"Aber dass diesmal nicht wieder die
Haelfte einfach blau macht, so wie das letzte Mal..."
Ich erklaere wuerdevoll, dass ich auf Chlorwasser
allergisch reagiere und deshalb beim letzten Gruppenersaeufnis
nicht
dabei gewesen sei.
"Aber gegen Berge kannst du schlecht allergisch
sein", sagt Marianne triumphierend, "und im Herbst blueht
auch nix mehr.
Diesmal gibt's keine Ausreden!"
Zwei Wochen spaeter sitze ich mit den anderen
zusammengepfercht in einem vierradgetriebenen VW-Bus, der durch die
Wildnis
des Voralpenlandes rumpelt. Meine Fuesse tun mir jetzt
schon weh von den ungewohnten Schraubstoecken, die die
anderen
'Bergstiefel' nennen, und meine Stimmung ist auf ein
Fuenfzehn-Jahres-Tief gesunken.
Der Kollege O. hat es tatsaechlich geschafft, einen
unbedeutenden Nebengipfel ausfindig zu machen, der angeblich
noch
niemals, jedenfalls nicht nachweislich, bestiegen worden sei.
Als wir am Anstieg sind, und ich zu der ausgewaehlten
Felsspitze
hinauf blicke, verstehe ich auch sofort warum: nur ein vollkommener
Idiot koennte auf die Idee kommen, da rauf
zu kriechen, wenn unten
im Tal eine gemuetliche Huette mit allem Komfort zu finden ist. Sogar
eine Satellitenschuessel ist
auf dem baeuerlichen Holzdach
montiert. Ich schlage vor, die Operation von der Huette aus mit dem
Fernglas zu lenken und
dem Team strategische Anweisungen ueber
Walkie-Talkie zu geben, aber davon will niemand was wissen. Seufzend
lasse ich den
Laptop und die Funkgeraete im Wagen und nehme nur
den Palmtop mit dem Funkmodem mit.
Zwei Stunden spaeter sind wir immer noch genauso weit
von der bloeden Felszacke entfernt wie vorher, und alle sind
voellig
fertig vom Klettern durch das unwegsame Gelaende. Als wir
eine Verschnaufpause einlegen, sehe ich eine winzige weisse Wolke
am
sonst ekelhaft blauen Himmel auftauchen (genau dasselbe ekelhafte
Blau uebrigens wie in Windoofs 98!).
"Vielleicht gibt's ja ein Gewitter", keuche ich hoffnungsvoll und deute auf die Wolke.
"Unmoeglich!" japst Marianne, "der Wetterbericht..."
"Wann hast du denn den Wetterbericht gehoert?" erkundige ich mich unschuldig.
"Aeh... gestern..."
"Na, da kann sich aber einiges getan haben, seit
gestern. Ist ja bekannt, dass das Wetter in den Bergen
blitzschnell
umschlagen kann, oder nicht?"
Die anderen muessen zoegernd zugeben, dass dem so ist.
"Also", sage ich und hole meinen Palmtop
und das Funkmodem heraus. "Dann sollten wir mal den neuesten
Bergwetterbericht
abrufen..."
Ich klicke mich in die Seiten des Alpenvereins und
reiche das Geraet an Frau Bezelmann weiter, damit niemand
behaupten
kann, ich wuerde den Wetterbericht schlechter machen,
als er ist.
(Frau Bezelmann ist uebrigens heute trotzdem in
Military-Outfit erschienen: Khaki-Kampfanzug und Springerstiefel;
Nero
klammert sich an ihrem Stahlhelm fest. Wahrscheinlich will
sie damit stumm zum Ausdruck bringen, dass sie ihren Vorschlag
immer
noch fuer den besseren haelt...)
"Bergwetterbericht bis heute abend", liest
Frau Bezelmann laut vor, "Von Nordosten naehert sich rasch eine
Kaltfront, die
im Laufe des Tages auf den Alpennordkamm trifft.
Vormittags noch weitgehend sonnig und kein Niederschlag;
nachmittags
heftige Gewitter teilweise mit Hagel und Absinken der
Schneefallgrenze auf unter 800 Meter; Sturmvorwarnung Stufe II
fuer
folgende oberbayerische Seen..."
"Oh!" sagt Jenny entgeistert, "ist das wirklich der Wetterbericht von heute?"
Frau Bezelmann bestaetigt das heutige Datum auf der
Web-Page und drueckt zur Sicherheit nochmal auf den
'Reload-Button'.
Alle schweigen betroffen (ausser mir: ich
schweige unbetroffen!).
Was niemand wissen kann: Diese Variante des
Wetterberichts habe ich gestern nacht in den Cache des Palmtops
geladen und die
Proxytabellen ein wenig manipuliert.
Wie auf ein Kommando drehen sich ploetzlich alle um und starren auf das harmlose Woelkchen am Horizont.
"Ich glaube, sie ist groesser geworden", bemerkt Jenny nervoes, "meint ihr nicht?"
Auch der Kollege Rinzling meint, dass es besser
waere, kein Risiko einzugehen. Er habe keine Lust, sich in
einem
Schneesturm die dritte Lungenentzuendung dieses Jahr zu
holen. Schliesslich laesst sich auch der Kollege O.,
als
inoffizieller Leiter der Erstbesteigung, zoegernd dazu
ueberreden, dass man besser absteigen sollte, bevor der
Blizzard
losbreche.
"Gut", sage ich betont neutral, obwohl ich
innerlich triumphiere, und gucke mich nach dem Abstieg um. Dabei
stolpere ich
ueber eine dieser teufelszaehen Latschenwurzeln,
verliere das Gleichgewicht, renne ein Stueck den Abhang hinab, um
nicht
der Laenge nach hinzuschlagen... tja, und ploetzlich ist da
nichts mehr, um darauf zu rennen!
Ein paar Sekundenbruchteile lang erfahre ich am
eigenen Leibe den Horror aller bemitleidenswerten Leute, die aus
Versehen
in das Flugzeug einer Fallschirmspringerschule geraten
sind.
Dann lande ich mit einem gewaltigen Krachen, das mir
alle Knochen durchschuettelt, auf einem kleinem Felsvorsprung,
kaum
drei Meter unterhalb der Felskante, ueber die ich gerade
hinweg gesegelt bin. Jetzt kann ich die laecherlichen Monster in
Dumb
Riders etwas besser verstehen, dass sie immer so grauenhaft bruellen,
wenn man sie in den Abgrund stoesst. Hier
bruellt jemand ganz
aehnlich. Ein paar Sekunden spaeter merke ich, dass ich es selbst
bin.
"Leisch! Bist Du ok?!" bruellt jemand irgendwo ueber mir.
"Ganz prima!!!" bruelle ich zurueck und
klammere mich so fest es geht an den Felsbrocken, auf dem ich
gelandet bin. "Ich
geniesse wirklich jede Sekunde dieses
Betriebsausflugs!!!"
Waehrend die Kollegen oben beratschlagen, wie man
mich wieder hinauf bringen koennte, gucke ich vorsichtig nach, warum
es
da so um die Ecke zieht. Als ich die atemberaubende Aussicht in
200 Metern Tiefe erblicke, mache ich die Augen ganz schnell
wieder
zu und verfluche stumm fuer eine Million Male den Kollegen O. und
seine grandiose Idee einer Erstbesteigung.
Und deshalb haenge ich jetzt auf diesem sehr realen Felsvorsprung und warte, dass man mich rettet.
Schliesslich bruellt der Kollege O.:
"Wir
haben leider nichts, um dich heraufzuziehen! Wir versuchen, ueber
dein Funkmodem die Bergwacht zu alarmieren. Aber da
kommt immer so
eine komische Proxy-Fehlermeldung!"
Mist! Ich hab' ja den Palmtop so konfiguriert, dass er nur noch aus dem Cache liest.
"Ihr muesst den Cache komplett loeschen, dann
die Proxies austragen und dann neu booten!" bruelle ich.
"Was?!
Ich verstehe nicht... Ich soll mich als root einloggen?!"
"Den
Cache loeschen!!!"
"Was fuer einen Cache denn?!"
Manchmal koennte man an der Dummheit der Leute
verzweifeln, nicht? In diesem Augenblick kommt 'zufaellig' ein
Hubschrauber
der Gebirgsjaegerkompanie Mittenwald um die Ecke und
nimmt sich unser an. Wahrscheinlich hat mein Supervisor im
7.
Hoellenkreis mitbekommen, in was fuer einer bloeden Klemme ich
gerade stecke, und hat einem B.M.f.H. ('Bastard Military
from
Hell') einen Tip gegeben. Na, das wird wieder ein huebscher Eintrag
in meiner hoellischen Personalakte werden...
Lunatic Vulture
(Gaehn! Schmatzschmatz...)
Wer sagt eigentlich,
dass ich immer wie ein Uni-Assistent aussehen und handeln muss? Wieso
auch? Ich koennte ja zur
Abwechslung auch mal ein Ameisenbaer mit
Nobelpreis sein. Oder ein unbestechlicher Politiker. Oder ein
Angestellter der
'Reisekostenstelle from Heaven'. Oder ein
Einsiedlerkrebs mit Satellitenschuessel. Oder...
".... hat natuerlich auch... aehh... sollte bei
genauerer... hmm... Analyse bzw. durch Anwendung der... aeh...
der...
hrrrrm... der Eigenwertbestimmung... aehm...."
Teufel, wie ich diese Hauptseminare hasse! Und dann
sagt der Chef auch noch, er brauche meinen wertvollen Input! Als ob
ich
jemals den Mund in einem Hauptseminar aufgemacht haette!
(Gaeaeaeaeaeaehhhhnnn!)
Gar nicht so einfach, mit
geschlossenem Mund zu gaehnen! Und dabei auch noch interessiert zu
schauen! Ich glaube, beim
letzten Gaehnen hab' ich mir den linken
Kaumuskel gezerrt! (Seufz!)
"... und das setzen wir in Gleichung
<scrollscrollscroll> aehm... Gleichung <scrollscroll> Ah,
hier war's! In Gleichung
14... hmm... 14? Aeh, ja! Also, in
Gleichung 14... <scrollscrollscroll>..."
Vielleicht koennte ich auch eine Moewe sein... Nein,
ein Geier! Ein Geier mit CSU-Parteibuch! Hinterhaeltig ziehe ich
am
sonnendurchfluteten, weissblauen Himmel meine
Kadaver-Aufklaerungs-Kreise. Wo ist das naechste oeffentlich
gefoerderte
Milliongrab, in das ich meine vergifteten Krallen
schlagen kann? Dort! Am Horizont sammeln sich andere Amigo-Geier
mit
Gamsbaerten ueber dem Maximilianeum. Ein leichter Schlag mit
dem rechten Fluegel und schon schiesse ich pfeilschnell
dahin,
getragen auf dem warmen Luftstrudel steuerfreier
Parteienfinanzierung...
"... aeh... ja?... aeh... Herr... aehm... Herr Leisch? Sie haben... hmm... haben eine Frage...?"
Scheisse! Ich hab' mich wieder mal von meinen
Phantasien hinweg reissen lassen, und der Chef hat mein Manoever mit
dem
rechten Fluegel als Meldung interpretiert.
"Aeh...", sage ich wenig souveraen, "aeh... war das wirklich... aeh... in Gleichung 14...?"
Der Chef schaut mich unsicher ueber den Rand seiner
Brille an. <scrollscrollscrollscrollscroll>
"Doch...
hmm... doch... ich denke, das ist... aeh... richtig... Gleichung
14..."
<scrollscrollscrollscrollscroll>
Zum Glueck stellt gleich darauf ein Student eine noch
bloedere Frage, die der Chef nicht versteht und die der Kollege
O.
zuerst dolmetschen muss usw. usf.
Bevor der Chef wieder zu seinem roten Faden
zurueckfinden kann, stehe ich ploetzlich auf, stecke feierlich die
rechte Hand
in die Knopfleiste und erklaere pathetisch die
Schlacht fuer gewonnen.
Alle fuenfzehn Hauptfachstudenten, der Kollege O,
Marianne und der Chef starren mich ueberrascht an. Der Chef
blinzelt
unsicher:
"Aeh... hrrrm... wie bitte?"
"Aber nur, wenn man als Geier die Temperatur der
Schlagsahne einschlaegig beruecksichtigt", sage ich ernsthaft
und hebe den
linken Zeigefinger.
"Schlagsahne?" fragt der Kollege O. verwirrt.
Ich steige auf den Tisch, breite meine Schwingen aus
und springe elegant von Reihe zu Reihe, dem Ausgang zu.
"Eins,
zwei, drei... Geiertummelei. Vier, fuenf, sechs...
Kaktusstammgewaechs. Sieben, acht, neun... Geiersingverein",
singe
ich die Tonleiter in h-moll hinauf.
"Aber... aeh... Leisch... hrrrrrrm! Was soll denn das?!" Der Chef ist konsterniert.
"Einverstanden!" sage ich mit schwuelem
Augenaufschlag und drehe auf der letzten Bank eine langsame
Pirouette. "Aber wir
fliegen zusammen!"
Damit springe ich von der Bank herunter und schluepfe
aus dem Hoersaal, nicht ohne vorher das Licht auszuschalten.
Der
Hausmeister, der Hilfshausmeister und der Assistent des
Hilfshausmeisters lungern wie ueblich um diese Zeit in der
Halle
herum und versuchen, die Zeit bis zur naechsten
beamtenordentlich vorgeschriebenen Ruhepause tot zu schlagen. Der
Assistent
des Hilfshausmeisters hat prominent abstehende Ohren,
die von seiner luftgefuellten Kugel in Position gehalten werden.
Im
Vorbeigehen schnappe ich mir das eine durchscheinende
Ohrwaschel und ziehe kraeftig nach unten. Der liebe Junge quiekt
wie
ein Nilpferdjunges und laesst reflexartig die Knie einknicken.
Mit meinem silbernen Kugelschreiber beruehre ich feierlich
seine
beiden Schultern und spreche salbungsvoll:
"Hiermit schlage
ich Euch zum Ritter des gruenen Schneepfluges! Erhebt Euch, Sir
Ohrenweit! Moege der Diesel immer mit Euch
sein!"
Bevor sich die Hausmeister von ihrem Schreck erholen
koennen, bin ich schon im Aufzug und auf dem Weg nach oben. Auf
halber
Strecke schalte ich die Notbremse ein und singe drei
Strophen aus 'Singin' in the Rain', weil es im Aufzugsschacht
so
schoen hallt! Als ich oben ankomme, stehen schon der Kollege
O., Marianne und Frau Bezelmann vor der Tuere. Frau
Bezelmann
versucht erfolglos, eine Zwangsjacke hinter ihrem
Ruecken zu verstecken.
"Leisch!" ruft Marianne, sobald die Schiebetuer aufgleitet. "Bist du jetzt voellig uebergeschnappt?!"
"The vultures", sage ich betont wuerdevoll,
"are not what they seem!" Damit druecke ich rasch den Knopf
fuer das oberste
Stockwerk, und die Schiebetuer gleitet gehorsam
wieder zu.
"Er faehrt nach oben!" hoere ich Frau
Bezelmann kreischen, und hastiges Schuhgetrappel laesst mich
vermuten, dass meine
Kollegen versuchen, den Aufzug im olympischen
Treppenlauf zu schlagen. Um sie nicht voellig zu demoralisieren,
halte ich
den Aufzug kurz vor dem Ziel wieder mit der Notbremse an
und druecke die Schiebetuer mit der Hand ein Stueck weit auf.
Frau
Bezelmanns schwarze Killerstilettos tauchen genau auf meiner
Augenhoehe auf.
"Leisch!" japst der Kollege O. und geht in die Hocke, damit er mich besser sehen kann. "Was ist denn bloss los mit dir?"
"Ich bin ein Geier", rufe ich mit drohender
Stimme und schlage probeweise mit meinen ausgedehnten Schwingen.
Der
Fahrstuhlkorb wackelt heftig.
"Glooork! Glork!
Gloooooork!"
"Komplett uebergeschnappt", sagt der
Kollege O. halblaut nach hinten zu Marianne und Frau Bezelmann. "Ich
hab' schon immer
gesagt, die Hauptseminare des Chefs werden noch
mal jemanden in den Wahnsinn treiben..."
"Lassen Sie mich mal", draengt sich Frau
Bezelmann in den Vordergrund.
"Ich weiss, wie man mit
Voegeln umgeht... Hallo, Herr Geier! Kommen Sie sich da unten nicht
etwas beengt vor? In dem
kleinen Kaefig da, meine ich. So ein
grosser Vogel wie Sie... Sie sollten da herauskommen, meinen Sie
nicht?"
"Gloork!" sage ich und schaue luestern auf Frau Bezelmanns Stilettos.
"Wie waer's, wenn Sie ganz einfach den Lift weiterfahren liessen? Hier im Treppenhaus ist viel mehr Platz zum Abheben..."
Ich hoere auf, mit den Fluegeln zu schlagen.
"Wissen
Sie was?" sage ich geheimnisvoll und winke Frau Bezelmann, dass
sie naeher kommen soll. Sie geht bereitwillig in
die Knie und
beugt sich zu mir herab.
"Ich bin gar nicht uebergeschnappt", fluestere ich. "Ich habe nur das Hauptseminar des Chefs..."
"Ja?"
"Das Hauptseminar, Sie wissen schon?"
"Ja, natuerlich! Ich weiss, wovon Sie reden: Das Hauptseminar von neun bis elf..."
"Genau!" Ich senke meine Stimme zu einem Wispern. "Ich habe mich verliebt!"
"Was?!"
"In das Hauptseminar! Verliebt! Es heisst
Judith!"
Damit loese ich die Notbremse und fahre wieder nach
unten.
Auf der sechsten Etage haelt der Lift an, und eine
Dame mittleren Alters steigt ein. Wahrscheinlich eine von
den
evangelischen TheologInnen.
"Wussten Sie", sage ich ploetzlich zwischen
dem fuenften und vierten Stock, "dass bei allen Menschen
mikroskopisch kleine
Milben in den Haarwurzeln der Augenbrauen
leben?"
Die Theologin laechelt ganz kurz in meine Richtung
und fixiert dann wieder angestrengt den geschlossenen Spalt
der
Schiebetueren.
"Natuerlich nicht bei Geiern", sage ich beruhigend, "nur bei Menschen!"
"Ah, ja? Tatsaechlich?" sagt sie mit leichtem Tremolo in der Stimme.
Ich nicke und schweige, bis wir kurz vor dem
Erdgeschoss sind.
"Geier", erklaere ich dann, "haben
naemlich gar keine Augenbrauen."
Beim Oeffnen der Schiebetueren lasse ich der
Theologin wohlerzogen den Vortritt, und sie schiesst aus dem Lift wie
eine
Tomahawk III, die einen russischen Bomber wittert.
Im Foyer steht der Chef und beantwortet noch ein paar
Fragen von strebsamen StudentInnen, oder solchen, die sich
zumindest
wichtig machen wollen.
("Mami, Mami, ich habe heute mit meinem
Professor gesprochen!" "Das ist ja grossartig, Kleines.
Und...?" "Er hat ueberhaupt
nicht gebohrt!")
Sobald der Chef mich erblickt, macht er sich von
seinen Bewunderern frei und eilt, mir den Weg ins Freie
abzuschneiden.
"Aeh... Leisch... hmm... einen Moment
noch..."
"Ja?" sage ich mit der natuerlichsten Stimme der Welt.
Der Chef stutzt und guckt mich forschend ueber den
Rand seiner Lesebrille an.
"Aehm... das... aeh... vorhin
im... im Hauptseminar... mit dem... aeh... Geier... Sie..."
"Ja?" frage ich mit unschuldigem Augenaufschlag.
Der Chef beugt sich vorsichtig vor und fluestert:
"Was... aeh... was sollte... hmm... sollte das denn, da
vorhin... aeh... meine ich... im Hauptseminar..."
"Oh!" sage ich. "Das war nur ein
psychologischer Test, wie unsere Studenten auf unvorhergesehene
Situationen reagieren. Sie
wissen doch, dass wir noch jemanden
fuer die freigewordene Schleudersitz-Stelle suchen..."
"Ah... ja?"
"Ja, ich wollte testen, ob vielleicht unter den
Hauptfachstudenten im letzten Semester ein cleverer Kandidat
mit
befluegeltem Geist dabei ist. Aber Sie haben ja selber
gesehen... keiner hat reagiert - leider!"
"Oh!" Der Chef ist sichtlich erleichtert. "Na, dann... aeh..."
"Uebrigens", fuege ich hinzu, "Koennte ich mir fuer morgen frei nehmen?"
"Ja... aeh... ich denke schon... warum?"
"Ich treff' mich mit ein paar Kollegen aus der Serengeti zum Wettfliegen am Geierstein", sage ich und flattere ins Freie.
New Millenium
Nun ja, unsereins hat das ja schliesslich schon ein
paar Male mitgemacht, nicht wahr? Aber so was von einer Luftblase
wie
diesmal... das war schon fast so gut, dass es haette von mir
stammen koennen!
(Das eben war nicht syntaktisch falsch; das war
bayerisch korrekt!)
Heute morgen dringt ein Verrueckter trotz aktivierter
Schutzschilde in mein Allerheiligstes ein. Er hat drei
riesige
alarmrote Plastikrucksaecke auf dem Ruecken, ein langen
ungepflegten Bart und einen starren Blick (ungefaehr der Blick,
den
ich fuer Erstsemester reserviert habe, die ihr Passwort
vergessen haben...). Bevor ich ihn wieder 'rausschmeissen
kann,
faengt er an, ueber die Gefahren des Jahrtausendwechsels zu
predigen: Strom... Wasser... nix mehr zu Essen...
Supermaerkte
gepluendert... Psychogase in der Luft... die
Russen... ganz zu schweigen von den Bewohnern des Plutos, die nur
darauf
warten, in dem entstehenden Chaos die Weltherrschaft zu
uebernehmen und saemtliche Marshmellows zu klauen.
Ich weiss aus praktischer Erfahrung (wozu haben wir
unsere Stamm-Idioten am LEERstuhl?), dass Widerspruch voellig
sinnlos
ist; deshalb nicke ich lediglich zustimmend und gebe an
den richtigen Stellen mitfuehlenden Grunzlaute von mir, die ich
sonst
nur im Gorillahaus des Muenchner Zoos oder beim Telefonsupport
verwende. Gleichzeitig versuche ich, den Wahnsinnigen
langsam aus
meinem Buero zu manoevrieren. Der aber durchschaut mit der Arglist
des Paranoiden meine Absichten und verankert
sich und seine
Rucksaecke fest an der alten PDP11, die mir seit 28 Jahren als
Garderobenstaender dient. Schliesslich kommt
er endlich zum
entscheidenden Punkt: Gegen einen Spottpreis von 1899 Mark waere er
eventuell bereit, mir einen seiner
'Year-2000-Survival-Packs' zu
ueberlassen, die Luxusausfuehrung mit Trockenrationen von Moevenpick.
Als ich weiterhin nur
reserviert grunze, bietet er mir als
Alternative die Economy-Variante mit ausgedienten Bundeswehr EPAs an.
Im Laufe der weiteren Verhandlungen stellt sich
heraus, dass der Typ stocktaub ist. Alle Versuche, ihm klarzumachen,
dass
aus gegebenem Anlass keinerlei Interesse vorhanden sein kann,
prallen an seinem verschmalzten Trommelfellen ab.
Schliesslich stuelpe ich ihm gewaltsam meinen
Kopfhoerer ueber und blase mit 130 dB in seine Gehoergaenge:
"ICH
KAUFE NIX, WEIL ES INZWISCHEN SCHON DER 10. JANUAR 2000 IST!!!"
Dabei halte ich ihm meine Armbanduhr vor die unsteten
Augen, damit er das Datum sehen kann.
Sein Blick wird glasig, die
Augenbrauen ziehen sich buschig zusammen und zum ersten Mal schweigt
er fuer laenger als eine
halbe Sekunde. Ich nutze meinen Vorteil,
bis er darauf kommt, dass das alles nur von den 'Psychogasen' kommen
kann, und
schiebe ihn und seine Feuerwehrrucksaecke energisch auf
den Gang hinaus in Richtung Sekretariat. Soll doch Frau Bezelmann
mit
ihm fertig werden! Wozu hat sie letztes Jahr noch rechtzeitig vor
Silvester einen Kurs in bongonesischen
Dschungelnahkampf
absolviert?
(Als ich sarkastisch bemerkte, wo denn in Muenchen
der bongonesische Dschungel sei, fuer den sie den Ernstfall
probe,
drueckte Frau Bezelmann mir lediglich mit nach unten
verzogenen Mundwinkeln eine Broschuere in die Hand, in der
ernsthaft
versichert wurde, dass nach dem Jahrtausendwechsel
infolge der veraenderten Korpuskelstrahlung der Sonne mit einer
raschen
und umfassenden Klimaveraenderung zu rechnen sei;
insbesondere werde Mitteleuropa schlagartig tropisches Klima
bekommen. I
rest my case.)
Ich war natuerlich die letzten Stunden des
Jahrtausends schwer beschaeftigt (Jaja, ich weiss inzwischen, dass
das naechste
Jahrtausend erst naechstes Jahr anfaengt; ihr koennt
den Finger wieder von der Reply-Taste nehmen, ihr
Klugscheisser!).
Wann hat man schon mal so eine Gelegenheit,
unbegrenzten Schaden auf eine einzige Ursache zu haeufen? Richtig:
nur alle
tausend Jahre mal! Waehrend sich also vor dem
Uni-Gebaeude die hirnlosen Massen durch den Schneematsch waelzen und
mit
Hilfe diverser Sektflaschen und -glaeser eifrig die neuesten
englischen Grippeviren austauschen, korrigiere ich in aller
Ruhe
ein paar strategisch wichtige Lohnabrechnungen, verteile die
Reiseetats in der 'Reisekostenstelle from Heaven' (RkfH)
fuer das
Jahr 2000 neu und baue ein paar huebsche trojanische Pferde in die
wichtigsten NT-Server der Uni-Verwaltung ein,
damit meine
'Korrekturen' nicht gleich den erstbesten Buchpruefer ins Auge
knallen.
Schliesslich ist es soweit: der Milleniums-Countdown
auf meinem Desktop zaehlt knallhart die letzten 60 Sekunden
herunter.
Ich nehme pietaetvoll die Finger von der Tastatur und
harre frohen Mutes der Katastrophen, die da kommen sollen.
Als um 6 Minuten nach zwoelf immer noch alle Rechner
am LEERstuhl laufen, und immer noch kein Stromausfall kommt, und
nicht
mal eine klitzekleine 747 auf der Ludwigstrasse notlanden
muss, macht sich in mir ein gewisses Gefuehl der LEERE breit.
Seien wir doch mal ehrlich: Alles im allem sind wir
ja alle, ja auch du da hinten, an deinem altersschwachen 486, wir
alle
sind doch irgendwie ganz schoen enttaeuscht, nicht wahr? So
ein paar mittelschwere Katastrophen waeren doch ganz
angemessen
gewesen - wo wir uns doch alle so eifrig darauf
vorbereitet hatten! Die Katastrophe muss ja nicht unbedingt gleich
vor der
eigenen Haustuere beginnen, aber vielleicht im naechsten
Bundesland? Ich hatte mir schon so schoen die morgigen
Schlagzeilen
ausgemalt:
"Saemtlich schwaebischen Spareinlagen infolge von Y2K-Bug geloescht!"
"Computer der oesterreichischen
Bundesautobahngesellschaft berechnet Strassengebuehren ploetzlich
negativ - der
oesterreichische Staat ruiniert?"
"Deutsche Bank berechnet alle DM-Werte ploetzlich in Euro - Guthaben ueber Nacht verdoppelt!"
"Y2K-Bug im Navigationssystem - Space Shuttle auf dem Weg zum Jupiter!"
"Saemtliche Windoofs-PCs begehen Y2K-Selbstmord - Microsoft bankrott!"
Naja, es hat halt nicht sollen sein. In Zukunft
muesst ihr wohl wieder eure Phantasie bemuehen, wenn es darum
geht,
Suendenboecke fuer geleisteten Bockmist zu finden. Aber zum
Glueck gibt's ja diese Kolumne, nicht wahr? Also dann:
Stay tuned
and have fun! (Jetzt erst recht!)
Ice and Fire
Manchmal bereue ich es wirklich, dass unsereins
damals beim Entwurf der zukuenftigen Klimazonen (ich glaube es war
am
zweiten Tag) nicht energischer eingeschritten ist. MAN hatte
damals entschieden, dass es zwar durchaus vernuenftig
temperierte
Gebiete auf der zukuenftigen Erde geben solle, aber trotzdem werde
MAN dem Designobjekt Erde einen leichten
touch auf die
Rotationsachse geben. MAN begruendete dies damals mit komplizierten
Theorien ueber die Entstehung des Lebens
aus
bi-chloriert-kreuzaxial rechtsdrehenden Milchsaeuren in der Ursuppe,
die angeblich jaehrliche Temperaturschwankungen so
um die 30 Grad
benoetigen wuerden. Ausserdem erhoffte MAN sich auch psychologisch
interessante Ergebnisse, wenn es die zu
entwickelten Menschen
nicht gar zu warm und kuschelig haben wuerden: Von einem
Hoehlenmenschen, der das ganze Jahr ueber
bei bequemen 28 Grad vor
seiner Hoehle im Schatten liegen koenne, von dem duerfe man nicht
erwarten, dass er irgendwann mal
auch so etwas Kompliziertes wie
eine Zentralheizung erfinden wuerde.
Der Hinweis der FVE ('Fraktion Verfrorener Engel'),
der auch ich damals noch angehoerte, der zaghafte Hinweis, dass MAN
ja
statt dessen bei einer vernuenftigen, gleichmaessigen
Temperierung von 30 Grad auf die Entwicklung von noch
komplizierteren
Klimaanlagen hoffen duerfe, wurde wie ueblich in
goettlicher Allmachtsgewohnheit vom Tisch gefegt.
(Kein Wunder,
dass wir kurz danach endgueltig die Geduld verloren und uns in besser
temperierte Gefilde verzogen...)
Und deshalb sitze ich jetzt hier auf dem 48ten
Breitengrad und fluche ueber den Wintereinbruch, den unsere ach so
wunderbar
kompliziert entwickelte Universitaetszentralheizung
natuerlich nicht mitbekommen hat, so dass in meinem Buero schon
die
Eisblumen am Fenster wachsen! Auf der Innenseite! Mein Atem
beschlaegt sich schon auf den 20-Zoll-Flachbildschirmen, und
ich
kann nicht mal mehr richtig nach den Servern treten, weil ich sonst
riskiere, dass meine steifgefrorenen Zehen
abbrechen!
Nun ja, an der Neigung der Erdachse kann ich im
Moment nix aendern (ein Kollege aus der Abteilung IEP
('Infernalische
Erd-Prognostik') hat mir uebrigens gesteckt, dass
die Menschen das erst in vierhundert Jahren, in der
sogenannten
Post-Microsoft-Epoche, angehen werden), aber
wenigstens hier am LEERstuhl kann ich selber was unternehmen. Mit
dem
Generalschluessel, den der Chef schon seit 1972 vermisst, gehe
ich in den Heizungskeller und manipuliere die
Heizungssensoren,
bis sie eine Aussentemperatur von Minus achtzig Grad anzeigen. Dann
gehe ich in den Rechnerraum, schalte
die Klimaanlage auf reverse
turbo und mache die Tuere zum Flur weit auf. Bei jedem RAID-Server
ziehe ich mal kurz eine
Platte heraus. Alle anderen Platten fangen
sofort an, die verlorenen Daten zu rekonstruieren; im Rechnerraum
summt es wie
in einem Bienenhaus, das 'Land unter' gemeldet hat.
Mehrere Luefter springen an und blasen wunderbar warme Luft in
die
frostige Atmosphaere des LEERstuhls. Dann gehe ich in den
Maintenance-Mode und schicke an alle hundertfuenfzig
Workstations
einen Job hoechster Prioritaet, der meine letzte
Steuerrueckzahlung auf 10248976 Stellen hinter dem Komma genau
ausrechnet.
Nicht dass das irgendeinen Einfluss auf meine
finanzielle Situation haben wuerde, aber ich weiss, dass die CPUs
jetzt fuer
mindestens eine Stunde auf Hochtouren laufen und ihr
Scherflein zur allgemeinen Klimaverbesserung beitragen werden.
Im
Diplomandenraum ist noch niemand bei der Arbeit; ich nuetze die
Gunst der fruehen Stunde und baue - nachdem ich den
Rauchmelder
abgeklemmt habe - aus den uralten Holzstuehlen ein gemuetliches
Lagerfeuer. Zum Anfeuern hole ich Frau
Bezelmanns vertrockneten
Postkaktus aus dem Sekretariat. Nachdem sich seit Monaten kaum noch
jemand traut, seine Post aus
dem Stacheldschungel heraus zu
fischen, ist das Ding mit mindestens zwanzig Kilo alter Post
ueberfrachtet. Der Rauch zieht
zwar nicht besonders gut ab, aber
die Heizwirkung ist enorm. Nachdem ich noch sechs Heizluefter in
strategische Stellungen
rings um mein Buero herum gebracht und
saemtliche Kaffeemaschinen und Wasserkocher auf volle Leistung
geschaltet habe,
bekommen wir langsam wieder annehmbare
Arbeitsbedingungen.
Keine halbe Stunde spaeter - ich bin gerade mitten in
einer heissen Schlacht gegen die gelben Gruetze-Wesen von Pluto 9
und
feuere so schnell Quantentorpedos, dass die LEERtaste raucht -
kommt Marianne in mein Buero. Genauer gesagt, haelt sie sich
mit
letzter Kraft am Tuerpfosten fest, zerrt mit der anderen Hand
krampfhaft an ihrer Seidenbluse und starrt mich mit
blutunterlaufenen
Augen an.
"Hi", sage ich und feuere schneller, "was
ist mit deinem Makeup passiert? Hast du heute morgen statt Rouge
Tomatenketchup
erwischt?"
Tatsaechlich hat sie einen knallroten Kopf wie eine
ueberreife Strauchtomate und der Schweiss rinnt ihr in
deutlich
sichtbaren Gebirgsbaechen von den Schlaefen, den Hals
herunter und vereinigt sich zwischen ihren ansehnlichen...
hm...
weiblichen Rundungen zu einem unaufhaltsamen Strom.
"Warum, um Gottes Willen, ist es hier so
unglaublich heiss?" japst Marianne mit letzter Kraft, waehrend
sie langsam am
Tuerrahmen zu Boden gleitet. Auf ihrer weissen
Bluse bilden sich riesige dunkle Flecken.
"Heiss? Ich finde es gerade mal angenehm zum
Arbeiten", sage ich erstaunt.
"Meinst du etwa...?"
Aber Marianne hoert mich nicht mehr. Besinnungslos
liegt sie halb in meinem Buero, waehrend sich um ihren Koerper herum
in
rascher Folge eine riesige Schweisspfuetze bildet.
Wahrscheinlich hat sie Fieber, denke ich besorgt, in der U-Bahn auf
dem
Weg zum LEERstuhl einen 24-Stunden-Virus eingefangen. Kein
Wunder bei dieser Kaelte! Bei fiebrigen Infekten hilft
nur
Warmhalten, alte Medizinmannweisheit. Ich packe Mariannes
schlaffen, heissen Koerper in zwei Wolldecken und bette sie
dichter
an die gluehenden Heizluefter in meinem Buero. Beim Schliessen der
Tuere bemerke ich weitere leblose Gestalten im
Gang liegen. Unter
Rinzlings verrammelter Buerotuere sickert eine Schweisspfuetze
hervor. Ploetzlich wird mir klar, dass
ich auf dem besten Wege
bin, Ende Januar Hitzefrei zu bekommen. Ich husche schnell hinueber
in die Seminarraeume und
kontrolliere, ob auch alle Heizkoerper
voll aufgedreht sind. Im stillen lobe ich die Sparsamkeit der
Haustechnik,
derzufolge nirgendwo moderne Thermostat-Regler
eingebaut sind. Auf dem Weg zurueck in mein Buero treffe ich ein
paar
StudentInnen in mehr oder weniger nudistischem Zustand, die
mit glasigem Blick nach dem Ausgang suchen. Das wird endlich
mal
ein ruhiger Tag zum Arbeiten, denke ich noch erfreut, da rauscht Frau
Bezelmann um die Ecke!
Mit blitzenden Brillenglaeser steuert sie unbeirrt
auf mich los. Die Hitze scheint ihr ueberhaupt nichts anhaben
zu
koennen; im Gegenteil vermeine ich, in ihrer unmittelbaren
Naehe sogar ein merkliches Absinken der Lufttemperatur zu
verspueren.
"Ich komme gerade ins Sekretariat", beginnt
sie drohend mit eisiger Stimme, "und sehe, dass mein Kaktus
mitsamt der ganzen
Post verschwunden ist!!!"
"Na, so etwas", sage ich moeglichst verwundert und versuche, in mein Buero zu verschwinden.
Aber Frau Bezelmann stellt sich mir in den Weg.
"Und
das, obwohl das Sekretariat abgesperrt war, und das Schloss voellig
unbeschaedigt aussieht!"
"Es gibt viele Leute, die einen Schluessel zum Sekretariat haben", verteidige ich mich rasch.
"Aber niemanden, der es in dieser Hitze darin
laenger als zehn Sekunden aushalten wuerde", zischt Frau
Bezelmann
unheilverkuendend, "ausser Ihnen!"
Ploetzlich sehe ich, dass Frau Bezelmann ein riesiges
Kaeltespray aus dem Labor in der Hand haelt, das sie bisher
hinter
ihrem steifen Ruecken versteckt hatte. Jetzt zielt sie
damit auf mein Gesicht und senkt langsam ihren duerren
Zeigefinger
auf den Spruehkopf.
Verdammt! Wo ist ein Flammenwerfer, wenn man ihn wirklich braucht!
"Tun Sie nichts Unueberlegtes", sage ich,
um Zeit zu gewinnen, und weiche langsam in mein Buero zurueck. Frau
Bezelmann
rueckt unbeeindruckt nach, die Flasche mit fluessigem
Stickstoff hoch erhoben.
"Sie wissen, dass ich auf Kaelte ganz und gar
nicht gut reagiere", warne ich, als ich den Fileserver in meinem
Kreuz
spuere. Zur Antwort sprueht Frau Bezelmann eine ordentliche
Ladung knapp an meinem Kopf vorbei. Die Lufttemperatur in
meinem
Buero senkt sich schlagartig.
"Der Kaktus?" verlangt Frau Bezelmann drohend zu wissen.
"Ja, richtig. Der... aeh... der Kaktus... Sie meinen doch nicht den Haufen vertrockneter Stacheln auf der Postablage?"
Die Antwort ist ein weiterer Schwall fluessigen
Stickstoffs. In der heissen, feuchtigkeitsgesaettigten Luft
kondensieren
dicke Dampfschwaden. Die Raumtemperatur beginnt
bereits, unangenehm kuehl zu werden. Marianne erwacht aus ihrem
Hitzekoma
und guckt benommen um sich.
"Der Kaktus!!"
Hinter Frau Bezelmanns Ruecken zieht sich Marianne langsam an einem 19-Zoll-Rack hoch und stolpert in Richtung Fenster.
"Ach, Sie meinen Ihren Postkaktus! Ja... aeh..
Wo haben Sie eigentlich den fluessigen Stickstoff her?" versuche
ich ein
paar kostbare Sekunden herauszuschinden, bis Marianne das
Fenster erreicht und die Fluegel aufreisst.
Eine Woge eiskalter Luft ergiesst sich in mein Buero
und verwandelt die heissfeuchte Luft schlagartig in
undurchdringlichen
Nebel. Ich tauche blitzschnell unter meinen
Schreibtisch ab. Ueber mir hoere ich fluessigen Stickstoff durch die
Luft
fauchen und Frau Bezelmann gotteslaesterlich fluchen. Aber
der Stickstoff hilft nur, den Nebel noch dichter werden zu
lassen.
Ich krieche wie ein tollwuetiger Pavian auf Haenden und Fuessen an
der Wand entlang zur Tuere und bringe mich auf
dem Gang in
Sicherheit. Als ich mich umdrehe, steht der Chef keine fuenf Meter
von meiner Buerotuere entfernt im
hitzewabbernden Flur und starrt
mich mit hervorquellenden Augen an. Sein alttestamentliches
Patriarchengesicht ist
dunkelrot angelaufen und er blaest
rhythmisch die Backen auf, waehrend er unsicher auf mich zu stolpert.
Ploetzlich wird
hinter mir die Tuere aufgerissen, und Frau
Bezelmann rammt mir die Stickstoffdose in den Ruecken. Da erst sieht
sie den
Chef auf uns zu taumeln und bleibt wie angewurzelt stehen.
Einen Moment lang hoert man nur das krampfhafte Keuchen
Mariannes,
die an meinem Buerofenster Luft in ihre verbrannten Lungen pumpt.
Dann kraechzt der Chef muehsam:
"Warum...
aeh... hrrrccch... aehem.. warum hat es... aeh... ist es...
hrrccchhh... aeh... ist es heute nicht...
hrrrccchhh... etwas
sehr... aeh... temperiert... aeh... hier?"
Frau Bezelmann zieht missbilligend ihre Mundwinkel
nach unten und streckt energisch ihr spitzes Kinn vor:
"Temperiert?"
sagt sie in eisigstem Tonfall, den sie sonst fuer den Chef reserviert
hat, wenn er fragt, ob sie schon die
Post vorbereitet hat, "im
Gegenteil: ich finde es eher etwas kuehl heute!"
Mit diesem Worten rauscht sie an uns vorbei in
Richtung Sekretariat, wobei sie nicht verabsaeumt, mir im Vorbeigehen
einen
ihrer beruehmten Blicke zuzuwerfen; ein Blick, ueber dem in
riesigen roten Leuchtbuchstaben ein einziges Wort flackert:
"Postkaktus!!!"
Und dann beim zweiten Blick:
"Spaeter!!!!!"
Nach kurzem Nachdenken sage ich dem Chef, der
allerdings nicht zuhoert, sondern nur krampfhaft nach Sauerstoff
schnappt,
dass ich noch diese Stunde unerwartet zu einen wichtigen
Meeting nach Johannesburg aufbrechen muesse.
Wenn ich Glueck habe, hat sich Frau Bezelmann bis zu meiner Rueckkehr etwas abgekuehlt.
Subway
Seit der 'Unheimlichen Begegnung mit dem renitenten
Rentner' letzte Woche ist mein 'Bastard Cruiser from Hell' immer
noch
in der Werkstatt. Unglaublich, was so ein moderner
Titanium-Krueckstock alles anrichten kann! Die Motorhaube
total
verbeult, der linke Scheinwerfer und beide Ruecklichter
zertruemmert! Naja, meine Hupe ist vielleicht wirklich etwas
zu
kraeftig eingestellt... Aber irgendwie sind die Rentner heute
auch nicht mehr die Tattergreise von anno dazumal! So was von
fit!
Muss an der Gesundheitsreform liegen. Oder der Pflegeversicherung?
Auf jeden Fall ist bestimmt auf die eine oder
andere Weise die
Regierung daran schuld, dass ich jetzt hier in der stinkenden U-Bahn
zur Arbeit dackeln muss! (Merke: die
Regierung ist IMMER schuld!
Das ist schon seit der Jungsteinzeit so. Eigentlich ueberhaupt seit
es Regierungen gibt, sind
sie vor allen Dingen bequeme
Suendenboecke fuer alle Arten von Malheuren, die einem so taeglich
widerfahren.)
Ausserdem ist die Schuld der Regierung immer ein
guter Anfang fuer eine Unterhaltung in der U-Bahn. Als die U-Bahn
heute
morgen das zweite Mal im Tunnel stecken bleibt, bemerke ich
beilaeufig zu niemandem Bestimmten:
"Liegt garantiert an der
neuen Regierung, dass dauernd die U-Bahn stecken bleibt!"
Das Maennlein auf dem Sitz mir gegenueber hebt den
Blick von der AZ und mustert mich kritisch. Nach einer zu langen
Pause
sagt er ploetzlich herausfordernd:
"Wetten, dass
ich nach Ihnen aussteigen werde?"
Ich betrachte das Maennlein interessiert. Es ist
ziemlich verhutzelt, fast kahl bis auf einen dichten Kranz borstiger
Haare
um die riesigen Ohren, hat ein dreieckiges Gesicht mit hoher
faltiger Stirne und scharfe Augen, die aufmerksam ueber eine
total
verschmierte Lesebrille blicken.
"Ich wette mit Ihnen, dass
ich nach Ihnen aussteigen werde", wiederholt mein Gegenueber mit
seiner komisch quietschenden
Stimme und stopft mit resoluten
Bewegungen die AZ in die Manteltasche, ohne mich aus den Augen zu
lassen.
"Ok", sage ich bereitwillig, "um was wetten wir denn?"
"Das ist voellig irrelevant", schuettelt
das Maennlein den Kopf.
"Wichtig ist, dass mir Ihre
Gesichtsform nicht gefaellt: sie ist fuer Ihren Beruf zu rund!"
"Interessant", gebe ich zu, "woher wissen Sie denn, was fuer einen Beruf ich habe?"
Er raeumt ein, dass er meinen Beruf gar nicht kenne.
"Aber das ist irrelevant", erklaert er kuehl, "wichtig
ist, dass Sie fuer Ihren Beruf einen zu runden Kopf haben und
dass
ich nach Ihnen aussteigen werde!"
"Ihre Gesichtsform ist auch nicht rund", bemerke ich nach zehn Sekunden, um das Gespraech am Laufen zu halten.
"Natuerlich nicht!" entruestet er sich und
funkelt mich ueber die Raender seiner Lesebrille an. Die Haare um
seine spitzen
Ohren straeuben sich ein ganz klein bisschen.
Die Station Universitaet wird angekuendigt, und ich
stehe auf und draengele mich durch die Massen
spaet-pubertierender
Studenten in Richtung Ausgang. Sofort steht
der Typ gegenueber auch auf und haengt sich an mich dran.
"Augenblick mal!" sage ich und bleibe
stehen.
"Sie wollten doch nach mir aussteigen!"
"Ich werde ja auch nach Ihnen aussteigen",
erklaert er giftig.
"Ich gewinne meine Wetten immer. Das ist
mein oberstes Prinzip!"
"Aber das ist doch gegen die Regel",
protestiere ich lautstark, "Sie muessen bei der naechsten
Station aussteigen, wenn Sie
die Wette gewinnen wollen!"
Die umstehenden StudentInnen beginnen, vorsichtig von uns beiden abzuruecken.
"Keineswegs", geifert der Giftzwerg mit dem
dreieckigen Gesicht.
"Ich habe nur gewettet, dass ich NACH
Ihnen die U-Bahn verlasse! Und das werde ich auch!"
Die U-Bahn haelt und die Tueren rauschen auf. Ich ruehre mich nicht vom Fleck.
"Nun?" fragt er ungeduldig und stupft mich in den Ruecken.
"Ich denke gar nicht daran!" erklaere ich
kategorisch.
"Ich pflege meine Wetten naemlich auch zu
gewinnen..."
"Aber das ist doch Ihre Station! Sie steigen jeden Tag hier aus..."
"Und ausserdem glaube ich, dass Sie sich irren: nicht mein Gesicht ist zu rund, sondern Ihr Gesicht ist zu dreieckig!"
"W...!" dem Maennlein bleibt die Luft weg
vor Empoerung.
"Das ist doch wohl...!"
Die Tueren rauschen zu.
"Jetzt haben Sie Ihre Station verpasst!"
"Stimmt!" kontere ich gelassen.
"Sie
aber auch!"
"Woher...?"
"Ich bin nicht blind", erklaere ich eisig.
"Sie fahren seit einer Woche jeden Morgen in meinem Wagen
bis zur Uni und steigen da aus."
Ich suche mir einen freien Platz gegenueber einer
aufgeschlagenen Sueddeutschen Zeitung und setze mich wieder. Der
Gnom
folgt mir auf den Fersen. Ich bemerke, dass er hinkt.
"Was tun Sie da?" zetert er.
"Ich bleibe jetzt solange hier sitzen, bis Sie
verschwunden sind", erklaere ich.
"Wollen doch mal
sehen, wer den laengeren Atem hat..."
Mein Gegner stampft vor Wut auf den Boden. Es klingt
wie ein Schlag mit einem mittelschweren Schmiedehammer.
Die
Sueddeutsche mir gegenueber senkt sich langsam, und zwei
kleine blaue Schweinsaeuglein erscheinen ueber dem oberen Rand
der
Zeitung und irren unsicher zwischen uns hin und her.
"Ich werde Sie schon noch dazu kriegen, vor mir auszusteigen", giftet das Maennlein und zerrt wuetend an der Haltestange.
"Nichts zu machen", sage ich betont ruhig,
um ihn noch mehr auf die Palme zu bringen. Die Sueddeutsche
gegenueber faltet
sich ganz rasch zusammen, steht auf und draengt
sich vor zur naechsten Plattform. Der Gnom huepft sofort auf den
freien
Platz. Er traegt ueberlange Schlaghosen, so dass die Schuhe
voellig verdeckt sind. Seine Fuesse muessen merkwuerdig kurz
sein...
Die Tueren rauschen auf.
Eine Gruppe Kontrolleure
steigt zu. Wie ueblich sind sie als verkleidete Kontrolleure
verkleidet und somit leicht
auszumachen. Die gewohnheitsmaessigen
Schwarzfahrer verlassen hastig die Plattformen, bevor die Tueren
wieder zurauschen.
"Die Fahrscheine bitte vorzeigen!"
Ich zeige meine Netzkarte vor. Die Kontrolleuse, Typ
untersetzte Hilfsbuchhalterin aus der Stadtkaemmerei, die sich
bei
jeder Gelegenheit freiwillig zur U-Bahn-Kontrolle abstellen
laesst, weil sie da Schwarzfahrer zur Sau machen kann, anstatt
von
Ihrem Buerovorsteher zur Sau gemacht zu werden, die Kontrolleuse
knurrt mich warnend an:
"Die gilt aber nur noch bis zur
uebernaechsten Station!"
Ich teile ihr mit, dass mir das bekannt sei. Mein
Gegner gegenueber zeigt eine Streifenkarte vor. Die
Hilfsbuchhalterin
zieht erfreut die Augenbrauen zusammen.
"Sie
ham nur eine Kurzstrecke gestempelt, san aber schon vier Stationen
gefahren. Die is nimmer gueltig. Ich muss Eahna ein
erhoehtes
Befoerderungsentgeld ausstellen. Sechzig Mark macht des. Kommens,
steigens mit uns aus, dann kann ich den Schein
ausstellen!"
"Ich kann aber nicht aussteigen!" zetert der Gnom.
"Wieso denn net?"
Der Gnom fuchtelt aufgeregt mit seinen Gichtfingern
in meine Richtung:
"Ich kann erst nach dem da aussteigen!"
Die Tueren rauschen auf.
Die Kontrolleuse schaut mich verbluefft an:
"Und
wann steigen Sie aus?"
Die Tueren rauschen wieder zu.
"Ich weiss es noch nicht", sage ich und
verschraenke gemuetlich meine Arme, "auf jeden Fall erst nach
dem Herrn da
gegenueber!"
Die Hilfsbuchhalterin schaltet mit zusammengezogenen
Augenbrauen noch mal 87 Gehirnzellen hinzu (das war die
stille
Reserve!).
"Aber Ihre Netzkarte gilt nur noch bis
zur naechsten Station!" sagt sie dann.
Das Maennlein huepft aufgeregt auf seinem Sitz auf
und ab.
"Ja, ja! Genau!" kreischt es.
"Der
Kerl darf nicht weiter als bis zur naechsten Station, nicht wahr?
Aber wenn ich das erhoehte Befoerderungsentgeld
bezahle..."
"Ich zahle auch das erhoehte
Befoerderungsentgeld!" unterbreche ich eiskalt und wedele der
Kontrolleuse mit einem Hunderter
vor der Nase herum.
"Damit
kann ich sogar bis zur Endstation fahren, nicht wahr?"
"Aeh..."
"Neiiiiin!" Der Gnom wird allmaehlich rebellisch.
Er schuettelt den Kopf vor Wut. Infolge der heftigen
Bewegungen verrutschen seine braunen Kontaktlinsen kurzzeitig
und
lassen ein giftiges Gelb mit senkrechten Schlitzpupillen
durchschimmern. Die anderen Kontrolleure werden aufmerksam
und
versammeln sich um uns herum. Die Hilfsbuchhalterin erklaert
hastig, worum es geht.
Ein gesetzter Herr schraeg gegenueber mit
zwei Rauhhaardackeln und ZEIT mischt sich ein:
"Natuerlich
kann der Herr bis zur Endstation fahren, wenn er das erhoehte
Befoerderungsentgeld bezahlt hat. Das ist..."
Einen Moment lang reden alle durcheinander. Die
Tueren rauschen auf und wieder zu. Dann einigen wir uns alle, dass
beide,
das heisst der Gnom und ich, sechzig Mark zu bezahlen haben
und damit weiterfahren duerfen, solange wir wollen. Die
Kontrolleure
und der Herr mit dem Dackeln steigen bei der naechsten Station aus.
Wir sitzen uns schweigsam gegenueber und
beobachten uns
feindselig, ob vielleicht einer Anstalten macht aufzustehen. Es wird
allmaehlich leerer in unserem Wagen.
Drei Stationen vor der
Endstation sind wir ganz alleine.
Ich beuge mich vertraulich nach vorne:
"Ich
moechte Ihnen einen guten Rat geben."
Er vergraebt sein spitzes Kinn noch tiefer im Kragen
seines schmutzigen Wollmantels und beaeugt mich misstrauisch
durch
seine braunen Kontaktlinsen.
"Was?"
"Sie waren ganz offensichtlich bis vor kurzen in der Abteilung Mediavistik beschaeftigt..."
Der Gnom hebt wachsam den Kopf.
"... und haben scheint's fuer Ihr neues Einsatzgebiet den falschen Leitfaden mitgenommen."
Die vorletzte Station wird angekuendigt. Ich beuge
mich noch weiter vor:
"Mann!" raune ich ihm
verschwoererisch zu.
"Das ist das einundzwanzigste
Jahrhundert! Sie koennen hier doch nicht einfach mit dreieckigem
Gesicht und gelben
Schlitzaugen aufkreuzen! Wenn ich das Ihren
Vorgesetzten melde... mein lieber Schwan! Sie werden schneller wieder
bei der
Mediavistik sein, als sie 'Piep!' sagen koennen! Und was
Sie da unten erst haben..."
Mit diesen Worten packe ich ihn am rechten Hosenbein.
Die Tueren rauschen auf. Der Gnom reisst sich mit erstaunlicher
Kraft
los, trampelt mir brutal auf den linken Fuss und stuermt in
Panik aus der U-Bahn.
Viel spaeter, als ich muehsam in mein Buero humpele,
faengt mich Marianne auf dem Gang ab.
"Wo hast du denn heute
morgen gesteckt? Und was ist mit deinem Bein passiert?"
"Nichts weiter", wehre ich ab, "nur ein Tritt mit einem Pferdefuss!"
"Pferdefuss!" wiederholt Marianne
kopfschuettelnd in dem Tonfall, der sagen soll: jetzt hat's ihn
endgueltig erwischt, und
verschwindet in ihrem Buero.
Wie gesagt: ich pflege meine Wetten auch zu gewinnen - selbst Kollegen gegenueber!
Micro Blondy
Das Wintersemester geht dem Ende zu und ich langweile
mich. Die Studenten haben erstaunlich schnell gelernt, dass sie
um
mein Buero im allgemeinen und mich im besonderen einen weiten
Bogen machen muessen, die Mitarbeiter sind sowieso auf der
Hut und
die Verwaltung hat durchgesetzt, dass in der neuen Telefonanlage die
Caller-ID nicht mehr unterdrueckt werden darf.
Seitdem nimmt in
der RKfH niemand mehr den Hoerer ab, wenn ich anrufe - es sei denn,
ich verwende das Telefon des Chefs.
Also sitze ich mit
hochgefahrenen Schilden in meinem Buero, draussen taut es, was das
Zeug haelt, und ich langweile mich.
Beim Durchforsten des USENET finde ich eine kurze
message der Muenchner Microsoft-Niederlassung, dass
sie
super-brand-dringend einen System-Programmierer suchen. Weil
sonst nix Interessantes zu finden ist, fuelle ich schnell mal
das
Bewerbungsformular im Web aus und bekomme postwendend, d. h. so
schnell wie die Exchange-Server bei Microsoft es halt
hinkriegen,
also keine drei Stunden spaeter, die enthusiastische Antwort des
HR-Leiters.
Ja, ich sei ja genau der Kandidat, den sie suchen
wuerden, und ueberhaupt... und mit meiner Berufserfahrung... und
so
weiter, blablalaberfasel...
Der HR scheint keinen blassen
Dunst von der Materie selber zu haben, sonst haette er bei den
Programmiersprachen, die ich
angeblich beherrsche, wohl etwas
gestutzt:
TSE, BOERL, LISPEL, TSCHAWA.
Aber anscheinend muss
man heutzutage nur noch ueberzeugend 'rueberbringen, dass man in
ueber 50% der Faelle den Reset-Knopf
nicht mit dem Einschaltknopf
verwechselt, und schon wird man als Software-Spezialist eingestellt!
Der HR will, dass ich
sobald wie moeglich fuer 'ein persoenliches
Gespraech unter entspannter Atmosphaere' vorbeikomme, und ob nicht
vielleicht
sogar heute Nachmittag...?
Natuerlich sage ich zu.
Um mich in die richtige MS-Stimmung zu versetzen (MS
= ??? ... Richtig: 'Maso-Sado'), versuche ich vorher zum
fuenfzehnten
Male das Netzwerk auf der Windoofs-Partition meines
Schlepptops neu zu konfigurieren. Natuerlich klappt es nicht
und
bekomme ich die ueblichen MS-Fehlermeldungen:
'Programm
mit Fehler Unbekannt verendet'
'Netzwerk nicht
vorhanden/abhanden/abgeklemmt/abgebrannt'
'Der Befehl kann nicht
ausgefuehrt werden, weil Befehl nicht ausgefuehrt werden kann'
'Dieser Fehler sollte eigentlich niemals auftreten!'
'Danke,
dass Sie Windows gewaehlt haben!'
'Hasta Luego, Calzonasos!'
(Letztere Fehlermeldung muss noch von dem beruehmten
Hilfsprogrammierer Jose stammen, ein illegaler
kolumbianischer
Einwanderer, der angeblich 80% des Windoofs fuer
ein Butterbrot programmiert hat. Ein paar andere spanische
Fehlermeldungen
koennte man mit viel gutem Willen auch als
versteckte Nachrichten fuer die Drogenmafia deuten...)
Ich krame mein Bewerbungs-Sweat-Shirt aus dem
Werkzeugschrank (das mit dem Pizzaflecken!), haenge mir
eine
Linux-Pinguin-Krawatte um und sause raus zu Microsoft. Auf
dem Besucherparkplatz ist nicht mal mehr Platz fuer einen
halben
Smart, geschweige denn fuer meinen 'Bastard Cruiser from
Hell'. Deshalb fahre ich auf den einzigen freien Platz
im
Management-Bereich (da wo die Verkehrszeichen einen goldenen
Rand haben!) und haenge einen Zettel 'B.A.f.H.' ueber das
Schild
'C.E.O.'.
Im Vorhof der HR-Abteilung von Microsoft laufen ein
Haufen hochhackiger Miezen herum, die wirken, als ob sie gerne
den
Eindruck hervorbringen wuerden, dass sie ganz schrecklich
beschaeftigt seien. Zu kompliziert? Nochmal anders ausgedrueckt:
sie
rennen wie wild durcheinander, tun aber effektiv nix (abgesehen von
ihrer Mittagspause, wo sie alle ihre
Fuenf-Zentimeter-Krallen neu
lackieren). Natuerlich sind alle ziemlich hyper-extra-cool, schauen
aber sonst so aus, als ob
sie noch nie einen Co-Prozessor zu
Gesicht bekommen haetten, und wenn doch, ihn mit einem besonders
originellen Stueck
Modeschmuck verwechseln wuerden. Die
Empfangsmieze schaekert halblaut mit dem Telefon und ist so blond,
dass ich froh bin,
meine Sonnenbrille auf zu haben. Nachdem sie
abfaellig mein pizzaverschmiertes Sweat-Shirt zur Kenntnis genommen
hat
(immerhin eine hochgezogene Augenbraue!), wirft sie einen
laessigen Blick auf die Einladungs-Email, die ich ihr unter
die
beiden beachtlichen Sprungschanzen halte (Sie muss
tatsaechlich ein ganz klein wenig das Kinn nach vorne schieben, um
sie
lesen zu koennen! (Da war er, der Chauvi-Spruch in dieser
Kolumne!)).
Ploetzlich weiten sich sprunghaft ihre Pupillen. Sie
guckt mich an, dann guckt sie wieder in die email, dann legt sie
den
Telefonhoerer mit einem "Ich ruf dich gleich zurueck,
Schatzi!" beiseite. Klar, Windoofs kann ja auch kein
Multitasking!
Warum sollte also die blondierte Empfangsmieze...?
Mir kommt zu allerersten Mal der Gedanke, dass Windoofs blond
sein
koennte.
"Sie heissen wirklich Marianne?"
vergewissert sich die Empfangsmieze unglaeubig. Ihre Stimme quietscht
wie die blaue
Gummiente, die ich zu Hause in der Badewanne
gefangen halte.
Ich nicke duester.
"Und das schon seit 35
Jahren! Koennen Sie sich vorstellen, 35 Jahre lang 'Heinz' genannt zu
werden?"
Die blonde Gummiente schaut verwirrt.
"Wer
ist denn Heinz?" quietscht sie.
"Heissen Sie auch noch
Heinz?"
Ich sehe, dass hier sowieso Hopfen und Malz verloren sind, und frage nach dem HR-Leiter.
Aber zuallererst werde ich an den firmeneigenen
Seelenklempner weitergereicht, einen blassen Halbalbino ohne Haare
und mit
dem typischen Killerblick Hannibal Lectors. Der Typ ist
womoeglich noch cooler als die Miezen im Vorhof; er hat
scheint's
einen permanenten Krampf in saemtlichen Gesichtsmuskeln,
und die Tuerklinken beschlagen sich, wenn er sie anfasst. Ich
frage
mich, ob er mit Frau Bezelmann verwandt sein koennte. Ohne lange zu
fackeln fuehrt er mich in einen Raum voller
Displays und fragt,
welches Display ich fuer meinen Arbeitsplatz auswaehlen wuerde und
warum. Ich waehle ohne zu zoegern
einen uralten verstaubten
gruenen Monochrom-Schirm, der in der Ecke vor sich hin muffelt. Als
Begruendung sage ich
herablassend, dass ich bisher noch kein
Software-Problem erlebt habe, dass sich nicht mit 7-Bit-ASCII in
gruener Schrift
und ohne Maus in den Griff bekommen liesse. Der
Seelenklempner ist sichtbar beeindruckt; man kann es deutlich am
Zucken des
linken Ohrlaeppchens bemerken.
Nach ein paar Standard-IQ-Tests, bei denen ich wie
ueblich eher mittelmaessig abschneide, weil ich die Fragen
todlangweilig
finde und nach dem Zufallssystem ankreuze, kommt
noch ein Assoziationstest. Hannibal Lector liest Woerter vor und ich
soll
'ganz spontan' aeussern, was mir dazu einfaellt.
"Essen."
"Pizza."
"Gruene Wiese." "Heuschnupfen."
"Kaktus." "Bezelmann."
"Alzheimer."
"Oggersheimer."
"Berge." "Haider."
"Geld." "CSU."
"Nachts arbeiten."
"DooM."
"Adler." "Nero."
"Freizeit." "IRC."
"Schlafen."
"Schnarch."
"Musik." "MP3."
"Spass." "Moorhuehner."
"Alptraum."
"Bezelmann."
Hannibal Lector, der alles, ohne mit der Wimper zu
zucken, mitgeschrieben hat, packt meine Unterlagen und verschwindet
mit
einem gemurmelten 'Bin gleich wieder da!' aus seinem Buero.
Ich gucke mich unauffaellig um, wo denn die Kamera versteckt
sein
koennte. Aha, sie wollten ganz besonders schlau sein und haben das
Ding breit und frech als Minicam auf dem Bildschirm
gesetzt. Na
gut, dann wollen wir den HR-Jungs mal was bieten. Ich setze mich an
den Rechner, der freundlicherweise
eingeloggt ist (!), und lenke
den Videostrom der Ueberwachungssoftware voruebergehend auf
'www.wetgirls.com' um. Das wird
sie solange fesseln, bis ich ihren
Rechner aufgespuert habe.
Aha, da haben wir ihn ja! Ich hole mir rasch 'Satan
4.1' von meinem Host an der Uni und uebernehme mal kurz die
Kontrolle
in ihrem Kontroll-PC. Als ich den Treiber fuer die
Minicam finde, kann ich ein Triumphgrunzen nicht mehr
unterdruecken.
Eins muss man den Microsoftlern lassen: Gute
Hardware-Ausstattung! Jeder Rechner mit Kamera. Nur schade, dass ein
so
schlecht geschuetztes OS darauf laeuft, hehehe!
Ich hole mir das Bild der Minicam aufs Display und
sehe Hannibal Lector und einen anderen Typen, die sich gerade
wundern,
wieso ihre Maus so komische Bewegungen auf ihrem Display
macht. Dann kopiere ich das letzte Bild von meiner Minicam auf
ihren
Bildschirm und werfe 'morph' an. Die beiden Micro-Nerds sehen mit
aufgerissenen Augen, wie sich meine Nase langsam in
eine
Essiggurke verwandelt, und aus den Ohren Selleriestauden wachsen.
Dann faellt endlich der Groschen, der andere Typ
sagt irgendwas zu
Hannibal Lector und fummelt an der Tastatur. Gleich darauf bricht die
Verbindung ab.
Schade! Ich haette vielleicht ihre Tastatur abtrennen sollen. Aber man kann nicht an alles denken...
Ich habe gerade noch Zeit, die Mailbox der blonden
Gummiente ausfindig zu machen und eine gefaelschte Liebeserklaerung
von
Hannibal Lector darin zu platzieren, da kommt er schon wieder
und bringt diesmal den HR-Chef gleich selber mit. Unnoetig zu
sagen,
dass sie mich nach dieser Performance um jeden Preis einstellen
wollen. Sie sagen's zwar nicht, aber der Hauptgrund
ist
wahrscheinlich, dass sie nicht riskieren wollen, jemanden wie mich
frei herumlaufen zu lassen.
Ich lass mich auf keine Diskussion ein und sage nur,
dass noch andere Firmen hinter mir her seien und dass sie mir
so
schnell wie moeglich ein schriftliches Angebot schicken sollen.
Am besten ein Angebot, dass ich nicht ablehnen kann, fuege
ich
bedeutsam hinzu, und sie nicken beide wissend.
In der dritten Kaffeepause am naechsten Tag kommt
ploetzlich Marianne hereingeplatzt und wedelt mit einem Blatt Papier:
"Ihr glaubt nicht, was Microsoft mir gerade fuer eine
Verarschung zugeschickt hat! Angeblich bieten sie mir ohne
Anlass
einen Job als Windoofs-System-Programmierer an, mit
Firmenwagen und absolut horrendem Jahresgehalt!"
Marianne lacht sich kringelig.
"Dabei weiss
ich nicht mal, wie man unter Windoofs ein Netzwerk konfiguriert!
Entweder ist ihnen die Adressdatenbank
durcheinander gekommen oder
bei jemandem in der Personalabteilung ist endgueltig die Sicherung
durchgeglueht!"
"Die spinnen, die Micro-Softler", sagt der Kollege O., und alle nicken bestaetigend.
"Wusstet ihr schon, dass Windoofs blond ist?" sage ich und stelle meine Kaffeetasse ab.
Crazy World
Die meisten Leute denken, die Insassen einer
Klapsmuehle sind ganz einfach verrueckt. Andere -- die
Neo-Libero-Intellektis
-- meinen, dass diese Menschen eigentlich
gar nicht verrueckter sind als dreissig Prozent der 'normalen'
Bevoelkerung und
nur das ausgesprochene Pech haben, dass sich ihre
Verruecktheit so deutlich nach aussen hin aeussert, waehrend
der
psychotische Massenmoerder neben dir in der Strassenbahn eben
bis jetzt noch nicht 'auffaellig geworden' ist.
ICH meine, dass
das Konzept des 'Verruecktseins' nur aus dem angeborenen Beduerfnis
des Menschen entspringt, unter allen
Umstaenden als 'normal' zu
gelten, und wer Urlaub in der Klapsmuehle macht und wer nicht,
entscheiden diverse BDfHs und
BJfHs ('Bastard Doctor/Judge from
Hell'), die gewissen, zufaellig ausgewaehlten Leuten eben
ueberzeugend klar machen
koennen, dass sie verrueckt sein muessen.
(Sonst waeren ja auch die ganzen schoenen Klapsmuehlen, die mit
viel
Steuergeldern gebaut wurden, sinnlos.) Mit anderen Worten,
die Unterscheidung zwischen 'verrueckt' und 'normal' eruebrigt
sich,
weil ich noch keinen 'normalen' Menschen angetroffen habe - und
glaubt mir, ich hatte genuegend Zeit, die Menschheit
gruendlich
unter die Lupe zu nehmen! In der Irrenanstalt sitzen also im Prinzip
nur Leute, die ihr 'Coming Out' schon
hinter sich haben, waehrend
es manche von euch niemals schaffen werden.
Falls ihr mir jetzt nicht glaubt (und damit ist zu
rechnen, denn die hartnaeckigste Massenneurose, naemlich sich selbst
als
'normal' zu bezeichnen, ist praktisch nicht auszurotten),
solltet ihr folgenden Test ausfuehren:
Stellt euren Wecker auf
halb fuenf Uhr morgens und so nahe wie moeglich an das Ohr eures
Lebensabschnitts- oder sonstigen
Bettpartners. Wenn dann der
Wecker laeutet, wird besagter Lebensabschnitts- oder sonstiger
Bettpartner schlaftrunken
Auskunft verlangen, was dieser Scheiss
soll, es sei ja noch dunkel draussen und ueberhaupt. Dann erklaert
ihr mit ruhiger,
sachlicher Stimme, dass man seine wache
Lebenszeit um ca. drei Jahre erhoehen koenne, wenn man jeden Tag
schon um 4 Uhr
aufstehen wuerde. Obwohl dies eine voellig logische
und wissenschaftlich einwandfreie Argumentation darstellt, wird
die
Antwort unweigerlich sein:
"Du bist ja wohl total
abgeknallt, oder was?!!!"
('Total abgeknallt' ist auch nur
ein Synonym fuer das ominoese 'verrueckt', ueber das wir hier reden.)
PSEUDOWISSENSCHAFTS MODE ON
Uebrigens ist es doch
interessant, dass es in den meisten Sprachen mehr Synonyme fuer
'verrueckt' gibt als fuer den
geschlechtlichen Akt:
plemplem,
gaga, abgedreht, durchgedreht, nicht-alle-Tassen-im-Schrank,
Schraube-locker, irre, weggetreten, total
abgeknallt, Vogel-haben,
Loch-im-Hirnkastl, kirre, bescheuert, narrisch, deppert, etc.
Wenn
man mal davon ausgeht, dass die Wichtigkeit eines Konzepts mit der
Vielfalt der Ausdrucksform korreliert, scheint
dieses Thema in der
menschlichen Gesellschaft einen immens hohen Stellenwert zu haben
(DAS war mal ein Satz, wa? Wie aus
dem naechst-besten
Langweiler-Psycholaber-Kanal! Dokter Sauerbruch waere stolz auf
mich!)
PSEUDOWISSENSCHAFTS MODE OFF
Wer immer noch nicht glaubt, dass die Menschheit
keinen einzigen Vertreter ausweisen kann, der als klinisch 'normal'
zu
diagnostizieren sei, der sollte sich mal anhoeren, was bei uns
am LEERstuhl an einen ganz 'normalen' Tag mit ganz
'normalen'
Leuten so alles passieren kann:
Auf dem Weg zu meinem Allerheiligsten begegnet mir
Marianne im Gang. Sie schaut aus, als haette sie eine etwas
turbulentere
Nacht hinter sich.
"Hi! Wie geht's?" frage ich leutselig.
"Hi selber!" kommt mit 5 Sekunden
Verspaetung die genuschelte Antwort.
"Kann nicht genug
klagen!"
Dabei kneift Marianne demonstrativ ihre Augen
zusammen, um die phantastische Groesse ihres Katers anzudeuten.
"Aeh... du hast hoffentlich nicht vergessen,
dass du heute die Praesentation vor dem Rektoratskollegium ueber
das
SCHWAFEL-Projekt halten musst?" sage ich beilaeufig.
... vier... drei... zwei... eins...
"WAAASSS?!!!"
"War nur ein Spaesschen am fruehen Morgen",
winke ich ab.
Marianne stoehnt und kneift die Augen wieder zu,
die sie soeben noch in Panik weit ueber die Sollgrenze aufgerissen
hatte.
"Noch so ein Spaesschen am fruehen Morgen und du kannst deine Innereien aus dem Fettabscheider der Cafeteria klauben!"
Ich hab noch nicht mal den DVD-Spieler hochgefahren, da laeutet schon das Telefon:
"Hallo", sage ich neutral.
So frueh am
morgen kann man nicht vorsichtig genug sein.
"Hallo!" zwitschert eine ekelhaft
froehliche Stimme.
"Ist das die Technik?"
Ich ueberlege noch, ob es darauf eine adaequate
Antwort gibt, aber bevor ich ueberhaupt antworten kann, plappert sie
schon
munter weiter:
"Ich habe naemlich ein Problem mit meinem Fax..."
Jetzt erst erkenne ich die quieksige Stimme! Das ist
ja die huebsche langbeinige Bruenette vom Dekanat, die voriges
Jahr
den raetselhaften Virus in ihrem Windoofs-Rechner hatte, der
komischerweise immer ausgerechnet meine Nebenstelle angewaehlt
hat.
Zum Glueck konnten wir das 'Problem' nach mehreren gemeinsamen...
hmm... Arbeitssitzungen in den Griff bekommen:
Seitdem ruft nicht mehr ihr PC, sondern sie selber
bei mir an. Ich beschliesse also, ausnahmsweise mal kooperativ zu
sein -
immerhin ist die Lady der Schwarm zehntausender
Ingenieursstudenten! - und frage, was denn los sei.
"Ja, es empfaengt ploetzlich keine Faxe mehr!" erklaert Miss Langbein froehlich.
Ich frage nach der Fax-Nummer und sie gibt sie mir.
Ich schmeisse die Faxsoftware an und schicke ihr eine Testseite;
die
Nummer ist belegt.
"Merkwuerdig", sage ich,
"Sagt das Fax ueberhaupt nichts? Piepst es nicht vielleicht?"
"Nein. Nichts, ueberhaupt nichts."
"Keine Meldung im Display des Faxgeraetes?"
"Nein, gar nix."
Ich sende die Testseite nochmal; immer noch belegt.
"Steht neben dem Faxgeraet ein Telefon, das an der selben
Leitung haengt wie das Fax?"
"Ja."
"... und? Klingelt es?"
"Nein, wieso? Darueber telefoniere ich ja gerade!"
Tadaaahhh!
Ich beschliesse, lieber doch nicht zu fragen, ob sie Lust auf ein Abendessen haette...
Nachdem das erledigt ist, verziehe ich mich, um
weiteren Anrufen zu entgehen, in die Bibliothek, und durchforste dort
die
neueste Ausgabe von 'Hackers Havoc', ob sie meine empfohlenen
Aenderungen zu 'Back Orifice' abgedruckt haben. Ein
Wissenschaftler
muss schliesslich mit der zeitgenoessischen Fachliteratur vertraut
bleiben. Leider ist die Bibliothek auch
der Ort, wo Frau Bezelmann
gewoehnlich ihre Opfer fuer ein geselliges Schwaetzchen sucht, wenn
sie sich langweilt. Frau
Bezelmann hat eine etwas merkwuerdige
Art, ein geselliges Gespraech in Gang zu setzen: sie reisst die Tuere
auf, bellt
irgendeine Frage, die ueberhaupt keinen Sinn macht, und
wenn man dann aufgeschreckt antwortet, dass man keine Ahnung
habe,
wovon sie ueberhaupt rede, behauptet sie, sie haette einen
bloss verwechselt, aber wussten Sie schon, dass gestern
abend
blablablalaberfaselblabla...
Auch heute ist es nicht anders. Ploetzlich wird die
Tuer aufgerissen und Frau Bezelmann herrscht mich an:
"Ist
es endlich angekommen?!"
Ohne von Hackers Havoc aufzublicken, sage ich:
"Ja",
obwohl ich keine Ahnung habe, wovon sie redet; sie natuerlich auch
nicht.
Frau Bezelmann zoegert verbluefft fuer einen
Sekundenbruchteil; dann versucht sie's nochmal:
"Und?! Wo
haben Sie's hingetan?!"
"Zu den anderen", murmele ich, ohne mich umzudrehen. Nach zwei Sekunden hoere ich, wie die Tuere wieder zugeknallt wird.
Gerade als ich die Haengematte fuer meinen
amtsaerztlich verordneten Mittagsschlaf aufgehaengt habe, piepst es
in meiner
Workstation. Jenny versucht per IRC mit mir Kontakt
aufzunehmen. Ich schalte um auf Deckenprojektion, nehme
die
Infrarot-Tastatur mit in die Haengematte und antworte auf den
Call.
Ich: "Ich hoffe, es gibt einen triftigen Grund mich zu stoeren. Ich schreibe gerade den Entwurf fuer den Haushalt 2000!"
Jenny: "Sorry, aber mein Laptop bootet nicht mehr vernuenftig."
Ich seufze. Da hat man ein Gehirn von der Groesse
eines Jupitermondes und dann soll man sich mit solchen
Trivialitaeten
beschaeftigen! Ein Wissenschaftler hat's wirklich
schwer heutzutage... Ich schicke die rechte Gehirnhaelfte zum
Schlafen
und tippe mit einer Hand und einem Auge weiter:
Ich:
"Etwas praeziser bitte..."
Jenny: "Es bootet nur noch bis zum DOS und dann kommt eine Fehlermeldung. Gestern hat es noch einwandfrei funktioniert."
Obwohl ich die Antwort auf die naechste Frage schon
kenne, stelle ich sie trotzdem.
Ich: "Und du hast natuerlich
UeBERHAUPT NICHTS an dem Laptop geaendert, stimmt's?"
Auch meine linke Gehirnhaelfte droht jetzt
wegzuduseln...
Jenny: "Doch. Ich hatte keinen Platz mehr auf
der Festplatte und hab' das Verzeichnis WINDOWS geloescht."
Woooops! Beide Gehirnhaelften sind ploetzlich wieder
100% online.
Ich: "Das ist ja im Prinzip 'ne Super-Idee.
Trotzdem: Warum hast du ausgerechnet WINDOWS geloescht?"
Jenny: "Naja, ich dachte, Windows ist ja schon installiert; da brauche ich den ganzen Schmarrn ja nicht mehr, oder?"
Tadaaaaahh!
Help Desk
Der Chef hat seine Sorge ausgedrueckt, dass unsere
Rechner eventuell nicht sicher genug seien. Ich solle mich doch
bitte
darum kuemmern, dass keine
'... aeh ... ungebetenen ...
aehm ... ungebetenen Gaeste oder .... hmm ... gar Studenten oder ...
hrrrm ... sogar ... aeh
... Hacker hier eindringen, nicht wahr?'
Gleich nach dem taeglichen Routine-Scan der
User-Email loesche ich daher saemtliche ausfuehrbaren Programme in
den
User-Accounts und poste eine Message an alle, dass der Chef
sich Sorgen um die Datensicherheit mache, und dass die
groesste
Virenquelle - wie jeder wisse - in eingespielten
Spielprogrammen und Dokumenten liege, und dass von nun an
jegliche
Benutzung fremder Binaries mit dreifachem Formular bei
Frau Bezelmann beantragt und von mir hoechstpersoenlich
genehmigt
werden muesse.
Waehrend noch allgemeines Heulen und Zaehneklappern
wegen der ganzen geloeschten Moorhuehner und Mahjonngs durch
den
LEERstuhl hallen, fahre ich die Schutzschilde hoch und richte
mich auf einen gemuetlichen Vormittag mit 'Deep Dungeon 9.4'
ein.
Kaum bin ich auf dem fuenften Level, da laeutet das Telefon.
Normalerweise wuerde ich so was meiner Voice Mail
ueberlassen
("Sie haben die Bastard Hot Mail from Hell erreicht. Nach dem
Piepston haben Sie noch genau 14 Sekunden Zeit,
Ihre Daten zu
retten, bevor Ihr Account automatisch geloescht wird. Rufen Sie diese
Nummer bitte nie wieder an! PIEPS!"),
aber heute signalisiert
mir der spezielle Klingelton, dass es sich um einen Anruf an die Cray
Hotline des Rechenzentrums
handelt, den mein kleiner Daemon
(gestern Nacht ins Telefonsystem eingespielt) auf meinen Anschluss
umgelenkt hat.
Verantwortlicher fuer eine Cray oder besser noch
fuer eine ganze Batterie von Crays zu sein, war schon immer
mein
Wunschtraum! Schliesslich verschieben sich da nochmal ganz
gewaltig die Dimensionen: So eine Cray manipuliert tausendmal
mehr
Daten tausendmal schneller als eine popelige Linux-Workstation.
Logischerweise kann ein geschickter Assistent damit
auch
tausendmal mehr Schaden anrichten (in der gleichen Zeit, meine ich
natuerlich!). Ich schalte also Deep Dungeon auf
hold und hebe ab.
"Hallo?" sage ich zuckersuess.
"Cray
Help Desk, wie kann ich Ihnen helfen?"
"Ah... gut dass ich gleich jemanden erreiche..."
Der Anrufer klingt einigermassen ueberrascht, woraus
ich schliesse, dass die Kollegen im Rechenzentrum normalerweise
auch
besseres zu tun haben, als bloede Fragen am Telefon zu
beantworten.
"... aeh... ich habe heute Nacht auf der Cray 3
einen neuen Hub gestartet und mir heute morgen die vorlaeufigen
Ergebnisse
ausgeben lassen... Gibt es einen Grund, warum die
Maschine nur zu 56% ausgelastet ist?"
Ich habe den Ausredenkalender schon laengst
aufgerufen, aber irgendwie klappt heute die Verbindung nach USA nicht
so
schnell wie sonst; ich bekomme einfach keine Antwort. Auf nix
kann man sich mehr verlassen! Also muss ich schnell
etwas
improvisieren:
"Ja, das muss an der ... aeh ... erhoehten CIA-Abgabe liegen..."
"CIA?"
"Ja, Sie wissen schon... der CIA scant doch
routinemaessig den ganzen Internet-Verkehr nach Schluesselwoertern
und seit
neuestem auch noch die ganzen Handy-Kanaele..."
"Schon, aber was..."
"... und jeder groessere Netzknoten im Internet
muss zu diesem Zwecke den CIA Rechner-Ressourcen kostenlos zur
Verfuegung
stellen."
"Ach so, stimmt! Davon hab' ich auch schon gehoert..."
Was fuer ein Klugscheisser!
"Heute nacht war eben die Cray 3 dran",
fahre ich wichtig fort.
"Das erklaert natuerlich die
niedrige Auslastung, weil die CIA-Prozesse haben immer hoechste
Prio... hmm...", ich klappere
ein wenig mit dem Keyboard,
"... ich checke gerade die Memory-Auslastung auf der Cray 3.
Wieviel hatten Sie denn in Ihrem Prozess?"
"Wieviel Memory? Oh... aeh... ich schaetze, so etwa 600 Megabyte..."
"Tja, das schaut schlecht aus. Koennte sein,
dass die CIA da kurz druebergebuegelt hat, als heute morgen so gegen
vier in
neunzehn Emails gleichzeitig das Wort 'Sahnehaeubchen'
vorkam..."
"Was? 'Sahnehaeubchen'?!"
"Deckwort fuer einen taktischen Atomsprengkopf,
soviel ich weiss. Die CIA-Leute werden da immer ganz nervoes, wenn so
was
passiert... Wissen Sie was? Sie sollten sicherheitshalber mal
alle Ihre Daten nach dem Wort 'Sahnehaeubchen' scannen. Wenn
Sie
das irgendwo finden, koennen Sie die Daten gleich wegschmeissen..."
"Nach 'Sahnehaeubchen' suchen? Aber... aber das
kann ja Stunden dauern... Ich habe ueber 2-einhalb
TeraByte
Simulationsdaten..."
Ich liebe Cray-User!
"Tja, Sie koennen es ja auch bleiben lassen",
sage ich beilaeufig,
"aber wenn dann in Ihrer Dissertation
irgendwas Komisches auftaucht und irgendein Gutachter findet in den
Daten das Wort
'Sahnehaeubchen'..."
"Ok, ok", sagt er hastig,
"ich
scanne die Daten..."
"Sehr weise! Geben Sie mir mal schnell Ihre email Adresse; dann schicke ich Ihnen den Rest der Liste rueber."
"Welchen Rest der Liste?"
"Na, die Woerter, nach denen Sie auch noch scannen muessen! Glauben Sie, der CIA sucht nur nach 'Sahnehaeubchen'?!"
Er gibt mir die Adresse, und ich extrahiere schnell
alle Woerter aus dem letzten bayerischen Verfassungsschutzbericht
(6343
Stueck) und schicke sie ihm. Nach meiner Schaetzung wird er
die naechsten Wochen hauptsaechlich mit Scannen beschaeftigt
sein...
Inzwischen klappt die Verbindung zum Ausredenkalender
wieder, und ich schaue nach, was heute dran gewesen waere:
"Biologisches Gel-Pack im Netzknoten infiziert"
Waehrend ich noch ueberlege, aus welcher
StarTrek-Folge dieser Schmarrn stammen koennte, klingelt wieder das
Telefon.
Diesmal ist es ein lokaler Anruf, aber weil ich schon so
in Schwung bin, hebe ich trotzdem ab.
"Hallo."
"Hallo? Ich habe ein Problem mit StarOffice.
Immer wenn ich eine Graphik exportieren moechte, stuerzt das Ding ab.
Woran
kann das denn liegen?"
Die korrekte Antwort waere, dass StarDivision
inzwischen Microsoft Office so perfekt abgekupfert hat, dass sogar
die
gleichen typischen Bugs auftreten. Stattdessen sage ich:
"Hm,
kann mir schon denken, woran das liegt. Haben Sie ein Terminal-Window
offen?"
"Aeh... ja."
"Tippen Sie mal ein: 'gelpack status'"
<klickediklackedi>
"Aehm... 'gelpack not found', kommt da zurueck..."
"Dacht' ich's mir doch! In Ihrer Workstation ist
auch das Gelpack infiziert. Das ist jetzt schon das... aeh... dritte
heute
morgen!"
"Gelpack?"
"Ja, klar! Wussten Sie nicht, dass auf den
modernen Motherboards der Bus von einer biologischen Einheit
gesteuert wird? Die
Dinger heissen 'Gelpacks', weil sie mit so
einer glibberigen, durchsichtigen Masse gefuellt sind..."
"Ach ja, stimmt! Darueber hab' ich schon mal was gelesen..."
Schon der zweite Klugscheisser heute morgen!
"Wahrscheinlich kann das Gelpack Ihre Graphik
nicht mehr auf die Platte routen", erklaere ich.
"Wenn
wir Glueck haben, ist es nur eine leichte Infektion... Schaun wir
mal: tippen Sie mal ein: 'Esberitox'!"
"Haeh?"
Ich buchstabiere es ihm vor, und er tippt es ein.
"Aeh... 'Esberitox not found' heisst es hier..."
"Schlecht!" sage ich bedauernd.
"Ganz
schlecht. Geben Sie mir mal Ihre Userkennung; dann installiere ich
schnell eine neue Version von 'Esberitox' auf
Ihrem Rechner..."
Er gibt sie mir! Ohne mit der Wimper zu zucken!
Anfaenger! Und so was studiert an unserem LEERstuhl! Aber nicht
mehr
lange...
<klickediklackedi>
"Ok, ich bin jetzt auf Ihrer Maschine. Das
Gelpack scheint nur leicht infiziert zu sein. Da genuegt eine
einfache Infusion
mit frischem Substrat... Passen Sie auf: Sie
gehen jetzt in die naechste Drogerie und kaufen eine Tube 'Aurora
Hair Gel No.
5', das farblose. Haben Sie das?"
"Aeh... schon, aber..."
"Dann schalten Sie den Rechner aus, kippen die
Maschine um circa dreissig Grad nach vorne und traeufeln die ganze
Tube
langsam in den Einfuellstutzen direkt ueber dem
Keyboardanschluss. Dann warten Sie zehn Minuten und schalten wieder
ein."
"Aber sind Sie sicher...?"
"Ich garantiere Ihnen, danach wird Ihr Rechner
nicht mehr derselbe sein! So eine Substrat-Infusion wirkt immer
Wunder bei
leichten Infektionen..."
Er verspricht, alles ordnungsgemaess zu erledigen.
Bevor ich mich wieder Deep Dungeon widme, fuelle ich
noch schnell ein Meldeformular wegen
mutwilliger
Hardware-Beschaedigung aus. Man muss immer vorbereitet
sein. Es koennte ja sein, dass ich das heute noch brauchen werde...
Lunch Talk
Ich bin gerade im Web-Server der HyboVereinsbank (man
moechte es nicht glauben, aber es ist... Genau! Eine NT-Kiste!)
und
schaue, ob man nicht doch irgendwo an die Mailbox des
Service-Teams herankommt. An die Buchungsschnittstellen kommt
man
sowieso nicht 'ran; ihr braucht es gar nicht erst versuchen.
Aber was die Leute alles in ihren emails verzapfen, das kann
eine
wahre Fundgrube sein: Kreditkartennummern, PINs, ... manche schreiben
sogar ganz ohne Anlass immer ihre Kontonummer
mit ins Subject! Ich
bin also schon ganz nahe an der Mailbox dran, als Jenny ohne
anzuklopfen in mein Allerheiligstes
eindringt. Bevor ich sie
wieder hinausschnauzen kann, sagt Jenny mit schmeichlerischer Stimme,
ob ich denn gar nicht
mitbekommen haette, wie schoen draussen das
Wetter sei. Ich gucke erst sie an, dann meine heruntergelassenen
Jalousien,
dann wieder auf den Bildschirm.
Dann sage ich:
"Meine lateralen
Schutzschilde (= Jalousien) sind so programmiert, dass sie beim
ersten Auftreffen von elektromagnetischer
Strahlung automatisch
hoch- bzw. herunterfahren. Und da ich das gut finde, wird das auch so
bleiben."
Ich konzentriere mich wieder auf die Service-Mailbox.
Sie ist so nahe, dass ich sie schon fast riechen kann. Alle in
die
Enge getriebenen, ungeschuetzten Mailboxen riechen stark nach
verschmortem Rindsgulasch
(Das war wieder mal ein kostenloser
Tipp, Leute! Schreibt ihn euch auf!)
"Aber du verpasst doch die schoenste Zeit im
Jahr", beharrt Jenny hartnaeckig wie eine Malaria-Muecke, die
eine
angebrochene, HIV-verseuchte Blutkonserve gesichtet hat.
Ich nehme seufzend die Finger von der Tastatur.
"Was
wird das hier eigentlich? Ein Turing-Test? Eine Aufforderung zur
kostenfreien Kopulation?"
"Nein, nein", sagt Jenny hastig und laeuft
knallrot an, "ich... wir haben... wir dachten nur, dass wir
wieder mal alle
zusammen in den Biergarten vor der Cafeteria zu
Mittagessen gehen koennten... aeh... und ob du... ob nicht
vielleicht...
hrrrmmpf... pffffffhhhhh..."
Bevor ich auch nur den Mund oeffnen kann, kommt Frau
Bezelmann mit Nero auf der Schulter im Sturmschritt hereingefegt
und
rupft mit einer einzigen eleganten Bewegung die Lebensader
meiner Workstation aus der Wand. Die Workstation sagt so etwas
wie
'Huuitpfiiiuuuuooooaaaahhh' und bleibt mit ungesyncten Platten
stehen.
"Das war aber nicht nett!" beschwere ich
mich kuehl. Im Geiste mache ich mir eine Notiz, Frau Bezelmann bei
saemtlichen
Wucherkreditkartengesellschaften auf die schwarze
Liste zu setzen. Ihr wisst schon: die Gesellschaften, die jedem
einen
Kredit geben und dann mit der abgesaegten Schrotflinte
kommen, um die Zinsen einzutreiben.
Frau Bezelmann funkelt mich mit ihren tiefgekuehlten,
blassgruenen Hexenaugen an; Nero, die Schadenfreude in
Person,
versucht krampfhaft sein hoehnisches Gelaechter-Gekraechze
unter dem linken Fluegel zu ersticken.
"Anscheinend der einzige Weg, Sie aus dieser
Digitalhoehle zu locken", zischt Frau Bezelmann triumphierend.
"Na, los! Packen Sie Ihre Sonnenbrille ein; wir gehen jetzt
zusammen zum Essen!"
Ich ueberschlage rasch, dass der Boot inklusive
Plattencheck von 200 GB mindestens 15 Minuten dauern wird, und
entschliesse
mich mitzugehen. Schliesslich muss auch der BAfH
irgendwann etwas Nahrung zu sich nehmen, und die Pizza in der Cafete
ist
auch nicht viel schlechter als die, die ich mir normalerweise
direkt in meine 'Digitalhoehle' liefern lasse.
Draussen warten der Chef, der Kollege O., Rinzling
und Marianne in der ekelhaft grellen Sonne, und wir ziehen
in
geschlossener Kolonne hinunter in den Biergarten vor der
Cafete. Obwohl Semesterferien sind, sind schon alle Bierbaenke in
der
Sonne mit katholischen, evangelischen und sonstigen Theologen
besetzt, bunt durchmixt mit Kirchengeschichtlern,
Alttestamentlern
und ein paar vereinzelten vegetarischen Moraltheologen.
"Kein Tisch mehr frei", stelle ich
genuesslich fest.
"Warum gehen wir nicht gleich in die
Kellerbar um die Ecke? Da ist bestimmt weniger Ozon und man braucht
keine
Sonnenbrille..."
Aber Frau Bezelmann dirigiert uns energisch zum
einzigen Biertisch, wo noch ein paar Plaetze frei sind. Wir quetschen
uns
also wie die Leiter in einem SCSI-Kabel zusammen auf die
bayerisch-rustikale Sitzflaeche, Schulter an Schulter mit
einigen
Moraltheologen, die natuerlich waehrend des Essens das
uebliche Gesuelze von sich geben muessen:
"... und das fand
ich unwahrscheinlich gut, du! Weil nur, wenn du dich auch auf deine
Gefuehle wirklich einlaesst..."
"... hat Bolzenschwenger schon 1953 in einer
beruehmten Predigt gesagt: die Ehe ist als Institution mehr als die
moralische
Rechtfertigung fuer den sexuellen Akt..."
"... das hat mich... also irgendwie, du weisst schon, irgendwie ganz im Innersten..."
"... hat doch ploetzlich die monogame
lebenslange Beziehung fuer mich eine ganz andere Bedeutung..."
usw.
Der Kollege O. guckt Nero an und sagt mit
Grabesstimme:
"Raben sollen angeblich ihr Leben lang in
monogamer Ehe leben..."
Nero fixiert den Kollegen O. empoert mit seinen
giftgelben Augen und plustert kurz die Federn auf. Das Gespraech
der
Moraltheologen stockt; gerade als einer Luft holt, um das
Gesuelze wieder auf zu nehmen, sage ich:
"Dagegen laeuft das
bei den Stockenten ganz anders: vier Erpel suchen sich ein Weibchen
aus und jagen es bis zur totalen
Erschoepfung. Wenn die Ente
schliesslich aufgibt, haelt ein Erpel sie mit dem Schnabel am Nacken
fest und die anderen
vergewaltigen sie reihum."
Ich blinzele Marianne zu. Die greift mit vollem Mund
den Faden auf:
"Gottesanbeterinnen fressen ihre Maennchen
nach dem Bumsen. Bestimmt auch keine gute Grundlage fuer eine
monogame
Beziehung."
Die Moraltheologen ruecken unruhig hin und her und
schauen konzentriert auf ihre Teller. Der Chef guckt verwundert
von
einem zum anderen und macht den Mund auf. Aber bevor er etwas
sagen kann, ergreift Frau Bezelmann das Wort:
"Tiefseefische!"
"Pardon?" frage ich.
"Tiefseefische", wiederholt Frau Bezelmann
mit eisiger Stimme.
"Bei denen lebt das Weibchen auf dem
Grund und das Maennchen an der Oberflaeche. Wenn's soweit ist, taucht
das Maennchen
hinunter und krallt sich auf dem Ruecken des
Weibchens ein. Die Haeute weichen an der Stelle auf und wachsen
langsam
zusammen, bis das Maennchen vom Organismus des Weibchens
absorbiert wird."
"Klasse", sage ich anerkennend. Der Kollege Rinzling starrt uns mit offenem Mund an.
"Die Gottesanbeter-Methode finde ich trotzdem
besser", meint Marianne mit lauter Stimme und betrachtet
gedankenverloren ihr
Cafeteria-Messer. Die Moraltheologen haben
inzwischen alle das Essen eingestellt.
"Noch besser treibt es die anopheles cerebralis
Muecke", sagt der Kollege O. genuesslich schmatzend.
"Sobald
das Weibchen ein Maennchen ortet, fliegt es mit voller
Geschwindigkeit auf es zu und bohrt seinen Stechruessel
durch die
Schaedeldecke des Maennchens. Dann saugt sie den Samen aus dem
Schaedel der Leiche und fliegt weiter."
"Womit wir fast wieder bei der menschlichen Art
der Begattung waeren", kommentiere ich trocken und beisse
herzhaft in meine
Pizza.
"Nur umgekehrt!"
"Umgekehrt?" fragt Jenny verwundert, die
wieder mal zu spaet schaltet.
"Ach so: umgekehrt! Haha! Na
klar!"
Die Moraltheologen brechen wie ein Mann ihr Essen ab
und raeumen den Tisch. Wir besetzen sofort den frei
gewordenen
Bierbankraum.
"Ah... aehm... wunderbar", seufzt der Chef
erfreut und breitet seine Serviette neu aus, "es... hmm... es
waere doch
schoen... hrrrm... schoen, wenn man immer... aeh...
seinen eigenen Tisch... aehm... Tisch haben koennte, nicht wahr?"
Alle nicken zustimmend. Nur der Kollege Rinzling ist etwas gruen um die Nase herum...
Engineering
Diese Story koennte auch den Titel tragen: "Was
Sie schon immer ueber Ingenieure wissen wollten", aber Schiel
ist gegen
Titel mit mehr als zwei Woertern, weil die Dateinamen
seiner Texte dann so lang werden. Naja... Am besten fange ich
mit
einer Email an, die vorige Woche raffiniert durch meine
Spam-Filter geglitscht ist:
Sehr geehrter Herr Leisch!
Ich lese seit ueber einem Jahr Ihre Kolumne und bin
daher bestens ueber die entsetzlichen Verhaeltnisse an der
Universitaet
informiert. Mein Sohn macht demnaechst Abitur und
moechte - zum Entsetzen seiner Eltern - ein Ingenieursstudium
beginnen.
Ich habe ihm daraufhin alle Ihre Geschichten zum Lesen
gegeben, um ihn von dieser unseligen Idee abzubringen - mit
dem
Erfolg, dass er jetzt auch noch an Ihrer Universitaet
studieren will! Koennen Sie mir EINEN vernuenftigen Grund
nennen,
warum ich mir einen Ingenieur als Sohn wuenschen sollte?!
....
Zuerst wollte ich wie ueblich die Loeschtaste
druecken und weiter 'Babylon 5' schauen, aber zufaellig war Marianne
gerade
in meinem Buero, um mein ZIP-Drive zu 'leihen' (= klauen),
und hat mir - neugierig wie sie ist - ueber die Schulter
gekuckt.
"Ha!" O-Ton Marianne.
"Das wuerde
ich auch gerne mal wissen!" Ausgerechnet Marianne, mit ihrem
popeligen Informatikstudium!
"Was an einem Ingenieur so
besonderes dran sein soll!" Veraechtlicher Seitenblick.
Und
das von Marianne! Wo die doch von Heterosexualitaet keine Ahnung hat!
Jawohl, meine Damen und Herren! Der Ingenieursberuf
ist eine hochgradig erotische Angelegenheit! Und weil Marianne sich
so
auffuehrt, bin ich sogar bereit, Babylon 5 kurz zu unterbrechen
und diese These durch ein paar wissenschaftlich fundierte,
empirische
Beobachtungen zu untermauern!
PSEUDOWISSENSCHAFTS-MODE ON
These 1:
Wenn ein Ingenieur ueberhaupt Interesse
am weiblichen Geschlecht hat, ist er im 'Anbandeln' unschlagbar.
(Fuer die Nicht-Bayern und sonstigen Auslaender: 'Anbandeln'
bedeutet ungefaehr: 'Initiieren einer
zwischengeschlechtlichen
Kommunikation zwecks moeglicher spaeterer
Kopulation')
Warum?
Ein Ingenieursstudium dauert ca. 4einhalb
Jahre. Waehrend dieser Zeit muss sich der Student damit abfinden,
dass an einer
technischen Universitaet auf 1000 maennliche
Studenten nur ca. 30 weibliche kommen. Entweder er passt sich an
und
entwickelt Kommunikationsstrategien, die so umwerfend sind,
dass jedem Disco-Moechtegern-Travolta die Schlaghosen flattern,
oder
er verliert fuer immer das Interesse am anderen Geschlecht (und hat
dann immerhin noch ein langes, ruhiges Leben vor
sich!)
These 2:
Ingenieure sind als potentielles
Heiratsmaterial unschlagbar.
Um diese Hypothese zu beweisen, bedarf es eines
simplen Experiments, das jeder wissenschaftlich interessierte Leser
leicht
selber durchfuehren kann:
Man nehme vier Liter Kaffee,
zwei bis drei Torten, zehn Muetter von Toechtern, die zwischen 15 und
25 Jahre alt sind
(unverheiratet natuerlich!) (die Toechter meine
ich; nicht die Muetter!) und schliesse alles zusammen fuer eine
Stunde in
einen schalldichten Raum mit geeichter
Schallpegel-Messeinrichtung. Dann gebe man einen frischen
Ingenieursstudenten dazu
(um das Experiment zu beschleunigen,
traegt er ein T-Shirt der Technischen Universitaet); im parallelen
Kontrollexperiment
gibt man statt dessen einen
Disco-Moechtegern-Travolta (unbedingt den Typ mit Schlaghosen!).
Die Ergebnisse in Kuerze: Der mittlere Ratsch-Pegel
steigt um 36 Dezibel an (im Kontrollraum sinkt er um 96 dB!); die
Rate
der angebotenen Kuchenstuecke/Kaffeetassen pro Minute steigt
um 4700% (in Kontrollraum dagegen wird 'aus Versehen' eine
Schlaghose
mit Kaffee uebergossen!); der Ingenieursstudent bekommt innerhalb von
96 Sekunden zehn Einladungen zum
Kaffeetrinken; der
Moechtegern-Travolta bekommt eine Ohrfeige.
These 3:
Ingenieure werden immer bevorzugt
behandelt.
Warum?
Dazu die folgenden zwei typischen
Alltagssituationen:
Transatlantikflug. Ploetzlich setzen die
Motoren aus. Das Flugzeug bekommt genau die gefaehrliche Schraeglage,
die man in
billigen Hollywood-Schinken so liebt. Zwei heldenhafte
Gestalten kaempfen sich durch die Panik nach vorne zum Cockpit,
um
todesmutig das Flugzeug zu retten; die Chef-Stewardess (die
zufaellig so aussieht wie Cindy Crawford) stellt sich ihnen in
den
Weg.
Der eine sagt: "Ich bin Ingenieur!"
Der andere
sagt: "Ich bin ein Disco-Moechtegern-Travolta!"
Wem
wird die Stewardess den Vorzug geben? Bingo!
Blue-Chip Barclay, das teuerste Hotel in Las Vegas,
am Freitag abend. Lange Schlangen von Hotelgaesten stehen vor
der
Rezeption. Sogar vor dem "High Executive Premier Senator"
Check-In stehen mehrere ungeduldige Multi-Milliardaere.
Ploetzlich
tritt die Rezeptionistin (die zufaellig aussieht wie Cindy Crawford)
mit ihren High-Heels auf die Stromleitung
und zieht den Stecker
ihres Check-In-Terminals heraus. Nix geht mehr. Die
Multi-Milliardaere werden ungehalten; Cindy bangt
um ihre
Trinkgelder. In der Schlange vor der Fussvolk-Rezeption steht an
18ter Stelle ein Disco-Moechtegern-Travolta und an
132ter Stelle
ein Ingenieur.
Wer von beiden wird als erster einchecken und ausserdem mit Cindy zum Essen gehen? Bingo!
These 4:
Ingenieure landen schneller im Bett als
andere Maenner.
Ingenieure tragen braune Kordhosen, Rollkragen-Pullis
in kack-langweiligen Farben, haben Haarschnitte wie mit
dem
Rasenmaeher einmal kraeftig drueber, bewegen sich so
tolpatschig wie frisch geborene Giraffen und stecken ueberall
ihre
Finger hinein. Folglich loesen sie bei jeden weiblichen
Wesen, das ihnen begegnet, den angeborenen Bemutterungsinstinkt
aus,
weil so ein bedauernswertes, lebensuntuechtiges Wesen kann man ja
nicht einfach so im Stich lassen, nicht wahr? Was
machen Muetter
mit Vorliebe? Sie bringen ihre Schuetzlinge ins BETT. Bingo!
PSEUDOWISSENSCHAFTS-MODE OFF
Abgesehen von der erotischen Komponente weiss
natuerlich jeder, dass Ingenieure noch die folgenden, erstaunlich
uniformen
Eigenschaften haben:
mundfaul wie friesische
Torfbauern, langweilig wie 'Wetten dass', unauffaellig wie ein Hering
im Heringsschwarm und so
schlecht gekleidet, dass es schon beinahe
wieder auffaellt (aber eben nur beinahe!). Und was ist dabei der
Vorteil, fragt
ihr euch jetzt? Ganz einfach: Ingenieure treten
meistens in Horden auf (ganz einfach deshalb, weil ausser
Ingenieuren
niemand mit ihnen ein Bier trinken gehen will!). Wenn
ein Ingenieurskandidat nur einen Bruchteil oberhalb des
allgemeinen
Levels liegt - z. B. hat er schon keine feste
Zahnspange mehr - sticht er gegen den Rest der Horde so ab wie
ein
Paradiesvogel im Nilpferdgehege. Mit anderen Worten: mit einem
infinitesimal kleinen Vorteil kann sich der Ingenieur
gewaltig ins
Rampenlicht setzen. (Dass er davon natuerlich nix mitbekommt, macht
ihn in den Augen des anderen Geschlechts
noch begehrenswerter.)
Das Leben mit einem Ingenieur kann niemals langweilig
werden. Zum einen sind sie unerhoert kreativ (wenn man mal von
ihrem
aeusseren Erscheinungsbild abstrahiert), zum anderen
neugieriger als 25 Katzen, wenn es sich um irgend etwas
Technisches
handelt.
Yogi Flop kam eines Tages in deutlich gedrueckter
Stimmung in den LEERstuhl. Beim Kaffeetrinken nahm Frau Bezelmann
(auch
sie kann sich manchmal ihres Mutterinstinktes nicht
erwehren!) ihn gruendlich in die Mangel, und es stellte sich
heraus,
dass seine Freundin ihn auf die Strasse gesetzt hatte.
Dabei hatte er lediglich die vier Reifen seines neuen MX
5
abmontiert, in den vierten Stock ins Badezimmer getragen und in
der Badewanne abgeduscht, weil sie nach einer kleinen Tour
in die
Provinz 'so staubig aussahen'. Allerdings muss man hinzufuegen, dass
das Badezimmer vor der Aktion frisch geputzt,
und nach der Aktion
neu gekachelt werden musste (Reifengummi geht verdammt schwer wieder
weg!).
Der Kollege O. hat schon in den 70iger Jahren, zur
Zeit der Oelkrise, eine Energie sparende Vorwaesche erfunden:
die
schmutzige Waesche wird in der Dusche, waehrend des normalen
taeglichen Koerperreinigungsvorganges mit den Fuessen
rhythmisch
getreten. Die so grob vorgereinigte Waesche kann sofort in den
Hauptwaschgang der Maschine gegeben werden.
Merkwuerdigerweise war
in O.'s Haushalt niemand besonders erbaut von der Methode.
Vorige Woche treffe ich im Rechnerraum B auf zwei
Hauptdiplomsstudenten, wie sie systematisch einen Streifen nach
dem
anderen von einer Tesarolle herunterspulen. Als ich frage, was
der Scheiss soll, antworten sie ernsthaft, dass auf der
Packung
zwar die Laenge mit 50 Metern angegeben sei, aber wie koenne man
wissen, ob die Firma einen nicht bescheisse, wenn
man es nicht
eigenhaendig nachgemessen habe.
Zu guter letzt muss man noch erwaehnen, dass
Ingenieursstudenten in gewisser Weise voellig enthemmt sind. Es gibt
praktisch
nichts, was sie nicht auseinandernehmen. Besonders
beobachtet man immer wieder den unzuegelbaren Drang, GESCHLOSSENE
Dinge
AUFZUMACHEN. Natuerlich sind einige altmodisch veranlagte
Maedchen der Ansicht, dass sich der ideale Liebhaber weniger fuer
die
Technik ihres BH-Verschlusses als vielmehr fuer den Inhalt desselben
interessieren sollte. Ich sage dazu nur: besser
ein
Ingenieursstudent, der den BH aufkriegt, als ein Germanist, der zwar
am Inhalt interessiert ist, aber dann an der
Technik scheitert!
Diploma
Die gelben LEDs am zentralen Switch im Rechnerraum
blinzeln mir lustig zu, waehrend ich froehlich pfeifend die
letzten
Backup-Tapes ueber den Loeschmagneten ziehe. Mit
trommelnden Fingern ueberfliege ich rasch die neueste Studenten-Email
und
schicke ein paar ausgewaehlte Absaetze daraus an eine lokale
Klatsch-und-Tratsch-News-Group; der 500 GByte Fileserver, auf
dem
meine MP3-Sammlung liegt, brummt gemuetlich den Bass dazu, wenn ich
lauthals 'I can get no satisfaction' intoniere.
Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass der BAfH guter Laune ist.
Die Frage ist: warum? Hat er den letzten Studenten
aus dem Einfuehrungskurs vergrault? Ist ein Praktikant an einem etwas
zu
heftigen Stromschlag eingegangen? Hat die RKfH nach
jahrzehntelangen erbittertem Kampf endlich die Spesenrechnung
von
Hawaii 1989 ueberwiesen? Ist Frau Bezelmanns neuer Kaktus (der
alte wurde unachtsamerweise verbrannt; wir erinnern uns)
unter der
Post erstickt?
Alles ganz falsch: Der BAfH ist so guter Laune, weil
er wieder mal gegen Sethimus Typhon, den 'Bastard Bureaucrate
from
Hell' (BBfH), einen Sieg nach Punkten zu verbuchen hat!
Was ist passiert? Die Auseinandersetzung entzuendete
sich an der einfachen Tatsache, dass bei offizieller Bewirtung
von
Gaesten, das heisst also auf Spesenabrechnung, nach dem
bayerischen Reisekostengesetz, alles abrechnungsfaehig ist ausser
-
ich zitiere - 'Rauchwaren und Alkoholika'. Ich interpretiere
diese Vorschrift dahingehend, dass Bier und Marihuana somit
voll
abrechnungsfaehig seien. Begruendung: Bier ist nach der landlaeufigen
(bayerischen) Auffassung kein Alkohol sondern
ein
Grundnahrungsmittel, waehrend Gras genaugenommen unter das
Betaeubungsmittelgesetz faellt und damit keinesfalls
als
'Rauchwahren' im engeren Sinne des Gesetzgebers angesehen
werden kann (auch wenn die Dinger faktisch gesehen
natuerlich
rauchen; man muss bei Vorschriften immer abstrahieren
koennen!).
Sethimus Typhon, der nebenbei bemerkt aus dem
Sauerland stammt und daher in Bezug auf die lokalen kulturellen
Gegebenheiten
hoffnungslos unterbelichtet ist, stimmt mir zwar in
Bezug auf das Gras zu, gibt aber in Sachen 'Grundnahrungsmittel'
keinen
Millimeter nach, da Bier faktisch - und somit chemisch
nachweisbar - Alkohol enthalte, auch wenn es hierzulande nicht
ganz
die uebliche Wirkung entfalte. So ein immens wichtiger
Streitfall kann sich Jahre hinziehen! Am Ende landet er noch vor
dem
Bundesverwaltungsgericht! Um dem Steuerzahler solche
unnoetigen Kosten zu ersparen, fordere ich daher den BBfH ganz
einfach
zum !PowWow-Duell.
Obwohl sicher die meisten schon wissen, was ein
!PowWow-Duell ist, kann es nicht schaden, wenn ich die wichtigsten
Punkte
nochmal kurz zusammenfasse (solche Sachen lernt ihr nie auf
der Universitaet; es sei denn, ihr studiert hier bei uns
am
LEERstuhl!). Schliesslich ist die direkte Austragung von
Konflikten eine Uebung, die jeder angehende Manager aus dem
Effeff
beherrschen sollte!
Das !PowWow-Duell laeuft ungefaehr so ab: Der
Unparteiische - in diesem Fall Frau Bezelmann - sperrt die
Duellanten
zusammen mit 10 Flaschen Obstler in einen leeren
Seminarsaal. Der BBfH und ich nehmen je eine andersfarbige Kreide zur
Hand
und schreiben immer abwechselnd einen Satz aus 'Auerbachs
Keller' (Goethe, Faust I) an die Tafel (man ist ja
schliesslich
gebildet!). Vor jedem Satz kippt man einen Obstler.
Wenn am naechsten Tag die Kontrahenten aus der Betaeubung
erwachen,
kontrolliert der Schiedsrichter, wer den letzten
fehlerfreien Satz geschrieben hat und bestimmt somit den Sieger.
Aber abgesehen von diesem Erfolg gibt es noch einen
Grund, warum ich in deutlich gehobener Stimmung bin: Heute ist
wieder
mal ein Diplomvortrag faellig!
(Fuer die
nicht-diplomierten Leser dieser Kolumne: Der Diplomvortrag bildet den
Abschluss der Diplomarbeit, die jeder
Ingenieursstudent am Ende
seines Studiums anfertigen muss. Da die Diplomarbeit ein wesentlicher
Bestandteil der Gesamtnote
ist, andererseits die Professoren aber
sowieso keine Zeit haben diese zu lesen und sich lieber eine
muendliche
Zusammenfassung geben lassen, ist der Diplomvortrag im
Leben eines Diplomanden ungefaehr so wichtig wie ein Upgrade von
DOS
zu Linux!)
Die meisten Assistenten bekommen schon beim
blossen Gedanken an das obligatorische, stinklangweilige
Diplomandenseminar
Zahnweh; ich nicht! Im Gegenteil kann ich mir
gar nix Unterhaltsameres vorstellen.
Gleich nach dem Mittagessen - also so gegen 3 Uhr -
schlendere ich daher hinueber in den Seminarraum, wo der
Delinquent
bereits seit 6 Stunden vor Nervositaet die Tischkanten
anknabbert. Das heutige Opfer, ein blasser, schrecklich magerer
Riese
mit prominenten Adamsapfel, der durch den ungewohnten Schlips am
Schlucken gehindert wird, haengt ungluecklich in
seinem
zerknitterten Konfirmandenanzug am Overhead-Projektor und blaettert
nervoes zum tausendsten Mal durch seine
Vortragsfolien. Ausser mir
ist noch niemand da, weil natuerlich alle bis zur letzten Sekunde
warten. Ich schleiche mich
lautlos bis auf einen halben Meter
heran und rufe dem Kandidaten ein froehlich-lautes "Hallo!"
zu.
Der Student laesst natuerlich vor Schreck alle Folien auf den Boden fallen.
"Hoppala!" sage ich ueberrascht und trete wie aus Versehen auf eine besonders schoen bunte Folie.
"Oh! Das tut mir aber leid!"
Auf der Folie ist ein wunderschoener Abdruck meiner genagelten Panzergrenadier-Sohlen.
"Da sieht man mal wieder, wie schlecht an der Uni die Boeden gewischt werden. Bei Siemens waere das nicht passiert..."
Der Kandidat starrt verzweifelt auf die ruinierte
Folie.
"Scheisse! Was mach ich jetzt bloss? Ich schaffe es
nie mehr in fuenf Minuten, die noch mal auszudrucken..."
"Nana", sage ich beruhigend und klopfe ihm
auf die Schulter, "Sie wissen doch: die Folien sind ja sowieso
nicht so
entscheidend..."
Der Student starrt mich entsetzt an.
"Fuer
diese Folien habe ich eine ganze Woche gebraucht!"
"Sicher", sage ich besaenftigend, "aber
Sie werden sehen, dass der Professor sowieso die meiste Zeit schlaeft
- das macht
er naemlich immer so kurz nach dem Mittagessen - und
die Assistenten lesen derweil die neueste Fachliteratur, wenn
sie
sehen, dass der Prof die Augen zu hat. Also wird
wahrscheinlich niemand die versaute Folie bemerken, nicht wahr? Auf
den
guten Vortrag kommt es eben an; akustisch dringt alles durch,
auch ins Unterbewusstsein. Das ist sehr wichtig fuer die
spaetere
Benotung durch den Prof, verstehen Sie?"
Der Kandidat nickt heftig und versucht, trotz
ungewohnter Krawatte zu schlucken. Natuerlich geht es schief und er
bekommt
einen Hustenanfall. Ich haue ihm kraeftig auf den Ruecken;
mit Verschluckern soll man nicht spassen. Schon gar nicht so
kurz
vor einem wichtigen Vortrag. Leider ueberschaetze ich etwas die
Koerpermasse des Studenten (an den heutigen Studenten
ist einfach
nichts mehr dran) und klopfe ihm die Brille von der Nase. Sie
verschwindet im hohen Bogen hinter dem
Heizkoerper.
"Huurccchhh... errrcchhhh", aechzt der
Student, "wo ist... eerrrcchhh... wo ist meine Brille hin...?"
Er geht in die Knie und beginnt blind wie ein Maulwurf den Boden
abzutasten; dabei fallen wieder alle seine Folien zu
Boden, und
ich trete vorsorglich noch auf ein paar drauf und drehe mich dabei
etwas auf dem Absatz.
"Brille?" frage ich verwundert und buecke
mich ebenfalls.
"Ich kann leider keine Brille entdecken. Ich
hab leider meine Brille im Buero liegen lassen, und ohne die..."
Waehrend der Diplomand weiter den Boden abtastet,
schubse ich die Brille unauffaellig mit dem Fuss in eine noch
dunklere
Ecke. Der Schweiss laeuft ihm schon in Baechen herunter;
dabei hat der Vortrag ja noch gar nicht angefangen!
"Also, ich kann keine Brille finden", sage
ich bedauernd.
"Aber die brauchen Sie ja auch gar nicht. Die
Folien legen Sie einfach in der richtigen Reihenfolge auf und
Augenkontakt
soll man sowieso nicht suchen. Warten Sie, ich lege
Ihnen die Folien wieder in die richtige Reihenfolge..."
Ich klaube die Folien auf und bringe sie in ein
gesundes Random-Muster.
"So, hier haben Sie Ihre Folien",
sage ich aufmunternd und druecke ihm das Paket in die schweissigen
Haende, "und Ihren
Vortrag koennen Sie ja auch ohne Brille
hersagen. Sie haben ihn doch hoffentlich auswendig gelernt!!!"
fuege ich heftig
hinzu, und der Kandidat zuckt ebenso heftig
zusammen. Ich liebe diese Abschlussvortraege! Die Diplomanden sind
nervoes wie
Chihuahuas im Tigerkaefig!
"Lassen Sie sich mal anschauen", sage ich
vaeterlich.
"Hm, irgendwie sitzt Ihre Krawatte so komisch
schlaff..."
Ich ziehe seinen Krawattenknoten kraeftig fest,
so dass seine Halsvenen dekorativ hervortreten.
"Hhhrrrccchhh!" keucht er und fasst sich reflexartig an den Hals.
"Na! Aber! Lassen Sie das jetzt doch so",
sage ich energisch und haue ihm auf die Finger.
"Sie wollen
doch einen guten Eindruck machen, oder? Der erste Eindruck
entscheidet oft schon die Note, glauben Sie mir!
Jetzt sitzt
wenigstens Ihre Krawatte richtig! Sie schauen gleich viel besser
aus!"
Tatsaechlich wird seine vorher totenblasse
Gesichtsfarbe jetzt etwas violett angehaucht. Was so ein kleiner
Blutstau doch
fuer kosmetische Auswirkungen hat! Komisch, dass das
die Frauen noch nicht entdeckt haben! Waehrend er angestrengt
nach
Luft schnappt, lockere ich noch etwas das Netzkabel des
Overheads, so dass es zwar noch drin steckt, aber keinen Kontakt
mehr
hat, und verziehe mich diskret in den Hintergrund.
Der Vortrag wird ein voller Erfolg: Der Chef schlaeft
nach zwanzig Sekunden friedlich ein. Der Kollege O., Marianne und
die
anderen Assis studieren konzentriert ihre mitgebrachte
Literatur, und die paar Studenten, die sich aus
Solidaritaet
herbeigequaelt haben, bleiben nur deshalb wach, weil
sie sich vorher Streichhoelzer unter die Augenlider geklemmt haben.
Der Overhead funktioniert nicht. Die Demo muss
abgebrochen werden, weil der Fileserver gerade jetzt zusammenbricht
(wie
jeden zweiten Do wenn Diplomvortrag ist; bin gespannt, wann
mal jemand das Cron-Skript dazu entdeckt), und der Student
bekommt
keinen einzigen syntaktisch oder semantisch sinnvollen Satz ueber die
Lippen.
Alles in allem also ein ganz normaler Diplomabschlussvortrag!
Nur eines verdriesst mich: Die Fussabdruecke auf den Folien bemerkt tatsaechlich niemand!
Election II
Die Hochschulwahlen stehen wieder mal an. Da auch die
Fuzzy-Fraktion (= akademischer Mittelbau) ihren Vertreter
waehlen
muss, hat sich der Kollege O. dieses Jahr breitschlagen
lassen zu kandidieren. Zuerst hatte ich mich ja selber
angeboten;
schliesslich ist so eine Fachbereichssitzung eine
geniale Ausrede, um Vorlesungen ausfallen zu lassen. Aber
komischerweise
waren sich alle Kollegen darueber einig, dass ich
nicht den Furz einer Chance haette (Originalzitat Marianne),
naja...
Jedenfalls pestet uns jetzt der Kollege O. seit Wochen,
dass wir auch ja alle zur Fuzzy-Konvention (=
Mittelbauversammlung)
gehen sollen, damit seine Kandidatur
Rueckhalt aus der Basis habe. Natuerlich hat kein normaler Mensch
wirklich Lust, dahin
zu gehen, obwohl es beim letzten Treffen
sogar alkoholfreie Getraenke und Dauerlutscher gab (gegen
Selbstkosten
allerdings!).
Um zu demonstrieren, dass ich nicht nachtragend bin,
gehe ich kurz vor der Fuzzy-Konvention die Schellingstrasse
hinunter
zum Cafe Adria, wo die Schwabing-Penner ihren Stamm- und
Saufplatz haben. Fuer nur zwei halbe Bier pro Nase ist die
ganze
Mannschaft bereit, mit zur Mittelbauversammlung zu kommen
und fuer den Kollegen O. zu stimmen. Schliesslich kann man
einen
Uni-Fuzzy sowieso kaum von einem Schwabing-Penner
unterscheiden, solange beide den Mund halten. Ich schaerfe daher
den
Pennbruedern auf dem Weg zum grossen Physik-Hoersaal ein, dass
sie bloss keine Kommentare abgeben und lediglich die Haende
heben
sollen, wenn der Kollege O. dran ist. Zuerst klappt alles wie am
Schnuerchen. Die Penner verteilen sich unauffaellig
unter die
anderen Fuzzies und verhalten sich - abgesehen von einigen
anzueglichen Bemerkungen an die weiblichen Mitglieder
der
Versammlung - sogar recht manierlich. Als der Kollege O. sein
Statement abgibt, klatschen sie wie wild und heben brav
die
Haende.
Dann passiert es:
Einer der juengeren
Saufbrueder, vermutlich ein frueheres Mitglied der Marxistischen
Gruppe, kann sich nicht laenger
zurueckhalten. Er stuermt nach
vorne zum Mikrophon und haelt eine flammende, politische Rede, etwas
lallend zwar, aber
durchaus mitreissend:
"... Gebossinnen und Gebossen ..."
offensichtlich ist sein knallrote Saeufernase etwas verstopft "...
der Klassenkampf ...
Unterdrueckung durch die buergerlichen
Institutionen ... und ueberhaupt ... den Kampf ansagen ...
Verteidigung unserer
sozialistischen Errungenschaften ... und
ueberhaupt ... brauchen eine neue Revolution ... Unterdrueckung nicht
laenger
hinnehmen ... Freibier fuer alle Uni-Angehoerigen ... weg
mit versteinerten Gremien ... und ueberhaupt ... zu den Fahnen
...
Uni-Angehoerige aller Laender ... und ueberhaupt ... gemeinsam sind
wir ... vereinigt euch!!!"
Tosender Beifall. Bevor ich noch etwas unternehmen
kann, nominiert die Versammlung den Penner per Akklamation
zum
Kandidaten fuer die Hochschulwahl!
Der Kollege O. ist voellig geknickt. Ich sage ihm
lieber nicht, dass er gegen einen Penner verloren hat, auch wenn
dieser
hoechstwahrscheinlich nicht gewaehlt werden wird. Aber bei
unserer Verwaltung kann man nie wissen...
Um den Kollegen O. zu
troesten, deute ich an, dass die ganze Administration der
Hochschulwahlen ueber unsere Rechner
abgewickelt wird, weil das
Wahlamt kein Geld fuer einen eigenen PC hat. Der Kollege O. schaut
mich eine Sekunde lang
durchdringend an, raeuspert sich lautstark,
sagt aber nichts weiter.
Als ich nach diesem Disaster zurueck zum LEERstuhl
komme, wartet schon Yogi Flop, unser esoterischer Physiker, vor
meiner
Tuere. Er zappelt so nervoes wie eine elektrischer Aal, der
die Stromrechnung bekommen hat.
"Ich bin bei der OLEC
angenommen worden!" schreit er begeistert.
"Und wer oder was ist die OLEC?" frage ich.
"Die 'Orthogonal Linguistic Engineering Conference' natuerlich! In Adelaide, Australien!"
Oh, Leck! Die OLEC! Das passt aber gar nicht in meine
Finanzplanung! Wenn Yogi Flop jetzt nach 'down under' faehrt,
bleibt
ja kein Geld mehr im Reisetopf fuer meinen Jahresurlaub auf
den Seychellen! Und jetzt will er mir am Ende auch noch sein
Paper
zum Korrekturlesen geben! Yogi Flop ist bekannt fuer seine
grauenhaften Englischkenntnisse. Das letzte Mal, als er
dem
Kollegen Rinzling einen Entwurf fuer eine Veroeffentlichung zum Lesen
gegeben hatte, war dieser fuer drei Wochen im
Krankenhaus gelegen.
Magengeschwuer durchgebrochen! Nur vom Lesen!
"Aber ich muss jetzt sofort einen Visumsantrag
ausfuellen", faehrt Yogi Flop mit sorgenvoll gefurchter Stirne
fort und
wedelt nervoes mit dem gelben Formular.
"Kannst
du mir dabei helfen? Was schreib' ich zum Beispiel unter 'gender'?
"Na, 'male' natuerlich!"
"Ah! Natuerlich!"
Ich schaue ihm ueber die Schulter, wie er feierlich 'MAIL' eintraegt.
"Danke! Und was schreibt man unter 'affiliation'?"
"Schreib: 'sales manager'; das macht sich immer gut..."
"Echt?" fragt Yogi Flop zweifelnd.
"Na, klar! Alles was mit 'sales' zu tun hat,
lassen die Aussis bestimmt gerne ins Land. Wenn du 'esoteric
physicist'
eintraegst, werden sie bestimmt misstrauisch."
Yogi Flop schreibt sorgfaeltig: 'SAILS MANAGER'. Passt doch!
"Und dann sind da unten noch ein Haufen Fragen
zum Ankreuzen..."
Yogi wedelt hilflos mit dem Formular. Ich
werfe einen Blick darauf; es handelt sich um die ganzen idiotischen
Fragen der
Einwanderungsbehoerde. Ob man einer kommunistischen
oder wahlweise rechtsradikalen Vereinigung angehoert, ob man
eine
Geschlechtskrankheit hat, ob man schon mal so ganz nebenbei
jemanden umgebracht hat, ob man Hitler direkt unterstellt war
oder
nur ein Mitlaeufer, oder ob man eine Aussi-Frau gebumst hat und jetzt
fahnenfluechtiger Vater eines armen
australischen Kindes ist.
"Ach, das! Das sind bloss die Standard-Fragen,
ob man alle seine Papiere beisammen hat und genug Geld fuer
eine
Rueckflugticket, und so weiter. Da kannst du ueberall 'yes'
ankreuzen."
"Danke! Du bist mir eine echte Hilfe", atmet Yogi Flop erleichtert auf.
"Man tut, was man kann", sage ich freundlich.
Bad Conscience
Manche Leute koennen sich gar nicht vorstellen, wie
viel Einsatz so ein Uni-Job einem abverlangt. Wenn man wirklich nur
die
Dinge zu erledigen haette, die routinemaessig von einem
erwartet werden:
Studenten aus den Seminaren ekeln, moeglichst
fiese Pruefungen entwerfen, die Studenten-Email scannen, gegen
die
Mitarbeiter und/oder Verwaltung intrigieren und so weiter. Das
alles ginge einem ja recht locker von der linken Hand;
schliesslich
bekommt man mit der Zeit Routine. Aber dann sind es diese scheinbar
trivialen, unerwarteten
Nebensaechlichkeiten, die einen ewig lang
beschaeftigen koennen.
So wie heute.
Wir sitzen gerade bei unserem sechsten Kaffee
gemuetlich in der Bibliothek - draussen hat Frau Bezelmann ein
Schild
aufgehaengt 'Bibliothek wegen akuten Maeusebefalls
geschlossen, um etwaige arbeitswuetige Studentinnen abzuschrecken -
als
ploetzlich Marianne mit hochrotem Kopf und wuetend funkelnden
Augen die Tuere aufreisst und schreit:
"DAS ist doch
wirklich das Allerhinterletzte!"
Ich erklaere hastig, dass ich absolut unschuldig sei,
und bringe mich hinter dem Katalog in Sicherheit, obwohl
Marianne
heute ihren Posaunenkasten gar nicht dabei hat, mit dem
sie normalerweise auf mich eindrischt, wenn ich 'aus Versehen'
einen
ihrer geheiligten SimNet-Prozesse gekillt habe. Aber Marianne
beachtet mein hastiges Manoever ueberhaupt nicht;
wuetend faucht
sie:
"Irgend so ein Arschloch hat mein Fahrrad demoliert;
ist einfach darueber gebrettert und hat es liegen gelassen. Wenn
ich
den Kerl erwische..."
"Woher weisst du, dass es ein Kerl war und nicht
vielmehr eine Kerlin?" frage ich und tupfe mir den Kaffee von
der Hose,
den ich bei meinem hastigen Rueckzug verschuettet habe.
Zum Glueck ging das meiste nicht auf meine Hose sondern in
den
geoeffneten Bibliothekskatalog. Und ein noch groesseres Glueck
habe ich, dass der Kollege O. nicht da ist; der haette mich
sonst
sofort und aus dem Stand heraus gelyncht. Marianne zieht ihre huebsch
geschwungenen Augenbrauen zusammen und
ueberlegt eine halbe
Sekunde, ob ich mit dem Begriff 'Kerlin' etwa auf ihre sexuelle
Ausrichtung anspiele (Marianne kann da
sehr empfindlich sein; also
Vorsicht!), aber dann konzentriert sie ihre aggressiven Energien
wieder auf den unbekannten
Boesewicht:
"Ist doch voellig
Schnuppe! Das Schwein hat mein Fahrrad ruiniert und Fahrerflucht
begangen! Und was das Beste ist: Es muss
einer hier im Hause sein;
mein Fahrrad stand naemlich HINTER der Schranke zur Tiefgarage!"
"War bestimmt einer von den Alt-Testamentlern",
mutmasst Frau Bezelmann kuehl.
"Die evangelischen Theologen
haetten zu viele moralische Skrupel, da einfach wegzufahren!"
"Wenn ich den erwische! Den haenge ich an den Eiern auf!" knurrt Marianne wuetend.
"Oder an den Eierstoecken", wage ich zu bemerken.
Spaeter, in meinem Buero, schiebe ich alle
anstehenden Arbeiten auf meinen Stack, der sowieso demnaechst die
Zimmerdecke
durchbrechen wird, und konzentriere mich auf Mariannes
Fahrrad-Problem. Eine halbe Stunde spaeter haengt neben
dem
Magnetkarten-Leser der Tiefgarage ein Zettel folgenden
Inhalts:
"Mein Fahrrad wurde von einem Benutzer der
Tiefgarage ueberrollt. Die Nummer des Fahrzeugs wurde vom Besitzer
des Cafes
gegenueber notiert. Melden Sie sich noch heute, sonst
Anzeige wegen Fahrerflucht und ich haenge Sie an
den
Eiern/Eierstoecken auf!"
Darunter meine Telefonnummer.
Schon um halb neun
Uhr am darauffolgenden Morgen meldet sich der Uebeltaeter. Es ist
tatsaechlich ein Eiertraeger; Marianne
hat ausnahmsweise Recht
gehabt. Der Schuldige zeigt sich sehr kooperativ (ob wegen der
angedrohten Anzeige oder wegen des
angedrohten Aufhaengens, weiss
ich nicht!). Um die Sache zu vereinfachen, gebe ich ihm meine
Kontonummer und setze den
Schaden auf pauschal 1000 Mark an.
Gleich darauf - ich schreibe gerade Marianne eine
Email mit der freudigen Nachricht, dass der Schuldige gefunden und
bereit
ist, 200 Maeuse Entschaedigung zu zahlen - laeutet wieder
das Telefon, und ich gehe ran. Eine weibliche Stimme
(Eierstoecke!)
gesteht zoegernd, dass sie "letzte Woche moeglicherweise ein
Fahrrad gestreift hat". Eine Sekunde lang
bleibt mir die
Spucke weg, aber dann klickt es: Na, klar! Ich hatte ja nicht
geschrieben, WANN Mariannes Fahrrad demoliert
wurde. Ich erklaere,
ohne mit der Wimper zu zucken, dass der Schaden einen Riesen gekostet
habe, und gebe meine
Konto-Nummer durch.
Bis zum Mittagessen steht das Telefon kaum noch
still. Insgesamt fuenf Paar Eier und vier Paar Eierstoecke. Alle
haben
innerhalb der letzten zwei Wochen Fahrraeder ge-crashed,
gestreift, platt gewalzt, oder glauben es zumindest; einer sogar
in
einem ganz anderen Stadtteil! Da es sich fast ausnahmslos um
Theologen handelt, sind alle zum finanziellen Suehneopfer
bereit.
Nur einer - wahrscheinlich ein Jesuit - verlangt die notierte
Autonummer zu wissen, und da ich sie logischerweise
nicht nennen
kann, legt dieser amoralische Verraeter an seinem Berufsstand einfach
wieder auf, bevor ich ihm mit dem
juengsten Gericht drohen kann.
Wo soll das nur hinfuehren, frage ich, wenn die Leute gar keine Moral
mehr zeigen?
Excursion
"Ja... aehm... ja, also... hmm... ich denke...
aeh... meine, dass... hrrrm... dass wir die dies-... aeh
diesjaehrige
Exkursion... hmm... nach... aeh... zu einer
wissenschaftlichen Einrichtung... aeh.. Institution... durchfuehren
sollten..."
(nachdenklicher Blick an die Decke) "...
einer wissenschaftlichen Einrichtung... aeh... Sie verstehen.. damit
die... hmm...
die Studenten sozusagen.... aehm... als
paedagogischen Zusatzwert... aehm... also... ich bin sicher...aeh..
dass Ihnen
etwas Passendes... hrrrm... Passendes einfallen wird...
aeh... Leisch..."
Ich versichere dem Chef, dass er alles getrost meiner
erfahrenen Organisation ueberlassen koenne, und der Chef gesteht
mir
erleichtert, dass er selber leider, leider dieses Jahr (genau
wie letztes Jahr und das Jahr davor) nicht persoenlich an
der
Exkursion teilnehmen koenne, weil er zu einem immens wichtigen
Meeting in Paris fliegen muesse, und so weiter und so fort.
Kaum ist der Chef aus dem Zimmer, sperre ich
voruebergehend seine Mailbox und schicke eine Nachricht an alle
Mitarbeiter
und Studenten des Inhalts, dass die diesjaehrige
Exkursion aus paedagogischen Gruenden an einem Ort erfolgen wird,
an
welchem dem wissenschaftlichen Nachwuchs anhand von praktischen
Uebungen ein besseres Verstaendnis der im
Ingenieursstudienplan
vorgesehenen technischen Mechanik vermittelt werde. Bei
Nicht-Teilnahme koenne als Ersatz das
'Physikalische Praktikum
III' absolviert werden.
Dann buche ich fuer saemtliche Mitarbeiter und
Studenten einschliesslich Frau Bezelmann ein opulentes Mittagessen
und einen
anschliessenden Reverse-Bunjee-Jump im Freizeitpark
'Kotzgaden'. Danach wird hoffentlich kein Student mehr in
der
Einfuehrungsveranstaltung Actio mit Reactio verwechseln!
Um sicher zu gehen, dass niemand aus Versehen dabei
ist, der eine solche Aktion auch noch toll finden koennte, schicke
ich
den notorisch bekannten Sport-Freaks die falsche
Bus-Abfahrtszeit. Wenn sie schon so sportlich sind, sollen sie doch
gleich
mit ihrem 5000-Mark-Bikes hinterher hecheln! (Amerikanische
Wissenschaftler an der University of San Diego haben uebrigens
vor
kurzem nachgewiesen, dass sich der Windwiderstand eines Radfahrers um
5,27% reduzieren laesst, wenn man sein Grosshirn
entfernt. Da das
Grosshirn des ernsthaft engagierten Radfahrers sowieso nur den
Sportartikelverkaeufer behindert, wenn
dieser seinen neuesten
idiotischen Papageien-Dress an den Mann/Frau bringen will, wird diese
revolutionaere Entdeckung
gewiss unser Strassenbild in Kuerze
drastisch veraendern! Wissenschaft ist doch etwas Wunderbares, nicht
wahr?) Kaum ist
die Mail raus, steht Marianne auf der Matte.
"Wieso organisierst DU wieder die Exkursion,
verdammt nochmal!" schnaubt sie wuetend.
"Wir hatten
doch dem Chef eine Mail geschrieben, dass er auf gar keinen Fall..."
Marianne bricht mitten im Satz ab, als sie mein
sueffisantes Grinsen sieht, das ich fuer ganz besonders
leckere
Gelegenheiten aufspare. Marianne laeuft dunkelrot an.
"Du hast wieder an den Mailboxen manipuliert!!!"
"Tstststs, Marianne!" sage ich milde
tadelnd.
"Wir wissen doch alle, dass Email ein
unzuverlaessiges Kommunikationsmedium ist, nicht wahr? Ausserdem:
wann liest der Chef
schon mal seine Mail?"
"Das letzte Mal, als du eine Exkursion
organisiert hast", sagt der Kollege O., der inzwischen auch dazu
gekommen ist, mit
klagender Stimme,
"das letzte Mal sind
drei Studenten mit Elektroschocks im Krankenhaus gelandet..."
"Kann ich was dafuer, dass ihr alle unbedingt
ein elektrisches Umspannwerk besuchen wolltet?" verteidige ich
mich
ungnaedig.
"Wenn's nach MIR ginge, wuerde ich auch
lieber eine heisse Disko besuchen... Aber keine Sorge: diesmal habe
ich vorgesorgt
und die Exkursion schon beim Roten Kreuz
angemeldet; die schicken prophylaktisch drei Notarztwaegen. Es kann
also gar nix
passieren..."
Marianne schnappt nach Luft. Bevor sie taetlich werden kann, kommt der Chef herein.
"Ah... aeh... Leisch... eine sehr... hrrrm...
eine sehr gute Idee... aeh... die... die Dings... na! die Exkursion
dieses...
aeh... Jahr ins... hm... ins deutsche Museum zu...
aeh... organisieren. Wirklich... hmm... wirklich schade, dass ich
selber
... aeh.. verhindert bin..."
Der Chef klopft mir anerkennend auf die Schulter und
ist schon wieder weg. Der Kollege O. und Marianne starren
ihm
hinterher, wie zwei Schafe, die zum ersten mal ein Space
Shuttle vorbei fliegen sehen.
Zwei Wochen spaeter sind wir alle im Freizeitpark
Kotzgaden und haben das opulente Mittagessen bereits hinter uns
gebracht.
Nachdem alle Teilnehmer lautstark bekundet haben, dass
sie keinerlei Interesse an dem gebuchten (und bereits
bezahlten)
Reverse-Bunjee-Jump haben und androhen, sich bei
Anwendung von Zwangsmassnahmen mit eigens dafuer
mitgebrachten
Handschellen an das Mobiliar ketten zu wollen,
schlaegt der leitende Activity-Animateur vor, statt dessen vielleicht
einige
'trust-building group exercises' zu organisieren. Nach
einigem Hin und Her - der Kollege Rinzling hatte sich
bereits
vorsorglich an einem Cola-Automaten im Foyer gekettet,
aber dann den Schluessel verlegt - und nachdem definitiv
sicher
gestellt wurde, dass diese 'trust-building group exercises'
nichts, aber auch gar nichts mit Gummibaendern zu tun haben,
begibt
sich die gesamte LEERstuhl-Belegschaft hinaus in das dafuer
vorgesehene Freigelaende.
"Ok", sagt aufmunternd der
Activity-Animateur, ein graesslich blonder, gut gebauter
Body-Builder, wie aus dem
Fitness-Geraete-Katalog, nachdem man uns
in zwei Gruppen geteilt und zu zwei Baeumen gefuehrt hat, die etwa
200 Meter
auseinander stehen,
"die erste Aufgabe besteht
darin, sicher den jeweiligen Zielbaum zu erreichen. Jede Gruppe
bekommt genau ein
Farb-Pellet-Gewehr, mit dem man rote Farbkapseln
verschiessen kann. Gewonnen hat die Gruppe, die ALLE ihre Mitglieder
an
den Zielbaum bringt, und dabei moeglichst wenig Treffer
einzustecken hat. Sie muessen also innerhalb Ihrer
Gruppe
entscheiden, wem Sie das Gewehr anvertrauen, und dieser
muss dann die ungeschuetzten Mitglieder seiner Gruppe decken..."
Zum Glueck ist Frau Bezelmann in meiner Gruppe. Sie
knurrt nur ein kurzes "Simpel!", schnappt sich zuerst das
Gewehr und
dreht dann dem Activity-Animateur mit einem
Kung-Fu-Griff den rechten Arm auf den Ruecken. Der Rabe Nero
kraechzt
begeistert und krallt sich in der Blondtolle des armen
Burschen fest.
"Keine falsche Bewegung!" zischt Frau
Bezelmann dem voellig ueberrumpelten Muskelbaby ins Ohr,
"sonst
hackt Dir der Rabe die Blauaugen aus!"
Sie rammt ihm das Gewehr unter der Achsel durch und
deckt die andere Gruppe, die noch diskutiert, wer das Gewehr
bekommen
soll, mit einem Sperrfeuer an Farb-Pellets ein. Der Rest
unserer Truppe bleibt hinter dem 'lebenden Muskelschild' in
Deckung
und wir marschieren ganz gemuetlich zum Zielbaum. Nur der Kollege O.
- obwohl schon selbst uebersaet mit roten
Farbklecksen - schiesst
ein paar Mal halbherzig in unsere Richtung; eine Ladung trifft
unseren Activity-Animateur mitten
auf die Stirn...
Komischerweise ist der von unserem Erfolg nicht
besonders angetan; eventuell hat es damit zu tun, dass Frau Bezelmann
ihm
aus Versehen die Schulter ausgerenkt hat. Nachdem sie aus dem
Kung-Fu-Griff entlassen hat, liegt der arme Kerl nur noch am
Boden
und roechelt wehleidig!
"Man muss ihm ein Muskelrelaxans spritzen!"
meint der Kollege Rinzling eifrig, der ein hypochondrinisches Faible
fuer
medizinische Notfaelle hat.
"Weil nur dann sich die
Muskelgruppen um das Gelenk entspannen, und dann..."
"Unsinn!" unterbricht ihn Marianne, unsere
Praktikerin,
"einmal kraeftig in die richtige Richtung
ziehen und die Gelenkkugel schnappt von selbst in die Pfanne zurueck!
Dass
Maenner immer so zimperlich sein muessen..."
Wir versuchen eine Weile zu viert, den Arm in
verschiedene Richtungen zu ziehen, aber ohne Erfolg. Der arme
Verletzte ist
mittlerweile so tief im Schock, dass er sich gegen
jeglichen Hilfeversuch mit allen seinen drei verbleibenden Haenden
und
Fuessen wehrt; wir muessen ihn mit dem Gewicht von vier
Studenten am Boden fixieren, bevor wir vernuenftig an
dem
ausgekugelten Arm zerren koennen. Nach ein paar Minuten geben
wir es wieder auf, weil uns die Puste ausgeht, und der
Verletzte
vom Schreien schon ganz heiser wird. Die einzige sichtbare Wirkung
unserer Ersten-Hilfe ist, dass der Arm jetzt
nach schraeg hinten
oben wegsteht, und unter den Schluesselbein eine komische Woelbung
hervorsteht; wahrscheinlich die
Gelenkkugel des Oberarms, obwohl
Rinzling meint, es koenne auch die Milz sein. So wie der Animateur
auf dem Bauch daliegt,
schaut er fast aus, als uebe er den
Hitler-Gruss auf rueckwaerts.
"Im Deutschen Museum waere das nicht passiert!" mault Marianne und ruckt nochmal mit aller Macht an dem Arm.
"Vielleicht ist das mit der Betaeubung doch
nicht ganz falsch", gruebelt der Kollege O.,
"schaut
euch bloss diese Muskelpakete an! Die sind so verkrampft, dass wir
die nie aufkriegen!"
"Ich sage euch doch, nur ein Muskelrelaxans..." faengt Rinzling wieder eifrig an.
"Wo sollen wir hier draussen so ein
Muskel-Dingsbums herbekommen!" faucht Frau Bezelmann ihn wuetend
an und fuchtelt mit
dem Pellet-Gewehr herum.
"Kann man
ihn nicht einfach mit dem Gewehrkolben...?"
Der Animateur starrt sie aus blutunterlaufenen Augen an.
"Dann haben wir nicht nur eine ausgekugelte
Schulter, sondern auch noch einen Schaedelbasisbruch!" warne ich
eingedenk der
ganzen Kampfsportarten, die Frau Bezelmann als Hobby
betreibt.
Der Verletzte holt tief Luft und setzt mit verdoppelter Lautstaerke zu einer neuen Schrei-Serie an.
"Wir muessen ihn dazu bekommen, dass er sich
entspannt!" bruellt der Kollege O. ueber das Getoese hinweg, und
geht neben
dem Verletzten in die Knie.
"He!" bruellt er ihm ins rechte Ohr.
"Ganz
ruhig, Mann! Versuchen Sie, ganz ruhig zu sein, ganz locker lassen,
Mann! Wir helfen Ihnen doch nur, verdammt noch
mal!!!"
Da uns allen das Gekreische auf die Nerven geht, und
bei dem Laerm kein Mensch einen klaren Gedanken fassen kann,
stopfen
wir dem Animateur vorlaeufig Mariannes Schal in den Mund.
"Vorschlaege?" frage ich knapp, nachdem der
Geraeuschpegel um 60 dB abgenommen hat.
Jean-Luc Picard waere
stolz auf mich!
"Wir koennten einen Flaschenzug besorgen",
meint ein praktisch veranlagter Student,
"oder einen
hydraulischen Wagenheber..."
"Wo sollen wir hier in der Wildnis denn einen hydraulischen Wagenheber hernehmen..."
"Aber ein Flaschenzug..."
"Es gibt doch so einen Kung-Fu-Schlag in die
Halsbeuge, der voruebergehend den Arm laehmt!" unterbricht Frau
Bezelmann die
fruchtlose Diskussion und betrachtet nachdenklich
ihre rechte Hand,
"aber ich weiss nicht mehr genau, wie der
sich vom finalen Wirbelbrecher-Schlag unterscheidet..."
"Ein Muselrelaxans waere..."
"Natuerlich! Betaeuben! Wir betaeuben ihn
einfach!" Der Kollege O. kramt wie wild in seinem Rucksack und
foerdert unter
Massen lilafarbener Unterwaesche eine Flasche Wodka
zutage.
"Die... aeh... habe ich immer dabei... fuer...
aeh..."
"Notfaelle!" springt Marianne ein.
"Genau! Fuer einen Notfall wie diesen..."
Alle finden den Plan prima - ausser dem Verletzten,
dem vor Schmerz offensichtlich jegliche Vernunft abhanden gekommen
ist.
Kaum nehme ich ihm Mariannes Schal aus dem Schnabel und
versuche, die erste Ladung Wodka einzufuellen, faengt er wieder
das
Bruellen an und spuckt das kostbare Betaeubungsmittel wie wild
durch die Gegend. Auch als Jenny ihm noch einmal und in
aller Ruhe
erklaert, dass die Wodka-Methode bestimmt gesuender ist als Frau
Bezelmanns Kung-Fu-Schlag, und alle Pro und
Contras der Behandlung
in wissenschaftlich einwandfreier Darstellung Revue passieren laesst,
hoert der ungebildete Kerl gar
nicht zu und schreit weiterhin um
Hilfe. Als ob wir nicht schon laengst da waeren und Erste-Hilfe
leisten wuerden!
Immerhin gelingt es mir, immer wenn er Luft holen
muss, eine Dosis Wodka einzufuellen. Es geht zwar viel daneben,
aber
langsam scheint eine beruhigende Wirkung einzutreten: Der
Verletzte tritt nicht mehr ganz so wild wie am Anfang, und
das
infernalische Heulen geht langsam in ein boesartiges Lallen
ueber. Ploetzlich verliert Rinzling, der mir beim
Einfuellen
Hilfestellung leistet, den Halt und rollt recht unsanft
ueber den Ruecken des Unfallopfers. Es knackt vernehmbar, wie
wenn
man eine Kokosnuss aufbricht, und das Lallen hoert ploetzlich
auf.
"Na, bitte!" freut sich Rinzling, der sich
schnaufend wieder hochrappelt.
"Ich habs ja gleich gesagt,
so ein Muskelrelaxans wirkt Wunder...!"
Eine rasche Ueberpruefung ergibt, dass das Knacken
nicht von der Wirbelsaeule kam. Leider auch nicht vom
Schultergelenk,
lediglich die Armani-Sonnenbrille des Animateurs
ist zerbrochen, weil er sie nicht wie jeder anstaendige Mensch auf
der
Nase traegt, sondern an einem affigen Sportband um den Hals.
Immerhin hat er aufgehoert, so einen Krach zu machen
und stiert nur noch aus glasigen Augen sinnlos in die Gegend.
Wir
versuchen noch einmal, zu sechst den Arm wieder einzukugeln,
aber alles was wir erreichen ist, dass er jetzt steif nach
vorne
unten absteht.
Wir drapieren das Pellet-Gewehr ueber den steifen
Arm, damit es nicht ganz so auffaellt, und bugsieren den
leise
schnarchenden Adonis in Richtung Ausgang. Dort setzen wir
ihn in einer leeren Telefonzelle ab und fahren nach Hause in
die
relative Sicherheit unseres LEERstuhls.
Bastard Magician from Hell ?
Das Telefon laeutet (irgendwie scheint das immer zu
passieren, wenn ihr gerade alle mithoert!), und obwohl ich den
Mund
voller Pizza habe, gehe ich 'ran.
"Hawwou?"
"Hi!"
Junge Stimme, fast zu jung fuer
einen Studenten, und dann auch noch dieser ausgepraegte britische
Akzent?
"This is Harry Potter. Am I speaking to Mr. Leech?"
Irgendwann musste das ja passieren! Aber wieso
ausgerechnet, wenn ich den Mund voller Pizza habe?!
"Juft a
fecondth, pleave! Thon't go avay!"
Ich wuerge gewaltsam das
Pizza-Stueck hinunter. Natuerlich geht die Haelfte davon in die
falsche Kanalisation und ich lege
eine kurze TBC-Einlage hin.
Ausgerechnet jetzt!
"Hello?" japse ich, nachdem ich den
Hoerer wiedergefunden habe.
"You're still there, aren't
you?"
"Of course I am."
"Gut... ich meine: good... aeh... koennten wir
uns nicht lieber auf Deutsch unterhalten. Schliesslich sind wir beide
nur...
hm... literarische Figuren... da sollte das kein Problem
sein, oder?"
"Kein Problem, Mann!"
"Was... aehm... was verschafft mir die Ehre?"
Eine Sekunde lang ist es still in der Leitung, und
ich befuerchte schon, dass die Leitung nach... nach... wo auch
auch
immer - Hogwart? - unterbrochen wurde. Dann kommt es:
"ICH
BRAUCH DEINE HILFE, MANN!"
Von allem was ich mir haette vorstellen koennen, war
das das Unwahrscheinlichste! Wie immer spiegelt meine Antwort das
hohe
intellektuelle Niveau wieder, das man als Hochschullehrer
auch in den abgefahrendsten Situationen einfach mitbringen muss:
"HAeAeAeHHH?!"
"Kannst du dir vorstellen, Mann, was es bedeutet, Held in einem Bestseller-Kinderbuch zu sein?"
"Aehm... naja..."
"57 Millionen Mal ein Happy End, bei dem alle
Boesewichte sich ploetzlich in Rauch aufloesen, die ein paar Seiten
vorher
noch die ganze Menschheit, und vor allem meine niedlichen
Schulkameraden bedrohten?"
"Nun... nun ja... ich... bei derartigen Geschichten sollte man erwarten, dass..."
"57 MILLIONEN MAL, MANN! ES HAeNGT MIR ZUM HALS 'RAUS!"
"Aha! Nun gut, es haengt dir zum Hals 'raus. Und weiter? Was habe ich damit zu tun?"
Ich bekomme ploetzlich dieses unangenehme Gefuehl in
der Milz, das immer auftritt, wenn jemand etwas von mir will. Ich
bin
nun mal von Natur aus geizig und habe auch ueberhaupt kein
Problem damit, es oeffentlich zuzugeben. Harry faehrt fort, als
wenn
er mich gar nicht gehoert haette:
"57 Millionen Happy Ends,
Mann! Ich sage dir, das ist die HOeLLE fuer jemanden, der gerade in
der Pubertaet steckt... und
deshalb habe ich dich angerufen!"
"Mich?" frage ich daemlich.
"Wieso
denn ausgerechnet mich?"
"Du bist doch der 'Bastard Ass(i) from HELL', oder etwa nicht? Und du bist auch an einer Art Schule!"
"Aber..."
"Und zaubern kannst du auch!"
"Kann ich nicht!" gebe ich empoert zurueck.
"Kannst du doch! Wie war das noch mit dem Nudelfall?"
Ich schnappe nach Luft.
"Damit hab' ich
ueberhaupt nichts zu tun gehabt! Kein Mensch weiss, wieso dem Dekan
auf der 200-Jahrsfeier die Nudeln ins
Gesicht geflogen sind..."
"Is' ja auch egal! Jedenfalls... aeh...
koenntest du mit deinen Beziehungen nicht dafuer sorgen, dass ich
endlich mal so
was richtig Fieses anstellen koennte?"
Wieder das unangenehme Gefuehl in der Milz!
"Was
denn zum Beispiel?" frage ich ausweichend.
"Was weiss ich, Mann? Du bist doch der Experte!"
"Man koennte allen lebenden Bildern in Hogwart
die Kleider weghexen", sage ich vertraeumt,
"dann
haettet ihr Life-Anschauungsmaterial fuer den Sexualunterricht... Ihr
habt doch Sexualunterricht in Hogwart? Im Buch
kam nichts darueber
vor..."
Harry seufzt laut.
"Nicht dass ich
wuesste..." dann, so als wuerde er mitschreiben,
"...
Sex-ual-un-ter-richt..."
"Oder das ganze Kerzenwachs in Hogwart in Dynamit verwandeln!"
"... in Dy-na-mit ver-wan-deln..."
"He!" sage ich indigniert.
"Du
bekommst hier kostenlose Tips, und was habe ich von dem Deal?!"
Harry Potter ueberlegt einen Augenblick, dann sagt er
zoegernd:
"Du koenntest mal meinen Zauberstab ausleihen...
fuer eine Folge lang... und ein paar coole Zaubersprueche koennte ich
dir
auch per email schicken..."
Genaugenommen klingt das gar nicht so schlecht. Ist
schon 'ne ganze Weile her, dass hier an der Uni ein paar
spektakulaere
Todesfaelle zu beklagen waren.
"Deal!"
"Ok, dann lass mal hoeren, Mann!"
"Also, als allererstes wuerde ich..."
(Da es sich bei der Leserschaft dieser Kolumne rein
statistisch gesehen zu 63% um Harry-Potter-Leser handelt, wurde
der
Rest dieser Kolumne zur Vermeidung von Copyrights-Verletzungen
bezueglich zukuenftiger Harry-Potter-Baende zensiert!)
The Bastard Ass(i)'s Psychogram
Ich
lösche gerade die ganze überflüssige User-Mail auf dem
schnellen Server B, damit ich mehr Platz für
meine
DooM-Szenario-Dateien bekomme, als plötzlich jemand
meine Tür aufreißt. Niemand würde es wagen,
bei
hochgefahrenen Schilden meine Tür aufzureißen; es
kann also nur der Chef sein.
"Ah... äh... Leisch...
hrrrm... gut... äh... daß Sie da sind! Ich möchte Sie
mit Frau... ähm... Frau... na!... Frau
Diplompsychologin Dr.
Dürf bekanntmachen."
Der Chef zieht den Bauch ein und
läßt eine abgehungerte, mindestens ein Meter
fünfundachtzig große, künstlich
angegraute
Brünette vorbei in mein Büro. Auf ihrer Bluse schillert das
ganze Farbspektrum wie in einem billigen
Bildschirmschoner, und -
trotz ihrer an sich schon beachtlichen Größe - hat sie an
den Schuhen Stilettos, für die jeder
Mann einen Waffenschein
vorweisen müßte. Auf dem künstlich gebräunten
und sorgfältig gespachtelten Gesicht sitzt
das professionelle
100-Watt-Osram-Lächeln, mit dem Zahnärzte uns immer
versichern, es werde überhaupt gar nicht
weh tun.
Frau
Dürf setzt zum Sprechen an, aber der Chef hat schon wieder das
Wort ergriffen:
"Ähm... ja... es handelt sich...
hrrrm... oder vielmehr... äh... Sie kennen ja das neue 'Quality
of Service' Programm,
das... äh... QOS ist wohl die
Abkürzung... das die Firma... hm... die Firma... Wie war der
Name doch gleich?
MacDonalds?"
"McKinsey."
"...
McKinsey... äh... das die Firma McKinsey der Universität
empfohlen hat... äh... ja. In diesem... äh... Programm
gibt
es auch ein... Dings...
ein... hm..."
Der Chef schaut in
eine Hochglanzbroschure, die er in der Hand hält.
"...
ein 'Person-to-Person coaching, das Anreize zur Verbesserung der
kommunikativen Akzeptanz der Angestellten
schaffen soll'. Hmm...
ja.
Jedenfalls hat der Hochschulrat beschlossen... äh...
zunächst mal eine...
hm... kleine Pilotstudie... ähm...
anfertigen zu lassen. Hrrrm!
Ja, äh... und Frau... hm... Frau
Dürf hier... oder vielmehr: wir dachten dabei an Sie...äh...
ob Sie... ähm... "
Frau Dürf übernimmt elegant
die freihängenden Fäden:
"Ich soll mit Ihnen
zusammen eine der geplanten Coaching-Sessions durchführen. Und
Sie können dann in einem
anschließenden Assessment
berichten, ob eine solche Maßnahme zur Effizienzsteigerung und
Verbesserung des
Arbeitsklimas beiträgt."
Ich
nicke langsam und düster.
"So. Aha", sage ich."Ich
hoffe, es handelt sich um nicht-invasive Methoden.
Bei der letzten
solchen Aktion hat ein Kollege von Ihnen dazu geraten, mir die rechte
Großhirnhälfte zu entfernen."
Frau Dürf hat
sich gut in der Gewalt. Nur die rechte Augenbraue zuckt ganz kurz.
Dann strahlt sie wieder ihr
Zahnarztlächeln ab. Jetzt
allerdings mit 200 Watt.
"Haha!" lacht der Chef
halbherzig. "Ha.... ja, äh... also... hrrrm... wie
gesagt... am besten... und Sie kommen... äh...
schauen dann
nochmal... hm ... bei mir vorbei... äh...", und damit
verläßt er fluchtartig mein Büro.
Frau Dürf
und ich, wir gucken uns eine Sekunde lang an. Dann sage ich:
"Und?
Wollen wir über meine verkorkste Kindheit sprechen? Wir haben
leider keine Couch hier... "
"Es handelt sich nicht um
eine Analyse", sagt Frau Dürf in milde tadelndem Ton."Wir
werden uns einfach ganz
entspannt unterhalten. Ab und zu werde ich
eine Frage stellen, und Sie können Sie beantworten oder auch
nicht. Wie
Sie wollen..."
Ich nicke wieder düster.
"Wie
wärs mit einen kleinen Spaziergang", versucht es Frau Dürf
im herzlichsten Tonfall.
"Ok", sage ich und füge
dann mit vorwurfsvollem Ton hinzu:
"Übrigens HATTE ich
eine schwere Kindheit."
Wir
treten hinaus auf die Strasse. Es nieselt, und ein vorbeifahrender
Lastwagen erwischt uns beinahe mit einer
Fontäne
Dreckswasser.
"Reizend, ganz reizend", sage ich und
wickele mich fester in meinen Mantel.
"Warum sagen Sie das
so?" erkundigt sich Frau Dürf.
"Weil das Wetter
eben beschissen ist. Sagte ich schon, daß ich eine schwere
Kindheit hatte?"
"Was fällt Ihnen denn sonst noch
so ein, wenn Sie an das schlechte Wetter denken?" fährt sie
unbeirrt fort und stöckelt
auf ihren Stilettos eifrig neben
mir her.
"Hundekacke!"
"Wie bitte?"
"Vorsicht,
da! Hundekacke! Jetzt sind Sie doch reingestiegen! Sie sollten besser
achten, wo Sie hintreten. Das ist ein
gefährliches Pflaster,
hier um die Uni..."
Frau Dürf betrachtet umbekümmert
die dicke Wurst auf ihrem Stiletto - und streift sie elegant am
nächsten
BILD-Zeitungs-Kasten ab.
Eigentlich doch ganz
sympathisch, die Frau...
"Kommen
Sie! Wir gehen in die Neue Pinakothek und schauen uns ein paar Bilder
an", sagt sie und hängt sich bei mir
ein.
"Können
wir nicht lieber ins Lenbach gehen?" sage ich und mache
vorsichtig meinen Arm wieder frei.
"Ins Lenbach-Haus, meinen
Sie? Warum nicht? Da gibts auch jede Menge Bilder..."
"Ich
meine nicht das Lenbach-HAUS, sondern DAS Lenbach, die
abgefahrendste
Hyper-Schicki-Micki-Super-In-Kneipe
Münchens..."
Frau Dürf guckt interessiert.
"Gehen
Sie da öfters hin? Trinken Sie regelmäßig?"
"Nie!"
schüttele ich den Kopf. "Obwohl ich eine sehr, sehr
schwierige Kindheit...
"Aber warum gehen Sie dann in
Kneipen?"
"Weil ich so gerne die ganzen halb- und
voll-fertigen Neureichen und Lokalpolitiker beobachte, wie sie an der
der Bar
hängen, schlappe Konversation machen, ihre Lungen mit
rauchverpesteter Luft verseuchen und sich trotzdem jeden
Abend zu
Tode langweilen... Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, daß
Lokalpolitik auch von 'Lokal' kommen
könnte?"
"Was
fällt Ihnen denn bei dem Wort 'Politiker' noch ein?" fragt
Frau Dürf.
"Hundkacke!" sage ich.
Frau Dürf
schaut automatisch nach unten.
"Nein", sage ich,
"diesmal wirklich."
Bei
der Neuen Pinakothek zahlt Frau Dürf beide Eintrittskarten, was
ich sehr nobel von ihr finde, wenn man bedenkt,
daß ihr
Stundensatz bestimmt nicht mehr als 450 Mark beträgt.
Wir
schlendern ziellos durch die ausgestorbenen Gänge. Falls ich
wirklich mal vorhaben sollte, Selbstmord zu begehen,
würde
ich nochmal herkommen, um mich in die rechte Stimmung zu
versetzen.
"Was halten Sie hiervon?" fragt Frau
Dürf.
Ich betrachte das Werk ein paar Sekunden lang.
"Braun",
sage ich dann.
"Braun? Sonst fällt Ihnen dazu nichts
ein?!"
"Doch!" sage ich. "Hundeka..."
"Schon
gut!" unterbricht Frau Dürf hastig. "Schauen wir uns
was anderes an..."
Wir gehen in den ersten Stock hinauf.
Eigentlich hatte ich gehofft, daß dort endlich das
unvermeidliche Cafe mit
angeschlossenem Souvenir-Stand zu finden
sei. Aber statt dessen sind dort nochmal soviel Bilder wie im
Erdgeschoß!
Ich bleibe vor einer Miniatur stehen. Sie zeigt
eine abstrakte Version der Enthauptung von Jonny, dem Täufer.
Frau
Dürf ist sofort hinter mir und linst mir über die
Schulter.
"Was gefällt Ihnen an dem Bild?"
"Es
erinnert mich an meine Jugend."
"Wieso?"
"Naja,
ich finde es ganz apart, wie die Herodias gleichzeitig lächeln
und Jonnys Blut aus der Schüssel schlürfen kann...."
Frau
Dürf guckt auf die abstrakte Pinselführung und reist die
Augen auf.
"Und das Töchterchen scheint ja auch ganz
schön ausgekocht zu sein für ihr Alter. Schauen Sie mal,
wie das Luder den
Kopf des armen John am rechten Ohr hochhält,
und dabei noch lachen kann..."
"Aber...",
protestiert Frau Dürf, "da sind doch nur rote und violette
Striche und Punkte zu sehen!"
Ich zucke mit den Achseln. Soll
ich ihr erklären, daß man halt das entsprechende
Hintergrundwissen als 'Bastard from
Hell' mitbringen muß?
"Und
der arme alte Lustmolch, der Herodes Antipas, hat sich das wohl auch
anders vorgestellt. Ganz grün ist er im
Gesicht. Passen Sie
auf, ich wette, er kotzt gleich dieser Lustsklavin in den
Ausschnitt..."
"Ich glaube, wir sollten lieber einen
Kaffee trinken gehen", sagt Frau Dürf, auch schon etwas
bleich um die Nase.
"Sind
Sie eigentlich mit Ihrem Beruf zufrieden?" Frau Dürf hat
sich wieder etwas gefangen.
"Doch, ich denke schon" sage
ich düster. "Er ist auf jeden Fall besser als der letzte.
Finden Sie nicht auch, daß der
Kaffee ein bißchen nach
durchgegorener Jauche schmeckt?"
Frau Dürf schiebt ihre
Tasse zwei Zentimeter von sich weg und fragt natürlich:
"Was
war denn ihr letzter Job?"
"Engel vierter Klasse auf dem
Linienflug New York - London. Habe ich schon erwähnt, daß
ich eine Zangengeburt
war?"
Frau Dürf Schaut läßt
sich nicht ablenken:
"Sie meinen, Sie waren
Flugbegleiter?"
"So kann man es auch nennen. Um auf
meine Zangengeburt zurückzukommen..."
"Aber wieso
ist das ein schlechter Beruf?" will Frau Dürf wissen.
"Ich
habe damals noch für die falsche Seite gearbeitet", erkläre
ich. "Das war natürlich todlangweilig. Und dann
praktisch
keine Aussichten auf eine Karriere."
Ich beuge mich
vertraulich vor:
"Wissen Sie - mal abgesehen von meiner
Zangengeburt - wissen Sie wie lange es dauert, bis man vom Engel
vierter
Klasse zum Engel dritter Klasse aufsteigt?"
Frau
Dürf schüttelt langsam den Kopf, ohne mich aus den Augen zu
lassen.
Ihre Augenbraue zuckt wieder etwas.
"Zwischen 14
und 26 Millionen Jahre. Sehen Sie?"
"Hm... ja... ich
denke doch. Hatten Sie eigentlich in letzter Zeit viel zu tun?"
Ich
überlege ein paar Minuten angestrengt.
"Also, letzte
Woche hatte ich Hundekacke an den Schuhen, und es hat mich eineinhalb
Stunden gekostet, den Mist mit
einer Zuckerzange wieder
herauszukratzen!"
"Äh... ja", lächelt
Frau Dürf etwas bröckelig. "Ich glaube wir sollten
doch nochmal auf Ihre Kindheit zu sprechen
kommen..."
"Genau",
sage ich. "Hatten Sie eine?"
"Wie bitte?"
"Ich
sagte: Hatten Sie eine Kindheit?"
"Ja,
natürlich..."
"Sehen Sie! Ich hatte nur eine
Zangengeburt!"
"Ich verstehe..."
"Und was
für eine! Wollen Sie Einzelheiten wissen?"
"Ich
glaube..."
"Es war eine Zuckerzange! Können Sie
sich das vorstellen? Ich habe meinen Augen nicht getraut. Eine
Zuckerzange..."
"Ich denke, wir sollten jetzt lieber
wieder zurückgehen", meint Frau Dürf wage und zahlt
freundlicherweise auch meinen
Kaffee gleich mit.
Den Rückweg
legen wir schweigend zurück und machen beide sorgfältige
Bögen um die ganze Hundekacke, die nach
der Schneeschmelze
aufgetaut ist und jetzt in der warmen Frühlingssonne vor sich
hindampft.
Zwei
Wochen später bekomme ich eine unmißverständliche
Aufforderung von der Personalstelle, endlich meinen
Resturlaub vom
letzten Jahr zu nehmen. Wenn ich wolle, könne ich auch mal in
Kur gehen, steht noch darunter.
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The Bastard Ass(i) falls in Love
Ohne
richtigen Schwung lösche ich die Backup-Tapes von heute nacht,
indem ich sie kurz in unser
Praktikums-Cyclotron halte. Auch die
Nachricht von Frau Bezelmann, daß die R.K.f.H. nach 11 Jahren
zähen
Verhandelns kleinbeigegeben und mir die umstrittene
Spesenabrechnung vom Wiener Opernball zu 100% anerkannt hat,
kann
mich nicht aufmuntern.
Ein User ruft an und will wissen, wie man
den Inhalt eines Directories auf den Bildschirm listen kann. Ich sage
es ihm
zerstreut, und erst als ich schon wieder aufgelegt habe,
fällt mir auf, daß ich vergessen habe, seinen Account für
die
nächste Löschaktion zu notieren.
Marianne
kommt mit ihrem Posaunenkoffer herein und erzählt mir eine
komische Geschichte von einem neuen
transilvanischen
Monster-Virus, der nur Windoofs-Rechner befällt und beim
Losbrechen einfach Linux
darüberinstalliert.
Ich sage
müde: "Soso, ganz nett..." und starre weiter auf
meinen Bildschirmschoner.
Marianne
guckt mich mit großen Augen an und verschwindet in Richtung
Sekretariat. Zwei Minuten später ist sie mit
Frau Bezelmann
im Schlepptau wieder da, und die beiden Damen beobachten mich durch
die offene Bürotüre und
konferieren flüsternd. Ich
beachte sie nicht weiter und starre apathisch in meinen
Bildschirmschoner.
"Ich
habe hier einen Account abgefangen, der verbotenerweise die
Modenleitung des Sekretariats benutzt hat", sagt
Frau
Bezelmann schließlich mit bösen Lächeln. "Sie
können den User löschen, wenn Sie wollen."
"Später
vielleicht", murmele ich, ohne aufzusehen. "Legen Sie's da
drüben hin."
Weiteres heftiges Geflüster auf dem
Gang. Kurz darauf wird Kollege O.
hereingeschickt.
"Hören
Sie mal, Leisch", sagt er energisch. "So kann das nicht
weitergehen:
die Studenten im Praktikum tanzen uns auf der Nase
herum und machen, was sie wollen. Können Sie nicht mal
wieder
für Ordnung sorgen? Nein? So wie vor 4 Jahren, als wir
nachher den Katastrophendienst alarmieren mußten...
He!
Leisch! Ich rede mit Ihnen!"
Mit übermenschlicher
Anstrengung schaffe ich es, den Blick vom Bildschirmschoner zu lösen,
und werfe dem Kollegen
O. einen Blick so voller Schwermut zu, daß
er betroffen verstummt. Hinter ihm, auf dem Gang stehen Frau
Bezelmann,
Marianne und einige andere Mitarbeiter und halten den
Atem an.
"Äh... ist... ähm... ich meine, ich alles
in Ordnung... mit Ihnen...?"
stottert Kollege O. und läßt
verlegen seinen Blick durch mein Büro huschen.
Mit
Grabesstimme versichere ich ihm, daß es gar nicht besser gehen
könnte.
Alles palletti, super-trouper, totales Schmackes,
wenn er verstehe, was ich meine.
Dem Kollegen O. bleiben die Worte
in der Kehle stecken, aber er nickt heftig, ein paar Male zuviel auch
noch.
"Ich meine", sage ich mit Ghouls-Stimme, "schauen
Sie sich doch um."
Ich mache eine theatralische Geste mit dem
rechten Arm, die den ganzen elektronischen Müll, meine drei
Workstations,
die Videoanlage, mein Filmarchiv, die Online-Kameras
und die Mini-Bar umfaßt.
"Wie kann man sich hier nicht
wohlfühlen? Ich habe ja alles, was ein normaler, empfindsamer
Mensch braucht. Dazu
meine ganzen lieben und aufopfernden
Kollegen, die mich respektieren und unterstützen..."
Von
draußen hört man gerührtes Schniefen; Marianne hat
Tränen in den Augen.
Der Chef, der gerade dazugestoßen
ist und ausnahmsweise ruhig zuhört, putzt sich verlegen die
Brille.
"... und die vielen fleißigen und lernwilligen
StudentInnen, die mir täglich mit ihren außergewöhnlichen
Leistungen soviel
Freude bereiten.
Sehen Sie, ..."
Ich
hole tief seufzend Luft.
"... es muß mir ja
ausgezeichnet, ja geradezu blendend gehen. Alles andere wäre ja
Sünde..."
Kollege O., der sich während dieser
schmalztriefenden Ansprache vor Verlegenheit drei Anzugknöpfe
abgedreht hat,
nickt nochmal heftig, sagt mit erstickter Stimme:
"Dann ist's ja gut." und schlängelt sich aus dem
Zimmer.
Die Menge vor meinem Büro verläuft sich
schniefend, und ich wende mich mit tieftraurigem Blick wieder
meinem
Bildschirmschoner zu.
Als
ich wieder aufblicke, steht nur noch Frau Bezelmann vor meiner
Türe.
Sie hat die Mundwinkel nach unten gezogen und ihre
Augen blitzen angriffslustig hinter den dicken Brillengläsern.
Als
ich sie fragend anblicke, kommt sie stampfend herein und beugt
sich drohend über meinen Schreibtisch.
"Wenn ich es
nicht besser wissen müßte", zischt sie wie eine
Sandviper in der Daumenschraube, "würde ich sagen: Sie
sind
verliebt!!!"
Ich spüre ein ungewohntes brennendes Gefühl
von den Backen zu den Ohren hinterziehen, und Frau Bezelmann
richtet
sich triumphierend auf:
"Aha!" sagt sie
befriedigt. "AHA!"
Ich protestiere aufs heftigste und
mache sicherheitshalber die Türe zu.
Frau Bezelmann flezt
sich ungeniert in meinen Besuchersessel und fixiert mich
gespannt.
"Wer ist denn die Unglückliche? Eine von von
unseren Lohnsklavinnen? Weiß die Arme schon von
diesem
Schicksalsschlag?"
Ich strafe Frau Bezelmann mit
absoluter Nichtbeachtung und starte SadoVixensIII++, um meine Nerven
zu beruhigen.
Frau Bezelmann läßt sich dadurch nicht im
mindesten beirren und schwelgt weiter in romantischen
Aussichten:
"Oder ist es am Ende eine STUDENTIN??? Und das in
Ihrem Alter! Also wirklich! Wann darf man denn mit einer
Verlobung
rechnen? Haben Sie sich schon mal nach Ringen erkundigt? Sie werden
staunen, was die Dinger kosten.
Ach, so eine Romanze in der Arbeit
ist doch immer wieder erfrischend. Man fühlt sich gleich 20
Jahre jünger, nicht?"
"Dann wären Sie jetzt
auch schon über 60", knurre ich zwischen den Zähnen.
Frau
Bezelmann hört nicht mal zu:
"Erinnern Sie sich noch,
als der Kollege O. vor 2 Jahren... war auch eine nettes Häschen,
nicht?... schon mal an
Blumen gedacht... natürlich haben Sie
ihr noch kein Sterbenswörtchen gesagt, da wette ich... kann den
jungen Paar ja
gerne behilflich sein zusammenzukommen, wenn Sie
wollen... sind doch sonst nicht so schüchtern, oder? Oder
wie?...
Kultur, das ist es, was die jungen Damen heute wollen.
Laden Sie sie doch mal ins Konzert ein...
auf jeden Fall
rechtzeitig vor der Hochzeit zusammenziehen, sage ich.
Nichts
schlimmeres als, wenn man jemanden noch nie beim Zähneputzen
beobachtet hat... "
Frau Bezelmann gerät immer mehr ins
Schwärmen:
"... als Trauzeuge wäre doch der Chef
nicht schlecht? Haben Sie sich schon Gedanken gemacht?... nun rücken
Sie
schon mit dem Namen raus; Sie wissen doch eh, daß ich es
über kurz oder lang herausbekomme... und erst letzte
Woche
habe ich zu Frau Kurzmaul von der deutschen Philologie gesagt: der
Leisch, habe ich gesagt, der Leisch, der
macht's auch nicht mehr
lange als Hagestolz... haben Sie überhaupt ein gescheites Bett
zu Hause? Einheizen ist ganz
wichtig, das ist eine alte Sache,
einheizen... und natürlich sollten Sie mal zusammen Essen gehen;
das ist immer ein
guter Anfang, und ... haben Sie ihr wenigstens
schon mal eine Email geschrieben? Ah, ich weiß! Bestimmt haben
Sie
ihre Workstation sabotiert und nachher blitzschnell wieder
'repariert'. Das finden die Mädchen von heute
sicher
beeindruckender als wenn man den Abfluß wieder frei
bekommt. Zu meiner Zeit... den Verheirateten-Zuschlag
bekommen Sie
ja dann auch noch, vergessen Sie das mal nicht, und... also wenn Sie
noch keine weibliche Trauzeugin
wissen, bin ich gerne bereit
einzuspringen.... Nero könnte zur Hochzeit eine weiße
Taftschleifen tragen... und Kinder
natürlich. Stellen Sie
sich das nur vor: lauter kleine Leischs mit Nintendos in den rosa
Patsch-Händchen; wie goldig..."
Schließlich
reißt mir der Geduldsfaden und ich sage:
"Sie befinden
sich leider - wie immer - vollkommen auf dem Holzweg, Frau
Bezelmann!"
"Hah!" sagt sie selbstsicher. "Ich
hab' doch Augen im Kopf. Dieses dauernde Herumgeschmachte hier... das
Gesülze,
wie gut es Ihnen doch gehe... und vorhin haben Sie
eindeutig rote Ohren bekommen; rot wie Strauchtomaten..."
"Also
gut", lenke ich resigniert ein, "damit Sie endlich Ruhe
geben - und vor allem keine weiteren Gerüchte in dieser
Richtung
ausstreuen - will ich Ihnen sagen, was hier läuft..."
"Jaaa...?"
Brau Bezelmann beugt sich gespannt nach vorne.
Ich räuspere
mich zögernd; dann stehe ich auf, lasse die Jalousien herunter
und prüfe nochmal, ob die Türe auch
wirklich zu
ist.
"Ich habe... oder vielmehr, es ist in gewisser Weise
richtig..."
Frau Bezelmann beugt sich noch weiter vor; mein
Besuchersessel kippt bedrohlich nach vorne.
"Jaaaaa...???"
"...
ist in gewisser Weise richtig, daß ich mich... äh... sagen
wir mal...
verguckt habe..."
"Jaaaa...!"
"...und
zwar in eine bildhübsche, außerordentlich tüchtige...
außerdem muß ich gleich dazu sagen, daß sie eben
genau
die Eigenschaften mitbringt, die ich so sehr schätze,
wenn Sie verstehen, was ich meine..."
"Jaaa...???"
"...
zum Beispiel ist sie 5mal schneller als alle, die ich bisher so
kennengelernt habe... und Sie bringt ein Outfit mit sich...
Ich
sage Ihnen nur..."
"Jaaaa...?"
"...
zweiundzwanzig Zoll, bei nur vierzehn Zoll Tiefe..."
"Zweiundzwanzig
Zoll?!"
"Ja, ist das nicht traumhaft?"
"Was
soll denn das heißen: zweiundzwanzig Zoll!"
"In
der Diagonale natürlich. Und sie hat Streifenmasken statt
ordinären Lochmasken. Außerdem ist sie von Haus aus
mit
einer ganz unglaublich gut designten Funk-Maus
ausgestattet..."
"Häh???!!!"
"... und
ihre Benchmark-Werte schlägt alle Rekorde. Sie war der erklärte
Star auf der letzten CeBit, und ich weiß nicht,
wie ich ohne
sie weiterleben soll. So ein Baby! Smooth, cool, einfach super
durchgestylt, wenn Sie verstehen, was ich
meine..."
Frau
Bezelmann starrt mich einen Augenblick fassungslos an, dann kriegt
sie das Übergewicht, und der Besuchersessel
rutscht ihr unter
dem Hintern weg.
"Aber... aber", stottert Frau
Bezelmann, während sie verzweifelt kämpft um ihr
körperliches und seelisches
Gleichgewicht wiederzufinden,
"wovon reden Sie denn da überhaupt?!"
Ich mache ein
erstauntes Gesicht.
"Na, von der neuen SGI Mega 9978
natürlich! Die coolste Workstation der Neuzeit. Der Traum meiner
schlaflosen
Nächte. Was dachten Sie denn?"
Frau
Bezelmann macht den Mund auf - und macht ihn wieder zu. Dann erhebt
sie sich langsam und gemessen aus
meinem Besuchersessel, schießt
durch ihre zwei Zentimeter dicken Brillengläser einen Blick auf
mich ab, der jeden
Normal-Sterblichen auf der Stelle in ein
armseliges Häuflein Asche verwandelt hätte, und sagt mit
eisigster Stimme und
aller weiblichen Würde, die sie nach
diesem Schock noch aufbringen kann:
"Das war die bodenloseste
Beleidigung der gesamten weiblichen Hälfte der Menschheit, die
man sich vorstellen kann.
Das werde ich Ihnen nie, nie, nie,
niemals vergessen. Darauf können Sie Gift nehmen!!!"
Spricht's,
dreht sich auf dem Absatz um und schwebt kerzengerade und mit einen
Ausdruck äußerster Mißbilligung auf
den
verkniffenen Gesichtszügen aus meinen Büro.
Endlich
wieder allein! Ich krame den Silicon Graphics Katalog unter meiner
Schreibtischunterlage hervor und vertiefe
mich wieder in die
atemberaubenden Schönheiten, die dort reihenweise abgebildet
sind. Mit zitternden Händen blättere
ich auf Seite 23.
SGI Mega 9978 - what a cool babe!!!
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
The Bastard Ass(i)'s Humour
Beim
Kaffeetrinken kritisiert Marianne, daß ich immer so einen
verkniffenen Gesichtsausdruck herumtragen würde.
Das sei ja
zum Fürchten; ich solle doch mal wieder so richtig von tiefsten
Herzen lachen; das vertreibe die Flausen, und
so weiter.
Widerlich! Es klingt fast wie die Ratschläge aus dem
Kummerkasten eines billigen Boulevard-Blatts!
Ich sage nichts dazu
und schlürfe grimmig meinen Kaffee, während ich mir
vorstelle, was ich nachher alles mit
Mariannes Rechner anstellen
könnte.
Nach
dem Kaffeetrinken gehe ich um mich abzureagieren aufs Klo. Bei einem
der Pissoirs ist der Zufluß durch die
Spülung
geringfügig stärker als der Abfluß verkraftet. (Ich
könnte euch das jetzt mit ein paar
partiellen
Differentialgleichungen erklären, aber das hieße
ja Perlen vor die Säue werfen!) Ich stelle mich in die
Lichtschranke
und beobachte gespannt, wie der Wasserspiegel
langsam ansteigt. Dieses Experiment hat immer eine
beruhigende
Wirkung auf meine Psyche. Manchmal komme ich sogar mit
dem Grundkurs hierher (natürlich müssen die
Studentinnen
draußen bleiben!) und demonstriere anhand des
Pissoirs anschaulich das Problem der nuklearen
Abfallwirtschaft.
Lerninhalte bleiben fester im Gedächtnis,
wenn sie einem über die teueren Cowboy-Stiefel geplätschert
sind, meine ich!
Nachdem das ganze Klo gründlich überschwemmt
ist, gehe ich einigermaßen befriedigt zurück in mein Büro
und lasse
die Schirme hochgehen.
Vielleicht
hat ja Marianne sogar recht, grübele ich, während ich
zerstreut die Email der RKfH nach Hinweisen über den
Stand
meiner Reisekostenabrechnungen scanne. Vielleicht sollte ich wirklich
mal wieder lachen...
Ich gehe auf die WWW-Seite der CSU und
studiere das Wahlkampfprogramm für die kommende Landtagswahl
in
Bayern. Fünfzehn Minuten später muß ich
abbrechen, weil meine untrainierten Bauchmuskeln nicht mehr können.
Ein prüfender Blick in den Spiegel? Hmm, das war wohl etwas
zuviel des Guten. Sieht so aus, als ob ich jetzt einen
Krampf in
den rechten Kiefermuskeln hätte!
Warum muß ich auch auf
Marianne hören! Quatsch, das alles!
Der
Chef reißt ohne Vorwarnung die Türe auf. Ausgerechnet
jetzt!
"Ah... gut, daß ich Sie... ähm... äh...
aber... aber... äh... wie schauen... ähm... schauen SIE
denn aus...?"
Der Chef starrt mir leicht aus der Fassung
gebracht ins Gesicht. Ich gebe mir selber zwei kräftige
Ohrfeigen, und die
Kiefermuskeln beruhigen sich wieder.
"Nur
ein kleines Experiment", beruhige ich den Chef. "Ich
wollte... äh...
testen, ob man... äh... auch durch
Weisheitszahnlücken pfeifen kann..."
Der Chef gibt mir
den speziellen 'Sie-sollten-mal-wieder-Urlaub-machen-Leisch'-Blick
und erklärt dann, weswegen er
eigentlich gekommen
sei:
"...hmm... Sie wissen ja... ähm... daß...
ja... daß unser Kollege... äh...
Kollege Rinzling seit
kurzem... hm... etwas eigen geworden ist.... äh...
eigen was
seine Angst vor... hmm.. . vor Ansteckung angeht, ja. Äh... er
bat mich... ähm... ein neues Keyboard...
hmmm... installieren
zu dürfen...
weil... weil... äh... sein altes... äh...
verseucht sei..."
Der Chef wirft mir einen etwas ratlosen
Blick zu, den er für so unbegreifliche Phänomene wie
verlorengegangene
Email reserviert hat. Ich sage ihm, daß
ich mich sofort darum kümmern werde, und der Chef verschwindet
erleichtert
zum Golfspielen.
Ich
zerre ein altes, aber sauberes Keyboard aus dem Schrotthaufen in
Rechnerraum 2, beträufele es ausgiebig mit
Domestos und
marschiere zu Büro des Kollegen Rinzling. Natürlich ist die
Türe fest verschlossen, und ich bemerke mit
Interesse, daß
er inzwischen auch die Fugen mit Tesamoll verkleistert hat. Ich
klopfe und Kollege Rinzling fragt
ungehalten von drinnen, was denn
los sei. Ich brülle durch die geschlossene Türe, daß
ich ein neues, garantiert
virenfreies Keyboard für ihn hätte
und daß er doch bitte die Türe aufschließen solle,
damit ich es installieren könne.
Nach langem Zögern -
seit seiner neuesten Marotte, daß wir ihn alle mit unseren
Bakterien und Viren zu Tode bringen
könnten, hat niemand,
nicht mal die Putzfrau sein Zimmer betreten dürfen -, nach
langem Zögern und Debattieren also
reicht mir Rinzling eine
Schutzmaske und ein paar Chirurgen-Handschuhe durch den Türspalt.
Nachdem ich die
gehorsam angelegt habe, läßt er mich
tatsächlich mit dem Keyboard hinein.
In Rinzlings Büro
schaut es aus wie in einer Apotheke, in der eine Schwadron von Hunnen
nach Präservativen gesucht
hat: überall liegen
Medikamente und angebrochene Packungen mit Desinfektionstüchern
herum, ein Luftbefeuchter
rauscht in der Ecke leise vor sich hin,
auf dem Rechner-Display sind Wegwerfmasken gestapelt und es stinkt
bestialisch
nach Sagrotan. Rinzling ist in die am weitesten
entfernte Ecke zurückgewichen und trägt selbstverständlich
ebenfalls
Atemmaske und Handschuhe.
"Nönn mönnön
nö nöm nö!", sagt er.
"Wie
bitte?"
Ärgerlich lüftet Rinzling seine Maske
etwas.
"Dann machen Sie mal zu!" wiederholt er.
"Ok",
sage ich und gehe ans Werk.
Sein Rechner ist so verdreckt, daß
kaum noch Luft durch den Ventilator geht. Ich lüfte diskret
meine Maske und blase
den Staub durch die Gitter.
Computerstaub
ist bei mir wirkungsvoller als Schnupftabak. Kollege Rinzling sieht
ahnungsvoll, wie ich die Augen
schließe und tief Luft hole,
er schreit noch verzweifelt: "Nein!" aber es ist schon zu
spät. Mit einem gepfefferten Nieser
fetze ich die
Chirurgenmaske quer durch den Raum.
Rinzling taumelt entsetzt
gegen sein Bücherregal, worauf noch mehr Staub
herunterrieselt.
"Oh", sage ich bekümmert.
"Entschuldigung! Wußten Sie eigentlich, daß in Ihrem
Rechnergehäuse ein Schimmelpilz
wächst? Nein? Da sollten
Sie aber mal gegen vorgehen... Ist denn auf Ihrer Platte auch das
neueste Sagrotan
installiert?"
"Sagrotan?" fragt
Rinzling mit schwacher Stimme. "Auf der Platte?"
"Ich
meine natürlich das Anti-Virus-Programm", sage ich besorgt.
"Sie haben doch hoffentlich die Viren-Warnung letzte
Woche
mitbekommen, oder?"
"Ja... nein. Aber das sind doch
nur...äh... Computer-Viren, nicht wahr?"
"Aber das
IST ja das SCHLIMME", sage ich und schaue ihn mit ernstem Blick
an. "Die neuesten
Microsoft-Word-Macro-Viren sind schon so
komplex, daß sie über das Display sogar schon einfache
Körperfunktionen
des Users negativ beeinflussen
können..."
"So ein Unsinn", murmelt Kollege
Rinzling mit flackerndem Blick.
"Sie glauben mir nicht? Dann
schauen Sie doch mal auf den Microsoft Web-Pages nach, unter
Macro-Viren. Da
werden Sie feststellen, daß dort zu dem
Thema nur beruhigendes Gesäusel zu finden ist. So a la 'Ruhe
bewahren ist
erste User-Pflicht' und so weiter. Ein todsicheres
Zeichen dafür, daß die Epidemie schon so weit
fortgeschritten ist, daß
man nur noch die unweigerliche
Panik unter den infizierten Usern verhindern möchte..."
Kollege
Rinzling schluckt hörbar und tastet mit zitternden Fingern nach
einer Magnum-Flasche Doppelherz. Er nimmt
einen kräftigen
Schluck, der auch für ein Nilpferd ausgereicht hätte.
Derweilen begucke ich das mitgebrachte Keyboard
genauer.
"Ach!
So was Dummes!" sage ich.
"W...was?"
"Jetzt
habe ich statt des neuen Keyboards das alte von Frau Tronstiebel
mitgebracht. Was bin ich nur für ein Schussel!"
Rinzling
schnappt nach Luft. Frau Tronstiebel wurde nämlich im vorigen
Monat wegen Verdachts auf offene TBC
behandelt. Rinzling schnappt
sich eine gigantische Flasche Desinfektionsmittel und beginnt mich
hektisch damit
einzunebeln. Dazu schreit er hysterisch im Diskant,
ich solle SOFORT sein Zimmer verlassen und vorallem das
verseuchte
Keyboard mitnehmen. Geblendet von dem scharfen Zeug stolpere ich über
seinen Rechner, worauf die noch
drehende Festplatte sich mit einem
charakteristischen 'Scritsch-du-du-du-daaah-tack!' verabschiedet. Ich
krache in das
andere Regal, und leere Ginseng-Flaschen prasseln
auf mein Haupt. Klebrige Flüssigkeiten tropfen in meinen
Kragen,
und irgendein weißes medizinisches Pulver quillt
explosionsartig durch den Raum und vermindert die ohnehin
schon
eingeschränkten Sichtverhältnisse. Endlich gelingt
es mir, in einer gewaltigen Wolke keimtötenden Nebels ('Nebel
des
Grauens') auf den Gang zu stolpern. Hinter mir fällt die
Türe krachend ins Schloß, der Schlüssel wird
zweimal
herumgedreht, und ich höre Rinzling drinnen
weitersprühen, was die Flasche hergibt.
Auf
dem Weg zurück zu meinem Büro begegnet mir Marianne mit
einem Stapel Zeitschriften auf den Armen. Ihre
Pupillen weiten
sich entsetzt, dann rümpft sie angewidert die Nase.
"Was
ist denn mit dir passiert, um Himmels Willen? Und warum grinst du so
dämlich?"
"Ich hab' nur gerade mal wieder gelacht,
so richtig..."
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
Jokes and Radiation
Weil
heute ausnahmsweise mal das Netz und alle Rechner brav funktionieren,
sitze ich gelangweilt am Fenster und
beobachte Nero, den Raben,
wie er systematisch die Abfalleimer im Biergarten der Cafeteria
plündert. Er krallt sich am
Rand fest, schaut einen Moment
wachsam umher, ob auch niemand in der Nähe ist, und holt mit dem
Schnabel
zielsicher ein Stück Müll nach dem anderen
heraus. Uninteressantes wird mit einem eleganten Schlenker sofort auf
den
Boden geworfen; vielversprechende Teile klemmt er mit einer
Kralle fest und seziert sie systematisch mit
seinem
rasiermesserscharfen Schnabel. Wenn ihn niemand stört,
braucht er pro Abfallkorb nur elf Minuten. Eine Angestellte
der
Cafeteria kommt wütend herausgestürzt und verscheucht Nero
mit einer griechischen Schimpfkanonade.
Seit
Nero physiotherapeutisch behandelt wird und wieder fliegen kann, ist
nichts mehr vor ihm sicher. Außer
Fressbaren (mit Vorliege
Aas!) hat er es vorallem auch auf Kreditkarten aller Art abgesehen.
Jedenfalls verschwindet
in letzter Zeit bei immer mehr
Mitarbeitern das Plastikgeld aus den Büros, und der Kollege O.
schwört Stein und Bein,
daß er Nero überrascht
hat, wie er gerade seine Chipkarte für die Tiefgarage klauen
wollte. Frau Bezelmann erklärt
dazu nur, das sei geradezu
lächerlich. Schließlich habe Nero ja nicht einmal einen
Wagen!
Eine Argument, dem nur schwer etwas entgegenzusetzen ist...
Ich
vertausche das untere mit dem oberen Bein auf meinem Schreibtisch und
seufze gelangweilt. In diesen
Semesterferien ist einfach nichts
los. Fast wünschte ich mir ein bißchen, daß endlich
etwas passieren würde...
Im nächsten Moment steht Joseph
in der offenen Tür und grinst so dämlich wie der Mann aus
der
BlendaMed-Forschung. Hätte ich bloß meine Gedanken
im Zaum gehalten! Jetzt habe ich den Salat!
"Hey!" sagt
Joseph gut gelaunt. "Ich muß dir unbedingt den neusten
Bill-Clinton-Witz erzählen..."
Ich suche fieberhaft nach
einer passenden Ausrede, aber ich habe wohl das, was unser geliebter
Kanzler einen
'Blackout' zu nennen pflegt. Außerdem ist es
sowieso sinnlos. Joseph gehört zu der Sorte Mensch, die in allen
Büros
auf diesem Planeten unweigerlich vorkommen: Der
geborene Pointenkiller, der fest davon überzeugt ist, daß
seine
Mitmenschen ohne seine Witze ein verpfuschtes Leben führen
müßten.
"Also: Bill Clinton beschäftigt
diese...."
Da es nunmal nicht zu ändern ist, schalte ich
meine Ohren auf Durchzug, entblöße ganz leicht die obere
Zahnreihe und
schaue knapp an Josephs Kopf vorbei auf meinen
Zweitbildschirn in der Ecke. Wenigstens kann ich in der
Zwischenzeit
seine verpfuschte Email löschen - wenn ich schon
seine verpfuschten Witze anhören muß!
"... und
dann sagt Bill Clinton... ach nein, es sagt der Berater...
oder...
ach ja, jetzt weiß ich's wieder: Bill Clintons
Beraterin sagt zu der..."
Kaum was in seiner Mailbox. Hmm,
wahrscheinlich verschickt er genauso katastrophal verfaßte
Witze an alle
möglichen Leute, und niemand wagt es zu
antworten, aus Angst er könnte noch mehr schicken. Ich logge
mich unter
seinem Account ein und schicke eine beim besten Willen
nicht mehr jugendfreie Mail an den Chef. Joseph kommt
langsam zur
unweigerlich verpfuschten Pointe:
"... und was war ihre Note?
Bescheiden... ach nein! Ich meine:
Befriedigend!
Hahahahahaha!"
Joseph krümmt sich vor Lachen. Ich
sage:
"Haha!" und, um überzeugend zu wirken,
nochmal: "Ha!"
Nachdem sich Joseph wieder beruhigt und
die Lachtränen aus den Augen gewischt hat, sage ich:
"Ich
kann dir auch einem Witz erzählen!"
"Wirklich?"
japst Joseph völlig außer Atem. "Erzähl'
mal..."
"Das Ende des Bartes ist im Kellergeschoß
zu besichtigen."
Joseph schaut mich erwartungsvoll an. Als
ich schweige, sagt er:
"Und weiter?"
Ich seufze.
"Das
war's schon", erkläre ich.
"Ja, aber", sagt
Joseph ratlos, "wo ist denn da die Pointe..."
Zwecklos!
Völlig zwecklos!
"Vergiß es", wechsele ich
das Thema. "Wann kommt er denn?"
"Wer?" fragt
Joseph.
"Der, den das alles interessiert!"
Nachdem
Joseph beleidigt abgezogen ist, gehe ich hinunter zum Kiosk, um mir
mein tägliches Magnum zu holen. Im
Treppenhaus kommt mir
Marianne entgegen.
"Oh, Gott! Gut daß ich dich treffe.
Ich muß unbedingt zum Friseur und habe mich schon verspätet.
Hier sind die
Isotopen für den Kollegen O., vom
Forschungsreaktor. Gib sie ihm bitte gleich. Er weiß schon
Bescheid. Ich muß fort.
Tschühüß!"
Bevor
ich protestieren kann, hat sie mir den runden, versiegelten
Plastikbehälter mit der Isotopenprobe in die Hand
gedrückt
und verschwindet im Aufzug.
Zuerst esse ich in aller Ruhe mein
Magnum, dann gehe ich in die Teeküche und schiebe das
Isotopen-Dings in die
Microwelle. Es funkt und brutzelt etwas,
aber ich weiß, was diese Behälter aushalten. Dann ziehe
ich mir die
Topflappen-Handschuhe über und trage den heißen
Behälter ins Büro des Kollegen O. Zum Glück ist da und
nicht
gerade wieder auf einer seiner
Lila-Reizwäsche-Einkaufs-Touren.
"Hier ist die
Isotopenprobe von heute Nacht", sage ich und stelle das Ding auf
seine Schreibunterlage.
"Gut... aber... äh... wieso hast
du Handschuhe an?"
"Ich will mir ja keine Brandblasen
holen", sage ich fröhlich.
"Waaaas... Wieso? Die
Probe kann doch gar nicht heiß sein. Die Halbwertszeit liegt
bei 670 Jahren..."
Ich warte geduldig die zehn Sekunden, bis
im Gehirn des Kollegen O. die folgerichtigen Synapsen geschaltet
werden.
"Oh Gott!" schreit er und weicht in Richtung
Türe zurück.
"Was ist denn los?!"
"Diese....
diese Idioten im Reaktor haben bestimmt was verwechselt! Am Ende
haben sie uns ein kurzlebiges Isotop
eingepackt! Oder sogar
spaltbares Material!!"
Der Kollege O. packt mich am Arm und
zerrt mich unsanft aus dem Büro.
"Bloß nicht mehr
anfassen!"
Er knallt die Türe zu! Zufälligerweise
(!) ist der Kollege O. auch unser ABC-Beauftragter...
"Ok,
ganz ruhig bleiben", sagt er schwer atmend auf dem Gang. "Ruhe
bewahren! Erst mal Ruhe bewahren!"
Unser Kanzler wäre
stolz auf ihn!
"Zu allererst müssen wir Alarm geben.
Und.... und dann brauchen wir Atemschutzgeräte. Äh... du
paßt in der
Zwischenzeit auf, daß niemand diese Türe
öffnet, klar? Versuch'... äh... ganz flach zu atmen!"
Er
hechtet los in Richtung Feuermelder. Während ich standhaft Ruhe
bewahre und nicht daran denke, flach zu atmen,
kommt Marianne
dummerweise nochmal zurück.
"Ich kann meine EC-Karte
nicht finden", sagt sie ratlos und wühlt auf typisch
weibliche-uneffektive Art in ihrer riesigen
Handtasche.
Schlecht.
Wenn sie noch lange hier herumsteht, kommt am Ende der Kollege
O.
zurück, und sie verdirbt uns den ganzen Spaß.
"Ich
glaube, gerade vorhin habe ich Nero aus deinem Fenster fliegen
sehen", sage ich beiläufig.
"Ah! Dieses Mistvieh!"
ruft Marianne verstehend und stürzt zum Sekretariat, gerade als
der Kollege O. mit einer
Atemschutzmaske bewaffnet am Ende des
Ganges auftaucht. In der Ferne höre ich die ersten Sirenen...
Das dürfte das Problem der Langeweile für den Rest des Tages erledigen.
DISCLAIMER
Falls
einer von euch zufällig mit echten Isotopen-Behältern zu
tun hat (und nach euren email Adressen zu schließen,
könnte
schon der eine oder andere dabei sein!), dann stellt diese bitte
NICHT in die Microwelle der Teeküche!
Zumindest nicht vor dem
Mittagessen, ok? Und wenn ihr sie schon unbedingt hineinstellen müßt,
dann schaltet
wenigstens nur auf AUFTAUEN!
Das, was ihr da
gerade gelesen habt, ist reine Phantasie, capito? FANTASY, nichts
weiter! Nicht vergessen!
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
Last Questions
WARNUNG:
Die vorliegende Folge des 'Bastard Ass(i) plots on' beschäftigt
sich mit hoch-philosophischen Themen! Allem Lesern
mit einem IQ
von weniger als 16einhalb und allen Leuten, die Douglas Adams 'Per
Anhalter durch die Galaxis' nie
verstanden haben, wird dringend
empfohlen, JETZT die Löschtaste zu drücken, BEVOR ES ZU
SPÄT IST! (Für
durchgebrannte Großhirn-Hemisphären
übernehmen wir keine Verantwortung!) Ok, du willst es also
trotzdem wissen!
Na, gut...
Jede
Kolumne muß früher oder später die Antworten auf die
ganz großen Fragen des Lebens geben (wozu sollte man
sich
sonst der Mühe unterziehen, jede Woche 400 Wörter zu lesen
wo es doch StarTrek im Fernsehen gibt?).
Nun, die Antwort auf die
letzte, die ganz große knifflige Frage, nach dem Universum, dem
Leben und einfach allem ist
ja inzwischen hinlänglich bekannt
(Na? Na?... Genau: 48! Note 'sehr gut'! Setzen!). Deswegen fange ich
erstmal
bescheidener an und beantworte zunächst mal die
letzten Fragen, die schon dem lieben Immanuel Kant auf die
Nerven
gegangen sind. Sozusagen um uns einzustimmen. Wenn wir dann
noch Zeit und Lust haben, können wir ja noch ein paar
andere
anschneiden, wa?
Kant saß also ein Leben lang in Königsberg auf seinem LEERstuhl und hat sich gefragt:
'Was können wir wissen?'
Je
nach Aufwand so ziemlich alles. Die meisten Passwörter lassen
sich knacken, Mailboxen sind sowieso ein mehr oder
weniger offenes
Buch und dank Bill Gates werden immer mehr Daten auf immer mehr quasi
öffentlichen Rechnern
(Windoofs eben) gespeichert. Früher
(zu Kants Zeiten) war das natürlich anders; da konnte man
geheime Unterlagen
noch einfach wegsperren, nicht wahr? Ein
Sicherheitsbeauftragter in den USA hat es mal so formuliert: "Ein
sicherer
Rechner steht heutzutage in einem schweizer Kellersafe,
ist ausgeschaltet, der Safe hat weder Netzzugang noch
Stromversorgung
und meine Schwiegermutter hält mit dem Nudelholz Wache vor der
Kellertüre... Und selbst dann
würde ich für die
Sicherheit der Daten nicht garantieren..."
Also ziemlich
leicht zu beantworten, wa?
'Was sollen wir tun?'
Einfach:
soviel Geld wie möglich ausgeben, wobei die Quellen ziemlich
egal sind. Entgegen allem Gedöns verschiedener
Moralaposteln,
Gurus, Lamas, Päpsten etc. korreliert immer noch der Cash-Flow
am meisten mit dem Lustgewinn. Wer
was anderes sagt, hat entweder
zu wenig Knete, um mitreden zu können, oder kann von Geburt aus
nicht damit
umgehen...
Die Frage war fast noch einfacher...
'Was dürfen wir glauben?'
Schon
kniffliger. Instinktiv hätte ich sofort gesagt: Gar nix!
Aber
wenn ich's mir so überlege, glaube sogar ich an die nächste
Gehaltsabrechnung. Mein Glauben geht sogar soweit,
daß ich
im Hinblick darauf gnadenlos mein Konto überziehe...
Und
wenn ich mich so umschaue, glauben die meisten meiner geschätzten
Mitmenschen unbesehen alles,was aus den
wohl allerdümmsten
Informationsquellen aller Zeiten stammt: der Zeitung und dem
Fernsehen. Aus der Tatsache, daß
dabei trotzdem alle gesund
und munter bleiben (auch wenn sie täglich bis über alle
Ohren vollgelogen werden!), leite ich
messerscharf ab, daß
man also ganz im Gegenteil ALLES glauben darf.
Ok, die letzte war
etwas schwieriger, aber... naja... deswegen braucht man doch keine
grauen Haare bekommen!
Kommen wir jetzt lieber mal zu den wirklich schwierigen letzten Fragen, die uns allen unter den Nägeln brennen:
'Warum spielt Marianne Posaune?'
Ich
meine, sie ist ja ein ganz hübsches Mädchen, mit einer
tollen Figur und so. Sie spielt in keiner Band und auch nicht
im
Sinfonie-Orchester des bayerischen Rundfunks. Warum also versucht
sie, so ein mauerbrechendes Lärminstrument
zu
beherrschen?
Na? Eben! Da seht ihr mal, was eine wirklich
schwierige Frage ist!
Ok, ich bin natürlich den Weg des
geringsten Widerstands gegangen und habe sie einfach gefragt. Die
Antwort war ein
heftiges Erröten und der schnippische Satz:
"Das geht DICH überhaupt nichts an!" Mit Betonung auch
'DICH'.
Wen also dann? Ich habe daraufhin 8 Wochen lang ihre
private Email nach dem Wort 'Posaune' scannen lassen.
Nichts.
Nur
durch reinen Zufall bin ich letzte Woche auf die Lösung dieser
fundamentalen Frage gestoßen. In einer
größeren
Frauenzeitschrift, die ich wegen der
soft-pornographischen Werbung regelmäßig durchblättere,
stand geschrieben, ich
zitiere: "... bewirkt das Anblasen
einer Trompete oder POSAUNE eine gründliche Massage und
Durchblutung des
Gewebes und damit automatisch schön
geschwungene, volle und glatte Lippen..."
I rest my case...
'Warum hat Frau Bezelmann einen schwarzen Raben?'
Eine schwarze Katze wäre zu stereotyp...
'Warum bevorzugt der Kollege O. lila Reizwäsche?'
Keine
Ahnung! Ich kann auch nicht alles wissen! Z.B. weiß ich auch
nicht Frau Bezelmanns wahres Alter! Versuch es
mal bei Sethimus
Typhon in der R.K.f.H.
Noch eine letzte Frage, aber dann ist Schluß für heute...
'Was für einen Computer soll ich mir zulegen?'
Gute
Frage! Eine der wichtigsten existentiellen Fragen des ausgehenden
Jahrtausends! Die Wahl des richtigen
Computers oder des richtigen
Betriebssystems kann dein ganzes Lebensschicksal beeinflussen. Bisher
ging man immer
davon aus, daß bestimmte Computer von
bestimmten Charakter-Archetypen bevorzugt würden. Nicht könnte
falscher
sein! Es sind natürlich die Computer selber bzw.
auch die darauf ablaufende Software, die den Charakter des
Benutzers
entsprechend formen!
Ich kann hier nur einige
allgemeine Tips geben; wer sich ernsthaft dieser Frage stellen
möchte, sollte natürlich unbedingt
professionelle Hilfe
in Anspruch nehmen.
Abgesehen von einer Vielzahl von
Splittergruppen, die aber alle vom Aussterben bedroht sind, gibt es
im Wesentlichen
nur drei große Charaktere: Microsoft,
Macintosh und Linux.
Der
'homo macintoshi' wandelt sich im Laufe der Zeit zwangsläufig
zum Techno-Ästheten, der sich gerne mit einem
schwachen Dunst
der Andersartigkeit umgibt. Form ist ihm meist wichtiger als Inhalt,
und er pflegt einen gesunden
Snobismus, der ihm das Leben
angenehmer macht. Er bevorzugt ein einfaches, klares Design, und
Aufgaben, die sich
nicht mit einer Maustaste erledigen lassen,
sich für ihn 'mangelhaft durchdacht'. Der Macintosh-Charakter
hält es für
normal, wenn man für das äußere
Erscheinungsbild einer Telefonzelle fünfmal mehr Zeit
investiert, als für den
eigentlichen Telefonapparat. Sein
'worst-case-scenario' wäre der Aufkauf von Apple durch Bill
Gates, und sein
Paarungsverhalten ist spezifisch auf andere
Macintosh-Benutzer ausgerichtet.
Der
'homo linux' ist in vielerlei Hinsicht ein Extremist. Er will sein
Leben vollkommen unter Kontrolle haben und sich
alle Optionen bis
ins letzte Detail offen halten. In vielen Fällen ist er das
verkannte Genie, das nach einem langen
verbissenen Leidensweg über
die ignorante Masse triumphiert (oder auch nicht). Funktionalität
und Effektivität bilden
die höchsten Prinzipien, oft
gepaart mit unangenehmen missionarischem Eifer und einer geradezu
faustischen
Verbissenheit. Da ihn seine Umgebung oft nicht
versteht, lebt er zurückgezogen und lichtscheu als Eigenbrötler.
In
seinem Arbeitsleben hat er fast immer mit anderen
UNIX-Derivaten zu tun. Sein 'worst-case-scenario' ist die
Umwandlung
von MS-Formaten in eine brauchbare Form. Sein Paarungsverhalten ist
einfach: er hat keines.
Der
'homo microsoftis' entwickelt sich nach einigen Jahren zum typischen
Fatalisten mit einer schwachen Neigung zum
Masochismus. Er erträgt
es mit mehr oder weniger stoischer Ruhe, den ganzen Tag mit
mystischen Schicksalsschlägen
(Fehlermeldungen) und
Katastrophen (Systemabstürzen) konfrontiert zu werden. Er hat
das unerschütterliche
Gottvertrauen, daß alle
Widrigkeiten seines Lebens mit dem nächsten Upgrade beseitigt
würden, auch wenn die
Erfahrung der letzten 10 Jahre gezeigt
hat, daß auf jeden beseitigten Fehler 23,8 neue Bugs
hinzukommen. Er muß ein
kindliches Gemüt haben, weil er
sich an 'Neuerungen' erfreuen kann, die in anderen Betriebssystemen
schon vor 15
Jahren eingeführt wurden, und er verfügt
über etwas, das sonst in unserer schnell-lebigen Zeit absolute
Mangelware zu
sein scheint: unbegrenzte Zeit. Ich habe MS-User
erlebt, denen es nach viereinhalb (4 1/2) Stunden gelungen war,
eine
Quadratwurzel in ihren Text einzufügen, und es
fertigbrachten, dies auch noch als Erfolgserlebnis zu
verbuchen.
MS-Benutzer versuchen in den seltensten Fällen,
den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern vertrauen in
allen
auswegslosen Lebenssituationen auf die
'Ausschalten-Einschalten-Methode'. Das 'worst-case-scenario' des
'homo
microsoftis' gibt es nicht mehr, seitdem er ständig
darin leben muß; sein Paarungsverhalten ist unspezifisch.
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
MSDesk 0.2
Diese
Woche findet am LEERstuhl ein Workshop statt (groan!).
Einer der
Teilnehmer stolpert gerade kurzsichtig an meiner Bürotüre
vorbei.
"Excuse me!" sagt er höflich.
Ich tue
so, als ob ich gerade dabei wäre, das Paradoxon der
Quantenmechanik zu lösen, und antworte nicht.
"Sorry to
disturb you!" sagt er etwas lauter. Ein ekelhaft hartnäckiger
Bursche. Wahrscheinlich Amerikaner.
"Häh?" sage ich
überrascht und gucke zuerst unter den Schreibtisch, dann hinter
das Display und dann zur Türe.
"Oh", sage ich,
"what gibts?"
"I'm sorry to disturb you",
wiederholt der Bursche, ein schmächtiges Männlein mit
X-Beinen und Hornbrille. "I was
looking for the
restrooms..."
Ich starre ihn an.
"Und? Ich meine:
And?"
Der Workshop-Teilnehmer windet sich vor Peinlichkeit.
Bekanntlich haben Amerikaner erhebliche Hemmschwellen,
was ihre
naturgegebenen Stoffwechsel-Endprodukte und die damit verbundenen
sanitären Einrichtungen angeht.
"Well", versucht er
es aufs Neue. "I'd like to wash my hands. Don't you have any
restrooms on this floor?"
"Rest-Rooms?" frage ich
in einem Tonfall, als hätte er ein Space-Shuttle
verlangt.
"Um... yes. Restrooms..."
"On the
floor?!"
"On THIS floor... of the building, I
mean..."
"No. I do not believe so", sage ich
kopfschüttelnd.
"Uh... pardon?"
"We do not
have any rooms to rest in this building", sage ich mit
grauenhaft bayerischem Akzent. "Only offices. But you
can
rest here if you want to."
Damit deute ich einladend auf
meinen alten Besuchersessel. Der Workshopler schaut mich an wie ein
Mofa. Ein Mofa
am Amazonas. Ein Mofa, daß am Amazonas ein
Atom-U-Boot trifft... usw. Ihr wißt, was ich meine.
Er
schaut links und rechts den Gang hinunter. Kein Mensch zu sehen. Er
stellt sich noch ein wenig x-beiniger hin und
versucht es
nochmal:
"But I... umm... I think you don't... I mean: this
is not a rest room here... I'm looking for a... for a..."
Plötzlich kommt
ihm die Erleuchtung:
"... I'm looking
for a zero zero!"
Ich starre ihn an, wie wenn er mir gerade
erläutert hätte, die Freiheitsstatue sei im Urlaub am
Chiemsee.
"A zero zero", echoe ich skeptisch.
"Exactly",
sagt er erleichtert.
"You mean", vergewissere ich mich,
"a zero zero like in James Bond zero zero seven?"
"Well..."
"I
am quite absolutely sure, that we don't have that here", sage
ich kategorisch.
Der Amerikaner läuft rot an. Der akute
Blasendruck treibt ihn zu ungeahnten kulturellen Exzessen. Er beugt
sich weit
in mein Büro und zischt:
"I'm looking for a
place to pee. Piss. You understand? Urgent!!!"
"Oh",
sage ich verstehend. "Like in a Eimer or something likely? The
Hausmeisters on the Erdgeschoß have one, I
think..."
Der
Ami gibt auf und rennt mit eingeklemmten... hm... Unterleib den Gang
hinunter.
Ein
Workshop am LEERstuhl heißt nicht nur, daß andauernd die
Kaffeemaschine leer ist und sich wildfremde Leute im
Rechnerraum
verirren, nein, es kann sogar so weit gehen, daß man von MIR
verlangt, die Ergebnisse meiner
wissenschaftlichen Arbeit zu
demonstrieren! Der Chef hat gestern schon so etwas
angedeutet:
"Hmm... äh... ja... Leisch... ähm... es
wäre doch sehr... hmm... sehr wünschenswert... äh...
schön wäre es, wenn...
ähm... wenn Sie mal wieder
etwas... hmm... ja... demonstrieren könnten...?"
Und
tatsächlich höre ich so gegen drei, gerade als ich mich in
die Cafete verdünnisieren will, den Chef mit einer
Gruppe
erschöpfter Workshopler den Gang herunterkommen:
"...
und... äh... hier wird uns jetzt... Herr... äh... Herr
Leisch seine neuesten... hrrrm... neuesten Arbeiten...
ähm...
demonstrieren..."
Wohl oder übel muß
ich das Spielchen mitmachen. Ich fletsche mein Gebiß zu meinem
freundlichsten
Begrüßungsgrinsen, und nach den
einleitenden Worten des Chefs, die die Besucher nun endgültig in
heillose Verwirrung
stürzen, weil der Chef keine Ahnung hat,
was ich demonstrieren werde, beginne ich professionell mit
meiner
Demonstration:
(Anm.: Das folgende ist für Leute,
die noch nie an einer deutschen Universität gearbeitet haben,
vermutlich nur sehr
schwer begreifbar. Zur Erleichterung bringe
ich den Text ab hier in der deutschen Synchronfassung)
"Meine
Herren (es sind wirklich keine Damen dabei!)! Sie haben sicherlich
schon gehört, daß wir uns hier am
LEERstuhl seit Jahren
mit dem Büroarbeitsplatz der Zukunft beschäftigen."
Alle
- auch der Chef - murmeln beifällig und nicken weise. Obwohl
noch nie jemand an diesen Institut auch nur im
Traum an so etwas
gedacht hat.
"Das Ergebnis unserer Forschungen", fahre
ich dramatisch fort, "die wir in enger Kooperation mit einer
sehr großen
amerikanischen Softwarefirma durchführen,
sehen Sie hier vor sich!"
Ich deute demonstrativ auf einen
normalen kleinen Konferenztisch, auf dem ich normalerweise meine
Videoanlage
aufgebaut habe.
"Das ist unser Prototyp MSDesk
0.2, der virtuelle Schreibtisch der Zukunft!"
Die Workshopler
beäugen interessiert den Konferenztisch. An dem Tisch ist
überhaupt nichts Auffälliges zu sehen,
außer daß
ich kurz vorher ein Netzkabel in eines der hohlen Beine gestopft
habe.
"Ich werde den MSDesk 0.2 jetzt einschalten und seine
Features kurz demonstrieren", sage ich und stecke das freie
Ende
des Netzkabels in eine Steckdose. Etwas, was Strom braucht, um zu
funktionieren, wirkt doch gleich viel realer!
"Bis der MSDesk
bootet, kann ich Ihnen kurz das Revolutionäre an diesem Ansatz
erläutern. Wie Sie sehen können,
haben wir sämtliche
Hardwarekomponenten vollständig in die Möbelstruktur
integriert. Und nun kommt unser Highlight:
sämtliche Aus- und
Eingabe-Interaktionen werden durch direkte Einstrahlung in den
hinteren Großhirnlappen, Area 24,
26 und 28 bewerkstelligt.
Die dazu notwendigen EE-Emittoren wurden in die vier Hohlprofile des
Plattenrahmens
eingebaut. Das bedeutet: wir brauchen keinen Schirm
zur Ausgabe, weil das erzeugte Bild direkt auf die
neuronalen
Rezeptoren der Hirnrinde projiziert wird."
Die
Besucher schauen mich an wie eine Gruppe Maulwürfe, die zum
ersten Mal das Matterhorn erblicken. Einer öffnet
den Mund,
um etwas zu sagen, aber ich lasse mich nicht gerne unterbrechen.
"Dem
Benutzer scheint es daher so", fahre ich unerbittlich fort, "als
ob die ganze Tischoberfläche ein einziger riesiger
Bildschirm
wäre. Die Eingaben an das Gerät erfolgen nur mit den bloßen
Fingern, eine mechanische Maus ist nicht
mehr nötig. Auch die
Tastatur wird virtuell im Gehirn simuliert und der Benutzer bewegt
nur seine Finger an die Stellen,
wo er die Tasten zu sehen
scheint. Wir hoffen natürlich in Zukunft auch den Tastsinn des
Benutzers entsprechend
manipulieren zu können, so daß
die Interaktion noch realer wirkt.... Ah, jetzt ist das System
gebootet! Wenn Sie sich
bitte dicht hinter mir gruppieren möchten,
damit Sie sich alle innerhalb der Reichweite der EE-Emittoren
befinden...
Danke! Sie sehen, daß wir uns vorerst der
existierenden Office-Suite unseres Industriepartners bedienen. Sehen
Sie
her: ich bewege jetzt einfach den Finger auf eine Anwendung
und öffne diese mit einfachem Senken des Fingers... Na
bitte!"
Natürlich
sieht niemand etwas anderes als die graue, etwas schmutzige
Oberfläche des Konferenztisches, auf der ich
mit meinen
Fingern herumfahre.
Bevor einer des Besucher seine Verwunderung
darüber zum Ausdruck bringen kann, brabbele ich schon wieder
munter
weiter:
"Natürlich haben wir auch schon
begonnen, Versuchsreihen mit verschiedenen Benutzern durchzuführen.
Dabei hat
sich leider ergeben, daß bei einem erheblichen
Anteil der Bevölkerung anscheinend die Kapazitäten der
Großhirnrinde
dermaßen begrenzt sind, daß die
Area 24 die projizierten Bilder nicht aufnehmen kann..."
Der
Chef, der bisher mit steigender Verwirrung gelauscht hat, öffnet
den Mund, um etwas zu sagen:
"Aber... ähm..."
"Die
ersten Auswertungen", fahre ich ernst fort, "scheinen
darauf hinzuweisen, daß genau bei diesen Leuten auch der
IQ
UNTERDURCHSCHNITTLICH NIEDRIG ist..."
Der Chef klappt den
Mund rasch wieder zu. Die Workshopler mustern sich verstohlen
untereinander. Keiner wagt
etwas zu sagen. Ich fuchtele wie wild
mit allen 10 Fingern auf der leeren Tischfläche herum.
"Da!"
sage ich laut, und alle zucken zusammen. "Haben Sie
gesehen?"
Ich drehe mich um und fixiere den Workshopler, der
mir am nächsten steht.
Er bekommt zwei rote Flecken am Hals
und beteuert hastig:
"Wirklich ganz außerordentlich
beeindruckend... äh..." Dann simuliert er einen plötzlichen
Asthmaanfall und
verschwindet aus meinem Büro.
Der Chef
beugt sich über meine Schulter und starrt konzentriert auf die
graue Tischfläche. Auf seiner Stirne sehe ich
ganz feine
Schweißperlen glitzern.
"Können... ähm...
können Sie das... hrrrm... das eben nochmal...?"
Die
verbliebenen Besucher recken die Hälse und halten den Atem an.
Ich fuchtele wieder wild mit allen zehn Fingern.
"Fertig",
sage ich. "Natürlich braucht man für die virtuelle
Tastatur noch ein wenig Übung... aber das kommt schnell,
wenn
man sich täglich damit beschäftigt."
"Ah...ja,
natürlich", sagt der Chef und richtet sich wieder auf.
"Wirklich sehr... äh.... anschaulich... hmm... äh...
nicht
wahr?"
Letzteres ist an unsere Gäste gerichtet,
welche alle bereitwillig beteuern, wie außerordentlich sie von
der Demonstration
beeindruckt sind. Einer von ihnen, ein hagerer
Ire mit feuerroten Ziegenbart, versteigt sich sogar zu einer
kleinen,
improvisierten Fantasie über die goldene Zukunft der
Bürokommunikation, verhaspelt sich aber nach dem dritten
Satz,
verstummt und läuft so rot an wie sein Bart. Die
anderen starren ihn fassungslos an.
Der Chef unterbricht das
peinliche Schweigen:
"Nun... ähm... ja... noch
Fragen?"
Niemand hat welche.
"Ja... ähm... ich
denke... hmm... daß wir uns jetzt einen... einen...
Dings...
einen Kaffee verdient haben..."
Alle verlassen erleichtert
und fluchtartig mein Büro, nicht ohne sich vorher noch einzeln
für die großartige Demo zu
bedanken.
Ich
rücke den MSDesk 0.2 wieder in die Ecke und baue meine
Videoanlage wieder auf.
Später, beim Cocktail-Empfang, höre
ich, wie einer der Workshopler dem Vertreter von Microsoft begeistert
von
MSDesk 0.2 berichtet. Der Microsoft-Sklave lächelt nur
unverbindlich. Schließlich ist auch kaum zu erwarten, daß
er
über die Vorgänge in der eigenen Forschungsabteilung
Bescheid weiß. Der Chef guckt peinlich berührt und
versucht
mit aller Macht wegzuhören. Bin gespannt, ob er mich
nochmal zu einer Demo verdonnert...
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel
Year 2000
WARNUNG
Die folgende Geschichte hat ausnahmsweise einen tatsächlich
brauchbaren pädagogischen Lerninhalt.
Wer mit sowas nicht
zurechtkommt, sollte JETZT mit dem Lesen aufhören!
Die
Suizid-Rate an unserem LEERstuhl ist im letzten Jahr dramatisch
zurückgegangen. Damit ich nicht wieder einen
Anschiß
von unten bekomme, steige ich mit einem Schallpegelmesser in den
Klimaschacht über den Rechnerknoten C
und prüfe, ob der
Helmholtz-Resonator, den ich dort vor Jahren mit Hilfe eines alten
Ventilators installiert hatte, noch
funktioniert. Jeder Organist
und Pfarrer kennt die Wirkung der sog.
'Demutspfeife', die einen
so tiefen Ton abstrahlt, daß man ihn zwar nicht hören
kann, der aber bei der 'Zufühlerschaft'
prompte Depressionen
auslöst.
Wie ich's mir dachte, ist der Ventilator total
verdreckt und läuft nicht mehr rund. Mit Frau
Bezelmanns
Geschirrhandtuch hole ich den gröbsten
Tschernobyl-Dreck heraus und messe kurz darauf wieder in allen
Laboren den
gewünschten 18-Hz-Dauerton. Das Geschirrhandtuch
entsorge ich in Mariannes Manteltasche, damit Frau Bezelmann
später
ein Opfer hat, wenn sie nach ihrem Handtuch fahndet.
Auf
dem Rückweg zu meinem Büro läuft mir der Chef über
den Weg:
"Ah... äh... Leisch... gut, daß ich...
äh... daß ich Sie... hmm...
treffe... äh..."
Der
Chef hält den Kopf schief und schaut konzentriert zur Decke
hinauf, und einen kurzen Augenblick lang glaube ich
schon, daß
er durch irgendein geriatrisches Wunder den 18-Hz-Ton hören
kann. Aber dann geht's weiter wie gewohnt:
"...ja... hmm...
haben wir uns eigentlich... äh... eigentlich schon mal mit
dem... ähm... mit dem... äh... Dings...
dem
Jahr-2000-Problem... hmm...
beschäftigt?"
(
Der Chef sagt immer 'wir' und 'uns', wenn er eigentlich 'Sie' und
'sich' meint. Wahrscheinlich denkt er, daß es
angemessener
klingt. So ähnlich wie Al Capone seinerzeit einem seiner
'Stammkunden' gut zugeredet haben mag:
Stammkunde:
"...Nnnnnnggggh...."
Al Capone: "Aber mein lieber
Giovanni! WIR wollen UNS doch keine Unannehmlichkeiten machen, nicht
wahr? Nun
erzählen WIR mal ganz brav dem lieben Onkel Al, wie
die Schweizer Kontonummer lautet..."
Stammkunde: "...
HrrrchUuuuurgh..."
Al Capone: "... sonst kann es sein,
daß die Schlinge um UNSER liebes Hälschen noch ein klein
wenig enger gezogen
wird..."
Stammkunde: "...
WuoooorghRöchel..."
Al Capone: "... und das wollen
WIR doch bestimmt vermeiden, nicht wahr?"
Stammkunde: "....
Arrrröööhööh..." )
"Sicher",
antworte ich ernsthaft. "Ich habe mir ausgerechnet, daß
ich dann exakt 30 Jahre alt sein werde und immer
noch nicht
promoviert..."
"Ah... hrrrm... nein...", sagt der
Chef irritiert, "... das... das meinte ich... äh...
eigentlich nicht..."
"Nicht? Ach so, Sie meinen sicher
das Problem mit Frau Bezelmanns Rabenfutter..."
"Äh...
Rabenfutter...?"
"Ich kann wirklich nichts dafür,
daß sie gleich 4000 Dosen gekauft hat, bloß weil es ein
Sonderangebot bei Aldi gab. Sie
hätte ja nur mal kurz
nachzurechnen brauchen, daß der Rabe es bis zum Verfallsdatum
im Jahr 2000 niemals schaffen
wird, auch nur die Hälfte
aufzufressen..."
"Äh... Tatsächlich?" Der
Chef schüttelt den Kopf. "Aber Rabenfutter ist doch...
äh... hrrrm... nein, ich meinte
eigentlich... äh... das
Problem mit den... äh... Computern... ähm... Sie wissen
schon..."
Ich nicke düster:
"Ja, klar. Das
schieben wir wohl alle ein wenig vor uns her, nicht? Das größte
Problem wird wohl der negative
Befehlsfluß
werden..."
"...?"
"Ja, wenn Silvester '99
alle Systemuhren von 99 auf 00 zurückspringen, denkt das
Betriebssystem natürlich ganz
folgerichtig, daß es sich
um einem negativen Zeitsprung infolge eines zu hohen
Gravitationsgradienten im
Rechnergehäuse handelt, und kehrt
sicherheitshalber die Ausführungsrichtung der Microbefehle im
RISC-Prozessor
einfach um..."
"...??"
"Faktisch
bedeutet das, daß alle Programme plötzlich rückwärts
ausgeführt werden..."
"...???"
"...
die Graphikausgabe steht plötzlich auf dem Kopf, Texte werden
rückwärts ausgedruckt, und natürlich berechnen
sich
alle positiven Werte plötzlich negativ..."
"...????"
"...
was vor allem bedeutet, daß unsere Januargehalt wohl zunächst
mal von unseren Konten ABGEBUCHT werden
wird, bis die Verwaltung
das in den Griff bekommt..."
"Oh!!!"
"...
aber eventuell - mit den entsprechenden finanziellen Mitteln - ließe
sich da schon was machen...", werfe ich
vorsichtig den Köder
aus.
Der
Chef überlegt einen Augenblick; dann entschließt er sich,
beherzt zuzubeißen:
"Hrrrm... äh...
wieviel...?"
Ich lege meine hohe Denkerstirne (!) in
dekorative Falten, kneife die Augen zusammen und mümmle in
meinen nicht
vorhandenene Bart:
"... also mal sehen... 67
Uhren-Chips auswechseln... Ausfallzeiten...
Einbau und Test...
Wochenendzulage... Software anpassen...
Mehrwertsteuer...
na, sagen wir mal so etwa... 3423 Euro und 40 Cents."
"Wie?
Ah so... ja... da muß ich mich... äh... auch erstmal...
hmm...
erstmal dran gewöhnen... ja... gut, also, dann nehmen
Sie's aus dem...
äh... SCHWAFEL-Projekt... äh... da
müßte noch etwas... ähm... Geld übrig sein...
ja..."
Das
lasse ich mir nicht zweimal sagen! 56 Sekunden später lasse ich
mir von Frau Bezelmann (die gerade just in diesem
Augenblick ihr
Geschirrhandtuch zu vermissen beginnt) ein Auszahlungsformular geben.
Nebenbei bemerkt wird mein
geplanter Frühjahrsurlaub auf den
Fidschi-Inseln ziemlich genau 6709 Mark und 86 Pfennige kosten. In
manchen
Lebenssituationen sind gute Kopfrechner einfach klar im
Vorteil!
Ich
gebe Frau Bezelmann noch einen dezenten Tipp wegen ihres Handtuchs
und gehe beschwingt zurück zu meinen
Büro. Und wie um
den erfolgreichen Tag vollends abzurunden, sehe ich einen Studenten,
der sich mit einem langen
Stück Thick-Wire in der Hand aus
den EDV-Labor schleppt. Seine erloschenen Augen suchen verzweifelt
nach einem
Haken an der Decke...
Pädagogisch wertvoller Nachtrag: 1 Euro = 1,955 DM
Copyright © 1998 Florian Schiel * Webdesign : Schiel